Kapitel 14: August Bebel

Donnerstag, 6. September 2012
„Verbot von Mietwucher und Grundstücksspekulation“: Dovenfleet und Kornhausbrücke 1883. © Museum für Hamburgische Geschichte

  Ich erfuhr von dieser ersten Schlacht auf dem Brook erst später, außer den Schüssen hatte ich überhaupt nichts mitgekriegt. Auch Onkel Johnny, der kurz darauf ins „Tritonia“ kam, wusste nicht, was los war. Nell schickte die blasse Wiebke los, und das Stubenmädchen kehrte mit der Nachricht zurück, es habe eine Schlägerei mit den Mijnheers gegeben, und dann sei die Armee einmarschiert.“

  Mein Onkel runzelte die Stirn. „Die Armee? Auf dem Brook?“

  „Das ist Jack“, sagte Nell. „Es geht los.“

  „Was denn?“ fragte Onkel Johnny. „Ich denke, Jack ist hier schon die Nummer eins?“

  „Der Brook ist nur der Anfang. Jetzt geht um die Macht in der Stadt. Ich hab’s dir doch gesagt. Jack will jetzt wirkliche Macht, nicht nur das Sagen über ein paar Gangsterbanden auf dem Brook. Dieser Konsul hat ihm da einen Floh ins Ohr gesetzt. Jetzt gibt es nur einen, der Jack aufhalten kann.“

  „Und wer soll das sein?“

  „August Bebel“, sagte Nell.

  „August wer?“

  „Bebel. Du warst wirklich lange weg, Johnny.“

  „Bebel“, wiederholte mein Onkel in einem Ton, als sei seine Ahnungslosigkeit ein besonderer Vorzug; kein Mann hat es gern, wenn seine Unwissenheit bloßgestellt wird. „Woher soll ich den denn wohl kennen?“

  „Vielleicht von den vielen Plakaten? Die ganze Stadt ist damit vollgepflastert.“

  „Was für Plakate denn?“

  „Wahlplakate“, erklärte Nell ihm wie einem großen Kinde. „Bebel ist ein Arbeiterführer. Kämpft für soziale Gerechtigkeit. Er ist Vorsitzender der Sozialistischen Arbeiter-Partei.“

  „Ach so“, sagte Onkel Johnny enttäuscht. „Mit Politik habe ich nichts am Hut.“

  „Dann bist du vielleicht bald der einzige hier“, sagte Nell. „Die anderen interessieren sich alle brennend für Bebel und seine Ziele. Für die Arbeiter ist er ein neuer Messias, nur dass er den Armen und Entrechteten das Paradies nicht erst im Jenseits verspricht. Seine Versammlungen sind immer knackevoll, die Leute rennen ihm die Bude ein.“

  „Wenn schon, dann muss einer Anarchist sein und mit Bomben schmeißen“, sagte Onkel Johnny. „Davor haben die Pfeffersäcke Respekt.“

  „Ja, aber irgendwann kriegt sie der Henker am Hals“, sagte ich wohl etwas vorwitzig, denn mein Onkel fragte gleich süffisant: „Ach, du gehst wohl auch fleißig in die Spruchopern von diesen Volksbeglückern, da drängelt es sich ja immer so schön dicht!“

  Es dauerte eine Sekunde, bis ich kapierte. „Arbeiter beklaue ich nicht“, sagte ich dann mit nicht gelinder Empörung.

  „Ach so“ flachste er. „Ja, bei denen ist ja auch nicht viel zu holen.“

  „Es gibt eine ganze Menge Leute, denen es ganz und gar nicht gefällt, dass Bebel für uns im Reichstag sitzt“, sagte Nell. „Sehr einflussreiche Leute. Konsul Averdar, zum Beispiel.“

  Onkel Johnny winkte ab. „Wenn solche Lumpen in der Politik was zu melden haben, interessiert mich der ganze Kasperkram erst recht nicht.“

  „Ja, und weil du so denkst, und viele andere auch, können diese Schufte machen, was sie wollen“, sagte Nell. „Was glaubst du wohl, was passiert, wenn Jack es tatsächlich schafft? Wenn er und seinesgleichen dann unsere Gesetze machen?“

  Mein Onkel wollte es einfach nicht wahrhaben. „Jack meint wirklich, dass ihn die Leute in den Reichstag wählen? Ich dachte immer, um Politiker zu werden, muss man einen guten Leumund haben.“

