Das Jesus-Bild von Manoppello

Donnerstag, 6. September 2012

Hütet eine Basilika bei Pescara wirklich das einzige wahre Porträt des Erlösers?

 „Zweifeln Sie nur nicht daran, dass es echt ist“, sagt Kölns Kardinal Joachim Meisner. „Ich habe Jesus gesehen“, glaubt Italiens Ex-Ministerpräsident Giulio Andreotti. „Ein theologischer Krimi“, urteilt ein ungenannter Kardinal. Und Papst Benedikt XVI. flog per Hubschrauber ins Abruzzenstädtchen Manoppello, um sich selbst ein Bild von dem Bild zu machen, das die Christenheit in diesen Tagen interessiert und irritiert: Zeigt die dort verehrte Textilie wirklich Jesus Christus, lag sie im Grab auf seinem Antlitz? Dann wäre es als Zeugnis der Auferstehung die wichtigste Reliquie der Christenheit nach dem Turiner Leichentuch.

Aussehen und Beschaffenheit fördern die Frömmigkeit der Betrachter: „Selbst unter dem Mikroskop finden sich keine Farben auf dem hauchfeinen Tuch und natürlich auch keine Grundierung“, sagt der Journalist Paul Badde („Die Welt“), dessen Buch „Das Muschelseidentuch“ die neuesten Forschungen zusammenfasst. „Dennoch finden wir hier ein Bild mit solch zarten Schattierungen, wie wir sie nicht einmal bei Leonardo da Vinco kennen“ – dem Renaissance-Genie wird immerhin die Entwicklung der sogenannten „sfumatura“, der feinsten Farbabstufungen, zugeschrieben.

Und, so Badde: „Ein anderes völlig rätselhaftes Phänomen besteht in der Tatsache, daß das Bild von zwei Seiten vollkommen sichtbar bleibt, nur seitenverkehrt, obwohl es in sich so transparent ist, dass man durch den Stoff eine Zeitung lesen kann. Im Gegenlicht verschwindet es hingegen vollkommen, es wird dann so durchsichtig wie eine Fensterscheibe.“ So zart liegt das weiße Gewebe zwischen zwei Glasplatten in der Monstranz auf dem Altar des Kapuzinerklosters von Manoppello, dass Gläubige es nur vor dunklem Hintergrund erkennen können. Dann erscheint ihnen ein Gesicht, dessen Farbe zwischen braun und grau changiert, mit leicht rötlich gezeichneten Lippen.

Prof. Donato Vittore von der Universität Bari bestätigte mit Digitalaufnahmen und UV-Licht, dass keine Farbe aufgetragen ist. Die markanten rostbraunen Flecken stammen vermutlich vom Blut des Erlösers, kleine Punkte lassen an Spuren der Dornenkrone denken.

Seit etwa einem Jahr deuten wissenschaftliche Untersuchungen darauf hin, dass es sich bei dem Gewebe um Muschelseide handelt, dem teuersten und fast schon verschollenen Stoff der Antike, der sich nur ganz leicht einfärben, aber nicht bemalen lässt.

Wie sich ein Menschenantlitz auf solchen Stoff prägen ließe, bleibt, so Experte Badde, „völlig schleierhaft“ – es sei denn, man glaube, daß göttliche Wunderkraft auf das geheimnisvolle Tuch wirkte: Immerhin soll es Maria Magdalena auf das Antlitz des Gekreuzigten gelegt haben, jene als weiblicher Apostel verehrte Heilige, die auch im jüngsten Bestseller „Das Sakrileg“ des US-Autors Dan Brown die Hauptrolle spielt.

Die Bibel kennt zwei Tücher, die mit Jesus in Kontakt kamen. Nach dem Johannesevangelium ging Petrus am frühen Ostermorgen als erster in das Grab des Auferstandenen hinein und sah „die Leinenbinden und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte“. Die „Leinenbinden“ sind nach Ansicht vieler Experten das „Turiner Grabtuch“, dessen Alter inzwischen wissenschaftlich zweifelsfrei erwiesen ist. Es wird seit 1578 in Turin aufbewahrt, jedes Jahr kommen Hunderttausende Pilger. Das „Schweißtuch“ aber soll nun das Muschelseidentuch von Manoppello sein. Es war seit dem 12.Jahrhundert ein Hauptziel der Pilger im Petersdom, verschwand während des Umbaus der Kathedrale im Jahr 1608 und wird seither im Kapuzinerkloster des Abruzzendorfs den Gläubigen zur Verehrung dargeboten.

