Kapitel 71: Der Einmarsch der Preußen

Freitag, 15. März 2013
„Der Galgen steht auf dem Steintorplatz“: Blick in die Spitalerstraße mit dem Hospital St. Hiob auf die Petrikirche © Museum für Hamburgische Geschichte

Mit dem Erzählen ist es wie mit dem Stricken: Wenn man nicht aufpasst, stolpert man über den Faden, die Maschen gleiten ab und man muss noch mal von vorn anfangen. Deshalb nun mal ganz langsam und schön der Reihe nach.

  Als die Wachsoldaten in den Hof des Arrestblocks stürmen, sind zwei der Fememörder bereits tot. Onkel Johnny und Kowalski haben ihnen die Messer entrissen. Die anderen drei, darunter der Anführer, werden überwältigt und abgeführt. Mein Onkel hat nur ein paar Kratzer abgekriegt, aber Kowalski ist ziemlich übel verletzt, zwei Stiche in der Brust und einer in der Schulter. Stark blutend wird er ins Militärhospital an der Kleinen Gärtner-Straße gebracht.

  Generalleutnant Börries von Waltershausen will die Hinrichtung am nächsten Tag dennoch planmäßig durchführen lassen, aber Militärstaatsanwalt Oberst Graf Gutzkow rät dringend davon ab, einen Verletzten, womöglich noch in blutigen Verbänden, aufknüpfen zu lassen: Auch wenn der Delinquent „nur ein Pole“ sei, werde sich die erhoffte Wut des städtischen Pöbels womöglich in Mitgefühl wandeln, mit unerquicklichen Auswirkungen auf das „ohnehin diffizile Verhältnis“ der Hanseaten zum preußischen Militär.

  Der General ist verstimmt: Die Meinungen der Zivilbevölkerung hätten Soldaten Seiner Majestät des Kaisers unbeeinflusst zu lassen.

  Der Militärstaatsanwalt lässt aber nicht locker: Da ein Exempel statuieren werden solle, dürfe die Reaktion der Zivilisten taktisch-strategisch nicht gänzlich gleichgültig sein.

  Schließlich stimmt der General, wenn auch ziemlich ungehalten, zu und entschädigt sich für den entgangenen Gewinn an volkspädagogischer Grausamkeit durch ein ausgiebiges Gespräch über mittelalterliche Hinrichtungsmethoden mit dem Henker, den ein Abholkommando in sein Dienstzimmer führt.

  Sophius Mint verzieht keine Miene, als der General ihn auffordert, die mittelalterliche Vorgehensweise in allen Einzelheiten zu schildern, angefangen von der Fahrt vom Frohnshaus auf dem Schinderkarren über den Becher der Barmherzigkeit bis zu den Worten auf dem Hochgerüst. Auch als der Scharfrichter hört, dass der General eine Wiederaufführung der kruden Zeremonie plante, und sogar als der Name meines Onkels fällt, bleibt das Elefantengesicht unbewegt. Nach den von seiner Seite benötigten Vorbereitungen befragt, bittet sich der gute alte Sophius aus, den Gefangenen mit Waage, Strick und Blick auf Gewicht, Größe und Konstitution untersuchen zu dürfen, damit der Tod sofort eintrete und kein langes Zappeln Unmut unter den Zuschauern hervorrufe. Danach wolle er den Aufbau des Galgens leiten. Das zweite wird sofort genehmigt, das erste nach längerer Diskussion, denn der General will partout nicht einsehen, dass ein sichtbarer Todeskampf besonders bei Frauen und Kindern nicht mehr in erster Linie abschreckend, sondern vielmehr mitleiderregend wirke. Nach einigen Anmerkungen über die Weichlich- und Schwächlichkeit der nachwachsenden Generationen nimmt der General endlich auch diese Enttäuschung hin.

  Danach führt ein weiteres Abholkommando Hauptpastor Holger Mars herein. Der Geistliche ist fassungslos, merkt aber bald, dass sich der strenge Gerechtigkeitssinn des Generals von keinerlei christlichen Regungen oder gar Ratschlägen mildern lassen will. Da ihm nichts anderes übrig bleibt und er Onkel Johnny auch nicht ohne Beistand lassen möchte, stimmt Mars schließlich schweren Herzens zu. Er besucht Onkel Johnny in seiner Zelle und versucht ihm Mut zuzusprechen. Er werde alle Hebel in Bewegung setzen, um ihn zu retten, beim Bürgermeister, beim Bischof und sogar bei dem ihm aus gemeinsamen Studienzeiten bekannten Hofprediger Adolph Stöcker zu Berlin, der für die Deutschkonservative Partei im Preußischen Abgeordnetenhaus sitze. Onkel Johnny dankt ihm und trägt ihm auf, Nell zu sagen, er habe sie stets geliebt und werde sie immer lieben. Auch einen Gruß an seine Familie vergisst er nicht.

