10. Kapitel: Das Messer

Dienstag, 28. August 2012
„Immer viel lichtscheues Gesindel“: Der Galgenspeicher hinter dem Alten Wandrahm. © Museum für Hamburgische Geschichte

Mein Onkel Johnny war aber schon etwas früher gekommen, ungefähr eine halbe Stunde, bevor ich auf diese peinliche Weise vorgeführt wurde. Vor dem Henker lag bereits das alte Hamburger Richtschwert. Es war so groß, als hätte er es aus einem alten Hünengrab gezogen. Ich habe es mir später noch genauer angeschaut, im Museum: Auf der Klinge war Herkules eingraviert, wie er die Hydra erschlägt, und darunter stand der versöhnliche Satz: „Wenn ich thu dies Schwert aufheben, wünsch ich dem Sünder das ew'ge Leben“ – schließlich waren Hamburgers Scharfrichter nicht nachtragend! Die Ganoven nannten dieses Schwert „das große Glück“ – als „das kleine Glück“ bezeichneten sie das Henkersseil.

  Mein Onkel holte am Ausschank zwei Kannen Bier, setzte sich neben den menschlichen Elefanten, stellte sich vor und sagte: „Ich kannte Ihren Sohn. Wir sind zusammen gefahren. In China.“

  Der Henker seufzte. „Kurt war ein guter Junge. Er schrieb mir jeden Monat. Als kein Brief mehr kam, wusste ich, dass er tot ist. Das ist jetzt sechs Jahre her.“ Seine Stimme passte zu der massigen Gestalt, sie kam aus dem tonnenförmigen Bauch wie aus einem Brauereikeller. „Er sollte mein Nachfolger werden, aber er konnte Toten nicht in die Augen sehen.“

  „Dafür konnte er Lebenden gut das Bajonett in den Bauch rammen“, sagte Onkel Johnny.

  Der Elefantenrüssel zitterte leicht.

 „Wir zogen mit China-Gordon gegen die Taiping. Haben Sie von denen gehört?“

  „Ich habe ein paar von ihnen aufgeknüpft.“

  „Dann wissen Sie ja Bescheid. Die waren gegen alles: Glücksspiel, Opium, Tabak, Götzendienst, Ehebruch, Prostitution und sogar gegen das Fußeinbinden bei den Mädchen. Das konnte natürlich nicht gut gehen.“

  „Sicher nicht. Was wäre das für eine Welt!“

  „Die Kerle gaben kein Pardon. Deshalb kriegten sie auch keins.“

  „Hier stachen sie die Chinesen aus dem Konsulat ab, in den Schwalbennestern auf St. Pauli. So was mögen die Behörden gar nicht. War schlecht für den Ruf unserer schönen Stadt.“

  „Am Jangtse machten sie alles nieder, auch die Armen“, erzählte Onkel Johnny. „Schlitzten schwangeren Frauen die Bäuche auf. In einem Dorf im Delta erwischten wir sie, als sie gerade einen Säugling rösteten. Kurt drehte durch und stürzte sich auf die Kerle. Bevor wir nachkommen konnten, hatten sie ihn erstochen. Wir haben sie aber drangekriegt. Alle.“

  „Das war brav von euch“, sagte der Henker und versuchte müde, eine Fliege von der Kanne zu scheuchen, die sich aber in ihrer Trägheit von der ruhigen Hand nicht stören ließen.

  „Wir begruben ihn ohne Kreuz, sonst hätten ihn die Gelben wieder ausgebuddelt“, sagte mein Onkel.

  Mindt nickte. „Gott findet, was sein, auch ohne Stein.“

  „Aber ich kann Ihnen wenigstens sagen, wie der Ort heißt, falls Sie es noch nicht wissen.“

  Der Elefant beugte sich vor.

  „Hab’s Ihnen aufgeschrieben.“ Onkel Johnny fingerte in seinem Brustbeutel, zog einen Zettel heraus und schob ihn über den Tisch. Der Henker langte in seine Weste, setzte eine riesige goldene Brille auf die Rüsselnase und las: „Wiese der silbernen Schmetterlinge“. Er steckte Brille und Zettel ein. „Oben steht ein schönes großes Zimmer leer.“

  „Danke, ich hab’ schon was.“

  „Deine Kleine kannst du mitbringen.“ In der Abgeklärtheit seiner siebzig Lebensjahre sprach der Henker mit Unterweltlern gewöhnlich wie ein Lehrer mit Raufbolden auf dem Pausenhof. „Hier kann dir keiner ans Fell. Auch nicht der Notar.“

  „Ich hab’ schon was stekum.“

  „Dann kann ich mich vielleicht bei einer anderen Gelegenheit erkenntlich zeigen“, sagte der Henker.

  „Das fehlt noch.“

  Der Henker lächelte sanft. „Erzähl' mir von Kurt. Ein Mann ist nicht tot, so lange andere von ihm reden.“

  Soweit dieses Gespräch. Jetzt stand ich vor „Köpfman’s Table“, und die anderen starrten mich und den Constabler verwundert an.