  „Es kommt ja nicht darauf an, was ist, sondern was die Leute glauben“, sagte Nell. „Und die Leute auf dem Brook halten sehr viel von Jack. Für sie ist er ein Held. Und nicht nur, weil er ab und zu unter den Armen ein bisschen Geld verteilt, wie Robin Hood. Seit er der Boss ist, lassen die Louis hier die Mädchen in Ruhe. Wenn einer bei den Brookboys mitmacht, steht automatisch seine ganze Familie unter Jacks Schutz. Und wenn hier jemand Hilfe braucht, geht er nicht zur Polizei, sondern zu Jack.“

   „Warum dann das Tamtam mit den Mijnheers? Nur weil sie ihm nichts abgeben wollen?“

  „Nein, da steckt noch was anderes dahinter.“

  „Und was?“

  „Nationalismus“, sagte Nell.

  Onkel Johnny verzog das Gesicht. „Dieser Kaiserkram! Die Preußen haben euch ganz schön Qualm in die Köpfe geblasen.“

  „Uns nicht“, sagte Nell. „Aber Jack hat jetzt was gefunden, was die Leute hinter ihn bringt. Die Wähler, meine ich.“

  „Ach? Ich denke, die wählen immer den, der ihnen am meisten Lohn verspricht, oder bessere Wohnungen, und Schulen für die Kinder.“

  „Das versprechen doch alle“, warf ich naseweis ein.

  „Jack setzt auf Furcht, und auf Neid“, erklärte Nell geduldig. „Er macht den Leuten Angst, dass immer mehr Ausländer in die Stadt kommen. Und den Deutschen die Arbeit streitig machen. Du weißt doch, wie die Menschen sind: Die am wenigsten haben, fürchten sich am meisten davor, dass ihnen das Bisschen auch noch weggenommen wird.“

  „Ja, und stimmt das vielleicht nicht?“ fragt mein Onkel.

  „Was denn?“

  „Das mit den Ausländern!“

  „Das sind Menschen wie wir“, sagte Nell.

  „Mir brauchst du das nicht zu sagen, ich bin schon mal im Ausland gewesen“, sagte mein Onkel.

  „Dass du auf die Chinesen nicht gut zu sprechen bist, und auf die Portugiesen, kann ich verstehen“, erwiderte Nell. „Aber Verbrecher und Schinder gibt es in jedem Volk, das ist doch klar. Hier geht es um etwas anderes. Was wäre denn aus Hamburg geworden, wenn nicht immer wieder Fremde zu uns gekommen wären? Die Holländer haben uns die ersten Deiche gebaut, und die Portugiesen und die Engländer bei den Handelsverbindungen geholfen, und die Juden unsere Wirtschaft und unsere Kultur vorangebracht, und die Franzosen…“

  „..haben ihre Gäule in unseren Kirchen gestellt“, sagte Onkel Johnny.

  „Ich rede von den Hugenotten“, sagte Nell. „Und was macht es überhaupt für einen Unterschied, ob jemand aus Mecklenburg oder aus Polen zu uns kommt?“

  „Mir ist’s wirklich egal.“

  „Egal ist aber nicht genug“, sagte Nell. „Du solltest dir ruhig mal anhören, was Bebel sagt. Zum Beispiel heute Nachmittag in 'Sagebiels Fährhaus', da kommen wieder Tausende.“

  „Mal sehen“, brummte Onkel Johnny unlustig.

  „Helena können wir ja mitnehmen“, schlug Nell vor. „Mit der Bildung kann man nicht früh genug anfangen.“

