Kapitel 12: Die Erben der Seevölker

Samstag, 1. September 2012
„Große alte Himmelskogge“: Die Katharinenkirche über dem Fleet Steckelhörn 1884. © Museum für Hamburgische Geschichte

Die Hauptkirche St. Katharinen kommt mir immer vor wie eine große alte Himmelskogge, die am Hafen Seelen sammelt, um sie durch die Feuersfluten des Purgatoriums sicher ins Paradies zu evakuieren, ein steinernes Schlachtschiff des Glaubens auf Kriegsfahrt in den Gewässern der Sünde. Das Portal mahnt wie eine Pforte zum Jüngsten Gericht, die Pfeiler recken sich wie die Leuchter der Apokalypse, die bunten Fenster glühen wie die Brände von Armageddon, und die Dachluken drohen, als könnten aus ihnen jederzeit großkalibrige Sündenabwehrkanonen auf die reichen Bürger- und Kontorhäuser feuern. Besonders auf die der Marke Reich & Rücksichtslos. Es gibt ja verschiedene Arten von Geldleuten. Die besten streben den Reichtum gar nicht an, sondern erben ihn, oder er kommt von allein, und sie versuchen, ihn einigermaßen vernünftig zu lenken. Andere stellen über ihr Geld immerhin moralische Betrachtungen an und richten sich sogar danach. Viele versuchen immerhin, sich irgendwie auf das viele Geld einzustellen und in der Flut nicht menschlich unterzugehen. Die meisten Reichen aber, die ich kannte, balgten sich wie der alte Averdar gierig um jede Mark. Reich geworden, dumm geblieben.

  Heute werden in St. Katharinen nur noch selten Gottesdienste gefeiert, denn in der Innenstadt wohnen ja kaum noch Menschen, aber in meiner Jugendzeit war das ganz anders, da füllten immer viele hundert Gläubige das Innere, wo es so dunkel und kühl war, wie ich mir als Kind Noahs Arche vorstellte. In den ersten Reihen saßen Reeder, Kaufherren und Grundbesitzer, dahinter beteten Handwerker, Krämer, Boten und Dienstleute, Fuhrleute, Fabrik- und Hafenarbeiter, und ganz hinten knieten Bettler, Waisenkinder und fromme Freudenmädchen.

  Auf dem Turm über diesem wuchtigen Kirchenkreuzer standen vier Männer und blickten über den Brook. Das Gewitter war abgezogen, die Nachmittagssonne brannte von einem wolkenlosen Himmel, und selbst in der luftigen Höhe war nicht der leiseste Windhauch zu spüren – ein Wetter wie aus Klopstocks Septembermai, oder Walther von der Vogelweides Tanderadei-Tagen.

  „Ein Pfahl im Fleisch“, wiederholte Adolph Ritter von Ulzburg-Stegen und wischte sich den Schweiß von den rosafarbenen Wülsten, die sich bei jeder Drehung seines Feldherrnschädels wie Schläuche auf dem steifen Kragen blähten. „Die Holländer haben den Brook der Elbe abgerungen, vorher war die Insel dauernd überschwemmt und taugte nur als Viehweide.“

  „Und im Sommer als Sonntagspromenade“, ergänzte Hoger Mars, der Hauptpastor von St. Katharinen. „Der Brook war unser allererster Park, die Bürger spazierten zur Elbe und genossen den Blick auf die vielen Inseln, hier wucherte ein richtiger Wasserdschungel, bevor alles zusammengedeicht wurde. Heute ist es auch wieder ein Dschungel, aber ohne Natur. Von hier oben sieht es nicht so schlimm aus, aber wenn Sie dort durch die Straßen gehen – das ist nicht nur bevölkert wie Ninive, das ist sündig wie Sodom!“

  Hauptpastor Mars wurde von seinen frommen Kanzelschwalben als „Kerub“ verehrt, denn seine Predigten ließen so wenig zu deuteln wie Gabriels Flammenschwert, er segelte konsequent den klaren Kurs des Mosesworts „Heute lege ich euch den Segen und den Fluch vor.“ Wenn seine Schäfchen lobten, seine Worte gingen unter die Haut, erwiderte er: „Das genügt mir nicht, ich will euer Herz tätowieren!“ Da er ohne geistige Enge in seinem Glaubensgebäude lebte und Fenster und Türen weit offen ließ, leuchteten seine Schätze umso schöner. Der Zeitgeist musste allerdings draußen bleiben.