  „’tschuldigung, die Herrschaften“, sagte der Polizist und schob mich vor Nell hin. „Constabler Godfroy von der Raboisenwache. Ihr Frollein Nichte hatte vor der Tür soeben ein unerfreuliches Erlebnis mit einem kriminellen Individuum, und ich dachte, ich sage Ihnen, dass dies nicht der Ort ist, an dem eine junge Dame unbegleitet frische Luft schnappen sollte. Es treibt sich hier immer viel lichtscheues Gesindel herum.“

  Die Männer lauerten ihn an, und Nell sagte im Kammerton der besorgten Tante: „Kind, was machst du dann aber auch für Sachen!“

  „Was genau ist denn passiert?“ erkundigte sich Jack.

  „Versuchter Raubüberfall“, sagte der Constabler so amtlich wie arglos.

  Johnny schaute auf den Säbel des Constablers, und Jack fing an, das Gespräch sachte auf das harmlose Gleis des Humors zu leiten, bevor der Schnellzug des Schicksals ungebremst über uns alle hinwegbrauste. „Schade, dass du nicht meine Nichte bist“, sagte er und zwinkerte mir zu. „Ich würde dir liebend gern den Hintern versohlen.“

  „So ein alter Knacker wollte mir die Tasche wegreißen“, sagte ich, „vielen Dank, Herr Constabler!“ Ich machte einen Knicks. Erst jetzt fiel mir auf, dass er unheimlich viele Sommersprossen hatte.

  „Jawohl“, bestätigte Godfroy und fragte, aber nur, um nicht unhöflich gleich wieder abzutreten: „Sie sind die Tante?“

  „Jawohl, Herr Constabler“, sagte Nell. Den ärgerlichen Blick auf mich brauchte sie nicht zu spielen. „Was hattest du denn da draußen zu suchen, Kind!“

  Der Constabler wandte sich inzwischen an Wandrahm-Willy. „Und Sie der Onkel?“ fragte er wacker.

  Willy hatte sein bleiches Gesicht so in die Hand gestützt, dass seine Narbe verdeckt blieb. „Nein“, murmelte er. „Ich bin ein Freund der Familie.“

  Mein richtiger Onkel tat, als sei er gar nicht da. Wohl deshalb fand Jack, es sei an ihm, nun zu erklären: „Mein Bruder und meine Schwägerin sind auf Reisen, deshalb haben wir die Deern für ein paar Tage zu uns genommen.“

  Der Henker räusperte sich und fixierte den Beamten aus seinen Elefantenaugen. „Gewöhnlich wagen Kriminelle sich nicht so nahe  an mein Lokal heran.“ 

  Der Constabler ließ den Blick zu den anderen Tischen schweifen, wo Dutzende Gegenbeweise angestrengt in ihre Humpen starrten. Dann wandte er sich wieder Jack zu. „Sie sind nicht von hier?“ fragte er versöhnlich, denn er gedachte sich nunmehr mit einer erneuten freundlichen Warnung vor den Unbilden der nächtlichen Großstadt zu entfernen.

  Zum Glück stand zwischen Nell und Willy noch ein Stuhl frei, den schnappte ich mir nun, und plumps wie der Stein in den Teich saß ich zwischen ihnen. Dabei rutschte mir der Umhang von den Schultern. Onkel Johnny und Jack fingen an zu schielen. Wandrahm-Willy hustete und rückte ein Stück von mir fort, ich wunderte mich darüber, Nell erklärte mir später, er habe eine Heidenangst vor meinem Dekolleté gehabt.

   „Es ist gut, Constabler“, sagte der Henker und mischte in den verbindlichen Ton nun eine Dosis Autorität, wie wenn hinter den Geigen plötzlich das Fagott losbrömmt. „Ich schicke gleich mal meine Schankburschen ums Haus.“

  Der Constabler begriff. Höflich legte er die Hand an den Helm, nickte allen noch einmal zu, drehte sich um und verschwand. Ein tadelloser Abgang.

  „Wer ist denn das?“ fragte Jack.

  „Constabler Godfroy“, antwortete der menschliche Elefant gelassen. „Erst ein paar Tage im Revier. Guter Mann.“

  „Engländer?“

  „Halb. Seine Mutter hat eine Kneipe am Michel. Hat vor ein paar Jahren seine Frau verloren. Cholera. Da ist er zur Polizei.“

  „Hab' gar nicht gewußt, dass bei euch die Plempe ein und ausgeht“, murrte Wandrahm-Willy.

  Der unheimliche Wirt sagte friedlich: „Solange die Leute sich anständig benehmen...“

  „Was machst du denn auch!“ sagte Onkel Johnny ärgerlich zu mir, mehr traute er sich nicht zu sagen, er kannte mich ja noch nicht so gut und dachte, ich würde mich sonst in der Aufregung vielleicht verplappern und womöglich verraten, wo ich gerade herkam. So tat ich wahrscheinlich das Vernünftigste, indem ich schwieg und einfach so tat, als hätte ich schon seit Erschaffung der Welt auf diesem Stuhl gesessen.