  Polizeipräsident Bulldog will auf seinem Dienstschimmel zu Bismarck nach Friedrichsruh reiten, wird aber in Wandsbek von einer Abteilung des Königlich Preußischen Reitenden Feldjäger Corps eingeholt und trotz scharfer Proteste ohne jede Möglichkeit einer Kontaktaufnahme mit Bürgermeister oder Senat in einer leerstehenden Offizierswohnung der Husarenkaserne arretiert.

  Senator Hartestraat bekommt in seinem Büro am Alsterdamm von seinem Diener die Visitenkarte eines überraschenden Besuchers gereicht. Es ist der Hamburgische Notar Jack Lendt.

  Die Parteizentrale der Konservativen liegt im Haus „Patria“. In die monumentale Sandsteinstirn mit den archaischen Pfeilern aus poliertem Labradorstein hat der Historien-Spleen der Erbauer das Portal eines althamburgischen Patrizierhauses gesetzt. Über dieser ziemlich aufdringlich inszenierten Triumpharchitektur erbbürgerlicher Selbstgefälligkeit wehen die Fahnen des Reiches.

  Der Senator lässt bitten. Der Notar kommt mit bemerkenswerten Neuigkeiten. Er zeigt sich außerordentlich gut informiert über geheime Planungen des Senats, den Freihafen betreffend, einschließlich der auf dem Hammerbrook vorgesehenen neuen Quartiere für die vom Großen Grasbrook umzusiedelnde Arbeiterschaft. Hartestraat kann weder bestätigen noch dementieren. Auf welche Informanten sich der Herr Notar berufe? Auf Konsul Averdar? Ach so, die Herren seien ja geschäftlich verbunden. Allerdings gehöre der Konsul dem Senat der Freien und Hansestadt nicht an und könne deshalb über die Absichten von Senat und Bürgerschaft schlechterdings nicht im Bilde sein.

  Der Besucher verliert während des Gesprächs zunehmend die Geduld und verwandelt sich vom hanseatischen Notar zurück in den handfesten Jack. Er sei nicht gekommen, um sich Schwachsinn anzuhören, sondern den Senator auf einige interessante Entwicklungen hinzuweisen. Averdar sei pleite. Was das bedeuten solle, erkundigt sich der Senator, plage den Herrn Konsul womöglich zeitweilige Illiquidität? Dem könne sicher abgeholfen werden. Nein, der Kerl sei nicht mal eben insolvent, sondern bankrott, abgewirtschaftet, total blank, fertig, mause, machulle, und deshalb zu allem fähig. Was damit gemeint sei? Jack sagt, er wisse „aus sicherer Quelle“, dass der Konsul in seiner Verzweiflung sogar einen Opiumhandel aufziehen wolle. Der Senator zuckt zusammen. Dass der verflixte Averdar wie ein Aal im Schlamm gründelte, war ihm schon lange klar, doch waren ihm bisher nur die üblichen gutbürgerlichen Gaunereien zu Ohren gekommen. Grundstücksspekulation mit vertraulichen Informationen aus der Behörde? In Hamburg ein Kavaliersdelikt. Beamtenbestechung? Auch nicht schön, wenn’s rauskam, aber schließlich kein Schwerverbrechen. Mietwucher? Wirkte immer ein bisschen unmoralisch, besaß aber in dieser Stadt eine jedenfalls unter den Besitzenden durchaus geachtete Tradition. Ausbeutung hundsmiserabel bezahlter Arbeiter, sofortiger Rausschmiss bei Krankheit? Lappalien, das kannten die Leute gar nicht anders. Aber Rauschgifthandel! Was dachte sich der Kerl dabei?

  Das Schlimmste war, dass Bebels verfluchte Sozen prompt behaupten würden, die Spenden an die konservative Partei stammten aus verbrecherischen Geschäften.

  Jack betrachtete die frisch gedruckten Wahlplakate mit seinem Konterfei und zündete sich eine neue Virginia an.

  „Wir sind beide Hamburger und wissen, was statthaft ist und was nicht“, sagt der Senator nach einer Weile. „Unsere Väter haben noch mit Sklaven gehandelt. Aber diese Zeiten sind vorbei. Wir können auch nicht mehr so einfach in Afrika die Neger totschießen, wenn sie uns ihr Land nicht für ein paar Glasperlen überlassen wollen. Es gibt jetzt eine neue Moral. An die müssen wir uns anpassen, wenn wir gewählt werden wollen. Ob es uns gefällt oder nicht.“

  „Ich weiß“, sagt Jack. „Aber die Ausländer schmeißen wir trotzdem raus. Wenn die wählen dürfen, stimmen sie alle für Bebel.“

  „Sie dürfen aber nicht“ sagte Hartestraat.

