8. Kapitel: Kampf und Flucht

Sonntag, 26. August 2012
„Brennspiritus auf den Küchenboden“: Am Fleet hinter der Fuhlentwiete 1887 © Museum für Hamburgische Geschichte

Der Steetshof lag ziemlich genau in der Mitte zwischen der Kehrwiederspitze und der Brooksbrücke, ein verwinkelter, sieben Stockwerke hoher Bau unter einem buckligen Schieferdach, mit winzigen, zugigen Kammern hinter schäbigen, ungesicherten Türen. Ein Rattenloch, in dem fast fünfhundert Männer, Frauen und Kinder hausten. Wir wohnten „Bude“, so nannte man damals Wohnungen im Erdgeschoss; darüber lagen „Sahls“, Etagenwohnungen. Die Kleiderschränke standen gewöhnlich in der Pfandleihe: am Samstag wurden die Kleider und Anzüge für den Kirchgang herausgeholt, am Montag wieder hingetragen. Die Treppen waren so schmal und die Treppenabsätze so klein, dass man sich kaum umdrehen konnte, und statt Geländern gab es Seile, die meistens abgerissen waren. Das Schlimmste waren die Toiletten auf den Absätzen, die Eimer wurden nur einmal in der Woche geleert; wir legten Zeitungspapier auf den Boden und zündeten es an, das gab einen weihrauchähnlichen Duft, anders konnte man es gar nicht aushalten. Jeden Sonntag räumten wir die Möbel aus und schütteten kochendes Wasser auf Wände und Fußboden, worauf Tausende Wanzen aus ihren Nestern flüchteten. Danach gossen wir Brennspiritus auf den Küchenboden und zündeten ihn an, und hörten das laute Knistern, wenn Tausende Kakerlaken verbrannten, die wir „Feuerwürmer“ nannten. Ja, so sah es damals bei uns aus! Und mein’ Meuder, immerhin Lehrerstochter, ohne den Segen ihrer Eltern mit diesem Habenichts von einem arbeitslosen Schreibstubengehilfen verheiratet, kämpfte so rast- wie hoffnungslos dagegen an.

  Jan Smuts hielt meine arme Mutter an den Haaren gepackt, rollte zornig sein einziges Auge und schrie: „Wo steckt der Kerl? Raus mit der Sprache!“ Mein Vater war noch nicht wieder aus seinem Opiumrausch aufgewacht.

  „Wo ist denn das Onkelchen?“ fragte mich das Frettchen. Die gemeine Piepsstimme passte perfekt zu der niedrigen Stirn und dem fliehenden Kinn. Als Sohn einer tuberkulösen Schnapsdirne in einem verschimmelten Kellerloch am Hamburger Berg geboren, kannte der Kerl nur zwei warme Plätze: Waisen- und Zuchthaus. Jetzt waren die Brookboys seine Familie. Sein Grinsen zeigte verfaulte Zähne. „Du wirst dich nicht abstechen lassen. Dafür lebst du viel zu gern, du kleine Prinzessin!“

  Was der Kerl sonst noch sagte, lässt sich hier nicht wiedergeben. Ich trug nur so ein Fähnchen, und als seine dreckige Pratze an mir herumfingern wollte, spuckte ich ihm in die Visage. Pardon, so redet eine Dame nicht, aber damals war ich ja auch noch keine.

  „Dich verkaufen wir an Lando“, quiekte das Frettchen wütend, „und deine Alte kommt zu den Kulis in den Kohlenschiffhafen! Zum letzten Mal: Wo steckt dieser Swienkerl von Onkel?“

  „Hier“, sagte eine Stimme.

  Die beiden Ganoven fuhren herum. In der Tür stand ein Fremder. Stand einfach so in der Tür. Aber schon als ich ihn nur anschaute, hatte ich nicht den geringsten Zweifel, dass er mit diesen beiden Figuren im Handumdrehen fertig werden würde, und so war es dann ja auch. Es sah ganz einfach so aus, als wollten zwei Straßenköter mit einem ausgebrochenen Löwen anbinden.