  Jacks Zähne blitzten unter dem Schnurrbart hervor. „Da hast du dir ja hübsch Verstärkung mitgebracht“, sagte er zu Onkel Johnny, und zu mir: „Hast du denn dein Messerchen nicht dabei?“

  „Hör auf!“ mahnte Nell, aber Jack wollte sich den Spaß nicht nehmen lassen. „Sie hat nämlich ein Messerchen im linken Ärmel, aber nicht zum Kartoffelschälen“, erklärte er meinem Onkel. Soviel hatte er also auch schon von mir gehört, der große Boss, immerhin!

  Neben mir hustete Willy wieder, es klang, als krächze ein Rabe.

  „Halt dich nur schön stille, du Wandrahm-Casanova“, spottete Jack, „sonst läßt die Kleine dir den Tomatensaft auslaufen.“

  „Nun ist es aber gleich gut“, mahnte Nell, als würden übermütige Kinder Schlagsahne über die Spitzendecke verteilen.

  „Was war denn das für ein Ahnungsloser?“ forschte Jack und meinte den Räuber.

  „Ahnungslos war er gerade nicht“, antwortete ich wahrheitsgemäß.  „Er kriegte mich genau richtig zu fassen, ich kam gar nicht mehr in den Ärmel.“

  Onkel Johnny machte runde Augen, er kapierte endlich, dass Jack nicht bloß scherzte.

  „Er wusste, wer du bist?“ Jack schüttelte ungläubig den Kopf. Ein Straßenräuber, der eine Taschendiebin anfiel, verstieß tatsächlich ziemlich eindeutig, ja ich möchte sagen: nahezu unverzeihlich gegen die Regeln unseres Standes. „Raus damit, wer war der Schweinehund?“

  „Der Pelikan“, sagte ich.

  Der Henker zog die Augenbrauen ganz hoch auf die faltige Elefantenstirn, denn der Pelikan kandidierte für seinen Geschmack schon viel zu lange vergeblich für den Strick. Willy hüstelte wieder; ich traute mich nicht, ihn anzusehen, war mir aber sicher, dass seine Narbe wie ein Schürhaken glühte.

  „Und wer ist das?“ fragte mein Onkel in die Stille.

  „Der Kerl, der dir mit dem roten Relf am Kehrwieder aufgelauert hat“, erklärte Jack.

  „Der wollte jetzt Helena beklauen?“ wunderte sich Johnny.

  „Wegschleppen wollte er sie“, sagte Jack. „Sie irgendwo festzurren, und dich dann hinbestellen, um dich kalt zu machen.“

  „Mich kalt machen? Das alte Klappergestell?“

  „Der rote Relf hat bekanntlich drei Brüder, und so ein Rudel Ratten kriegt auch mal'n Fuchs unter“, sagte Jack. Dann drehte er sich zu Willy. “Die Helena ist tabu, mach das den Kerls klar!” befahl er und spuckte zielsicher in den Napf unter dem Tisch, bevor er zu Onkel Johnny sagte: „Die Sache kommt vor die Feme, dann ist Ruhe in der Badeanstalt, alle Hosen bleiben an.“

  „Hast du da auch das Sagen?“ fragte mein Onkel.

  Jack lächelte dünn. „Wie will ich denn deine Sache vor den weltlichen Gerichten in Ordnung bringen, wenn ich noch nicht mal mit den unterweltlichen fertig werde?“ Er wurde aber gleich wieder ernst. „Besser, du hättest den ollen Totenvogel auch gleich noch mit abgemurkst, aber nicht meine Leute.“

  „Ich hab' sie nicht gebeten, sie gingen ganz von allein auf mich los“, sagte Onkel Johnny.

  „Deshalb musst du sie ja nicht gleich abstechen.“

  „Ihr müsst eben nicht solche Groschenmacher losschicken. Und wieso borgst du meinem Bruder Geld für Opium!“

  Ich dachte mir, dass sie mit ihrer Aussprache wohl noch nicht weit gekommen waren, wenn es erst jetzt ans Eingemachte ging. Also tat ich so, als hätte ich eine Tarnkappe auf, und wirklich schien nun niemand mehr an meiner Anwesenheit Anstoß zu nehmen. Es gab Wichtigeres. Onkel Johnny und Jack versuchten, sich gegenseitig in die Töpfe zu gucken, Nell und Willy passten auf wie Sekundanten beim Duell, und der Henker konzentrierte sich ganz auf seine pseudoamtliche Funktion als Schiedsengel mit dem Schwert. 