  Noch nicht, sagt Jack, aber dieses Sozialistenpack finde immer mehr Zulauf. Man quatsche schon von Hamburg als der Hauptstadt des deutschen Sozialismus. „Aber das einzige, was in Hamburg rot sein darf, ist Grütze!“

  „Bei den bürgerlichen Wählern hat Bebel keine Chance“, sagt der Senator. „Die wollen keine Arbeiterdiktatur. Die wollen ein freies, starkes Deutschland, mit Bismarck, Flotte und Kolonien. Und mit Hamburg als Tor zur Welt. Unsere Zukunft liegt im Hafen, in den Speichern und Werften, im freien Handel auf offenem Meer, und nicht in Fabrikhallen voller Fremdarbeiter. Das ist unsere Stadt, Herr Notar. Unsere Väter haben sie aufgebaut, und wir lassen sie uns nicht von so ein paar hergelaufenen Qualmtüten und Volksverdummern wie Bebel und seinen Genossen ruinieren!“

  Die würden gar nicht mehr lange krakeelen, verspricht Jack, am Sonntag sei der Spuk vorbei.

  Dem Senator fällt ein passendes Zitat von Hebbel ein: „Eine Tat ist wie ein Schuss; er ist nur einer, wenn er trifft.“

  „Das werden Sie schon sehen“, sagt Jack. Im Übrigen werde er sehr bald auch über Averdars Grundstücke verfügen. Deshalb solle der Senat seine Planungen auf dem Brook, sofern davon Privatbesitz betroffen sei, mit ihm besprechen. 

  Der Senator lässt sich nicht so leicht in die Kneife bringen und antwortet, das Privateigentum werde von den Maßnahmen des Senats unterrichtet, sobald solche beschlossen seien.

  „Machen Sie nicht solche Spielchen mit mir, verdammt noch mal!“ flucht Jack. Auf dem Brook gehe es schon jetzt drunter und drüber, er und seine Leute hätten alle Hände voll zu tun, Ruhe und Ordnung zu sichern. „Und da kommen Sie mir mit solchem Mausedreck!“

  Hartestraat lenkt ein, er denkt: Sollte Averdar wirklich mit dem Strafgesetz in Konflikt geraten sein, muss der Konsul schnellstmöglich über die Planke. Mit dem ungehobelten Jack möchte sich der Senator zwar auch nicht unbedingt einlassen, aber das muss er ihm ja jetzt noch nicht sagen.

  „Wir werden sicher einen Weg finden“, verspricht Hartestraat.

  „Das hoffe ich stark“, sagt Jack. „Sie sehen ja, was in der Stadt los ist, seit auch noch diese nationalistischen Pöbelhaufen durch die Gegend ziehen.“

  „Pöbelhaufen? Ich glaubte, das seien Ihre Leute.“

  „Sind Sie verrückt? Das sind doch bloß ein paar Krakeeler. Wenn das meine Leute wären, die hätten sich vor dem Rathaus nicht aufhalten lassen, das glauben Sie mir mal, auch nicht mit Gewehren. Das sind andere Kerls als diese Schwachmatiker, die nicht mal ein paar Juden an den nächsten Laternenpfahl hängen können. Diese hergelaufenen Möchtegerngermanen werden auch nicht mit den Roten fertig, falls Sie etwa an so was denken, Senator. Das schaffen nur wir. Wir werden diesem Bebel das Maul stopfen, verlassen Sie sich drauf.“

  „Je eher, desto besser, Jack. Wir müssen der Sache jetzt mal einen Stiel drehen.“

  Ja, sagt Jack, aber dafür wolle er mindestens wissen, wann denn nun endlich die Abstimmung über den Freihafen sei.

  Hartestraat entschließt sich, Jack einen Knochen hinzuwerfen: Die Verhandlungsführer des Senats stünden in Berlin kurz vor dem Abschluss, die Bürgerschaft werde im Juni abstimmen, es werde mindestens hundert Ja-Stimmen und höchstens fünfzig Nein-Stimmen geben. Das Angebot der Reichsregierung sei viel zu gut, um sich noch lange zu zieren, es könne jetzt nur noch schlechter werden. Die Information sei natürlich vertraulich: „Sollten Sie mich zitieren, werde ich selbstverständlich alles abstreiten.“

  Jack erwidert, er sei ja nicht aus Bremen, was schon damals so viel bedeutete, dass er nicht völlig dumm sei. Er kenne den Spruch, dass der Tyrann den Pöbel durch Gewalt, der Politiker aber durch Lügen lenke. Er und seine Leute würden das schnell durchschauen, und dann würden sie Senat und Bürgerschaft zum Teufel jagen.

