„Ein Held ist einer, der tut, was er kann“

Donnerstag, 30. August 2012
„Grätscht sehenden Auges in den gelben Karton“: Zweikämpfer Ballack 2002 in einem Duell mit Südkoreas Song Chong-Gug. © Imago/Ulmer

Michael Ballacks schnöde Verabschiedung und die vielen Meldungen über seine unklare Zukunft können seine großen Verdienste um den deutschen Fußball nicht schmälern: Er war ein echter Leader, auch und vor allem dann, wenn es richtig wehtat. Seine größte Tat vollbrachte er vor 10 Jahren am anderen Ende des Erdfußballs.

Nach jeder WM wandern aus der Fülle der Szenen zum Schluss doch nur einige wenige Bilder ins Langzeitgedächtnis der Welt. Die meisten zeigen die Großen in ihrer Größe: Der scheinbar vom Gram der Niederlage 1966 in Wembley gebeugte Uwe Seeler (in Wirklichkeit ein Halbzeit-Foto). Franz Beckenbauer 1970 in Mexiko als besiegter, aber ungebrochener Krieger mit notdürftig geschienter Schulter. Der erschöpfte, mit dankbar zum Himmel erhobenen Armen kniende Matchwinner Gerd Müller nach dem Schlusspfiff 1974 in München. In Yokohama kam 2002 ein besonders bewegender Eindruck dazu: Michael Ballack als Zuschauer beim Finale, gequält von grausamen Gedanken: Mensch, den hätte ich doch mit links...!

Eigentlich eine ganz einfache Geschichte: Ein Mann opfert sich für Mannschaft, Fußballvolk und Vaterland. Grätscht sehenden Auges in den gelben Karton und rettet damit seiner Truppe das Endspiel, auf das er selbst nun aber leider verzichten musste. Darin liegt eine Größe, wie sie wohl nur noch der Hochleistungssport zeugt. „Ein Held ist einer, der tut, was er kann“, sagt Frankreichs kluger Dichter Romain Rolland, „die anderen tun das nicht.“ Und Amerikas weiser Philosoph Ralph Waldo Emerson wusste: „Heldentum vernünftelt nicht und hat deshalb immer recht.“ Michael Ballack hat nicht überlegt, er hat gehandelt. Hinterher Trost in den Armen des Teamchefs, bittere Tränen in der Kabine, einigermaßen gefasster Kommentar vor den Kameras. Und weiter geht’s. Dem Team helfen, so gut man noch kann. Die Tage bis zum Finale irgendwie rumkriegen.

Und dann wurde es doch so schwer: Fünf Tage nach dem Opfer dringen die traurigen Konsequenzen erst richtig ins Herz. Bis zum Finale war Ballacks taktisches Foul eine große Tat. Der Anpfiff machte daraus ein großes Leiden.

„Nichts wird ohne Opfer erreicht“, stellte Goethe fest, und: „Wenn das Mächtige, das uns regiert, ein großes Opfer heischt, wir bringen’s doch, mit blutendem Gefühl der Not zuletzt.“ Bei Michael Ballack blutete das Gefühl nicht wegen entgangener Ehre, geraubten Ruhms oder der verlorenen Lorbeeren einer völlig unerwarteten und deshalb umso wertvolleren Endspielteilnahme: Viel schlimmer folterte der unerbittliche Zwang des Zuschauens, die drückende Not der verhassten Untätigkeit, jene sehende Hilflosigkeit, die gerade einen Helden von Minute zu Minute heftiger schmerzen muss.

Die Zone am Spielfeldrand ist ein Fegefeuer des Mitfieberns. Kein Ball, dem nicht Kaskaden betrübter, enttäuschter, zuweilen auch grimmiger Gedanken folgen: Den hätte ich noch gekriegt! Das wäre mein Pass gewesen! Da hätte ich mich nicht so leicht abschütteln lassen! Den hätte ich ganz anders geschossen! Hier wäre ich zum Kopfball gekommen! Den hätte ich reingehauen, wenn...