  Es gab eine kleine Pause, und dann begann sozusagen der offizielle Teil. Jack redete als erster, und das hatte seine Ordnung, er war zwar nicht der Hausherr, aber er hatte das Gespräch organisiert, und das waren seine Worte: „Ich würde gern sagen, schön, dass du wieder da bist, Johnny, aber das wäre nicht die Wahrheit. Ich kann nur sagen, schön, dass du noch am Leben bist.“

  Und Onkel Johnny? Der erwiderte: „Scheint dich zu überraschen.“

  „Dass du wieder da bist?“

  „Dass ich noch am Leben bin.“

  Jack lächelte, Onkel Johnny nicht. Die beiden saßen sich gegenüber, man hatte das Gefühl, gleich fahren sie sich an die Kehle. Aber sie waren durchgeteerte Kerle, hatten ihre Gefühle unter Kontrolle und sprachen nichts Überflüssiges. Mein Onkel warf immer wieder mal einen Seitenblick auf mich, er konnte sich wohl nicht recht daran gewöhnen, mich in dieser Runde sitzen zu sehen, und noch mehr erstaunte ihn wohl, dass Jack so gar nichts gegen meine Anwesenheit einzuwenden hatte. Dabei war das eigentlich klar, Jack zählte mich ja zu Onkel Johnnys Familie und somit zum inner circle, wenn ich mal so sagen soll, und  was ich im Garten des Palazzo unter Todesängsten erlauscht hatte, wurde meinen Ohren jetzt ganz offiziell anvertraut: dass Jack darüber nachdachte, in die Politik zu gehen. Ich muss zugeben, dass ich mich damals ziemlich wichtig fühlte. Der Henker aber hörte sich alles an, ich möchte sagen: mit der schweigenden Würde eines heidnischen Hohepriesters, dem seine geheiligte Stellung auf ewig die Lippen versiegelt. 

  So saß ich nun bei Nell und diesen vier Männern, die zusammen wohl schon hundert oder mehr andere ins Jenseits befördert haben mochten. Über den Umfang der Mindtschen Tätigkeit gab es später Genaueres zu erfahren, seine Memoiren waren ein großer Erfolg, denn nichts interessiert die Leser mehr als ein Blick in jene Abgründe menschlicher Leidenschaft, vor deren Alptraumgeschöpfen dem braven Bürgertum wohlig gruselt. Es waren, wenn ich mich richtig erinnere, einundsiebzig Hinrichtungen, davon einundvierzig in Hamburg, die anderen in Lübeck, Bremen und Berlin, wo dieser Samson der deutschen Halsgerichtsbarkeit in Vertretung wirkte. Hamburgs letzte Freiluft-Kopf-ab-Show lag damals schon über vierzig Jahre zurück, seither enthauptete der Henker nur noch in der Diskretion hoch ummauerter Zuchthaushöfe.

  Die drei anderen waren sich über die Zahl ihrer Opfer weniger im Klaren. Ein Soldat wie Onkel Johnny kann ja nicht von jeder seiner Kugeln wissen, ob sie auch brav ein Leben ausblies. Er hat jede Menge chinesische Piraten aufgeknüpft, ich weiß aber nicht, ob eigenhändig – glaube es eigentlich auch nicht, zu mir hat er darüber jedenfalls nie gesprochen. Jack wiederum hatte die Opfer seines Zornes zwar alle persönlich gekannt und sorgte, wie man sich auf dem Brook schaudernd erzählte, zuweilen eigenhändig dafür, dass ihr Abschied von dieser Welt ohne Irrtum und Verzug erfolgte, aber Spitzel, Abtrünnige oder Verräter zählt niemand gern. Außerdem war Jack kein Killer aus einem Wildwestfilm, der für jedes Opfer eine Kerbe in den Colt schnitzt - das hätte eher zu Wandrahm-Willy gepasst.

  Ja, da saß ich nun mit diesen Männern, eigentlich hätte mir vor ihnen grausen müssen, aber sie hatten weder Hörner noch Bocksfüße.

  Der gemeine Hamburger, wie ihn die Häfen der Welt bis heute erleben, ist typischerweise ein gerade gewachsener, kräftiger Kerl mit viel Schneid und wenig Worten, aufrichtig und unverdrossen, der lieber handelt als fragt und zu wenig Angst vor dem Tod hat, um fromm zu sein. Seine Schulden begleicht er, zählt und rechnet aber dreimal nach. Zum Bild gehören gewöhnlich kurze blonde Haare, blaue oder graue Augen, rote Backen, dicke Arme, schwielige Fäuste und ein gelassener Wiegeschritt, dazu Fröhlichkeit, wann immer der Wind pfeift, Sentimentalität aber höchstens dann, wenn es Zeit wird, die Zeche zu zahlen. Er hasst Affengetue, Tugendbonzen und Moraltrompeter. Da er den rechten Kurs ganz von alleine kennt, läßt sich auch nicht gern betimpeln, sonst aber die Welt in Ruh.