  Der Senator, dem angesichts solcher unverhüllter Gewaltdrohungen nun doch etwas mulmig wird, versichert, es sei nicht geplant, solche treuen Anhänger der Konservativen Partei in irgendeiner Weise zu hintergehen oder auch nur zu enttäuschen. Er weist aber auch darauf hin, dass sich die mehr als deutliche Sprache, wie er sie soeben vernommen habe, für die Politik schlecht eigne, denn sie wecke Widerwillen selbst dort, wo grundsätzlich Zustimmung vorhanden sei. Er empfehle deshalb dringend, sich künftig etwas gemäßigter auszudrücken, insbesondere falls die Möglichkeit einer politischen Laufbahn noch interessiere. Jack möge sich an Beispiel an Shakespeares Corolian nehmen, dem Urbild eines Tatmenschen, der ein großer Regent hätte werden können, wäre er nicht so furchtbar ungeschickt im Umgang mit dem stolzen Pöbel gewesen. Zur Verdeutlichung zitiert der Senator zitierte einige der herben Worte, die der Held an das römische Wahlvolk gerichtet habe: „Was verlangt ihr, Hunde? Die Krieg nicht wollt, nicht Frieden; jener schreckt euch, und dieser macht euch frech.“ Oder: „Wer euch vertraut, find’t euch als Hasen, wo er Löwen hofft.“

  Jack erwiderte darauf aber nur, der Senator möge ihn mit Dichtergeschwätz verschonen, Hamburg sei keine Theaterbühne, hier walte das Leben, und nur das Leben habe immer das richtige Wort, und auch das letzte, denn selbst im Tode gehe es immer nur um das Leben.

  Einigermaßen zufrieden kehrt Jack in sein Büro zurück. Kurz darauf erscheinen Mister Tai-Tai und die Prinzessin des Todes. Wandrahm-Willy, Wacko und der junge Hein Cölln geleiten die Besucher zu ihrem Boss. Der Meister der Fünf Tugenden führt zunächst das Wort. Er klagt seine Ungeschicklichkeit an, den Götterstaub im India-Hafen verborgen zu haben, der so „unter die Augen des Tigers geraten sei“. Er dankt Jack und seinen Männern für die Mühe, den fremden Schatz vor den Flammen, die so leicht  hätten übergreifen können, geborgen zu haben, und bietet für die Rückgabe zwanzigtausend Mark sowie zehn chinesische Mädchen. Man möge seinem Vorschlag vertrauen, es sei für alle das Beste, er wisse das genau, und „ein alter Mann hat mehr Brücken überquert als ein junger Straßen“.

  Jack lehnt den zweiten Teil des Angebots mit dem Hinweis ab, keine der in Aussicht gestellten Damen könne auch nur im Entferntesten jener Schönheit gleichen, die soeben sein bescheidenes Büro mit ihrem Glanz erfülle, fügt aber dann ohne weitere Höflichkeitsfloskeln hinzu, die gebotene Summe sei viel zu gering.

  Wandrahm-Willy hat überhaupt nur Augen für die Prinzessin.

  Yüan Yüan nimmt zunächst keine Notiz von ihm, sondern erwidert Jacks Komplimente: Manche Leute würden für umso bedeutender gehalten, je mehr Ausschweifungen sie sich hingäben, doch die schönsten Gemälde zeigten einfach nur, wie von grünen Bergen blaues Wasser fließe, und wenn sich ein Mann dennoch zuweilen eine kleine Verrücktheit leisten solle – und hier entblößte ein kurzes Lächeln perlweiße Zähne -, so möge er nur achtgeben, dass er darüber nicht den Verstand verlöre.

  Willy hört nur die Stimme, nicht die Worte, und glotzt die Prinzessin an wie der Hund die Wurst an der Decke.

  Jack sagt nun ein bisschen barsch, es gehe um Geschäfte, und er sei zu alt, um sich Angebote mit Philosophie garnieren zu lassen. Die Prinzessin erwidert mit leichtem Tadel, wer sich in seinen besten Jahren alt fühle, ermangele der Seelengröße. Jack murmelt was von Kalendersprüchen.

  Wandrahm-Willy räuspert sich und schlägt mit hörbar rauem Hals vor, das Angebot zu erhöhen. Mister Tai-Tai geht darauf ein und nennt nun eine Summe von 25 000 Mark, die zehn Mädchen stünden auch Jacks Mitarbeitern zur Verfügung. Wacko sagt: „Ich nehme fünf!“ Willy wirft ihm einen missbilligenden Blick zu und erklärt mit etwas ungelenken Worten, für ihn gebe es nach diesem Anblick keine andere mehr zu begehren. Das ist zwar plump, aber die Prinzessin schenkte trotzdem auch ihm ein Lächeln und zitiert: „Wer schöne Frauen mit derselben Zärtlichkeit liebt wie Blumen, in dem wachsen Bewunderung und Verehrung; wer Blumen mit derselben Zartheit liebt wie schöne Frauen, den erfüllt das zärtliche Verlangen, sie zu beschützen.“

  Willy antwortet, seine Treue gelte Jack, sonst würde er wirklich gern Gärtner werden.

  Wacko prustet los: „Dann hol dir schon mal ’ne grüne Schürze, du Liebeskasper!“

  Die Prinzessin richtet wieder den Blick auf Willy und sagt: „Man hat nicht umsonst gelebt, wenn es auch nur einen Menschen auf der ganzen Welt gibt, von dem man sich wirklich verstanden fühlt.“

  „Pass op, Willy, gleich beißt sie zu!“ blödelt Wacko.

