Kapitel 13: Die erste Schlacht auf dem Brook

Dienstag, 4. September 2012
„Ihr Hanjökel seid viel zu frech geworden“: Der Holländische Brook 1885. © Museum für Hamburgische Geschichte

Vor der Barrikade stand Willem der Dutch, in der Hand eine geschnitzte Keule aus schwarzem Holz, vormals Kriegswaffe eines Häuptlings der Illanum, glaube ich, der Meeresnomaden der Sundasee. „Durchgang verboten“, sagte er zur Begrüßung. „Privatgrundstück.“

  Seine Leute johlten beifällig. Ulzburg-Stegen und wir anderen gelangten unbemerkt über die schmale Brücke, die schon damals „kleiner Jungfernstieg“ hieß. An einer Ecke gab der Polizeichef nach hinten Zeichen wie ein Großwildjäger, der ein Rudel Löwen beschleicht.

  Jack paffte ein paar Züge, bis das herausfordernde Geschrei der Mijnheers wieder abebbte. Dann sagte er: „Ihr Hanjökel seid viel zu frech geworden. Jetzt lassen wir euch Käselutschern die Molke ab.“

  Da waren es die Brookboys, die Beifall brüllten.

  „Machen wir die Sache unter uns beiden aus“, schlug Willem vor und klopfte sich mit der Keule an den Schädel.

  Jack war nun nicht der Kleinste, aber sein Gegner maß gut zwei Meter und sah mit dem langen, zottigen Haar und dem dunkelblonden Bart wie ein Nordlandriese aus, ein Troll frisch aus den Fjorden; er hatte tatsächlich einige Jahre als Walfänger das Eismeer befahren und in Sibirien geräubert, Zobelfelle und so. Es ging das Gerücht, er habe seinem Vorgänger im Streit um eine junge Javanerin das Rückgrat gebrochen, bevor er ihn in der Elbe versenkte. Mir war er als besonders leicht reizbarer Kneipen- und Straßenschläger bekannt: Arme wie Balken, Pfoten wie Schaufeln, eine üble Visage mit gebrochener Nase, blutunterlaufenen Augen und nur noch der Hälfte des vom lieben Gott ursprünglich zur Verfügung gestellten Kaugeräts.

  Jack drehte sich um, und Diet der Dorsch warf ihm einen Hickoryprügel zu.

  „Hau dem Klönbeutel die Grütze aus’m Kopp!“ rief der Anführer der Blue Jackets zu, Hinnerk Teel, genannt der „Bootsmann“, ein pockennarbiger, tätowierter Hüne, dessen schwarze Zotteln um den Schädel wie um ein Medusenhaupt wallten.

  Willem der Dutch habe keiner weiteren Herausforderung bedurft, erzählte Augustus später beeindruckt, der Boß der Mijnheers sprang wie von einer Feder geschnellt auf seinen Gegner zu und ließ die Illanum-Keule durch die Luft sausen. Jack duckte sich und drosch seinen Stock an Willems untere Extremitäten. Der Schlag riss dem Dutch die Gehknochen weg, und er landete unsanft auf dem Kopfsteinpflaster. Jack stürzte sich auf ihn wie ein Habicht auf den Hasen in der Furche, aber der Troll rollte rasch genug zur Seite und kam auch höchst behende wieder in die Schuhe. So sei es eine Weile hin und her gegangen, wie bei Kampffischen, pausenlos Attacke, Rückzug und neuer Vorstoß, alles in höchstem Tempo. Jack immer elegant, und leichtfüßig wie ein Tänzer, er prügelte nicht etwa wild auf den anderen ein, sondern bewegte sich wie nach einer einstudierten Choreographie. Aber Wandrahm-Willy und die anderen wurden bald ungeduldig, Zuschauen war ihre Stärke nicht. Schließlich rutschte Willem auf ein paar Pferdeäpfeln aus und landete auf dem Hintern. Jack warf sich mit einem Hechtsprung auf ihn, aber Willem rollte wieder zur Seite wie ein Baumstamm, der von einem Fuhrwerk poltert, und Jack landete mit seinem feinen Tuch im Schiet. Die Mijnheers johlten vor Begeisterung, der Dutch war nicht nur stark, sondern auch verdammt schnell, was ja auch der eigentliche Vorteil der Raubtiere gegenüber dem Menschen ist: Sie sind einfach wahnsinnig fix, man kann gar nicht so schnell gucken, Ratsch! hat man eine Pranke im Gesicht, wie jeder weiß, der sich schon mal mit seiner Miezekatze angelegt hat.