Wenn, wenn, wenn. „Der Wennich und der Hättich sind zwei arme Brüder“, witzelt das Sprichwort und warnt: „Aber, wenn und gar sind des Teufels War’.“ Fußballer lernen so was schon in der E-Jugend. Ballack weiß darüber Bescheid, seit er Fußball denken kann. Die vertrackte Vize-Saison frischte das Wissen noch einmal auf. Was wäre, wenn damals in Nürnberg ... beim DFB-Pokal in Berlin ... beim CL-Finale in Glasgow... Aber das waren Erinnerungen an Szenen, in denen der elegante Midfielder mit dem tatenfrohen Tordrang noch selber agieren konnte. Zuschauen ist etwas anderes. Man sieht mehr, aber man kann nichts tun. Man sieht sogar den Mitspieler, den man im Spiel vielleicht übersehen hätte. Man sieht auch, wie der Mitspieler den freien Mann übersieht. Und man sieht sogar den gefährlichen Gegenspieler, der sich im Rücken des Bewachers plötzlich löst. Man sieht die Lok heranrasen, kann aber den Bahnübergang nicht schließen, die Augen erst recht nicht, höchstens dem Schrankenwärter noch schnell was zubrüllen und dann hoffen, das es nicht kracht.

Ballack war nicht der erste, dem das passierte. Vier Jahre davor traf es den Franzosen Laurent Blanc. Aber an verwandte Schicksale denkt keiner, der die Strafe der Bank zu ertragen hat. Der Kopf des echten Kämpfers erkennt die Konsequenzen einer solchen sportjuristischen Querschnittslähmung nicht an, er verdrängt sie. Der Instinkt koppelt sich sowieso ab. Der Blick folgt jedem Ball, der Verstand berechnet jede Flugbahn, unwillkürlich spannt sich die Muskulatur, die Füße zucken. Willensimpulse verzerren das Gesicht, weit öffnet sich der Mund, die Fäuste ballen sich...

Sisyphus hieß der antike Sagenheld, dessen Arbeit nie zu Ziel und Ende kam, weil der Felsbrocken, den er mühsam hangaufwärts wuchtete, jedes Mal kurz vor dem Gipfel wieder ins Tal zurück rollte. Solche Mühsal macht natürlich auch keinen Spaß, aber man ist wenigstens beschäftigt. Im Vergleich zu Ballacks Qualen auf der Bank ein leichteres Los. „Untätig verbrachte Zeit ist für mich wie der Tod“, klagte Roms Lyriker Ovid aus der Verbannung, und Griechenlands großer Weisheitslehrer Aristoteles erkannte: „Leben ist Tätigkeit. Ohne Tätigkeit gibt es keine Lust.“

Hätte Ballack das Tackling gegen Südkoreas größte Torchance auch durchgezogen, wenn er gewusst hätte, wie bitter diese Art Kameradschaft später auf der Bank schmeckt? Weil er den Schmerz wohl alsbald ahnte, war der Weinkrampf in der Kabine keine unmännliche Entgleisung. „Auch der Schmerz will seinen Ausdruck haben“, schrieb der Lyriker Friedrich von Bodenstedt, „und der Mann, vom Schmerze überwältigt, braucht sich seiner Tränen nicht zu schämen.“ Der Charakter, nicht die Maske macht den Mann. Vor Ballack hat Rudi Völler zu recht alle Hüte gezogen. Wer die Endspiel-Szenen auf der Bank sah, weiß um den wahren Preis des Heldentums. Das Opfer verschlingt nicht nur den Augenblick, es kostet eine lange Nachspielzeit. In Schmerz, Not, Einsamkeit und Verzweiflung solcher Tage und Stunden aber reifen die Helden der einen heroischen Sekunde zu den großen Spielern der ganzen Epoche heran.

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