  „Frauen sind Blumen mit der Gabe zu sprechen“, versucht es nun Mister Tai-Tai, „und Blumen sind Frauen, die Wohlgerüche verschwenden. Gebt aber der Freude am Gespräch den Vorrang.“

  „Jaja, du alter Schnacker“, lächelt da Jack. „Ihr denkt wohl, ihr habt’s hier mit kleinen Kindern zu tun, denen man das Lutschbeutelchen wegnehmen kann. Seit die Preußen hier sind, ist’s wohl nicht mehr so einfach mit dem Nachschub, he? Fünfzigtausend, das ist mein letztes Wort. Das bisschen Opium kriegt ihr umsonst dazu. Und jetzt Schluss, wir sind hier ja nicht auf dem Ebräermarkt.“

  Inzwischen eilt Hauptpastor Mars nach Rückkehr aus Altona erst einmal ins „Tritonia“, um Nell von dem Todesurteil gegen Onkel Johnny zu berichten. Die arme Nell verliert völlig die Fassung. Sie hat nur eine Hoffnung: Jack. Wie gehetzt läuft sie zu ihm.

  Hauptpastor Mars eilt zu Bebel. Später schreibt er die halbe Nacht lang Briefe.

  Wandrahm-Willy begleitet gerade die Chinesen zu ihrer Kutsche, als Nell an ihm vorüberhastet. Hein Cölln bringt sie nach oben. Im Büro redet sie wild auf Jack ein. Jack schickt erst mal Hein wieder nach unten. Als er kapiert, was Nell von ihm will, stellt er seine Bedingungen. Dann tauchen auch Danny und ich auf, kein Wunder, dass Wacko was von „Familientreffen“ brummt, was mir erst später so richtig aufgeht. Im Büro hören wir, was Jack und Nell zu besprechen haben. Ich erfahre, dass mein Onkel sterben muss, falle um und – bumms!

  Danny legt mich auf das Bismarcksofa. Als ich nicht aufwache, tragen Danny und sein Vater mich zum Fahrstuhl und bringen mich mit der Kutsche in mein Zimmer im „Tritonia“. Nell schickt die blasse Wiebke nach dem Arzt, der auch bald kommt, eine schwere Gehirnerschütterung feststellt und strengste Bettruhe verordnet.

  „Was denn sonst, Sie Witzbold!“ sagt Jack ungehalten, „weglaufen kann die Lütte ja nicht, was?“

  „Irgendwann wird sie aber wieder aufwachen“, sagte der Doktor.

  „Ja, das wollen wir schwer hoffen, wie?“ sagt Jack nervös, denn er hat gemerkt, wie viel Angst Danny um mich hat. „Sonst können Sie sich gleich danebenlegen, Doktor.“

  „Ich tue mein Bestes, Herr Lendt, Sie brauchen mir nicht zu drohen.“

  „Da war keine Drohung, das war ein Versprechen!“

  Erst dann kommt es zur fälligen Aussprache zwischen Eltern und Sohn.

  „Ja, dann weißt du es jetzt also“, sagt Jack. „Die verflixte Helena! Was die kleine Hexe im Schilde führt, ist ja wohl klar.“

  „Lass Helena aus dem Spiel“, sagt Danny hitzig. „Ich bin froh, dass ich jetzt endlich Schluss ist mit der Lügerei!“

  „Ist vielleicht sogar besser so“, sagt Jack. „Wenn du mal mein Nachfolger werden willst, musst du jetzt bald ganz bestimmte Dinge lernen.“

  „Was denn? Wie man eine Gangsterbande führt?“ ruft Danny bitter.

  „Nicht so laut!“ mahnt Nell, aber wohl mehr um ihret- als um meinetwillen. Ist aber egal, es hört sowieso keiner auf sie.

  „Glaubst du denn, ich mache das ewig?“ sagt Jack. „Noch ein paar Tage, dann gehören mir Hamburgs größte Immobilienfirma, und die Guyana-Company dazu, und vielleicht noch eine Bank, eine Reederei, eine Stadt in Afrika, was weiß ich! Vielleicht fahre ich dann mit meiner eigenen Eisenbahn in den Reichstag nach Berlin. Und du sollst das alles erben. Aber dazu musst du erst mal erwachsen werden.“

  „Ich brauche das alles nicht.“

  „Nein? Aber deine Whippet möchtest du schon gerne segeln, was? Und auf die anderen Annehmlichkeiten eines Lebens im Wohlstand wirst du auch nicht gern verzichten. Du bist nämlich nicht mit Schwarzbrot zwischen den Zähnen geboren, mein Lieber.“