  Smuts packte den Schlagstock fester. „Jack will dich sehen. Sofort!“

  „Wo habt ihr denn die Narbenfresse gelassen?“ fragte der Fremde.

  Das Frettchen verzog das spitze Gesicht zu einem schiefen Grinsen. „Ach, da bist du ja wieder, Willy!" sagte er, falsch wie eine Gerbertöle.

  Der Fremde lächelte.

  Einauge rief „Los!“ und die beiden Männer stürzten sich auf ihn. Was folgte, war verblüffend unspektakulär. Zwei Messer sirrten durch die Luft. Das eine fuhr Smuts ins Herz, das andere durchbohrte Frettchens Brust, und die beiden übergaben dem Teufel zwei lange versprochene Seelen.

  Der Fremde schnitt mir die Fesseln durch und kümmerte sich dann um meine Mutter, die mit letzter Kraft zu dem zerwühlten Bett gewankt war, um Vater wach zu kriegen. Sie schaffte es aber nicht.

  Der Fremde ging auf sie zu. „Emma?“

  „Johnny!“ Laut weinend klammerte sie sich an ihn.

  Über ihre Schulter hinweg betrachtete er mich. „Helena?“

  Da hatte ich es kapiert: Es war tatsächlich passiert, Onkel Johnny war wieder da. Der berühmte Kehrwieder-Johnny, abgehauen, bevor ich geboren war, ein Polizistenmörder, eine Legende, und einst der beste Freund von Jack Lendt. All das brauste mir jetzt durch den Kopf wie der berühmte Wintersturm der Waterkant.

  „Geht’s dir gut?“ fragte er.

  Und so hatte ich plötzlich einen Onkel bekommen. Und was für einen, alle Wetter und eins noch dazu! Ich nahm meine Sinne zusammen, aber zu mehr als einem Nicken reichte es erst mal nicht.

  „Verschwinden wir", sagte er mit seiner kühlen Stimme.

  „Das waren Brookboys", sagte ich. „Die haben dich gesucht.“

  „Denk ich mir.“ Er machte sich von meiner Mutter los, warf sich meinen Vater wie einen Sack über die Schulter und war schon im Treppenhaus. Ein paar Buttjes glotzten ihn an wie eine Erscheinung, in unserem Viertel standen ja immer und überall mindestens dreißig Kinder aller Altersklassen herum.

  „Lass uns doch wenigstens was packen“, jammerte meine Mutter,

  Johnny drehte sich gar nicht um. „Keine Zeit! Los jetzt, Helena, zieh sie raus.“, befahl er. „Schnell!“

  Er trat mit seiner Last auf den Kehrwieder-Kai, und ich zerrte meine widerstrebende Mutter hinter mir her, ich war ja viel kräftiger als sie. Wenn ich’s recht bedenke, war das die Minute, in der ich erwachsen geworden bin. Jungs werden Männer, wenn ihre Väter tot sind, und Mädchen werden Frauen, wenn sie merken, dass sie ihren Müttern über sind.

  Onkel Johnny, jetzt kann ich ihn so nennen, steuerte schnurstracks den nächsten Ewer an. Der Besitzer, ein vierschrötiger Finkwarder von gut sechzig Jahren mit eisgrauem Haar unter der speckigen blauen Mütze, nahm gerade ein paar leere Heringstonnen an Bord. Mein Onkel kletterte vor den verblüfften Schauerleuten in das Boot und bettete seinen Bruder auf ein paar Lumpen. Ich zog Mutter hinein und setzte sie daneben.

  “He!“ rief der Ewerführer verdutzt.  „Wat is'n dat vör’n Affenkroom?“

  „Hol öber“, sagte Onkel Johnny.