  Willem ließ die Keule fallen und schlang beide Arme um Jack, kassierte aber einen üblen Tritt in die einzigen weichen Teile seines Eisriesenleibs und musste loslassen. Die Brookboys aber hielt es nicht mehr länger, sie hatten sich schon den ganzen Vormittag mit Mengen von Köm die Kampfmechanik geölt, nun stürmten sie disziplinlos an ihrem Anführer vorbei auf die Holländer los. Manche purzelten ein paar Mal von den Barrikaden, kleterten aber immer gleich wieder hinauf, bis sie endlich durch die Holländische Reihe rasten wie Kosaken durch den endlich eroberten Harem des Sultans, Jack vorneweg, wie ein Rachegott, und hinter ihm Wandrahm-Willy wie ein böser Geist, nicht aufzuhalten, auch nicht von diesem wilden Willem, der mit neuen Gegnern kämpfte wie ein Grizzly mit Wölfen.

  „Los!“ rief der Polizeichef. Bendixen hob den Säbel, die Soldaten legten an, und auf „Feuer!“ krachte eine Salve in die Schindeldächer.

  Die Wirkung war enorm: Brookboys wie Mijnheers ließen Stöcke und Stangen fallen und spritzten in alle Richtungen davon. Einige sprangen sogar in das Fleet und gingen unter der Kaimauer in Deckung. Die Constabler sausten wie die Derwische hinter ihnen her. Auf  der anderen Seite, an der Straße „Bei St.Annen“, hatte der Polizeichef Gefangenenwagen auffahren lassen, in der Unterwelt „Bulldogs Kinderwagen“ genannt, und die Constabler stopften hinein, wen sie erwischten, von welcher Bande war ganz egal. Die Mijnheers türmten in ihre Buden, die Brookboys hinterher, und dann hauten sie gemeinsam über die Dächer ab. Die Constabler kämmten aber auch die Häuser an den anderen Straßen durch, und das gesamte Wandrahmviertel spielte bis in die Nacht munter Räuber und Gendarm.

  Jack stand da schon lange wieder mit Willy in seinem  Büro und betrachtete machtlos die Razzia in seinem Reich.

  „Jetzt schicken sie schon die Pickelhauben“, sagte Willy wütend. „Und die ballern einfach so in der Gegend herum, mitten auf dem Brook!“

  Jack nahm seinem Butler den Fidibus ab, paffte ein paar Züge und sagte; „Wirklich unglaublich.“

  „Was hast du auch so lange mit dem Dutch herumgekaspert“, murrte Willy. „Ich hätte ihm gleich das Messer zu schmecken gegeben.“

  „Du hast eben keinen Humor“, sagte Jack.

  Der Butler kam mit seinem Tablett. Willy warf ihm einen schrägen Blick zu und sagte: „Wenn wir hier ebenfalls Gewehre hätten, würden wir es den Brüdern schon zeigen. Ich wüsst’ auch, wo wir welche kriegen könnten.“

  Aber dann kommt die ganze Armee, sagte Jack.

  „Na und?“ rief Willy hitzig.

  Jack wartete, bis Arthur wieder in der Küche war, aber Arthur hörte trotzdem, was sie weiter sprachen.

 „Wenn sich das Militär auf dem Brook breitmacht, ist es aus mit der Freiheit“, sagte Jack. „Dann gibt’s hier überall Kontrollposten, und nachts Ausgangssperre.“

  „Auch Uniformen haben Taschen“, sagte Willy trotzig.

 Jack lachte kurz. „Polizisten kann man kaufen. Offiziere nicht.“ 

 

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