  „Bildung!“ protestierte mein Onkel. „Was das wohl für eine Bildung sein soll!“

  Trotzdem setzten wir uns in den Ewer, seilten nach Blankenese, und Nell hatte mal wieder recht: Seit dem frühen Nachmittag wälzte sich auf den Hügeln hoch über der Elbe ein ununterbrochener Strom der Mühseligen und Beladenen, Entrechteten und Geknechteten stromabwärts. Bau-, Fabrik-, Speicher- und Werftarbeiter, Ewerführer, Matrosen, Schauerleute, Stauer, Festmacher, Kutscher und Tagelöhner von den Kais bildeten die Sturmtruppen gegen Unrecht und Unterdrückung. An der Spitze marschierte der Adel unter Hamburgs Werktätigen, die Quartiersleute aus den Speichern mit ihren Zylindern, den schwarzen Jacke mit den Silberknöpfen und den derben Schurzfellen. Harte Hände warfen an der Elbchaussee die Schlagbäume um, an denen die reichen Anwohner Wegezoll erheben ließen. Ein paar Wächter, die nicht willig genug wichen, holten sich blutige Nasen. Andere Abteilungen marschierten sechzig Meter tiefer durch die Fischerdörfer am Ufer, wo schon damals die Lotsenhäuser in allen Karussellfarben prangten. Mit den Arbeitern zogen Schneider, Schuster, Tischler, Zimmerleute, Reepschläger, Silberschmiede, Korbmacher, Buchdrucker und –binder, kleine Büroangestellte, Boten und Dienstleute, aber auch Frauen aus den Zigarrenfabriken, Näherinnen, Wäscherinnen, Konfektionsarbeiterinnen, Dienst- und Kindermädchen, Kellerinnen, Köchinnen und Putzfrauen, sämtlich im Sonntagsstaat. Nur wenige wussten, was Demokratie bedeutete, oder was eine Gewerkschaft war, aber alle kannten den Namen Bebel. Die Matrosen der Kohlenschiffe auf der Elbe winkten und brüllten sozialistische Parolen.

  Auf der kleinen Landungsbrücke standen preußische Polizisten, also legten wir ein paar Meter stromaufwärts in der kleinen Bucht an, die heute ein kleiner Jollenhafen ist, und stiegen über den Mühlenberger Weg auf die Elbhöhen.

  Sagebiels Fährhaus war ein beliebtes Ausflugsziel der Hamburger, die dort bei Kaffee und Kuchen in gutbürgerlicher Gemütlichkeit den herrlichen Blick auf das romantische Stromtal genießen konnten. An diesem Tag aber drängten sich zwölftausend wild entschlossene Werktätige in die große, mit roten Fahnen dekorierte Fachwerkhalle. Erst flogen die Tische, dann auch die Stühle hinaus, und bald war gar kein Durchkommen mehr. Weitere dreißigtausend Zuhörer standen draußen auf den Terrassen. Damit sie wenigstens einen Blick auf ihren Helden erhaschen konnten, hängten Helfer Fenster aus und deckten Dachziegel ab.

  Da wir mit den ersten Haufen ankamen, fanden wir einen guten Platz gleich vor den Buchsbäumchen der Rednertribüne. Als Bebel im schwarzen Gehrock auf die Tribüne trat, ließ ein Beifallssturm die Wände beben. Schon die ersten Worte forderten Hochrufe und begeistertes Hüteschwenken heraus: “Ich bin gekommen, um euch zu sagen, dass die Zeit eurer Sklaverei zu Ende geht.“ Die „Bourgeoisie“ habe begriffen, dass „ihre Uhr im Ablaufen begriffen“ und „ihr in der Arbeiterklasse ein Gegner entstanden“ sei, der „weiß, was er will, und ruhig und entschlossen seine Ziele verfolgt.“ Wieder Jubel, und noch lauter, als Bebel diese Ziele nannte: Arbeitszeit nicht länger als vierzehn Stunden am Tag. Verbot der Frauenarbeit unter Tage (erste Pfui-Rufe). Keine Beschäftigung von Frauen mehr bei der Reinigung der Walkiefer von bereits in Verwesung übergegangenen Fleischteilen und Gaumenhäuten, denn diese Arbeit sei zu schmutzig, und die Ammoniakdünste seien zu gefährlich. Verbot der Arbeit für Kinder unter fünfzehn Jahren, statt dessen Schulpflicht. Verbot der Sonntagsarbeit für Jugendliche. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen. Bessere Vorschriften zur Unfallverhütung. Regelmäßige Inspektion aller Fabriken, Hüttenwerke, Bauhöfe und Werften. Versicherungsschutz für alle Arbeiter, Landarbeiter und Seeleute. Johnny staunte, Nell nickte bei jedem Satz. Soziale Reformen. Alters- und Invaliditätsgesetz. Gleichberechtigung der Frauen. Mehr und bessere Schulen. Verbot von Mietwucher und Grundstücksspekulation (noch mehr Pfui-Rufe). Verbot von Ausbeutung durch Dumping-Löhne der „Blutsauger von Fabrikbesitzern“ (Rufe „Hängt sie auf!“)

  Noch mehr Beifall, als Bebel rief: „Diese Stadt gehört nicht dem Senat, sie gehört den Arbeitern!“ Hochrufe. Für ängstliche Gemüter folgten ein paar Anklänge ans Urchristentum: „Lebte Christus heute, wäre er ein sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter!“ Auch die Apostel seien von der Staatsmacht verfolgt worden, auch in der Gemeinde zu Jerusalem hätten alle alles geteilt, jetzt komme über den deutschen Arbeiter der Heilige Geist, und am Wahltag werde „für alle Geknechteten und Bedrückten die Erlösungsstunde schlagen“. Wieder Hochrufe, Hüte flogen.

