Kapitel 69: Tod im Gaswerk

Freitag, 8. März 2013
„Spitze Dächer, Giebel und Türme“: Butenkajen, Hohe Brücke und Waage 1885 © Museum für Hamburgische Geschichte

Die Gasfabrik lag auf dem Strandkai als das bei Beschreibungen alter Industrieanlagen immer gern herangezogene Ungeheuer der Urzeit: Spitze Dächer, Giebel und Türme waren sein Schuppenpanzer, hohe runde Stahlbehälter seine Saurierfüße, und der himmelhohe Schornstein sein Drachenhals, mit einem Kopf, dessen Nüstern Rauch und Feuer spieen. In einer weiten, düsteren Halle schaufelten schwarze Männer Steinkohle in einen glühenden Schlund, als sollten sie wie die Knechte Nebukadnezars den Feuerofen des Götzentums für die Unbotmäßigen heizen. Es war aber nicht der König von Babel, der ihnen das befahl, sondern der König des Brook, und Jack wollte nicht Lebende zu Tode bringen, sondern hätte am liebsten wie Shakespeares Prinzen von York einen Toten zum Leben erweckt, um ihn zu strafen.

  Jacob Christophorus Averdar schwitzte. Die Luft schien zu brennen, und das Brausen der Flammen klang dem Konsul wie das Geheul von Dämonen, so unheimlich war ihm zumute, als er zusehen musste, wie Diet der Dorsch noch nach seinem Tod den Weg der Verräter ging.

  Schon früher hatte der Anblick des Gaswerks in Averdar keine glücklichen Gefühle geweckt, denn die Vorstellung, dort eine Aktienmehrheit erwerben und dann im Winter den frierenden Städtern die Preise diktieren zu können, gärte wie Hefe in seinem Kapitalistenblut. Trotz seiner energischer Avancen aber wollte der Senat dort privates Kapital nicht zulassen, und nur widerwillig hörte Averdar den Trost seiner Ingenieure, die Energie der Zukunft sei eher die Elektrizität, mit der die Edison Company schon Teile New Yorks und Londons versorge. Die dazu nötigen Dynamos trieb Dampf, es sei deshalb höchste Zeit, ein Gelände zu kaufen, das Platz für Hallen mit Generatoren, Dampfmaschinen und großen Kokshalden bot. In dieser Stunde aber war an neue Investitionen nicht zu denken: Nach der Katastrophe im „Hamburger Hof“ konnte es nur darum gehen, zu retten, was zu retten war.

  Das Gespräch mit Jack war enttäuschend verlaufen.

  „Was ist mit unserem kleinen Geschäft?“ hatte der Konsul angefangen. „Ich brauche jetzt jede Mark.“

  Jack wartete, bis der Konsul den üblichen Whisky Soda von Arthurs Tablett geangelt hatte, und nahm auch selbst einen Drink. „Ich sagte Ihnen schon: So was braucht Zeit“, antwortete er dann etwas barsch, was Averdar allerdings nicht den Mut nahm, sogleich den nächsten Wunsch nachzuschieben: „Sie müssen mir noch einen anderen Gefallen tun, Jack.“

  „Und das wäre?“ 

  Der Konsul nippte, bis der Butler verschwunden war, und sagte dann: „Diese Sängerin, Jack, Sie wissen schon. Sie erpresst mich.“ Er erzählte die ganze Geschichte. Arthur in seiner Kombüse machte große Ohren.

  „Sie hat Sie gleich um hunderttausend Mäuse geschröpft? Sie, den alten Blutegelsammler?“ Jack begann zu lachen. Er lachte immer lauter, bis er sich fast verschluckte.

