„Hat mein Fuß geeilet zum Betruge?“

Montag, 3. September 2012
„Toni, du bist ein Fußballgott“: WM-Torwart Turek neben Kapitän Fritz Walter und Trainer Sepp Herberger. © imago/Ferdi Hartung

Wann denkt der Durchschnittsdeutsche an den lieben Gott? Die  Antworten fangen alle mit F an: Friedhof, Finanzamt, Fußballplatz. Unterschied: Bei Beerdigung und Steuerbescheid kommt jedes Gebet zu spät, nur im Stadion öffnen Himmelsblick und Händeringen letzte Chancen. Als Münchens Bayern in der Hamburger Meisterprüfung 0:1 zurücklagen, sah man im rotweißen Fanblock Figuren die Fäuste falten, denen der Frömmste in keiner Kirche begegnen möchte. Nach Olli Kahns Elfer-Kill im Champions-Showdown gegen Valencia redeten plötzlich Typen von Gott, die sonst nur Mammon, Auto und Ego verehren.

 

Allerdings priesen sie nicht den Gott der Bibel, sondern ein rätselhaftes, göttlich-dämonisches Mischwesen, das in Europa seit etwa hundert Jahren als „Fußballgott“ Anhänger um sich schart. Mit dem Christentum hat es wenig zu tun. Sonst müssten seine Apostel, die Vereinspräsidenten, und seine Jünger, die Trainer, den gläubigen Fußballern ja Regeln einbleuen wie „Wenn dir einer gegen das linke Schienbein tritt, halt ihm auch das rechte hin“ oder „Selig sind die Blinden, denn ihrer ist das Schiedsrichtertum“.

 

Nächstenliebe, Verzicht, Demut gar? Nein – die Darwin-Religion des Fußballgotts folgt anderen Idealen. Wir dürfen sie atavistisch nennen. Der Duden definiert diesen Begriff als „in Gefühlen und Gedanken einem früheren primitiven Menschheitsstadium entsprechend.“ Das trifft nicht nur optisch zu: Auch moralisch wandeln die Diener dieses blutgrätschengierigen Götzen zwischen Neandertal und römischer Arena. Statt Frömmigkeit Fanatismus. Statt Nächstenliebe Bruderhass. Statt Gebet Gebrüll. Und statt „auf die Knie“ immer nur „auf die Fresse“.

 

Schon die Makedonen Alexander des Großen traten gegen den Ball (wie zuweilen gegen die abgehauenen Köpfe ihrer Feinde). Die Spiele-Götter der Antike waren hauptsächlich für den Krieg zuständig (Mars) oder hockten gleich im Hades, wo die Leute noch toter waren als im Sturm von St. Pauli. Parallelen: Auch die alten Griechen garantierten Fans fremder Teams freien Zutritt und Abzug. Und die Dichter der Antike widmeten den Siegern fast so schöne Oden wie heute die TV-Kommentatoren.

 

Dem Fußballgott unserer Zeit indes scheinen auch christliche Gedanken nicht gänzlich zuwider. Zum Beispiel dürfte er ziemlich katholisch sein (auch wenn Olli Kahn evangelisch ist). Spanien, Brasilien, Italien, Uruguay, Frankreich, Argentinien, Portugal: bei praktisch jeder WM und EM stehen die besten Teams beim Papst unter Vertrag. Deutschlands Nationalkicker kommen aus Bayern (München), Westfalen (Dortmund, Schalke) und dem Rheinland (Bayer). Den Protestanten bleiben Holland und der HSV. Da hilft zurzeit nur Beten. Rostock, St. Pauli und Cottbus gelten nicht als besonders christliche Stätten und steigen wohl auch nicht so schnell wieder auf. Wenn nicht ein Wunder geschieht. Ein Fußballwunder.

 

Solche liefert der Fußballgott in regelmäßigen Abständen. Nicht nur, weil er Rundes in Eckiges zaubert. Oder glückbringend in den Lostopf greift. Zuweilen nimmt er sogar wie der Gott der Bibel in den Augen seiner Gläubigen Menschengestalt an, vorzugsweise die von Torhütern, z.B. unseren 1954er WM-Zerberus „Toni-du—bist-ein-Fußballgott Turek. Und ganz gewiss gründet sich seine Popularität vor allem darauf, dass er stets nur für Gutes sorgt. Geht ein Spiel dagegen in die Grütze, ist nie der Fußballgott schuld, sondern entweder die Glücksgöttin Fortuna, der Schiedsrichter oder gleich der Teufel: „El Diablo!“ personifizierte Uruguays Presse in höllischem Ernst, als Dänemarks Stürmerstar Preben Elkjaer-Larsen vor vielen Jahren die Südamerikaner einmal fast allein aus der WM ballerte.

