11. Kapitel: Klein-Warschau

Freitag, 31. August 2012
Pluvius und Plutus: Der Mittelkanal auf der Elbinsel Steinwerder 1882. © Museum für Hamburgische Geschichte

So es überhaupt eine Gegend gab, die noch schlimmer war als der Brook, dann der Vogelhüttendeich, besonders wenn es regnete. Und an diesem Samstagnachmittag schüttete es wie aus Kübeln, denn die vom stürmischen Atlantik mal wieder geschwängerte Wolkenfrau hockte jetzt mitten über der Großen Elbinsel und ließ es mächtig rinnen.

  Wenn die Eskimos zweihundert verschiedene Wörter für Schnee kennen, haben die Hamburger dreihundert Sorten Regen, denn hier ist die Hauptstadt des Himmelswassers, hier wurde der Regen erfunden, hier wird er gemacht, und hier ist er zu Hause, da können sie in London sagen was sie wollen. Schon die Tröpfchengröße kennt Dutzende Variationen: Staubkorn, Sandkorn, Stecknadelkopf und so fort bis Erbse und sogar Haselnuß. Manche fallen sanft wie Tränen, andere weich wie Öl, viele zäh wie kalter Sirup, und die härtesten knallen wie Schoten. In Hamburg spürt die Haut nicht nur die Nässe, sondern auch den Einschlag. Hamburg ist die Traufe Deutschlands und das irdische Paradies der Regenschirmhändler, schimpft Jacob Gallois, dauernd ist die Bevölkerung entweder durchnässt oder bedreckt, und nirgends sieht man so gut die Waden der Frauen – sofern sie welche haben. Sehr charmant, danke schön! Von Herrn Gallois kann man aber nichts besseres erwarten, an anderer Stelle schreibt der freche Kerl sogar, in Hamburg gebe es Frauen mit so großen Füßen, dass sie, sollte sie plötzlich der Schlag treffen, aufrecht stehen bleiben würden.

  Unser berühmter Sprühregen püttschert nicht nur von oben in den Kragen, sondern der Schwerkraft zum Trotz auch in Kleid oder Hosenbein, denn der Wind bläst nicht nur aus den vier Himmelsrichtungen, sondern gern auch von unten. Hamburg ist außerdem, soweit ich weiß, die einzige Stadt, in der es einem nicht nur in die Augen, sondern auch in die Ohren pladdert. Und gewissen Leuten sogar in die Nasenlöcher. Pluvius hat hier ebenso seinen Tempel wie Plutus.

  Auf die Dächer der jämmerlichen Bruchbuden am Reiherstieg trommelte der Regen besonders eifrig. Sein Wasser sprühte auf die schadhaften Dachziegel, stürmte die zahllosen Risse und troff triumphierend in die winzigen Kabacken. Durch die schlecht gemauerten Wände drang die Kälte, die minderwertige Kohle lieferte mehr Qualm als Wärme, und überall stank das Elend zum Himmel. Einst büßten dort Vögel an Leimruten die Freiheit ein, jetzt zappelten arme Teufel in den Verträgen der Mietwucherer, fast elftausend Männer, Frauen und Kinder aus den Hungerprovinzen Westpreußen und Posen. Die Aussicht auf Arbeit in Fabriken wie der Wilhelmsburger Wollkämmerei lockte sie sirenensüß in den Schiffbruch, ihr Fleiß wurde grausam ausgebeutet, und ihr Lohn landete in den bodenlosen Taschen geldgieriger Hauswirte, betrügerischer Händler und gewissenloser Spelunkenwirte.

  Der preußische Unteroffizier polnischer Abstammung Josef Kowalski von den Wandsbeker Blauen Husaren saß wie betäubt in dem niedrigen Verschlag, in dem er seine Leute gefunden hatte - oder was von ihnen übrig war. Der Vater, keine fünfzig Jahre alt, ausgemergelt, ein gebrochener Mann, hockte auf einem Schemel, das von Hunger und Sorge zerfurchte Gesicht schamerfüllt in den schwieligen Händen. Die Mutter kauerte auf einem Strohsack, die erloschenen Augen mit den Tränen der Verzweiflung gefüllt. Kowalski konnte es kaum fassen: Hatten sie nicht gesagt, im Westen sei alles besser, dort liege das richtige, das reiche Deutschland, wo es für alle Arbeit gab? Und nun fand er sie in diesem schaurigen Loch!

  Am schlimmsten aber war das Schicksal seiner kleinen Schwester. Kowalski hatte Agnes zuletzt bei ihrer Kommunion vor zwei Jahren gesehen, in der Kathedrale von Posen, im weißen Kleid der Braut Christi - jetzt war sie entführt, entehrt und womöglich zur Dirne gemacht! Der Hass brannte wie Satansspucke in seinem Herzen. Wie froh war er gewesen, als er endlich nach Hamburg versetzt worden war  – und jetzt dieses Wiedersehen!

  Josef Kowalski war knapp dreißig, groß, kräftig, hatte glattes schwarzes Haar, dicke Augenbrauen und einem starken Schnurrbart unter der kühnen Adlernase, breite Wangenknochen, einen energischen Mund voller starker, weißer Zähne und ein Grübchen auf dem Kinn, als würde er zuweilen mit dem Unterkiefer Nägel einschlagen. Wenn es nötig gewesen wäre, hätte er es wohl auch getan. Seine Gesichtsfarbe war etwas dunkel, vor allem wenn er in Zorn geriet – so wie jetzt.