  Es gibt aber auch noch einen anderen Hamburger, einen ungemütlichen, unangenehmen Burschen, der auf den nächtlichen Meeren fährt, um dessen Schiff keine Delphine, sondern Haifische, und über dessen Mast nicht Möwen, sondern Raben kreisen. Ihn einfach zu böse nennen, wäre zu simpel - er hat eine andere, ältere, vielleicht atavistische Auffassung von Glück, Recht und Ehre, etwa so wie die Wikinger, die Seeräuber oder die Soldateska des Dreißigjährigen Krieges. Für diesen Hamburger ist Blut kein besonderer Saft, und das Leben keineswegs der höchste Wert, und die Zugehörigkeit zum Bürgertum kein erstrebenswertes Ziel, und die Hölle kein unsympathischer Ort. Der Fluch ist sein Gebet, die Kaschemme seine Kirche und die Klinge sein heiliges Kreuz, so zu sagen. Johnny und Jack hatten von beiden Typen etwas, Johnny mehr vom guten, Jack vom bösen, lassen wir es für diesmal bei den groben Begriffen – aber auch Onkel Johnny besaß eine Schattenseite, und Jacks Seele war nicht völlig schwarz. 

  Jack war eine Handbreit größer, Onkel Johnny in den Schultern breiter, sie wirkten wie ein Boxer und ein Ringer, es gab keine Rangfolge wie bei Achilles und Patroklos, sie waren einander ebenbürtig wie Ebbe und Flut. Die Unterschiede lagen tiefer. Onkel Johnnys Herz war offen, aber nicht wie eine Tür, sondern wie ein Grab. Jacks Herz war vermauert, aber nicht wie eine Burg, sondern wie ein Gefängnis. Nell sagte mir am nächsten Tag, seit dieser Stunde wisse sie endgültig, dass es zwischen den beiden nicht gut ausgehen könne, denn sie habe plötzlich gemerkt, dass sie sich weder Onkel Johnny noch Jack als alte Männer vorstellen konnte.

  Als Jungs hatten sie wie die anderen geträumt, Seeräuber oder Kriegshelden zu werden. Krieg spielten sie oft genug auf dem Brook. Nell erinnerte sich, dass sie immer eine Handvoll Erde aufhoben und hinter sich warfen, wie die Landsknechte des Mittelalters, von denen sie in den Heftchen vom Krämer gelesen hatten, bunt und billig, und nicht so blutleer wie die Schulbücher. Die Handvoll Erde als heiliges Ritual, ein geheimnisvoller Zauber, der die Furcht vertrieb und den Tod fernhielt. Selbstverständlich wollte Onkel Johnny lieber ein Seeheld werden, Jack aber lieber ein General, er fühlte sich auf dem Wasser nie ganz zu Hause.

  Es ist schwierig, alles in der richtigen Reihenfolge zu erzählen, schreibt Joseph Conrad. In meinem Kopf geht jetzt viel durcheinander. Was war geschehen, was hatte die Magie ihrer Freundschaft zerstört? Mein Onkel sagte später zu Nell, er habe in dieser Nacht unter Jacks Gesicht noch einmal die Züge des  Jungen entdeckt, etwa so, wie wenn die Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen und dann Dinge sehen, die ihnen vorher verborgen waren. Steckte der Junge noch irgendwo in Jack, tief unter den Netzen von Willenskraft und Machtstreben? So ist es also gekommen, dachte Onkel Johnny, wir wollten das Leben befahren wie das Meer, aber das Schicksal kümmert sich nicht um Physik. Wir dachten, das Leben wartet auf uns wie die Kuh auf die Magd mit dem Eimer, aber das Leben ist ein Tiger, und die Hand, die ihm ins Maul fasst, wird abgebissen. „Jack und ich dachten, die Zeit gehört uns, aber es läuft genau anders herum, wir gehören der Zeit“, sagte er Nell. „Wir dachten, die Sonne geht unsretwegen auf, und die Nacht ist nur für die Alten dunkel.“ Was war aus der Reinheit ihrer Freundschaft, der Reinheit ihrer Jugend geworden? Der Teufel hatte sich damit den Mors gewischt! Wohin war das Vertrauen verdunstet, das sie einander schenkten, als Zeit ihre einzige Sicherheit war? Trugen sie immer noch das gleiche Herz in der Brust, dieses offene, weite Herz? Die Zeit hatte sie überrollt wie ein eisernes Rad, sie war mit ihnen umgegangen wie eine untreue Geliebte. „Wir dachten, das Leben ist hart, aber ehrlich, sagen wir ihm die Wahrheit ins Gesicht, dann wird es uns gehorchen. Fahren wir in die Welt und kehren wir zusammen heim, reich und ruhmvoll, aber vor allem: bleiben wir zusammen, dann kann uns das Leben nichts antun. Und wenn es das Schicksal so beschließt, dann wollen wir zusammen untergehen wie unsere Väter in der Sulusee, der alten Mutter der Zyklone, eine würdige Gegnerin, der zu unterliegen keinem Mann Schande bereitet. Ja, so romantisch dachten wir damals.“ Und hatte Jack ihn damals nicht herausgeholt, aus dem Laderaum, als Onkel Johnny zwischen den schweren Kisten festklemmte, und das Wasser immer höher stieg? Kletterte er nicht zu ihm in die todesgefährliche Tiefe, und schnitt er ihm den Stiefel entzwei, den Kopf in der teerigen Tunke? Trug Onkel Johnny von diesem Tag nicht eine Narbe am Knöchel? „Aber als wir da saßen und redeten“, sagte mein Onkel, „da sah ich auf einmal in der Tür den Engel mit dem Flammenschwert. Das Paradies von Jugend und Freundschaft war für immer verschlossen, und wir saßen im Lande Not. Good bye, Jack, dachte ich da, früher hätten wir umeinander heiße Tränen geweint, jetzt sind wir richtige Männer und bringen lieber andere zum Weinen.“