  Der Pastor hatte ein Gelehrtengesicht mit buschigen grauen Brauen über der schmalen Nase und einen schlecht ausbalancierten Körper mit einem starken Torso auf dünnen Beinen. In seiner Amtstracht sah er wie ein Schwarzstorch aus, aber er zählte durchaus nicht zu jenen Geistlichen, die ihren eigenen Vogel für die Taube des Heiligen Geistes halten. Weil er oft bei Lampenlicht schrieb, zeigten seine Augen ein Netz roter Äderchen. Seine kräftige Stimme war dröhnendes Erz und eine lärmende Pauke, aber ihm fehlte die Liebe nicht, und mehr als alle anderen liebte er seine, wie er sie gern nannte, „armen Heiden“ auf dem Brook. Er war ein wackerer Hirte seiner vielen verirrten, wenn auch oft ganz einfach versoffenen Schäfchen, auch weil er nicht nur mit Worten half, sondern auch mit Brot und manchmal sogar mit Wurst.

  Der Polizeichef hatte indes einen anderen Vergleich im Sinn, als eingefleischtem Humanisten lag ihm die griechische Klassik näher: „Denken Sie sich den Binnenhafen als Hellespont und den Wandrahmkai als den Anlegeplatz der Griechen, viel größer als unsere Ewer dort werden ihre Schiffe damals nicht gewesen sein“, sagte er. „Dann wäre das Wandrahmfleet der Skamander, an diesem kleinen Platz dort, dem Kannengießerort, läge das Skäische Tor, und dort werden Sie vermutlich bald unsere Hamburger Spielart des Trojanischen  Krieges erleben, wenn sich nämlich unsere Spitzbuben gegenseitig die Köpfe einschlagen.“

  Die beiden anderen Männer sahen mit ihren Strohhüten und den Goldknopfblazern aus wie frisch aus dem Jachtclub des Prince of Wales herbeigesegelt. Der eine war unser lieber Charles Foster Minkus, zu seiner Zeit wahrscheinlich der berühmteste Mythenforscher der Welt und ein alter Freund des Polizeichefs.  Die beiden hatten an der University of London Jura studiert, ehe Minkus sich den, wie er sagte, „tieferen Wahrheiten“ widmen wollte. Für ihn war die Mythologie ein Atlas der Menschheitspsyche, eine Topographie jener Seelenschluchten, aus denen die alten Götter stiegen und, wie er meinte, noch heute steigen, als dämonische Inkarnationen unserer Ängste, Hassgefühle und Lüste. Als Begründer einer neuen wissenschaftlichen Fachrichtung, der „Mythopsychologie“, wollte er die Dämonen der nächtlichen Städte bekämpfen, aber nicht wie die Geisterjäger aus den Gruselromanen mit Holzkreuz, Silberkugel und Beschwörungsformeln, sondern mit den Waffen der Vernunft. Er war felsenfest davon überzeugt, dass das Licht der Aufklärung die Gespenster des Großstadtdunkels ebenso verrauchen lassen müsse wie der liebe Sonnenschein die Vampire. In Hamburg untersuchte er kontinentale Mythen, von ihren altgermanischen Wurzeln bis zu den jüngsten wilhelminischen Blüten.

  Ulzburg-Stegen war Witwer und herzlich gern bereit, dem Studienfreund den Sonntag zu opfern – erst recht, da der Zufall die Gelegenheit bot, einen Großstadtmythos in einem frühen Stadium seiner Entstehung zu präsentieren: einen Bandenkrieg in den Slums.

   Der vierte war Augustus, von dem ich das alles weiß: Augustus Averdar, der Neffe und Erbe des – mir sei das so zu sagen erlaubt, weitere Begründungen folgen  - schurkischen Konsuls, hochgewachsen, schlank, ein Bild von einem jungen Mann, wohlerzogenen und weit über sein Alter gescheit. Er hatte sein Studium fast beendet, und Minkus wollte ihn unbedingt als Assistenten gewinnen, während der Konsul und Erbonkel heftig drängte, der Neffe möge umgehend in das Familienunternehmen eintreten. Denn so geduldig das Hamburger Großbürgertum wissenschaftlichen oder sogar künstlerischen Interessen der Nachfolgegeneration manche Freiheiten lässt, bleiben solche Ausflüge in andere Tätigkeitswelten doch immer zeitlich begrenzt, und hinterher geht’s unerbittlich ins Geschäft, die Handlung zu erlernen, wie man hierzulande sagt. Denn zu den Gebildeten dieser wohlhabenden Stadt darf sich nur rechnen, wer rechnen kann.

