7.Kapitel: Der Brook

Samstag, 25. August 2012
„Die Rattenvölker bekämpften einander bis aufs Blut“: Häuser am Bohnsplatz 1887. © Museum für Hamburgische Geschichte

Willy ging mit Einauge zu Nells Hotel, schnauzte auch das Frettchen gehörig an und schickte die beiden Ganoven schon mal zum Steetshof, während er selbst sich auf den Weg zu Möllers Revierwache machte. Sie lag an der Brooksbrücke, direkt am Haupteingang in die Hölle der Slums.

  Constabler Möller nannte das Wandrahmviertel seinen Zoo, und nicht nur, weil er die Bewohner verachtete: Auf dem Brook gedieh tatsächlich eine besonders artenreiche Fauna, reich vor allem an Nagetieren, ausgebreitet in einer Unterwelt des Tierreichs, bewohnt von wurmschwänzigen Unheilsboten.

  Die Hafenbecken, Fleete und Abzugsgräben gehörten den Wasserratten. Sie stiegen jede Nacht in Scharen aus der Elbe, machten sich an den Ufern über die Müllhaufen her und bissen manchem Volltrunkenen, der nicht mehr auf die Beine kam, die Halsschlagader durch. In den Abwasserkanälen, Kellern und anderen unterirdischen Hohlräumen herrschten die Wanderratten. Sie waren noch größer und blutgieriger als ihre amphibischen Vettern, krochen nachts quietschend aus kilometerlangen, weit verzweigten Gängen unter den Fundamenten und nährten sich von Abfall und Aas. Die etwas kleineren, aber besonders bissigen Hausratten hatten sich in die oberen Stockwerke und auf die Dachböden zurückgezogen, wo sie sich durch die Fachwerkwände in die Vorratskammern nagten. Manchmal fiel ihnen wohl auch ein Kind in der Wiege zum Opfer. Die drei Rattenvölker bekämpften einander bis aufs Blut - fast so gnadenlos wie die Menschen.

  In diese Schattenwelt strömten unablässig Einwanderer aus allen Teilen des Reiches. Die Wunderstadt lockte Westfalen, Hessen, Thüringer und Obersachsen an, auch die Ostelbier mit ihren viereckigen Köpfen, dazu Dithmarscher Fischer, ebenso den Rheinschiffer aus Baden und den bayrischen Bergbauernsohn. Vom Hunger aus ihren Dörfern getrieben, drängten die Unglücklichen an die neuen Kais, kritzelten ihre Namen unter überteuerte Mietverträge und fanden sich, für den Rest ihres Lebens verschuldet, in der infernalischen Menschenmühle des Brook. Der Mahlstrom der Armut machte Kinder zu Dieben und Väter zu Säufern, trieb Mädchen auf die Straße und Mütter in ein frühes Grab. Nur zwei Wege führten in die Freiheit: Am einen lauerte das Verbrechen, am anderen wartete Gevatter Hein.

  Wer nicht an die Hölle glaubte, hier fand er sie. Die hohen Mauern ließen kaum einen Sonnenstrahl in die engen Hinterhöfe dringen. Durch die düsteren Flure hallten Tag und Nacht Schreie und Schluchzen, in die winzigen Kabacken krochen durch alle Ritzen Kälte, Hunger und Furcht. Überall brüteten Krankheit und Gewalt. Die halb verhungerten Männer standen den ganzen Tag an den Ecken und warteten auf einen Heuerbaas, einen dieser gnadenlosen Seelenhändler und raffgierigen Landhaie, die ihre Opfer für ein paar Pfennige bis zur Erschöpfung zentnerschwere Salpetersäcke aus den Laderäumen der Chilefahrer schleppen ließen. Oft genug wurde die Löhnung am Abend in einer der vielen Spelunken versoffen, verspielt oder mit irgendeiner Mechthild durchgebracht.