 

Die Kickkirchengeschichte kennt seit alters viele solche Wundertaten (oder erfindet sie auch mal, wie das angebliche Bibel-Zitat „Jesus stand im Tor und seine Jünger im Abseits“), doch 2001 war für den Fußballgottesglauben ein besonders gutes Jahr. „Bild“ bat vor dem Champions-League-Finale 2001: „Fußball-Gott, zieh die Lederhosen an!“ Berlins „BZ“ betitelte das Trio Hitzfeld, Kahn & Effenberg immerhin noch als „Heilige Drei Könige“. Bayern-Vize Karl-Heinz Rummenigge verkündete gar den „Messias“ (Rudi Völler). Rudi Assauer verteilte in seinem neuen „Fußballtempel“ das Vereinsblatt „Schalke unser“, und Maradona wollte in seinen Memoiren die foulen Fingerchen immer noch mal als „Hand Gottes“ verkaufen.

 

Den Aufstieg des Goal-Götzen belegt auch der wachsende Widerstand seiner Gegner. „Ganz und gar unangebracht“ findet der Münchner Sportprälat Karl-Heinz Summerer schon seit Jahren das Fußballgottgerede und erinnert an das Erste Gebot: „Du sollst keine fremden Götter haben neben mir.“ Oliver Kahn wiederum beschied einen Interviewer grimmig, es handele sich um Blasphemie, denn „es gibt nur einen Gott, und an den glaube ich.“

 

Vor diesem einen, einzigen, allmächtigen und allwissenden Gott aber verblasst unser gefeierter Fußballgott ohne viele Worte zu einer Art Maskottchen, das sich etwa im Kölner Geißbock personifiziert, als Talisman herumtragen lässt und alles durch die Vereinsbrille sieht. „In München wäre er Münchner, in Schalke ein Schalker“, weiß der Prälat. Das erinnert an Militärpfarrer, die im Krieg Kanonen weihten – der Abbé die französischen, der Pastor die deutschen. Nicht einmal einen Heiligen gibt es für die Fußballer, die sich höchstens den Apostel Bartholomäus als Patron der Schuster ausborgen können, vielleicht um zu „zeigen, wo der Barthel den Most holt.“ Für Schiedsrichter scheint der hl. Nikolaus geeignet, als himmlischer Schutzherr der Rechtsprechung, was vielleicht eine Erklärung bietet für die übliche Bezeichnung unverdienter Strafstöße als „schöne Bescherung“ oder die Beschimpfung des Referees als „Weihnachtsmann“.

 

Auch manches (echte) Bibelwort klingt zwar passend, z.B. für Kaiser Franz „Unter seinen Füßen war es wie ein schöner Saphir“ (2 Moses 24,10), für Günter Netzer „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ (Psalm 31,9) oder für Elfmeterschinder das selbstkritische „Hat mein Fuß geeilet zum Betruge?“ (Hiob 31,5) – aber in Wirklichkeit ist halt doch immer etwas ganz anderes gemeint. Darum dürfen Anhänger von Abstiegskandidaten auch nicht denken, das Wort des Propheten Jesaja aus Kapitel 60, Vers 11 sei auf ihren Club gemünzt, das da heißt: „Deine Tore sollen stets offen stehen.“

 

Der sogenannte Fußballgott, sagen wir es klipp und klar, ist ein Popanz aus der Kategorie der Glücksschweinchen, Horoskope und Lotto-Systemscheine. Trost: Der wahre Gott bleibt dem grünen Rasen keineswegs fern. Allerdings belohnt er nur den wahren Glauben. Prälat Summerer: „Zum Glück gibt es immer noch viele, die sagen, ich möchte Gutes tun und durch das Kreuzzeichen zeigen, wer ich bin, was ich kann.“ Denen winkt auch Himmels Segen. Doch wer ist es, der nach Torschuss oder Einwechslung niederkniet und das Kreuz schlägt? Mal ein Brasilianer, mal ein Franzose, immer aber jemand, der nicht nach alter Teutonen-Art gegen den Ball tritt wie im Wald nach einem Teufelspilz, sondern ihn streichelt als das, was er für ihn ja auch wirklich ist: ein Gottesgeschenk.

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