  „Dat is ober keen Fähre!“ Die Alte sprang in seinen Ewer, aber mein Onkel drückte ihm schnell einen Golddollar in die rissige Hand: „Weet ik. Kannst Fierobend moken!“

  Der Alte beglotzte die Münze und kratzte sich unter der Schirmmütze. „Und wohin geiht dat nu?“

  „Geesthacht“, sagte Onkel Johnny. „Du brukst aber ni mit, ik kann alleen klor woardn. Montag is der ole Putt von Eber wedder do.“

 Der Eisgraue schüttelte den Kopf. „Nee, dat wird nix, ik weeß ja nich, wer du bist, und obs überhaupt seiln kannst.“

  „Smiet los!“ befahl mein Onkel. „Wenn ik din Waschbalje versupen loot, keup ik di twee nee.“

  „He kummt ni wedder“, warnte einer von Hafenlöwen und ließ seine Heringstonne zu Boden rumpeln.

  Der Mann nahm die Mütze ab und kratzte sich den grauen Schädel; Johnny entschlossene Art brachte ihn sichtlich ins Wanken. „Hest ok'n Namen?“

  „Johnny“, sagte mein Onkel.

  Der Mann trat einen Schritt zurück, eine Ahnung leuchtete auf dem ziegelroten Gesicht. „Du hest woll den Dwarsdriewer ringeseilt, mit bannig Füer op de Rah!“

  „Is dat schon rum? Nie bang warden, din Putt werd ik nich ankohln.“

  Der Eisgraue nickte.  „Dann krieg man keen Dreucheber vör'n Steven“, sagte er, stieg wieder auf den Kai und machte die Leine los. „Dat is Kehrwieder-Schonny“, sagte er zu den staunenden Schauerleuten. „Ik dacht, de is’ doot.“

  Die Hafenlöwen fingen eifrig an, zu palavern. Es würde nicht lange dauern, bis die Geschichte überall herum war.

  Onkel Johnny segelte in den Oberhafen. Ich setzte mich zu ihm an die Pinne.

  „Du bist also Helena“, sagte er. „Bist du auch schön brav?“ Ich merkte gleich, dass er nicht ganz bei der Sache war, denn natürlich hatte er jetzt an ganz anderes zu denken, aber ich war eben noch ein Kind, und sein Gerede ärgerte mich, denn schließlich war ich kein Kind mehr, und deshalb antwortete ich:  „Ja, ganz brav. Ich beklaue nur die Reichen.“

  Er hielt das für einen Witz und lachte ein bisschen gezwungen. „Wie geht es denn mit der Schule voran?“

  „Sehr gut, da gehe ich schon lange nicht mehr hin.“

  „Soso.“ Erst nach ein paar Sekunden kam ihm zu Bewusstsein, was ich gesagt hatte, und er lachte nicht mehr. „Darüber macht man keine Witze“, sagte er tadelnd.

  „Mache ich auch nicht“, erwiderte ich. „Ich war schon ein Jahr nicht mehr dort.“

  „Lieber Himmel“ seufzte er und blickte hilfesuchend zu Vater und Mutter, sah aber sofort ein, dass von dort keine Unterstützung zu erwarten war. „Dein armer Papa ist leider ziemlich krank", murmelte er.

  „Opium“, sagte ich. „Wenn er so weitermacht, ist er im Winter tot.“

  Langsam dämmerte ihm, dass ich in meinem jungen Leben tatsächlich schon einiges mitgemacht hätte. Er peilte mich von der Seite an, aber ich schaute stur geradeaus.

  „Ist das wirklich wahr, dass du klaust?“ fragte er nach einer Weile.

  „Sternzeichen Taschenkrebs“, sagte ich.

  Er schüttelte den Kopf, „Ich kann’s einfach nicht glauben!"

  „Wieso denn nicht, soll ich’s dir beweisen?“

  „Bloß nicht!“ Er rückte tatsächlich ein Stück von mir fort.

  „Kannst jeden fragen“, sagte ich mit einem gewissen Stolz. „Frag nur nach der schönen Helena, dann werden sie es dir sagen.“

  „So nennt man dich?“

  „Ja.“ Unter seinem Blick wurde mir peinlich bewusst, dass ich mein ältestes Kleid trug, einen richtigen Feudel, nur noch für zu Hause gut, so erst mal nach'm Aufstehen.