  „Breide Hummelsbüttel hat es auch geschafft!“

  „Ja, im Roman. Das hier ist aber das Leben.“

  „Auf so ein Leben pfeife ich!“

  „Und Helena? Auf die pfeifst du auch?“

  „Ich liebe sie! Und ich werde sie heiraten, ob du willst oder nicht!“

  Jack seufzte, dann sagte er: „Für dich habe ich das alles aufgebaut, Danny. Und für dich baue ich weiter. Vielleicht schaffe ich es in den Senat. Du bist in Hamburg geboren. In zwanzig Jahren kannst du Senator sein, in dreißig Jahren Bürgermeister. Geld ist da. Wird immer da sein“

  „Du glaubst doch nicht, dass keiner weiß, woher dieses Geld stammt!“ sagte Danny. „Raub, Diebstahl, Erpressung, Mord…“

  „Nun mach mal halblang, Junge. In Hamburg spielt das doch gar keine Rolle! Was meinst du denn, woher die anderen ihre Penunze haben?“ Jack zählte ein paar Beispiele auf: klangvolle Namen, höchst angesehene Familien, die ich hier nicht nennen möchte, mit einigen sind wir inzwischen verschwägert. Die einen haben mit Sklaven gehandelt, die anderen mit Opium, sagte Jack, wieder andere haben massenweise Kaffern und Hottentotten abgeknallt, nur um Platz für ihre Farmen zu schaffen, oder zugeschaut, wie sich in ihren Silberminen Indios zu Tode geschuftet haben, ganz zu schweigen von den mörderischen Gummiplantagen. „Glaubst du, das weiß hier keiner?“ fragte Jack. „Wenn es um den Grundsatz geht, dass Geld nicht stinkt, ist Hamburg das zweite Rom. Ich will, dass du hier eines Tages Erster Bürgermeister bist, mein Junge. Das haben schon ganz andere Piraten geschafft. Und deshalb passt die Kleine nicht zu dir.“

  „Lass Helena aus dem Spiel“ sagte mein treuer Danny. „Die ist nicht wie du.“

  „Das stimmt allerdings. Nicht so erfolgreich. Sie ist nur eine kleine Taschendiebin. Hat sie das dir nicht gesagt, die ehrliche Kleine?“

  „Lass das, Jack“, sagte Nell. „Der Junge liebt sie doch!“

  Danach stiefelte Jack in sein Büro und schickte Wandrahm-Willy mit den anderen nach Altona, um die Lage zu peilen. Er selbst traf sich im „toten Hund“ mit Constabler Möller. Der korrupte Polizist vertrieb sich die Wartezeit mit zwei Mädchen vom Brook, die für ihn anschafften. Ein Blick von Jack, und die beiden Hafenschwalben schwirrten ab.

  „Es läuft was schief“, sagte Jack und schob die halbleere Whiskyflasche zur Seite. „Wir müssen uns um Johnny kümmern.“

  „Schon passiert“ grinste Möller. „Der sitzt. Lieber hätte ich ihn gleich umgelegt, aber der Neue, der Godfroy, kam mir dazwischen, der verflixte Kerl. Na, den knips ich auch noch mal ab, verlass dich drauf. Der geht den Weg von Flint. Dauert gar nicht mehr lange.“

  Der Kellner kam. Er hatte fürchterliche Angst.

 „Gib mir mal’n Schiefen“, sagte Jack.

  Der Kellner war froh, dass er so schnell wieder draußen war.

  „Nee, anders rum“, erklärte Jack dem korrupten Constabler. „Wir müssen ihn rauspauken.“

  „Was?“

  Jack erzählte ihm, dass Onkel Johnny inzwischen in Altona war, und dass er Nell versprochen hatte, ihn rauszuholen, bevor ihn die Preußen hängten.

  „Du bist ja verrückt“, sagte Möller.

  „Wieso hast du ihn überhaupt hopps genommen, das war doch gar nicht so ausgemacht“, sagte Jack.

  Der Kellner stellte ein kleines Bier auf den Tisch und sagte: „Vom Haus, Herr Notar. Wohl bekomm‘s.“

  „Hau ab“, sagte Jack, und der Kellner machte, dass er fortkam.

  „Ich bin nicht dein Befehlsempfänger“, murrte der Constabler. „Außerdem war es nicht auf dem Brook, es kann dir also keiner was nachsagen. Die Gelegenheit war einfach günstig. Ich habe gedacht, du bist einverstanden.“ Er hob die Flasche und goss sich einen tüchtigen Streifen in den Hals.

  Die Tür flog auf, und ein Betrunkener torkelte über die Schwelle. „Weiber!“ lallte er. „Wo sind die verdammten Weiber?“ Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten.

  Jack stand auf und bugsierte den Mann ein Stückchen zurück, bis er genau im Türrahmen stand. „Bleib mal so“, sagte er dann zu ihm. „Die Weiber kommen gleich.“

  „Wird auch Zeit!“ sagte der Kerl.

  Jack nickte und schlug dem Kerl mit Wucht die Tür ins Gesicht. Der Betrunkene flog in die Schankstube zurück, räumte im Fallen ein paar Tische ab und blieb bewusstlos liegen, blutend wie ein abgestochenes Schwein.

  „Und was genau erwartest du jetzt von mir?“ fragte der Constabler.