  Ja, das waren so ungefähr Onkel Johnnys Gedanken unter dem Schatten der großen Lüge, über die er reden musste, ehe er sich rächen konnte. Und Jack? Auch er sah ein Gesicht aus vergangenen Zeiten, Klein-Johnnys Gesicht, aber so, wie wenn man unter dem Boot einen Ertrunkenen sieht, der langsam in die Tiefe sinkt. Er hat mir das selber erzählt, in jener anderen, jener furchtbaren Nacht, von der ich noch zu berichten haben werde, jener Nacht, als der Spiegel seines Lebens für immer erblindete. In dieser Nacht sagte Jack zu mir: „Wir dachten, das Leben ist eine Frau, die man erobert, heiratet, liebt und verlässt. Das alles kann man tun, und das Leben verhält sich auch wie eine Frau, sanft und wild, lockend und abweisend, gerecht und grausam, aber man kann das Leben nicht betrügen, so wie man eine Frau betrügen kann. Eine Frau kann sich in einem Mann täuschen, das passiert sogar ziemlich oft, aber das Leben hat sich noch nie in einem Menschen getäuscht.“

  Man  könnte sagen, es war ein unhörbarer Dialog der Seelen, aber gesprochen wurde natürlich auch; es gab einiges zu klären.

  „Was hätte ich wohl tun sollen, als Freddy angekrochen kam!“ sagte Jack. „Du weißt doch, was die Sucht aus den Leuten macht. Hätte ich ihm nichts gegeben, hätte er womöglich irgendeinem Besoffenen den Schädel eingeschlagen, nur um ihn abzufieseln, und unser Gastgeber könnte dir jetzt was von seiner letzten Stunde erzählen.“

  Der Henker hob die Hand; er wünschte nicht, in das Gespräch einbezogen zu werden, da jede Äußerung den makellosen Ruf seiner unbedingten Neutralität beeinträchtigen konnte.

  „Außerdem bringst du selber Opium in die Stadt“, fuhr Jack fort. „Pass nur gut auf, die Schlitzaugen verstehen keinen Spaß, wenn es um ihre Geschäfte geht.“ Er guckte starr, dann huschte seine Rechte so plötzlich über den Tisch, dass die anderen zusammenzuckten. Als er das bemerkte, lächelte er und öffnete die Faust. Drei Fliegen fielen tot aus seinen Fingern, und Jack wischte sie lässig vom Tisch. Ich staunte über die Schnelligkeit und Sicherheit dieser kleinen Demonstration, und mich piekste der Gedanke,  dass auch Johnny, Nell und ich drei waren.

  „Vor den Triaden hab' ich keine Angst“, sagte Onkel Johnny. „In China haben wir die Tätowierten zu Dutzenden an die Rahen gebaumelt.“

  Ich merkte bald, dass Jack ihm eine goldene Brücke bauen wollte. Erst sagte er, Onkel Johnny sei zu früh zurückgekommen, die Polizei suche noch immer nach ihm, und er, Jack, werde noch einige Monate, vielleicht ein ganzes Jahr benötigen, genügend politischen Einfluss zu sammeln, um „die Sache hinzubiegen“ – eine interne Untersuchung, neue Zeugen, auch gebe es genug tote Verbrecher, denen man den Mord bequem in die Schuhe schieben könne, schließlich dann Einstellung des Verfahrens. „Aber dazu muss ich erst Justizsenator werden. Ohne geht’s nicht.“

  Dann verriet Jack, was er sich ausgedacht hatte: Onkel Johnny solle gleich wieder verschwinden, nach London, für ein Jahr, bis  die Sache juristisch in Ordnung gebracht sei. Er redete und redete, als sei mein Onkel ein Sandkorn in seinem Auge, das man mit Worten herausbringen könne, aber das Sandkorn rührte sich nicht und löste sich auch nicht auf. Ich für mein Teil denke, dass Jack in dieser Sache völlig aufrichtig war.

  Aber Onkel Johnny glaubte ihm kein Wort. „Das letzte Mal, als ich mich von dir auf eine Reise schicken ließ, bin ich auf einer verdammten Opiumplantage gelandet, und zwar in Ketten“, sagte er. Und jetzt war es Onkel Johnnys Hand, die wie der Blitz über den Tisch fuhr.

  „Überleg’s dir in Ruhe“, sagte Jack und lächelte so süß, dass man nicht wusste, war er Jesus oder Judas. Mein Onkel öffnete die Faust, und zwischen den kräftigen Fingern sausten drei Brummer verärgert davon.

  „Du kannst wohl keiner Fliege was tun“, lachte Jack.