  Aus der Höhe des Katharinenkirchturms betrachtet, brandete der Brook in drei großen steinernen Wogen gegen das Gotteshaus: Die erste trug die Häuser vom Kehrwieder bis zum Alten Wandrahm, die zweite die Schuppen an Sandtor- und Kaiserkai und die dritte das Gaswerk, die Fabriken sowie den Hannoverschen Bahnhof. Ulzburg-Stegen zeigte seinem Freund die Reviere der wichtigsten Banden, das der Mijnheers in der Mitte, wie ein Pfahl im Fleisch.

  „Mitten am Tage!“ wunderte sich der Professor und schob sein Teleskop zusammen. „Diese Leute müssen sich sehr sicher fühlen.“

  „Diese Verbrecher denken, der Brook gehört ihnen“, sagte der Polizeiherr. „Ich habe den Constabler des Reviers informiert.  Der Kerl steckt mit den Brookboys unter einer Decke. Er wird sie warnen, und wie ich die Kerle einschätze, werden sie die Sache nicht verschieben, sondern vorziehen. Unsere lieben Unterweltler sind auch nicht anders als andere Hamburger: Wenn sie sich einmal entschlossen haben, wird nicht lange gefackelt. In Hamburg muss man ankommen, bevor das Schiff abfährt, wenn man mitfahren will. Diesmal geht es nicht nur um eine Abrechnung unter Ganoven, es geht um die Macht im Hafen, und damit auch um die Macht in der Stadt. Solche Kämpfe werden bei uns immer ganz offen ausgetragen, denn die Leute sollen ja sehen, wer gewonnen hat. Das Hauptquartier der Brookboys liegt übrigens im sogenannten Kaiserspeicher, dort rechts, mit dem großen Ball auf dem roten Turm. In diesem Geiernest hat sich eine große, angesehene, unter Putz aber ziemlich dubiose Firma eingenistet, die Guyana-Company. Sie bietet unseren Verbrechern nun eine Art Legalität.“

Die damit verbundene Missachtung kaiserlicher Würde ließ den Polizeichef indessen kalt, denn er war zwar von achthundertjährigem Adel, aber durch und durch Hanseat. Auch passte ihm gar nicht, dass Hamburg jetzt Berlins Haupthafen werden sollte, denn seiner Meinung nach sollte es lieber Londons Zweithafen bleiben. Seine Grundhaltung gegenüber dem Deutschen Reich entsprach dem schönen Wort Hans Leips: „Die weite Welt vor uns, das Vaterland im Rücken, manchmal tiefer.”

  Eine Hamburger Spielart des Trojanischen Krieges? Das sei vielleicht von der historischen Wirklichkeit gar nicht so weit entfernt, sagte Professor Minkus lächelnd zu dem alten Studienkollegen. Auch vor dem alten Ilion hätten sich in Wirklichkeit wohl nur ein paar Räuberbanden die Schädel eingeschlagen. „Erst später mixten die ionischen Barden, die unter dem Namen 'Homer' firmierten, die Story später mit anderen Seevölker-Sagen zum Großmythos der Antike“, erklärte er. „Ich bin außerdem fest überzeugt, dass viele Helden des antiken Spektakels von diesen Küsten stammen.“

  „Von der Nordsee?“ staunte der Polizeichef.

  „Ganz recht, mein Lieber. Die alten Seevölker kamen von Westen, auf den Meereswegen der Wikinger und Normannen, und nicht anders als diese wilden Nordleute haben wir sie uns vorzustellen. Heute formt der Mensch das Land, schauen Sie sich nur diese Ziegelsteingebirge an, und hinten am Horizont die Äcker und Fluren. Aber früher, da formte die Landschaft den Menschen, und wenn Sie sich gute dreitausend Jahre zurückdenken, was sehen Sie hier? Wald. Nichts als Wald. Aber nicht kultiviert, zum Spazierengehen, mit Lichtungen und Holzwegen, sondern richtigen Wald, in den vor der Erfindung der eisernen Axt kein Mensch eindringen konnte. Unüberwindlich, unangreifbar, unheimlich, eine Quelle ständiger Sorge und Furcht. Jeden Moment konnten wilde Tiere hervorbrechen. Eine Wildnis aus Wald und Wasser. Dazwischen klammert sich der Mensch an schmale Ufer und Küsten. Ein einsames Leben. Das Nachbardorf Stunden entfernt.“

  Das könne man sich heute gar nicht mehr vorstellen, sagte der Polizeichef, er wäre froh, wenn es hier ein paar Leute weniger gäbe, und dafür ein bisschen mehr Grün.