  „Es scheint Sie ja sehr zu amüsieren“, sagte Averdar säuerlich. „Aber denken Sie doch bitte an unsere gemeinsamen Geschäfte!“

  „An die denke ich Tag und Nacht“, sagte Jack. „Und was soll ich nun tun?“

  „Sie sollen diese kleine Erpresserin einfach verschwinden lassen, Jack.“

  Jack stellte das Glas auf den Schreibtisch. „Ach so. Und wie stellen Sie sich das vor? So ein Hotel ist ja keine Bauernkate. Da gibt es Dienstboten, Personal, Besucher, einen Haufen Zeugen. Was ist mit denen? Sollen meine Leute in den ‚Hamburger Hof’ marschieren und eben mal kurz den gesamten dritten Stock abstechen?“

  „Lassen Sie sich etwas einfallen“, drängte der Konsul. „Wenn das verdammte Weib den Wechsel fällig stellt, bin ich geplatzt!“

  „Wann ist er denn fällig?“

  „Am Samstag.“

  Jack überlegte.

  „Erweisen Sie mir diesen Gefallen“, drängte der Konsul. „Es soll Ihr Schade nicht sein.“

  „Ja, das denke ich auch“, sagte Jack. „An welche Summe haben Sie dabei gedacht?“

  „Bitte?“

  „Sie verstehen schon. Meine Leute arbeiten nicht für die flache Hand.“

  „Ach so“, sagte der Konsul irritiert. „Was ist denn in diesen Kreisen so üblich?“

  „Wir sind keine Mörderbande“, sagte Jack. „Am besten orientieren wir uns an den in Hamburg gebräuchlichen Grundsätzen des Ehrbaren Kaufmanns und machen halbpart.“

  „Was?“ rief der Konsul.

  „Kippe oder Lampen“, sagte Jack ohne jede Höflichkeit. „Suchen Sie es sich aus, Konsul.“

  „Ach so“, sagte Averdar. „Jetzt verstehe ich. Sie glauben, dass Sie mich in die Enge treiben können. Da haben Sie sich aber geschnitten.“

  „Glaube ich nicht“, erwiderte Jack ungerührt. „Wenn hier jemand blutet, dann Sie.“

  Der Konsul starrte ihn hasserfüllt an. „Also gut, sagte er schließlich. „Sie besorgen den Wechsel, ich zahle die Hälfte aus.“

  Arthur kam wieder mit seinem Tablett hereingesegelt.

  „Nehmen Sie noch einen“, sagte Jack.

  „Gern“, brummte der Konsul missmutig und angelte sich ein volles Glas.

  „Ich habe also Ihre Zusage“, sagte Jack, als ginge es um ein ganz gewöhnliches Geschäft.

  „Selbstverständlich“, sagte der Konsul. „Wir sind ja Ehrenmänner.“

  Jack lächelte. „Kommen Sie mit“, sagte er dann. „Ich möchte Ihnen etwas zeigen. Als kleinen Beweis des Vertrauens.“

  „Haben Sie wenigstens meine Viertausend wiedergefunden?“

  „Die liegen im Siel“, lachte Jack. „Ich hatte noch keine Zeit, vielleicht suchen Sie mal selber.“

  „Im Siel?“ ächzte der Konsul.

  „Geld stinkt nicht, oder?“ sagte Jack. „Und faule Wasser können einen alten Blutegelsammler ja wohl kaum schrecken, was? Die Kiste steht gleich bei dem alten Tempel, den Sie kürzlich erwarben.“

  Der Konsul schnappte nach Luft.

  Danach fuhren sie in Jacks Kutsche zum Gaswerk. Der Anblick, der sich Averdar dort bot, war keineswegs geeignet, seine finsteren Empfindungen aufzuhellen. In der düsteren Feuerungshalle hatten fünfhundert Brookboys mit ihren Hickorystöcken Aufstellung genommen wie zu einer Parade. Durch die schmutzigen Scheiben drang nur wenig Licht. Aus der offenen Tür des größten Ofens blakte die feurige Lohe. 

  Vor den Männern stand Jack wie ein General vor seiner Armee.