  „Die haben mir ja auch nichts getan“, sagte mein Onkel.

  Eine der verschonten Fliegen beging den verhängnisvollen Fehler, sich vor Wandrahm-Willy niederzulassen. Ein Messer blitzte, und das Tier lag in zwei Teilen auf dem Holz.

  „Mach doch nicht den Tisch kaputt“, sagte Nell ärgerlich.

 Willy wischte die Überreste zu Boden. Auf der spiegelglatten Platte war kein Kratzer zu sehen.

  Der Henker, der sich schon zu einem Tadel vorgebeugt hatte, sank mit anerkennendem Nicken in seinen Sessel zurück.

  Und nun fingen Onkel Johnny und Jack an, um Schuld und Unschuld zu fechten. Mein Onkel wollte die Wahrheit herauskriegen, und Jack hatte auf alles eine Antwort.

  „Warum hast du Nelly gesagt, ich wäre tot? Wir hatten doch ausgemacht, alle sollen denken, dass ich tot bin, nur sie nicht!“

  „Ja, so hatten wir es ausgemacht“, gab Jack zu. „Aber das war etwas unüberlegt, findest du nicht? Wenn Nell nicht so um dich getrauert hätte, wären die Krimschen nie abgezogen.“

  „Und später konntest du es auch nicht sagen?“

  „Nein. Als ich nichts von dir hörte, musste ich ja denken, dass es dich erwischt hat, nicht wahr? Du hast versprochen, schnell zu schreiben, aber das hast du nicht getan. Es sterben dauernd Leute. Auf See, an Land, und ganz besonders in China.“

  „Mein Brief kam nicht aus dem Jenseits!“ sagte Onkel Johnny erbittert.

  „Nein, aber er kam zu spät.“ Jack war nicht der Mann, der sich lange verteidigte, er ging lieber zum Angriff über. „Jetzt hör mir mal zu“, sagte er, und seine Stimme wurde plötzlich hart wie der Leib eines Raubtiers, wenn es die Muskeln zum Sprung spannt. „Ohne mich wärst du damals draufgegangen. Ich bin es, der dir den Hintern gerettet hat. Und es war nicht das erste Mal. Ja, ich hatte versprochen, mich um dein Mädchen zu kümmern. Und was ich verspreche, das tue ich auch. Ich habe mich um dein Mädchen gekümmert, Johnny. Frag’ Nell, sie wird es dir sagen. War es nicht so, Nell?“

  Er ließ ihr aber keine Zeit, zu antworten, sondern redete gleich weiter, und immer schneller, so schnell, wie Männer nur dann reden, wenn sie entweder lügen oder von ihrer Wahrheit total überzeugt sind. „Ich habe sie jeden Tag besucht. Ich habe sie davon abgebracht, ins Wasser zu gehen. Es war keine gute Zeit für sie, Johnny, aber es war auch keine gute Zeit für mich. Was sollte ich denn davon halten, dass kein Brief von dir kam? Ich dachte, du schreibst gleich aus dem nächsten Hafen, oder spätestens aus Macao, dann hätte er nach sieben, acht Monaten eintreffen müssen. Aber es kam kein Brief von dir, Jack. Nach acht Monaten nicht, nach zehn Monaten nicht, und nach zwölf Monaten nicht. Dein Mädchen wartet auf ein Lebenszeichen von dir, und du schreibst nicht.“ Jetzt redete Jack, als sei er der Ankläger. „Sie will ins Wasser gehen, und von dir kommt kein Brief. Kannst du dir vorstellen, wie ich mich dabei fühlte? Ja, nach ein paar Monaten wollte ich Nell die Wahrheit sagen. Dass du am Leben bist. Dass alles nur Täuschung war, damit die Polizei sie und uns in Ruhe läßt. Wahrscheinlich hätte sie mich für meine Lügerei verflucht, aber das hätte ich in Kauf genommen. Aber du hast ja nichts von dir hören lassen. Was hätte ich deiner Meinung nach also tun sollen? Ihr sagen, dass du gar nicht ertrunken bist, nur eben nicht schreibst? Obwohl du es versprochen hattest? Glaubst du, dass es dann für sie leichter gewesen wäre? Nell, sag’s ihm selbst!“

  Aber Nell sagte nichts. Kein Wort.

  „Und als endlich ein Brief von dir kam, dein erster und einziger“ – auch diesen ungerechten Vorwurf ließ Jack nicht aus – „war es nicht nur für dich schon zu spät, sondern auch für Nell, und für mich. Ja, Johnny – ich hielt dich für tot, und ich habe mich in Nell verliebt. Und auch wenn wir heute nicht mehr zusammen leben können, liebe ich sie doch noch immer, und nicht weniger als damals, kein Stück weniger! Sie war es, die mich verlassen hat, nicht umgekehrt. Und als ich mich in sie verliebt hatte, hätte ich sie keinem anderen gelassen, auch dir nicht, und wenn du als Engel vom Himmel wiedergekommen wärst! Und nicht nur, weil ich sie liebte, sondern weil sie mich ebenso liebte. Jedenfalls hast du das damals gesagt, Nell, oder etwa nicht?“

  „Ja, das habe ich damals gesagt“, sagte Nell.