  „Ja, grün war sie, diese Welt“, sagte der Mythologe. „Aber nur von April bis Oktober. Sonst war sie weiß. Schnee, Eis, Todeskälte. Der nordische Winter zeugt raue Geschlechter. Im Frühling Eile, im Sommer keine Ruhe, im Herbst drängt die Zeit, die andere Hälfte des Jahres ist dunkel. So hart der Tag, so stark die Seele. Schwächlinge sterben schnell. Die Starken halten zusammen – bis zum Verrat, der viel häufiger ist als die Treue. Erst kommt das Ich. Die nordische Seele ist edel und eigensüchtig,  grüblerisch und grausam. Die männliche Seele. Die Seele des Kämpfers.“ Das Weib sei anders. Nur der Mann verstehe den Mann. Deshalb patriarchalisch. Das Mutterrecht sei etwas für den Süden, wo der Boden vererbt, nicht erkämpft werde. Unter warmer Sonne gehe es um Lieder, Wein und Frauenschöße. Im Norden um Ruhm, Macht, Mannestaten, Schwur, Gewissen, Blut. Das Weib kenne keine solchen Seelenkämpfe.

  Augustus hörte lächelnd zu, er kannte die Vorliebe seines alten Lehrers, die Frühgeschichte in rosigem Lichte erstrahlen zu lassen. In Damengesellschaft kleidete der Professor seine Weisheiten in neutrale Gewänder, aber unter Herren redete er ungefähr so, wie ich es später bei Spengler lesen konnte, in Sätzen, die jede moderne Frau auf die Palme bringen, z.B: „Nur das dekadente, nicht gebärtüchtige Weib, die Nicht-Mutter, strengt ihr kleines Hirn an zur Beschäftigung mit Männerfragen.“

  „Eigensucht und Grausamkeit sind hier noch heute Geschäftsprinzipien“, lächelte Ulzburg-Stegen. „Heilige Eide gibt’s auch noch, bei der misstrauischen Gattin, oder im Polizeiverhör.“

  „Ich bin kein Gesellschaftskritiker, ich spreche als Mythologe“, sagte der Professor, „und Nibelungen- oder Gudrunsage sind die nordischen Gegenstücke zu Ilias und Odyssee.“ Die Trojasage schildere einen Landkrieg, aber die wichtigsten Helden seien Seeräuber: Agamemnon ein großer Häuptling auf einem gewaltigen Kriegszug nach Kreta, wo ja das wirkliche Idagebirge stehe. Achilles der stärkste Pirat, aber mit kleiner Schar. Odysseus der Schlaueste, wahrscheinlich der einzige Meermann, der je eine Festung eroberte. „Für mich historische Gestalten, auch wenn sie von keiner Inschrift bezeugt sind.“

  „Ihr Engländer seid doch die besten Humanisten“, sagte Ulzburg-Stegen. „Vor einigen Monaten durfte ich in der Zeitung lesen, einer Ihrer Landsleute sei ein so großer Verehrer des Homer, dass er testamentarisch verordnet habe, seine Haut zu Pergament umgerben und die Ilias darauf niederschreiben zu lassen.“

  „Das war sicher klüger, als sie den Würmern zu überlassen“, sagte der Professor. „Hätte gut in die Ilias gepasst. Söhne kalter Länder, in Entbehrung gereift, im Entsagen gewachsen, dem Ruhme alles, dem Tode nichts. Ja, von hier sind sie gekommen, oder doch wenigstens ihre Väter.“ Das Mittelmeer könne solche Seelen weder zeugen noch gebären. Die Troja-Helden fühlten sich den Göttern gleich. Im Süden gebe es Gottesfurcht, Demut, viel Ritual, deshalb seien dort die Priester der Adel. Im Norden dagegen Selbstbewusstsein, Stolz, Eigenverantwortung, deshalb seien dort die Adeligen die Priester. „Kleine Heldenvölker ziehen los, wie die Goten, nach Süden, zur Sonne, sengen und morden, bleiben ein paar Tage, ganz wie die Wikinger bei ihrem Überfall auf Hamburg in der Ansgar-Zeit, dann ziehen sie weiter, mit Beute, Vieh, entführten Weibern, den Müttern künftiger Helden. Irgendwann, irgendwo gehen sie zugrunde. Wir wissen nichts von Namen oder Sprachen aus dieser Zeit, aber Achilles oder Helena hatten blondes Haar. Troja war nur Zwischenziel. Der große Zug suchte Ägypten, damals ungefähr, was für unsere Auswanderer aus dem armen Osten Europas das reiche Amerika ist, und im Nildelta ging die Hauptmacht unter. Seevölker auf beiden Seiten, die einen als Räuber, die anderen als Söldner.“