Das Lukas-Evangelium kennt außerdem ein weiteres „Schweißtuch“, das eine Frau Jesus auf dem Weg nach Golgatha reichte. Die christliche Legende gab ihr im 4.Jahrhundert den Namen Veronika, nach dem lateinisch-griechischen Begriff „vera ikon“ für „wahres Bild“. Eine echte Reliquie gibt es nicht, wohl aber mehrere künstliche Christusdarstellungen, die weniger kritischen Zeiten auf Veronika zurückführten.

Der Jesuitenpater Heinrich Pfeiffer, der seit 1966 in Rom lebt, will nach eingehenden Forschungen festgestellt haben, dass die Porträts auf dem Turiner Grabtuch und dem Schweißtuch von Manoppello perfekt zusammenpassen: „Sie haben mit großer Wahrscheinlichkeit einst eine Einheit gebildet“, sagt der Ordensmann, „denn die Gesichtszüge sind deckungsgleich und ergänzen einander.“

Und, weiterer Beweis für die Echtheit: Diese Gesichtszüge haben die frühesten Christusdarstellungen in der Kunst entscheidend geprägt. Pfeiffer: „Charakteristische Details dieser Porträts sind die ovale bis rundliche Gesichtsform, die Asymmetrie, das Haarbüschel an der Stirn, der zweigeteilte Bart, die schulterlangen Haupthaare und der Blick nach oben“ – es scheint, als hätten die Künstler frühchristlicher Jahrhunderte Grab- oder Schweißtuch als Vorlage genutzt.

Pfeiffers Ansicht wird von Untersuchungen der Trappistenschwester und renommierten Ikonographin Blandina Paschalis Schloemer aus dem Konvent Maria Frieden bei Dahlem in der Eifel bestätigt: Sie konnte sogar nachweisen, dass der Abdruck der Barthaare auf dem Schleier exakt in den des Grabtuchs übergeht – gerade so, als habe Maria Magdalena zunächst den Schleier auf das Gesicht des Gekreuzigten gelegt, bevor das Leinentuch über Kopf und Körper gebreitet wurde.

Eine Echtheitsexpertise durch den Papst brächte Klarheit, doch Kirchenmänner sind vorsichtig. Über die Turiner Reliquie etwa sagte Johannes Paul II. 1998 diplomatisch: „Die geheimnisvolle Faszination des Grabtuches wirft Fragen über die Beziehung dieses geweihten Leinens zum historischen Leben Jesu auf. Da das aber keine Glaubensangelegenheit ist, hat die Kirche keine besondere Befugnis, zu diesen Fragen Stellung zu beziehen.“

 

Jesus-Porträts

Die christliche Überlieferung kennt eine ganze Reihe wundersamer Jesus-Porträts. Die wichtigsten:

Im Jahr 200 berichtet der hl.Irenäus von Lyon, Pilatus habe Jesus malen lassen; das Porträt sei später in den Besitz einer gnostischen Sekte geraten.

Um das Jahr 300 erzählt eine syrische Legende, dass König Abgar wegen einer unheilbaren Krankheit einen Boten zu Jesus geschickt habe. Abgar herrschte von 4.v.Chr. bis 7 n.Chr. und dann wieder von 13 bis 50 n.Chr. über Edessa, das heutigen Urfa in der Südtürkei. Jesus habe ihm daraufhin ein Abbild gesandt, das er mit seinem Gesicht auf ein Tuch geprägt hatte. Bei seinem Anblick wurde der König geheilt.

Das Schweißtuch, das heute im Petersdom gezeigt wird, ist offenbar nur ein Ersatz für das ursprüngliche, das heute in Manoppello verehrt wird.

Auch im spanischen Oviedo wird ein Schweißtuch aufbewahrt, das die Züge Jesu zeigen soll. Auch auf diesem Tuch stimmen die Verletzungen durch die Dornen mit denen auf dem Turiner Grabtuch überein.

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