  Die zerlumpten Frauen schöpften ihr Wasser aus den gleichen verseuchten Hafenbecken, in die der Unrat der Abtritte rann. An heißen Sommertagen sah man die Cholera, die unser Hamburger Hausdichter Emil Sandt „das Ungeheuer mit den schleimigen Tatzen“ nannte, geradezu leibhaftig aus dem schwarzen Schlamm steigen. Bei jeder Flut wurden die engen Gassen und Twieten überschwemmt, standen Keller und Erdgeschosse unter Wasser. Es war wie auf den tödlichen Inseln in Goethes „natürlicher Tochter“:  „Der Sonne glühendes Geschoß durchdringt /  Ein feuchtes, kaum der Flut entrissnes Land. / Um Niederungen schwebet, giftgen Brodens, /  Blutdunstger Streifen angeschwollne Pest.“ Fast alle Kinder litten an Unterernährung, Durchfall und Krätze. Mütter trockneten die Windeln ihrer kranken Kleinen über dem Herd, auf dem der Suppentopf stand. Der Inhalt stammte von den Karren betrügerischer Händler, die verdorbenes Gemüse, unreifes Obst und verfaulten Käse verkauften. In den Küchen krabbelten Myriaden Fliegen und Kakerlaken, in den Betten Flöhe, Läuse und Wanzen. Ich kann das aus eigener Anschauung schildern, denn ich wohnte damals mittendrin.

  Es gab aber auch ein kleines, verborgenes Paradies, von dem niemand wusste. Es lag dort, wo früher einmal Hamburgs mächtige Festungsmauern aus dem Dreißigjährigen Krieg standen. Zu meiner Zeit waren sie schon überall bis auf geringe Reste abgetragen, aber die kleine Corneliusschanze ragte noch immer aus dem Wasser des Ericusgrabens, denn sie bot keinen Platz für Lagerhäuser und blieb deshalb beim Bau der neuen Hafenanlagen unbeachtet. Ein schmaler Steg führte zu einer schießschartenschmalen Eisentür. Von außen sah das Inselchen wie ein massiver Steinsockel aus, im Innern aber blühte ein verwunschenes Gärtchen mit Obstbäumen und Gemüsebeeten um ein winzigen Häuschen, verteidigt von dem Terrier „Löwenherz“, der jede Ratte, die sich in sein Reich wagte, in heiligem Zorn zu Tode biss.

  Auf der bequemen Couch im einzigen Zimmerchen lag Johnny und ließ sich von Nell berichten, wie sehr sich die Welt ihrer Kindheit und Jugend in den zwanzig Jahren seit seiner Flucht verändert hatte.  

  Noch die elendsten Armenviertel sind für Kinder, die darin aufwachsen, doch die geliebte Heimat und  werden von der Erinnerung zu Paradiesen verklärt, denn die engen Gassen sahen die ersten eigenen Schritte, die sonnenlosen Hinterhöfe sind Zeugen der ersten Prüfungen des Lebens, die schwarzen Keller erlebten die ersten Mutproben, und über die verfaulten Zäune führte die erste Flucht oder Verfolgung. Und erst draußen vor den Straßen: Die verfallene Bootsbauerhütte bleibt dem Herzen ein Camelot, die Schutthalde ein Vesuv, das Erlengestrüpp ein Teutoburger Wald, das Brachfeld ein Cannae und der Abflussgraben ein Mississippi. In Johnnys und Nells altes Zauberreich aber hatte sich längst der unersättliche Drache Industrie breitgemacht. Die Dampfmühle, in der sie als Kinder herumgeklettert waren, und das Wasserwerk waren abgerissen, viele kleine Straßen und Kanäle verschwunden, die großen Bäume umgehauen, Teiche zugeschüttet, Hügel planiert und Strände unter Kaimauern begraben. Auf der wilden Heide  lagen dicke Schienenstränge, es gab Schleusen mit Schiebetüren, eine Drehbrücke, Dampfkräne und schwimmende Zollabfertigungsstellen, und hinter dem Gaswerk stand der Hannoversche Bahnhof in seiner verschnörkelten Backsteinromantik, verlogen wie eine Operettenkulisse.

  Nell berichtete Johnny auch von den Gerüchten, dass die Stadt auf dem Brook einen Freihafen bauen wolle. „Ich weiß nicht, was dann passiert, aber mit meinem schönen Hotel ist dann aus“, seufzte sie. Jack wäre das natürlich recht, er wolle sowieso, dass sie nur für den Club da sei. 

  Dann schilderte sie, wie die Banden die Insel aufgeteilt hatten. Der Westen von der Kehrwiederspitze bis zum Brooktor war das Revier der Hafenratten. Feige Hühnerdiebe und Flatterfahrer, die Wäsche von den Dachböden klauten, schäbige kleine Gauner und hinterhältige Gelegenheitsmörder, plünderten sie die betrunkenen Freier aus, die aus den Freudenhäusern wankten, und fledderten wohl auch mal eine Wasserleiche. Sie hausten in alten Schuppen und heruntergekommenen Fachwerkbuden.