  „Ruhe!“ rief Wandrahm-Willy in das Gemurmel, und die Männer strafften sich.

  Jack ließ eine Weile den Blick über die harten Gesichter schweifen. Neben Willy standen Wacko, Ben und der junge Hein Cölln, aufgerückt für den toten Diet, der jetzt dem Feuer übergeben werden sollte.

  „Männer“, sagte Jack, und seine Zuhörer machten sich noch ein paar Zentimeter größer. „Habt ihr Angst vor der Hölle?“

  Die Männer lachten.

  Jack zeigte auf den Ofen. „Oder vielleicht vor dem Fegefeuer?“

  Wieder lachten einige.

  „So ist’s recht“, sagte Jack. „Ihr sollt nur vor einem einzigen Feuer Angst haben. Vor dem Feuer, in dem wir die Verräter verbrennen.“

  Die Männer hörten auf zu lachen.

  „Wir sind hier, um einen Verräter zu bestrafen“, sagte Jack.  „Seht es euch gut an. Prägt es euch ein, damit ihr es niemals vergesst.“

  Er schaute drohend in die Gesichter, dann sagte er: „Vor fünfzehn Jahren habe ich euch zum ersten Mal gezeigt, was wir mit Verrätern machen. Einige von euch sind damals schon dabei gewesen, andere kamen erst später zu uns, aber auch sie haben es einmal oder sogar mehrere Male gesehen. Ja, auch bei uns gab und gibt es Verräter. Und nun sagt mir, was die gerechte Strafe für Verräter ist.“

  „Tod“, murmelten einige.

  „Ich will es von euch allen hören!“

  „Tod“ sagten nun alle.

  „Lauter!“

  „Tod!“ schrien alle.

  „Noch mal!“

  „Tod! Tod! Tod!“ brüllten die Brookboys aus Leibeskräften; Hass funkelte in den wilden Augen, und dem Konsul fuhr ein Schauder durch und durch. Er wusste jetzt, warum er hatte mitkommen sollen.

  Im Ofenloch blakte das Feuer.

  „Vor fünfzehn Jahren warfen wir den ersten Verräter an den Brookboys in die Flammen“, sagte Jack. „Andere folgte ihm. Wir hörten sie jaulen, wir hörten sie winseln, wir hörten sie quieken, wir hörten sie schreien. Habt ihr gehört, wie sie schrien?“

  „Ja!“

  „Habt ihr es gehört?“

  „Ja!“

  „Und wollt ihr es wieder hören?“

  „Ja! Ja! Ja!“

 Jack seufzte tief, hob die Hände und schüttelte langsam den Kopf. „Tut mir Leid, Männer, aber diesen Wunsch kann ich euch leider nicht erfüllen.“

  Ein vielstimmiges „Ooooooo“ war die enttäuschte Antwort.

  Jack wartete mit betrübtem Gesicht, bis die Männer verstummten. Dann sagte er: „Keine Schreie. Leider.“ Dann sagte er lauter: „Aber Jaulen, Winseln und Quieken, das könnt ihr hören. Wollt ihr das?“

  „Ja!“ riefen die Männer.

  „Wollt ihr Jaulen hören?“

  „Ja!“

  „Wollt ihr Winseln hören?“

  „Ja!“

  „Wollt ihr Quieken hören?“

  „Ja! Ja! Ja!“

 Auf der Ofentür züngelte eine Flamme. Jack lächelte grimmig und gab ein Zeichen. Wandrahm-Willy und Wacko drehen sich um und gingen durch das Tor hinaus. Die anderen warteten gespannt.

  Nach ein paar Sekunden kam Willy als erster zurück, hielt das Tor auf, und Wacko schob eine Karre der Stadtreinigung in die finstere Halle. Auf der Ladefläche lag der mit Stricken gefesselte Leichnam des Dorschs. Auf den Bauch war ein Straßenköter gebunden, auf das Gesicht eine Ratte.