  Zum Finale eineinhalb Stunden später malte Bebel bewegende Zukunftsbilder einer freien, friedlichen, fortschrittlichen Gesellschaft: Keine Kapitalisten, keine Standesunterschiede, keine Verbrechen mehr. Alle arbeiten gleich viel, aber nur noch zwei oder drei Stunden am Tag. Ach wär das schön. Rest der Zeit für Geselligkeit, Studien, Künste. Die Zuhörer lauschten wie hypnotisiert, auch mein politikverachtender Onkel Johnny. „Aber all das müssen wir uns erst erkämpfen!“ schrie der Redner. „Kein Paradies ohne Revolution! Ist Berlin die Hauptstadt des Deutschen Reichs, so ist Hamburg die Hauptstadt des deutschen Sozialismus!“

  Donnernde Hoch-Rufe. Die Nächststehenden stürmten die Tribüne, um Bebel auf ihre Schultern zu heben. Knorrige Saalschützer warfen sich dazwischen und brachten den Redner vor dem Jubel in Sicherheit.

  Draußen sagte mein Onkel beeindruckt: „Wer solche Massen lenken kann, der kommandiert eine Armee.“

  „Ja, aber eine Armee des Friedens, und des Fortschritts“, sagte Nell. „Eine Armee der Zukunft, eine Armee für eine gerechtere Gesellschaft, für ein besseres Leben, für wirkliche Freiheit und Gleichheit, und gegen die Ausbeutung. Bebel ist der einzige, der mit dem ganzen Elend aufräumen kann. Und er meint es ehrlich mit uns. Der ist nicht bloß so ein Volkstribun, der denkt nicht bloß an sich selber, und der sticht die Leute auch nicht einfach ab, wenn sie doch mal anderer Meinung sind.”

  „So wie Jack”, sagte Onkel Johnny.

  „Du kennst Jack, wie er damals war. Ich kenne ihn, wie er heute ist. Vor mir nimmt er kein Blatt vor den Mund. Wenn er wirklich das Sagen hat, gibt's hier Mord und Totschlag.”

  „Das gibt's doch jetzt schon!” sagte ich überflüssigerweise, und Nell nahm davon denn auch keine Notiz: „Ich hab's doch schon gesagt, Jack spielt mit der Angst, er redet den Leuten ein, dass die Polen ihnen die Arbeit abjagen wollen, und das ist noch nicht mal gelogen, natürlich kommen die Zuwanderer, weil sie Arbeit suchen, wozu denn sonst? Deshalb darf man sie aber doch nicht totschlagen! Die Mijnheers sind auch keine Engel, und haben die Prügel wahrscheinlich dicke verdient, aber diese Schlägerei war nur ein Probegalopp, bald werden wir ganz andere Kämpfe erleben, und ganz andere Opfer. Dabei könnte Hamburg ohne Zuwanderer gar nicht gedeihen, sogar bei den Brookboys machen jede Menge Ausländer mit!”

  „Wie steht denn Bebel eigentlich zu der Sache?”

  Nell war so in Fahrt, dass sie nicht gleich verstand. „Was für eine Sache denn?”

  „Na, mit den Ausländern doch, von denen hat er ja ganz vornehm geschwiegen.”

  „Frag ihn doch selber.“

  „Wie denn, man kommt ja gar nicht an ihn ran.“

  „Er hat ein Büro am Rödingsmarkt, dort wird niemand abgewiesen.“

  Wir machten uns mit den Tausenden, die immer wieder triumphierend Bebels Kernsätze wiederholten, auf den Heimweg. Hinter Dockenhusen, das damals noch ein Fischerdorf war, führte ein schöner Pfad durch Heidekraut, man ging dort wie durch einen Steingarten. Nell und ich hatten uns eingehängt, Onkel Johnny kam ein Stück hinter uns, und dann wieder andere, denn weil der Weg an dieser Stelle so schmal war, wanderten wir wie die Ameisen in Kolonne. Es wurde schon allmählich dunkel. Plötzlich rief eine Stimme „Das ist für Relf!“

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