  Über das Wandrahmviertel bis zum Alten Teerhof, in dem damals noch Petroleum, Terpentin und Sprengstoff lagerten, herrschten die Blue Jackets. Sie lebten von Schmuggel und Glücksspiel und erpressten außerdem Schutzgelder von Kaufleuten, Reedern, Schiffsbauern und Fabrikbesitzern.

  Johnny hörte mit geschlossenen Augen zu. Das Böse war zwanzig Jahre lang ins Kraut geschossen, aus den Jugendbanden waren Verbrecherbanden geworden. Manches kam ihm so fremdartig vor, als sei er ein Ethnologe, dem eine Eingeborenenprinzessin im Busch von Stammesfehden erzählt.

  Nell saß in einem Lehnstuhl und betrachtete den Mann, der so unverhofft in ihr Leben zurückgekehrt war. Manches an ihm war ihr schnell wieder vertraut: seine Stimme, sein Lachen, seine geschmeidigen Bewegungen und der Duft seiner Haut. Anderes war ihr neu, da es ihm vom Schicksal erst in der Fremde übergestülpt war, vor allem Redewendungen und Gesten, und ab und zu eine merkwürdige plötzliche Geistesabwesenheit.

  In einer Enklave dicht gedrängter Fachwerkhäuser um das Wandrahmfleet, an der Holländische Reihe und auf dem Holländischen Brook, hatten sich die Mijnheers festgesetzt, Nachfahren jener Niederländer, die drei Jahrhunderte zuvor der spanischen Inquisition entronnen waren. Sie schmuggelten Tabak, Schwarzgebrannten und auch schon braune Mädchen aus Hinterindien in die Stadt. Damals sangen die Kerls an der Hafenkante: “Glori-, glori-, gloria, schön sind die Mädchen in Batavia!” Vielleicht ist das Lied aber auch älter, es handelt ja eigentlich auch gar nicht von der Liebe, sondern vom Sterben, der große Hans Leip hat den letzten Vers überliefert: „Ruhe sanft auf blauem Grunde, / Von den Wellen eingewiegt! / Deiner Mutter bring ich Kunde, /  Wo ihr Sohn begraben liegt.“ So sentimental sind die Hamburger Seeleute aber höchstens im Lied, ansonsten handelt es sich, wie Hermann Krieger so schön schreibt, um “sturmnarbige Männer“,  die „im Verlauf ihres rauen Gewerbes stolz und trotzig geworden“ es für unter ihrer Würde achteten, „dem tückischen Tode eine wehleidige Trauerverbeugung zu machen." Oder, knapper, bei Gorch Fock:  „Fest in Segeltuch genäht. / Steuermann, ein Bibelwort. / Junge, nimm de Mütz mol af. / Und denn sinnig över Bord.“

  Im Süden, um das Brooktor, lag das Reich der Likedeeler, die nachts Schiffe ausraubten, die auf Reede im Strom ankerten. Diese wüsten Kerle behaupteten, von den elf Seeräubern abzustammen, die Störtebeker einst vor dem Richtschwert des Scharfrichters Rosenfeld rettete, indem er ohne Kopf an ihnen vorüberschritt. In Wirklichkeit setzten sie sich aber auch nur aus Strolchen zusammen, wie sie die christliche Seefahrt in jedem größeren Hafen auf den Kai kotzt – 'tschuldigung, aber so ist es doch!

  Die Brookboys herrschten überall, auch über die anderen Banden. Nur die Mijnheers zahlten ihnen keinen Tribut. „Aber sonst tanzen hier alle nach Jacks Pfeife“, schloss Nell.

 Im Garten ertönte ein dumpfes Knurren, und dann ein schrilles Quieken: „Löwenherz“ würgte genussvoll eine Ratte zu Tode.