  „Du willst doch morgen im Siel nach den viertausend Goldfüchsen vom Konsul suchen?“

  „Ja, das habe ich allerdings vor. Sobald Willy mir den Bekloppten gebracht hat.“

  „Dann sei mal schön vorsichtig, im Siel ist morgen Abend vielleicht ’n bisschen mehr los als sonst.“

  Möller starrte ihn an. „Du meinst...?“

 „Ich meine nie was. Ich sag’ immer gleich, wie’s ist.“

 „Geht klar.“

 „Und noch was: Ab sofort Finger weg von Johnny, verstanden? Lohnt sich sowieso nicht mehr. Er wird bald abhauen.“

  „Dein Wort in Gottes Gehörgang. Und was ist jetzt mit Eddie, wollen wir den Hund nicht endlich abfertigen?“

  „Ist auch wirklich sicher, dass er uns bei Bulldog verpfiffen hat?“

  „So sicher, wie es in der Hölle nur lange Unterhosen gibt“, sagte der Constabler. „Er hat ihm den Wisch geschickt, damit er ungestört an den Tresor im Guyanahaus kann.“ Er zog einen Zettel aus der Tasche. „Hab’ in seiner Bude solches Papier und auch die Tinte gefunden.“

  Jack stand auf.

  „Schick die beiden Flitschen wieder rein“, sagte der Constabler.

  „Such dir ’n paar andere“, sagte Jack. „Wenn die nur halb so schlau sind wie du, haben sie dem besoffenen Stubben schon lange die Putte gezogen und sind über ’n Harz.“

  Und so war es auch.

  Im „Tritonia“ machte Danny seiner Mutter ebenfalls Vorwürfe. Er sagte, sie hätte ihm viel früher die Wahrheit sagen müssen, und fragte, was das mit Kehrwieder-Johnny zu bedeuten habe. Nell entschloss sich, ihrem Sohn alles zu erzählen, von jenem Tag an, als der junge Johnny das kleine Blumenmädchen im „Baumhaus“ vor dem Begrapschtwerden bewahrt hatte. Es wurde ein langes Gespräch. Danach war Dannys Wut verraucht; was blieb, war ein Gefühl der Ohnmacht. Er konnte seine Mutter nicht verurteilen und seinen Vater nicht verdammen.

  Wandrahm-Willy und seine Leute waren die halbe Nacht unterwegs, bis sie in den Kneipen um die Kaserne genug mit Wachsoldaten und Schreibstubenbullen gebechert hatten, um sich ein Bild machen zu können.

  Danny brauchte Abstand, er rannte hinaus, riss sich den Kragen auf und rannte ziellos durch die Straßen.

  Hautpastor Mars erschien, und Nell sagte ihm, er solle Johnny Mut machen, noch sei nicht alles verloren.

  „Nun freilich, liebe Nelly, man soll die Hoffnung nie aufgeben, die Rettung liegt beim Herrn.“

  „Ja“, erwiderte Nell, die allerdings einen ganz anderen Retter im Sinn hatte, aber davon sagte sie natürlich nichts.

  Und ich? Ich lag immer noch ohne Bewusstsein in meinem Bett. Nell blieb die ganze Nacht bei mir. Danny kam noch einmal zurück, hielt es aber nicht lange aus: Er sagte, ich sähe aus wie tot, und das könne er nicht ertragen.

  Am Mittwochmorgen stand im Hamburger Fremden-Blatt ein weiterer sensationeller Artikel aus Wuttkes so wohlgeübter wie schamloser Feder. Überschrift: „Der Grendel ein Mensch wie du und ich!“ Ich muss den Ausschnitt noch irgendwo haben. Der Text geht ungefähr so: „Sensationelle Wendung im Falle des angeblichen Ungeheuers. Wie berichtet, hatte ein englischer Mythenforscher und Universitätsprofessor unsere Heimatstadt in Angst und Schrecken versetzt, weil ein Unhold im heidnischen Teil des Siels sein Unwesen trieb. Nach den haltlosen Angaben des Engländers, für die nie eine Bestätigung vorgelegt wurde, geschweige denn ein Beweis, war der angebliche Ungeist so groß, dass er kaum durch den Siel passte, man hat aber sein Keuchen und Fauchen gehört. Der sogenannte Professor, über dessen wissenschaftliche Reputation der Redaktion keine Angaben vorliegen, behauptete sogar, bei dem Unhold handele es sich um den sagenhaften Grendel, der dort bereits zur Zeit der alten Germanen in einem Götzentempel Menschenopfer dargebracht habe, und besaß überdies die Kühnheit, die Bevölkerung um Mithilfe bei der Fahndung anzugehen. Nun stellte sich heraus, dass der angebliche Unhold in Wirklichkeit nur ein armer Irrer ist, der überdies glücklicherweise kurz vor der Heilung steht und vielleicht schon bald in dieser Zeitung zu Wort kommen wird. Im gewaschenen Zustand und rasiert unterscheidet ihn nichts von einem ehrbaren Mitglied der Arbeiterklasse, und wie die Ermittlungen ergaben, ist er auch als ein solches bereits vor Jahren aus dem schönen Polen zu uns gekommen, der Gastfreundschaft dieser Stadt vertrauend, für die er die für die Hygiene auch der ärmeren Schichten so trefflich geeigneten Siele baute. So viel zur englischen Wahrheitsliebe! Der Verfasser dieser Zeilen ist stolz darauf, ebenfalls einen bescheiden Beitrag als nicht unbedeutender Bürger unserer freiheitsliebenden, liberalen Stadt zur Aufklärung dieses schändlichen Irrtums rückständiger Behörden leisten gekonnt zu haben, die sich immer noch sklavisch und speichelleckerisch in den Dienst des Großkapitals stellen, obwohl die Zeit über sie hinwegschreiten wird.“