 „Und das letzte, was ich dazu sagen möchte, Johnny, und dann mach daraus, was du willst: Unser Sohn kam damals gerade zur Welt. Findest du nicht auch, dass ich schon allein deshalb ein größeres Recht auf Nell habe als du? Du hattest das ältere, ich habe das höhere. Auch wenn unsere Ehe heute nicht mehr so ist wie früher – ich will Nell nicht verlieren. Und ich will nicht, dass mein Sohn seine Mutter verliert.“

  Jack glaubte wohl selbst nicht, dass die Sache damit ausgestanden sei, denn als alle schwiegen, fügte er hinzu: „Du hättest nicht anders gehandelt als ich.“

  „Doch, das hätte ich“, sagte mein Onkel kalt.

  Jack riss ein Streichholz an und plotzte seelenruhig eine neue Virginia. „Ja, vielleicht. Ich jedenfalls finde bis heute, dass ich es richtig gemacht habe.  Was wäre das wohl auch für ein Leben gewesen für Nell, bei dir irgendwo im hintersten Asien, bei Pest und Cholera und diesen verfluchten Schlitzaugen, die am liebsten alle Europäer umbringen würden.“

  Es gab eine kleine Pause, dann sagte Jack: „Du kannst in Hamburg bleiben, Johnny, oder du kannst weiterziehen, jetzt, wo du weißt, wie du dran bist. Du kannst hier bleiben und deinen eigenen Laden aufmachen, solange du mir damit nicht in die Quere kommst, und du kannst auch bei mir einsteigen, als Partner, wie in den alten Zeiten. Lass mich nur vorher die Sache mit Constabler Flint in Ordnung bringen. Diese Stadt ist groß genug für uns beide, Johnny. Und sie wächst, und wird weiter wachsen, in ein paar Jahren haben wir eine Million Einwohner, und auch dann ist noch lange nicht Schluss. Vielleicht gehe ich in die Politik, und dann brauche ich jemanden, der hier den Laden für mich schmeißt, bis wir eines Tages beide im Senat sitzen, und Willy hier weitermacht. Was, Willy? Das wär’ doch was.“

  Wandrahm-Willy nickte stumm. Die Narbe auf seine Wange glühte. Ich hätte gern gewusst, was in seinem Kopf vorging.

  Jack ließ seine Blicke über uns andere wandern, dann sagte er zu meinem Onkel: „Wenn du Frieden willst, Johnny – einverstanden. Willst du Krieg – schade. War’s das, oder  möchtest du noch was wissen?“

   Und erst nun, ganz zum Schluss, stellte Onkel Johnny wie beiläufig eine Frage, deren Bedeutung ich erst später erfasste. „Hast du eigentlich noch das Messer, das ich dir damals geschenkt habe?“

  „Klar“, sagte Jack ohne weiteres. „Im Büro. Willst du’s wiederhaben? Gehen wir gleich hin!“

  Nell saß wie erstarrt, denn obwohl auch sie zum ersten Mal von diesem Messer hörte, ahnte sie sofort, was hinter dieser Frage steckte: Es war eben doch nicht allein die Liebe, und auch nicht nur Heimweh. Der liebe Onkel Johnny war auch zurückgekommen, um etwas herauszufinden. Deshalb war seine Rückkehr alles andere als ein unauffälliges Heimschleichen, sondern eher ein Stochern in einem Ameisenhaufen. Andere hätten sich vielleicht reingeschlichen und erst mal umgehört. Er aber wollte, dass auf dem Brook möglichst viele Leute möglichst schnell von seiner Rückkehr erfuhren. Ich verstand das damals nicht so ganz, aber es war auch eine Art Lebensversicherung. Wäre er heimlich gekommen, hätte Jack ihn im Handumdrehen verschwinden lassen können, ohne dass jemand davon erfuhr. Jetzt ging das natürlich nicht mehr, die ganze Unterwelt wusste Bescheid, und alle warteten gespannt, wie die beiden nun wohl miteinander fertig werden würden.

   Was wäre geschehen, wenn Onkel Johnny mitgegangen wäre? Höchstwahrscheinlich wäre nur einer von den beiden wieder aus dem Turm gekommen. Aber mein Onkel sagte nichts, er schaute Jack nur ganz lange in die Augen, und Jack zwinkerte so wenig wie die Katze vor dem Sprung.

  Und damit endete dieses gefährliche Gespräch. Jack dankte dem Henker für seine Gastfreundschaft, was dieser mit einem gnädigen Nicken quittierte, und reichte Nell höflich den Arm.

  Was war Lüge, und was Wahrheit? Was war Schicksal, was war Schuld?  

  Onkel Johnny brachte mich ins „Tritonia“, wo ich in der Gesundheit meiner jungen Seele feste schlief. Als ich wieder aufwachte, war es schon Nachmittag, und ich hörte Schüsse krachen.


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