  „Doch, doch“, beeilte er sich zu versichern. Dann schwieg er erst mal, bis er endlich fragte: „Und wo gehst du klauen?“

  „Am liebsten auf St. Pauli“, antwortete ich.

  „Das ist doch gefährlich!“

  „Für mich nicht“, sagte ich keck, „nur für die Beklauten.“

  Er plierte mich wieder von der Seite an. „Und sonst machst du nichts?“

  Ich wusste natürlich, was er meinte, die meisten armen Mädchen in meinem Alter machten es schon, auch die weniger hübschen. „Nein. Das kommt für mich nicht in Frage.“

  Erleichtert lehnte er sich wieder zurück.

  „Aber wenn ich losziehe, habe ich natürlich was anderes an“, klärte ich ihn auf.

  „Soso“, sagte er. „Weiß Jack, was du treibst?“ fragte er.

  „Auf dem Brook weiß das jeder.“

  „Und weiß er auch, was mit deinem Papa ist?“

  „Klar, er borgt ihm ja sogar das Geld.“

  „Ja, das ist wirklich eine Lumperei. Das hätte ich auch nicht von Jack gedacht.“ Er packte die Pinne fester und starrte auf das Wasser, das jetzt so kabbelig wurde wie seine Laune.

  Nach einer Weile fragte ich vorsichtig: „Wart ihr wirklich Freunde, du und Jack?“

  „Ja. Wir haben uns aber lange nicht mehr gesehen. Was spricht man denn so über ihn?“

  „Wenn nur die Hälfte davon stimmt, brauchst du auf diese Freundschaft nicht besonders stolz zu sein.“

  „Tja.“ Mehr sagte er nicht.

  Wir müssen schon im Oberhafen gewesen sein, als Wandrahm-Willy in Jacks Büro stürmte. „Abgehauen!“ sagte er und riss einen Whisky Soda von Arthurs Tablett. „Einauge und Frettchen sind mause.“

  „Was sind denn das für Possen?“ fragte Jack und ließ sich erzählen. „Selber schuld“, sagte er dann. „Was ziehst du auch immer mit solchen Gehirnathleten herum! Die sind so doof, die finden nicht mal die eigene Nase, wenn’s dunkel ist.“

 „Sie wollten doch so gern bei uns mitmachen“, sagte Willy verlegen, „du weißt doch, es waren zwei ganz arme Schweine.“

  „Gegen die Dummheit gibt’s nur ein Heilmittel, und das ist Umlegen. Na, das hat uns Johnny nun ja abgenommen. Du hast ein zu gutes Herz, Willy, aber das ist dein Privatvergnügen. Hättest die tranklöterigen Tütendreher gar nicht allein hingehen lassen sollen.“

  „Nur ein paar Minuten, und ich hätte ihn erwischt.“

  „Oder er dich“, sagte Jack.

  „Vielleicht haben die beiden wirklich ein bisschen sehr aufgedreht, aber deshalb muss er sie ja nicht gleich kaltmachen“, beschwerte sich Willy.

  „Vielleicht macht Johnny ja doch bei uns mit, dann kann er meinetwegen noch zehn von den Jungs abmurksen.“

  Willy wusste nicht recht, was er von dieser Bemerkung halten sollte.

  „Ich wollte dir sowieso andere Leute geben“, sagte Jack. „Nimm  Wacko und Diet. Und Ben soll euch fahren.“ Das waren so ungefähr die drei krooschsten Kerls in der ganzen Bande.

  „Topp!“ sagte Willy erfreut.