  „Aber wenn es hier nur ein paar Dörfer gab“, zweifelte Hauptpastor Mars, „und vor Troja tausend Schiffe lagen...“

  „Im Delta waren es tausend“, sagte Minkus, „aber nicht vor Troja. Das war doch auch bloß so eine Seeräuberburg, ein Piratennest, in dem vielleicht ein paar hundert Kerle hausten, hart gesottene allerdings, mit ein paar Sklavinnen und geraubten Weibern. Machten mit zehn oder zwanzig schnellen Schiffen den Handelsflotten auf der Schwarzmeerroute die Hölle heiß. Bis sie an die Falschen gerieten. Ein Wikingerhäuptling klaut dem anderen die Lieblingsfrau, und schon geht's los. Beide werben zur Verstärkung Söldner an, auf der Basis Beuteteilung, wie in Hamburg zur Störtebeker-Zeit.“ Seemann und Schwertkämpfer seien verwandte Seelen, sie führen um den Gewinn, fürchteten weder Tod noch Teufel. Zögen los, weil das Leben sonst langweilig sei. „Wenn Gefahr und Ferne winken, sind Männer aus dem Norden nicht zu halten.“

  „Das ist alles lange her“, gab der Pastor zu bedenken.

  „Wirklich?“ fragte der Professor. „Sie als Mann der Kirche wissen doch am besten, dass es vor dem ewigen Gott weder Vergangenheit noch Zukunft, sondern nur Gegenwart gibt. Vor dem Herrn leben alle Menschen gleichzeitig, und so hat er auch seine Schöpfung angelegt. Wir alle, in welches Zeitalter wir auch  geboren werden, erleben alle mehr oder weniger das gleiche: Kindheit, Jugend, Krisen, Glück, Leiden und Tod. Freilich ändern sich Kostüme und Kulissen, und wohl auch die Sprache, aber es ist doch immer das gleiche Welttheater. Sind wir heute wirklich weiter entwickelt als die Völker der Frühgeschichte? Auch bei uns gibt es eine Welt von Barbaren, mit urtümlichen Gebräuchen, die sich nicht sehr von dem unterscheiden, was die Helden Homers so alles treiben: Zweikämpfe bis zum Tod, Frauenraub, Plünderung, Brandstiftung. Unsere Londoner Unterwelt hat ihren eigenen Regeln, ihre eigenen Begriffe, sogar ihre eigenen Vorstellungen von Liebe und Hass, ganz wie die alten Völker der Sage, und ich möchte annehmen, dass es in Hamburg nicht anders ist. Der Unterschied zu früheren Zeiten besteht wohl hauptsächlich darin, dass es früher das Schwert gab und heute den Schriftsatz, früher den Rat und heute die Rechtsmittelbelehrung.“

  „Nun, nun, lieber Minkus, wir können ja unsere schweren Jungs nicht gut zum Zweikampf fordern“, sagte der Polizeichef lächelnd, und zu den anderen: „Unsere englischen Freunde haben ein Faible für die alten Zeiten. Als im Krieg britische Militärbeobachter mit unserem Hamburger Infanterie-Regiment nach Frankreich zogen, glaubten sie, unsere Leute riefen beim Vorrücken den römischen Kriegsgott an, aber das vermeintliche Mars! Mars! war in Wirklichkeit nur das gute alte Mors! Mors!“

  Der Hauptpastor fand es angebracht, darauf hinzuweisen, dass sein Name übrigens nicht aus der Antike, sondern vom Marschbauernhof seiner Vierländer Vorfahren stamme.

   Professor Minkus klappte sein Teleskop wieder auf und richtete es auf das Skäische Tor. „Sie haben tatsächlich Barrikaden errichtet“, sagte er. „Die Mauern von Troja. Bin gespannt, was jetzt passiert.“

  „Im Totschlagen lassen sich unsere Unterweltler von den alten Griechen nichts vormachen“, sagte der Polizeichef.