  Ein Raunen ging durch die Reihen der Männer, sie stießen einander an und starrten flüsternd auf die makabre Szene.

  Wacko schob den Karren vor den Ofen. Der Feuerschein färbte sein brutales Gesucht rot wie das eines Höllenknechts. Der bleiche Willy stand mit seiner Narbe daneben wie ein Totengott.

  Jack wandte sich wieder den Männern zu. „Das ist Diet der Dorsch“, erklärte er. „Er war unser Mann, er war unser Freund, er war unser Vertrauter. Er hat uns verlampt. Er hat bei der Plempe gesungen, der verfluchte Hund, die miese Ratte. Ich ließ ihn abknallen, bevor er noch mehr Schaden anrichten konnte. Darum kann sein Leib das Feuer nicht mehr fühlen.“ Er hob die Stimme. „Aber seine Seele soll spüren, dass sie brennt“, rief er. „Und seine Brüder sollen es bezeugen. Wollt ihr das?“

  „Ja!“ brauste es durch die Halle.

  Jack nickte. Dann wandte er sich der Karre zu.

  „Nun, Dorsch“, sagte er laut. „Gestehst du, dass du ein dreckiger Verräter bist?“

  Willy zog das Messer und stieß es dem Hund in den Hinterlauf. Das Tier jaulte auf.

  „Ja!“ riefen die Männer blutrünstig.

  „Bekennst du dich schuldig im Sinne der Anklage?“

  Ein neuer Stich, ein neues Jaulen.

  „Ja!“ riefen die Männer.

  „Gestehst du, dass du dreckiger Hund bist?“

  Der arme Köter jaulte wieder.

  „Ja!“ riefen die Männer.

  „Wir wollen dich winseln hören!“

  Willy hielt dem gequälten Geschöpf das blutige Messer vor die Schnauze, und das arme Tier begann zu winseln.

  „Ja!“ brüllten die Männer begeistert.

  „Und wir wollen dich quieken hören!“

  Willy piekste die Ratte, und das gewünschte Ergebnis stellte sich ein.

  „Ja!“ brüllten die Männer wie von Sinnen.

  „Wie lautet euer Urteil?“ rief Jack.

  „Tod!“ antworteten sie.

  „Wollt ihr ihn brennen sehen?“

  „Ja!“

  Auf Jacks Zeichen rollte Wacko den Karren dicht vor die Glut. Hund und Ratte jaulten und quiekten in Todesangst.

  „Hört ihr das, Männer?“ fragte Jack.

  „Ja!“

  Der furchtbare Riese hob den Leichnam samt den auf ihn festgebundenen Tieren hoch und schob das grausige Bündel in den Ofen.

  „Ja!“ brüllten die tobenden Männer. „Ja! Ja! Ja!“

  „Brenne, du verdammter Lump!“ rief Jack. Auch seine Männer schrien dem Toten Flüche und Beschimpfungen hinterher. Bleich sah der Konsul zu.  

  „So wird es jedem Verräter ergehen!“ schrie Jack. „Nicht mal in ihren Gräbern sollen sie vor uns sicher sein!“

  „Ja! Ja! Ja!“ schrien die Brookboys.

  Jack wartete, bis seine Männer sich wieder beruhigten. Dann sagte er: „Seid wachsam! Passt auf! Lasst euch nicht täuschen! Nehmt euch in Acht! Ihr wisst, worum es geht. Behaltet die Schmiere im Auge, und die verfluchten Schnüffler! Und auch auf die stinkenden Käsefresser, die Polacken, die Nigger und das ganze Gesocks. Ihr wisst: Am Sonntag räumen wir damit auf. Bis dahin Vorsicht. Dann freie Jagd!“

  „Ja!“ brüllten die Männer und ließen die Spitzen der langen Hickorystöcke auf den Steinboden knallen. „Ja! Ja! Ja!“

 

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