  „Dafür musst du mir aber einen kleinen Gefallen tun“, sagte Jack. „Da kannst du die Jungs gleich ausprobieren.“

  Als Willy vernommen hatte, worum es sich handelte, sagte er unangenehm berührt: „Ich hab’ keine Lust, mich für so’n Lastergreis abzumaracken. Was will der alte Adolar denn mit ’ner Opernsängerin?“

  Jack grinste. “Erobern will er sie. Ein jedes Aas hat seinen Spaß.“

  „Schiet, Frauen entführen ist nichts für mich, das ist unehrenhaft, das sollen Lando und seine Strolche machen!“

  „Nein, die stellen vielleicht sonst was mit ihr an“, sagte Jack. „Das muss perfekt getan werden, schnell, unauffällig und geräuschlos. Da vertrau' ich keinem andern.“

  „Wieso lassen wir uns überhaupt auf solche Geschichten ein?“ murrte Willy. „Das gibt doch ein Riesen-Tamtam! Und noch dazu für so'n Schinderaas, so’n Lumpenbeutel, der aber immer stinkt wie'n ganzer Seifenladen!“

  „Weil wir den Konsul dann endgültig im Sack haben. Und die Guyana-Company gleich mit dazu. Ich hab's satt, hier nur Untermieter zu sein. Wohne lieber in meinen eigenen vier Wänden.“

  „Und dein Freund Johnny?“

  „Den gucken wir uns gemeinsam an.“

  „Glaubst du wirklich, er ist besser als ich?“

  „Probier’s lieber nicht aus. Du bist gut, Willy, sehr gut sogar – aber Johnny war Extraklasse.“

  „Aber ist er es immer noch?“

  „Das fragst du am besten den roten Relf.“

  „Hafenratten zählen nicht. War Johnny besser als du?“

  „Haben wir nie ausprobiert.“

  „Und wer von euch beiden war der Boss?“

  „Tja, das haben wir auch nie so richtig rausgefunden.“

  „Immerhin hast du ihm damals den Hals gerettet.“

  „Ja, und Johnny vergisst so was nicht.“

  Willy überlegte. „Wie geht es denn aber jetzt weiter?“ fragte er dann. „Nichts gegen alte Freunde, Jack, aber der Kerl ist noch keinen ganzen Tag da und hat schon drei Leute über Seite gehen lassen. Wenn er so weitermacht, wird's hier bald einsam. Im Hafen stehen sie zusammen und haben über nichts anderes zu schnacken als bloß immer über den großen Kehrwieder-Johnny, mit dem jetzt auch die alten Zeiten zurückkommen. Einer hat ihm gleich seinen Ewer geborgt.“

  „Wir müssen was unternehmen“, gab Jack zu. „Sonst denkt Johnny noch, er ist ’n verfluchter Volksheld.“

  „So wie früher?“

  „Ich werd’ mal mit ihm reden. Weiß Möller Bescheid? Nicht dass der Kerl uns dazwischenfummelt! Die Polizei geht das gar nichts an.“

  Jack setzte sich an seinen Schreibtisch und kritzelte ein paar Zeilen. „Gib das im 'Tritonia' ab, Nell weiß dann schon, was sie zu tun hat.“

  „Wo willst du ihn denn treffen, etwa bei ihr?“

  „Nein“, sagte Jack. „Beim Henker. Und nun schwirr ab.“

  Während Jack sich mit seinem Leutnant besprach, bog unser Ewer in den Ericusgraben ab. An der Corneliusschanze legte mein Onkel an, schloss die Eisentür auf, kam mit einem alten Kohlensack wieder zum Vorschein und sagte: „Wir fahren ins Alte Land, ich kenne dort jemanden, bei dem ihr erst mal unterkommen könnt – hoffentlich.“

   Dann steuerte er den Ewer nach Westen. Der Wind frischte auf und summte sein Liedchen in Segeln und Seilen. Mein Onkel segelte lange Schläge, er ging mit der Elbe so vertraut um wie ein Sohn mit seiner Mutter beim Sonntagskaffee, denn was Kinder lernen, vergessen Erwachsene bekanntlich nie, ob ABC oder Einmaleins. Onkel Johnny las den Wind wie Buchstaben und die Wellen wie Zahlen. Als wir am Kaiserspeicher vorbeikamen, siegte mal wieder mein Mitteilungsbedürfnis, und ich sagte: „Dort oben residiert König Jack.“

  Mein Onkel blickte interessiert in die Höhe. „Tatsächlich?“

  „Ja. Gestern habe ich ihn gesehen.“

  „Im Turm?“, wunderte sich Onkel Johnny.