  „Wir standen wirklich wie die Götter auf dem Berg Ida“, erzählte Augustus später, „und es dauerte nicht lange, da kamen unsere Seevölker-Erben auch schon. Marschierten wie ein Trupp Wandalen auf dem Brook und durch die Pickhuben in Richtung Holländische Reihe.“

  „Jetzt geht's gleich los“, sagte Pastor Mars. Er hatte schon Tage zuvor davon gehört, dass sich etwas gegen die Holländer zusammenbraute. Die Mijnheers zählten natürlich nicht zu den eifrigsten Kirchgängern, aber einige junge Malaien aus Batavia erschienen jeden Sonntag treu und brav zum Gottesdienst, und als sie plötzlich ausblieben, war der Pastor so alarmiert, dass er sich persönlich auf den Weg zum Polizeichef machte. Ulzburg-Stegen frühstückte gerade mit dem Studienfreund und dessen Assistenten. In seiner zupackenden Art versprach der Polizeiherr seinen Gästen ein Spektakel. Er trommelte Verstärkungen zusammen, schaltete das  Militär ein und machte so viel Wirbel, dass der Pastor nun fast erleichtert schien, seine Befürchtungen tatsächlich eintreffen zu sehen.

  „Wir müssen möglichst viel über den Verlauf dieser Schlacht in Erfahrung bringen“, sagte der Mythologe. „Vielleicht könnte ich später einige Verwundete oder Festgenommene befragen?“

  „Mir wär's bedeutend lieber, wenn es keine Verletzten gäbe“, erwiderte Ulzburg-Stegen. „Aber wir können leider erst dann so richtig zugreifen, wenn es losgegangen ist.“

  In der Kirche warteten ein Schock Constabler und eine Kompanie des 2.Hanseatischen Infanterieregiment Nr.76 „Hamburg“ aus der Kaserne an der Bundesallee, kommandiert von Hauptmann Bendixen, den ich später ebenfalls kennengelernt habe, eine perfekte preußische Offizierskarikatur mit Hurratüte, Monokel, Zwirbelbart und einem enormen Kugelbauch, ein lächerlicher Knirps, aber schussfest und einsatzfreudig.  

  An der Spitze der Brookboys ging natürlich Jack mit seiner Virginia, er qualmte wirklich bei jeder passenden Gelegenheit, was gar nicht weiter auffiel in einer Stadt, wo die Bürgergarde sogar beim Exerzieren rauchte. Hinter ihm kamen Wandrahm-Willy, der ehemaligen Berufsboxer Wacko Brett, Diet der Dorsch, Ben der Bremser und anderen Unterwelt-Heroen, die Augustus bald persönlich kennenlernen sollte. Ich traf sie immer wieder mal in den einschlägigen Lokalen. Auch die Blue Jackets, die Likedeeler und die Hafenratten waren dabei, zusammen vielleicht dreihundert Mann, mit Stöcken, Knüppeln und Piekhaken.

   An einer Laterne hing ein Wahlplakat der Sozialistischen Arbeiter-Partei mit einem Bild August Bebels und der Parole „Soziale Gerechtigkeit für alle“. Jack riss es im Vorübergehen ab und warf es auf die Straße.

  Am Kannengießerort, dem Platz vor der Holländischen Reihe, blieb der Haufen stehen. Die Mijnheers hatten das Straßenpflaster aufgerissen, Bäume umgehauen, Laternen umgestürzt und Karren, Tische, Kisten und Fässer zu einer Barrikade aufgetürmt. Sie waren kaum hundert Mann, aber alles handfeste Kerle, auch die zierlichen Malaien und Molluken von den Inseln der Sulusee, und gleichfalls bewaffnet mit Knüppeln, Stöcken, Piekhaken oder anderen für Straßenkämpfe geeigneten Arbeitsgeräten des Hafens.

  Die Mittagssonne übergoss den Platz mit einer Flut aus Helligkeit und Hitze. Es war totenstill, kein Kreischen von Kränen oder Surren von Winden, kein Flüchegebrüll der Vorarbeiter störte die Sonntagsruhe, sogar die Möwen schwiegen. Nur leises Stöhnen war manchmal zu hören, als schmerze es die Schiffe, wenn sie sich an den Kaimauern rieben.

  Und so begann nun die erste Schlacht auf dem Brook.

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