  „Verfluchte Peronje, wo ist sie?“ 

  Der alte Wollarbeiter schüttelte hilflos den Kopf. „Wir wissen es nicht.“

  „Wer weiß es dann?“

  „Niemand“, kam die trostlose Antwort.

  „Wer hat es euch denn gesagt?“

  „Leschek“, flüsterte der zahnlose Mund hinter den abgearbeiteten Händen. „Leschek der Starost.“

  „Wo finde ich ihn?“

  „Im ersten Haus am Kanal.“

  Erschüttert sah Kowalski auf das Wrack hinab, das sein Vater war. Dann schob er ein paar Geldscheine in die verbrauchte Hand, schloss die welken Finger zu einer Faust und versprach: „Ich hole euch hier raus.“

  Leschek der Starost lag in einer größeren, aber keineswegs besseren Kammer auf einem Strohsack. Zwei junge Frauen wechselten seine Verbände. Er war ein blonder, schwerer Mann, ein paar Jahre älter als Kowalski. Um das primitive Krankenlager standen andere Arbeiter. Als der Soldat eintrat, hoben sie drohend die Eisenstangen, denn die blaue Uniform ließ sie denken, es komme ein Constabler, obwohl sie inzwischen wussten, dass sie nicht auf Hamburger Staatsgebiet lebten.

  „Lasst das!“ sagte Kowalski auf Polnisch. „Ich bin einer von euch.“

  Die Männer entspannten sich, doch ihr Misstrauen blieb wach.

  „Bist du Leschek der Starost?“

  „Wer will das wissen?“ Der harte Mund unter dem gelben Mongolenbart war eher das Befehlen als das Antworten gewohnt. Leuchtend blaue Augen unter buschigen blonden Brauen musterten den Soldaten.

  „Kowalski. Meine Eltern wohnen hinten am Deich.“ 

  „Was willst du?“

  „Du hast meinen Eltern gesagt, dass meine Schwester eine Dirne geworden ist.“

  „Wie heißt sie?“

  „Agnes“.

  Der Starost richtete sich auf. Die jungen Frauen schoben ihm ein paar Kissen ins Kreuz. „Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich habe deinen Eltern gesagt, dass man sie zur Dirne machen will. Das ist ein Unterschied.“

  Kowalski nickte. „Wo kann ich sie finden?“

  „In Hamburg gibt es viele böse Häuser“, antwortete Leschek. „Die Zuhälter heißen hier ‚die Louis‘. Sie kommen nachts mit Booten und rauben unsere Mädchen aus den Kammern. Wir stellen Wachen auf, aber manchmal erwischen sie trotzdem so ein armes Ding.“

  „Verfluchte Peronje, warum geht ihr nicht los und schlagt die vermaletrackten Schweine tot?“ fragte Kowalski.

  „Gestern haben wir drei Mädchen befreit, aber eine Agnes war nicht unter ihnen.“

  Kowalski betrachtete Lescheks Wunden.

  „Keine Sorge“, sagte der Starost. „Mein Fleisch heilt schnell.“

  „Wo würdest du sie suchen?“

  „Überall.“

  „Und die Polizei?“

  „Tut nichts. Wenn es um uns Polen geht, sind alle Deutschen Teufel.“

  „Ich ziehe auch mit dem Teufel los.“

  Einer der jüngeren Polen rief halblaut einen Namen. Leschek hob abwehrend die Hand.

  „Was sagt er?“ fragte Kowalski.

  „Er sagt Dummheiten“, antwortete der Starost.

  „Ich will es trotzdem wissen.“

  „Wenn Deutsche ein Mädchen vermissen, gehen sie zu einem Mann im Hafen. Er heißt Jack Lendt und hat viel Macht. Aber er hilft nur Deutschen.“

  Ein alter Pole sagte - und diesmal verstand Kowalski den Namen -  „Johnny Mott“.

  „Wer ist das?“ fragte der Soldat.

  „Ein guter Mann“, antwortete Leschek. „Er hat früher geholfen, aber jetzt ist er fort, schon seit vielen Jahren. Die Deutschen sagen, er hat einen Polizisten umgebracht. Aber es gibt noch einen. Er ist ein Politiker, aber trotzdem ein ehrlicher Mann. Er heißt Bebel. Sein Büro ist am Rödingsmarkt. Er spricht heute Nachmittag auf einer Versammlung, in einem Lokal über der Elbe, das 'Sagebiels Fährhaus' heißt. Ein paar von uns gehen auch hin. Er kämpft für die Menschen. Für das Recht. Gegen das Verbrechen. Gegen die Prostitution. Er glaubt nicht an Gott, aber er hat trotzdem ein gutes Herz. Du bist Soldat, das wird ihn interessieren. Unter seinen Leuten sind nicht viele von euch.“

  „Ich werde hingehen.“

  „Viel Glück“, sagte Leschek. „Gott sei mit dir.“

  Kowalski ging hinaus und stapfte durch die Pfützen zur Pferdebahn.


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