  „Du bleibst am besten hier“, sagte Nell. „Wenn du Geld brauchst - du kannst es mir ja später wiedergeben.“

  „Danke, ich hab’ selber.“

  Sie warf einen Blick auf die Opiumpäckchen in der Ecke, das Zeug sah ungefähr wie Blockschokolade aus. „Nein, Johnny. Nicht das Teufelszeug. Du hättest es gar nicht hierherbringen dürfen.“

  „Es ist mindestens fünftausend Golddollar wert. Und ganz ohne Geld möchte ich mich nicht mit Jack anlegen, Nelly. Ich muss schon was haben, fürs erste, für die kleinen Ausgaben. Hilfeleistungen, Auskünfte und so. Bisschen Geld für kleine Dienste. Das hab’ ich als Soldat gelernt, dass man keinen Krieg riskiert, wenn man blank ist.“

  „Aber das ist Gift, Johnny. Es tötet Menschen.“

  „Wenn ich es nicht verkaufe, holen sich die Leute das Zeug bei den Chinesen.“

  „Dann bist du wenigstens nicht schuld, wenn die armen Kerle daran zugrunde gehen.“

  „Soll ich lieber Banken überfallen, wie die Cowboys im Wilden Westen?“

  „Opiumgeld bringt kein Glück“, sagte Nell heftig. „Und ich möchte nicht noch einmal um dich weinen. Ach Johnny! – hast du am Ende doch vergessen, was wir damals dachten? Dass sich auf dem Brook nie etwas ändern wird, wenn wir die Sache nicht selber in die Hand nehmen? Du hast doch selber gesagt, Gott kann nicht gewollt haben, dass hier jedes zweite Kind in der Wiege stirbt, und jede dritte Mutter im Kindbett, und dass die Männer tot sind, bevor sie fünfzig werden, ältere gibt es ja fast gar nicht, und mit Gelenkrheumatismus werden sie nur halb so alt, oder sie sterben an der Schwindsucht, in diesen finsteren feuchten Löchern, wenn die letzten Kröten für irgendeinen Kurpfuscher draufgegangen sind. Überall nur Unglück und Verzweiflung, Scharen elender Kinder, die in den Hinterhöfen umherbranden, alle klein, schmutzig und krank, mit Hitze und Kälte, Ruß und Gestank als ihren allgegenwärtigen Dämonen. Und mittendrin diese Schweinekerls, die aus den Jungens Gauner und aus Mädels noch was Schlimmeres machen! Du hast eine Welt gewollt, in der alle Menschen Arbeit haben, und einen Brook ohne Verbrechen, ohne Hunger und ohne Gewalt. Hast du das alles vergessen?“

  „Ja sieh mal, das habe ich überhaupt nicht vergessen, aber wenn Jack loslegt, soll ich dann mit den Hallelujazwiebeln von der Heilsarmee gegen ihn antreten? Ein bisschen Hilfe werde ich schon brauchen.“

  „Ich könnte meine Jacht verkaufen, und das Hotel...“

  „Kommt überhaupt nicht in Frage!“

  „Aber  mit Opium handelt noch nicht einmal Jack! Dein eigener Bruder...“

  Johnny fuhr auf. „Freddy?“

  Nell sah ihn erschrocken an. „Ich wollte es dir eigentlich schonend beibringen. Aber gut, jetzt weißt du es.“

  „Freddy ist süchtig?“

  „Ja, Johnny. Schon seit Jahren. Die ganze Familie geht daran kaputt. Die kleine Helena marschiert mit ihren fünfzehn Jahren nachts durch die Kaschemmen und zieht irgendwelchen Molchen Uhren und Geldbörsen ab, kannst froh sein, dass sie nicht was ganz anderes macht!“

  Aber da stieg Johnny schon in seine Stiefel. „Wohnt er immer noch im Steetshof?“

  „Geh lieber nicht hin! Jack wird sich denken, dass du dort auftauchst. Freddy hat bei ihm Schulden gemacht, und…“

  Johnny schloss den Gürtel mit den Messern um die Hüften und zog die schwere Jacke zu. "Vielleicht hast du recht, und wir werfen das Zeug wirklich in die Elbe", sagte er. "Aber  jetzt noch nicht. Hörst du? Ich muss erst sehen, wie es um Freddy steht. Womöglich braucht er was, und ich hab keine Lust, ihm das Zeug dann auch noch für teuer Geld zu kaufen.“

  Und nun kann ich wieder aus eigenem Erleben erzählen, denn ich stand, an einen Balken gefesselt, in der Wohnung meiner armen Eltern, und dieses widerliche Frettchen fuchtelte mit einem Messer vor meinem Gesicht herum.


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