  „Nein, im Palazzo. Das heißt, gesehen habe ich ihn eigentlich gar nicht richtig. Aber gehört.“

  „Du machst es aber spannend.“

  Da konnte ich ihm nun endlich erzählen, was Jack am Abend zuvor mit Konsul Averdar und Senator Hartestraat besprochen hatte. Mein Onkel hörte aufmerksam zu und pfiff ein paar Mal durch die Zähne. Als ich fertig war, fragte er: „Hier ist ja bannig was los. Hast du mit irgendjemandem darüber geredet?“

  Ich schüttelte den Kopf.

  „Gut“, sagte er. „Tu’s auch in Zukunft nicht. Lass es unser beider kleiner Geheimnis bleiben, ja? Deine Eltern brauchen es auch nicht zu wissen, die haben im Moment andere Sorgen.“

  Das kann man wohl sagen, dachte ich.

  Er tätschelte mir etwas schüchtern den Rücken, er brauchte wohl noch Zeit, um sich an mich zu gewöhnen. „Jetzt wird es euch bald besser gehen.“

  „Ja“, sagte ich und legte den Kopf an seine Schulter, weil er uns doch gerettet hatte, und weil er mir auch gleich so sympathisch war. Ich sagte noch: „Jetzt bist du ja da.“ Und dann, ich weiß nicht, war es die Anspannung, oder die Erschöpfung, oder der Kummer über unser schweres Leben, oder einfach, weil ich tief drin doch noch ein kleines Mädchen war – jedenfalls fing ich plötzlich an zu weinen.

  Mein Onkel tat gar nichts, er ließ mich einfach heulen und hielt bloß seine Pinne fest.

  Im Frühling und im Sommer sieht das Alte Land noch heute wie ein Fleckchen Holland aus: Deiche, Kanäle, Windmühlen, Reetdachhäuser. Holländer haben’s auch geschaffen: Schon zur Zeit der Kreuzzüge rangen sie dem blanken Hans Äcker, Wiesen und Gärten ab. Ihre Nachfahren luden seit Jahrhunderten Korn, Hühner, Eier, Milch, Äpfel und Kirschen für die hungrigen Märkte und Mägen der Stadt auf ihre breiten Kähne, und manchmal unter alten Decken ein paar Fläschchen oder Fässchen mit dem guten selbstgebrannten Korn, Obstschnaps oder Genever aus der Destille von Oma Ridderkerk. Ihre einsame Reetdach-Kate duckte sich nicht weit hinter den Kirchtürmen, Ziegeleischloten und dem kleinen Fischerhafen auf der Elbinsel Finkenwerder hinter den Deich, von  dickköpfigen alten Weiden und borstigen Büschen vor Wind und Blicken geschützt. Im Garten blühten Blutstropfen.

  Onkel Johnny kannte die Schnapsbrennerin von ihrem Enkel Klaas Ridderkerk, verschollener Freund aus Jugendtagen, Spitzname „Veermaster“, weil er den Refrain mit dem „plenty of gold“ immer so schön mit Kopfstimme sang, eine Oktave über den anderen, fast wie ein Countertenor. Die alte Dame war hoch in den Achtzigern, aber noch gut auf den Beinen, sah wie ein Luchs, hörte wie ein Hase, trank wie ein Fuhrknecht und hielt den ganzen Tag lang eine Tonpfeife unter Dampf. Ihren Vornamen habe ich nie gehört, Johnny sagte immer nur „Ridderkerk“ zu ihr, weil sie so und nicht anders genannt werden wollte; sie war stolz auf ihren Familiennamen und liebte es sehr, ihn zu hören.

  Die ärmliche Kate duckte sich hinter den Elbdeich wie eine räudige Maus, und die spitze Fachwerkfassade war so wacklig, die rohe Brettertür so schief und das niedrige Reetdach so oft geflickt wie bei sonst einer primitiven Behausung, die ein Tagelöhner auf der Marsch mit Ziege und Hühnern teilt. Im Inneren aber erwartete mich eine große Überraschung, denn der größte Teil des Hauses lag aus den verständlichen Gründen der Unauffälligkeit unter der Erde, und in der geräumigen Wohnstube prangte die wohlhabende Gemütlichkeit eines großen Kachelofens, bequemer Korbsessel und geschnitzter Wandschränke für Leinen, Silber und Porzellan wie in der Halle des reichsten Bauern, alles in echt holländischer Reinlichkeit. Das Schnapsverkungeln brachte schön was ein. Einmal in der Woche segelten die Mijnheers vom Brook mit einem Gemüseewer zu dieser geheimen Quelle und füllten Fässer mit gutem Genever, der die sauer verdienten Groschen der Arbeiter wohl wert war.

  Die alte Ridderkerk saß in einem Lehnstuhl, der mit Utrechter Samt überzogen war, und sah aus wie eine Giftmischerin, hatte aber ein goldenes Herz und konnte zuerst gar nicht fassen, wer da vor ihr stand. Obwohl sie sich standhaft weigerte, Geld zu nehmen, legte Onkel Johnny eine Handvoll Goldmünzen auf den Tisch: „Nur für den Fall, dass meine Leute was schuldig werden.“

  „Pass gut auf deine Eltern auf“, sagte er dann zu mir.

  „Du siehst doch, was mit Vater los ist“, sagte ich.  „Ohne hält er es keine drei Tage aus.“

  „Snaps?“ fragte die vergnatterte Oma.

  „Opium“, antwortete mein Onkel.

  Die alte Ridderkerk fuhr ein wenig zurück. „Dat Dübelstüch kummt mi awer nicht in’t Huus!“

  „Ich versteck's draußen“, sagte Onkel Johnny, und zu mir: „Morgen bin ich wieder da. Dann gebe ich ihm was.“

  „Was willst du jetzt tun?“ fragte ich, und plötzlich schoss mir der Gedanke durch den Kopf,  dass ich ihm helfen müsse, darum bat ich: „Lass mich mitkommen, ich kenne mich gut aus, und...“

  „Nein“, sagte er. „Du bleibst hier. Deine Leute brauchen dich.“ Er tätschelte mich wieder so komisch am Rücken, ich wusste nicht, war es Anerkennung oder Ausdruck seiner Onkelliebe, es fühlte sich an, als hätte er Angst davor, mich in den Arm zu nehmen, obwohl ich doch seine Nichte war. Aber natürlich kannten wir uns ja erst ein paar Stunden, und so, wie Johnny war, hätte er ein fremdes Mädchen von fünfzehn Jahren nicht mal mit Handschuhen berührt, er war nämlich, wie Nell mir später verriet, für einen Seemann ein bisschen sehr prüde.

  Er zog mich aus der Tür und sagte: „Hör zu. Heute Nacht treffe ich mich mit Jack. Ich weiß noch nicht, wo und wann, und auch nicht, was dann passiert. Wenn ich bis morgen Abend nicht wieder da bin, fährst du mit deinen Eltern nach Cuxhaven und kaufst dort für euch drei Schiffskarten nach London. Von dort schreibst du Nell, aber postlagernd, verstanden? Ohne Absender! Sie wird sich dann um euch kümmern. Geld schicken und so weiter. Hier ist schon mal ’n büschen Marie.“ Er drückte mir einen ziemlich schweren Lederbeutel in die Hand. „Hast du das kapiert? Du bist ja nicht dumm.“

 „Ja“,  sagte ich aufgeregt. „Nein.“

  Er nickte mir noch einmal zu und ging wieder zu dem Ewer. Ich sah ihm nach, bis er hinter dem Deich verschwand, und mein Herz klopfte wie verrückt.


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