  Die Zeitungen waren noch längst nicht verteilt, da öffneten sich an der Bundesstraße und in Altona die Kasernentore.

  Aus der Victoriakaserne ritt Generalleutnant Börries von Waltershausen mit seinen Truppen. Exzellenz saß janz ausjezeichnet zu Pferde. Einige Regimenter waren in der Nacht mit der Eisenbahn aus anderen Standorten angekarrt worden. Waffen und Uniformen prangten wie bei einer Truppenparade.

  „Eskadron Marsch!“

  Die Tete nahm Schwere Kavallerie vom 1.Großherzoglichen Mecklenburgischen Dragonerregiment Nr.17 aus Ludwigslust: Pickelhauben, hellblaue Uniformröcke, Bajonette, Fahnen, Trommeln. Ratatam, ratatatam. Die blauen Dragoner, sie ritten. Es folgte der General auf einem Husarenpferd: Helmbusch, Monokel, Roter-Adler-Orden, wenn auch Zweiter Klasse, Säbel. Den Korpskommandeur umflatterte ein Schwarm Adjutanten: Uniformjacke preußischblau, roter Kragen, goldene Epauletten. Hinter ihnen marschierte die Knüppelmusik mit Helikon, Bombardon, Zinke, Piccolo und ganz viel Tschingderassabum. Sie spielten den Hohenfriedberger aus jenem Krieg, in dem sich der in ganz Europa als Humanist und Friedensfreund verehrte Friedrich II. fix mal Schlesien unter den Nagel riss, um der Große zu werden.

  Jetzt Fußtruppen, voran das 1.Thüringische Infanterieregiment Nr.31 „Graf Bose“ aus Altona. Pickelhaube, Gewehr, Bajonett, blaue Röcke, rote Kragen, graue Hosen, Tornister, Spaten. Feldmarschmäßig, sagt man wohl, als ginge es ins Feindesland. Julius von Bose war General der Infanterie. Fünfzehn Jahre zuvor war er bei Podol seiner Brigade mit dem Gewehr in der Hand zum Nachtangriff voran geschritten. Das Regiment war stolz, seinen Namen zu tragen. Unter einem Nachtangriff in Hamburg stellten sich die tapferen Krieger allerdings etwas ganz anderes vor. Parolen machten die Runde, das Regiment solle das Rotlichtviertel am Hamburger Berg sichern, mit Gefechtsstand am Spielbudenplatz.

  Als nächstes rasselte das Schleswigsche Feldartillerieregiment „Generalfeldmarschall Graf Waldersee“ aus Altona mit seinen Kanonen über das Kopfsteinpflaster. Dunkelblaue Röcke, dunkelblaue Hosen, keine Pickelhauben, sondern Schirmmützen. Alfred Graf Waldersee aus altem holsteinischen Soldatenadel hatte als Militärattaché in Paris erfolgreich die französische Armee ausspioniert und führte jetzt das X. Armeekorps in Hannover. Der große Moltke wollte ihn zu seinem Nachfolger aufbauen, was den Generalleutnant von Waltershausen nicht wenig neidisch, aber auch ziemlich vorsichtig machte; das Regiment genoss bei ihm eine Sonderstellung.

  Als das 3.Hanseatische Infanterieregiment Nr.162 „Lübeck“ anrückte, ritt die Spitze des Heerzuges schon durch St. Pauli. Die Straßen waren voller Menschen. Sie wussten nicht recht, was los war. Krieg mit Preußen? Der General ritt in heroischer Haltung und ließ grimmig den Blick durch das Einglas schweifen. Auf diese Stunde hatte er drei Jahrzehnte gewartet. Es ging um mehr als Recht und Ordnung, er hegte Rachegelüste im blauen Busen. 1849 hatte er hier als junger Leutnant tiefe Schmach erdulden müssen. Er war einer der vier Offiziere, die im damals dänischen Altona vom Pöbel auf äußerst respektlose Weise traktiert worden waren. Die Menge war wütend gewesen, weil „preußische Kniffe“ und eine „feile Diplomatie“ das arme Schleswig-Holstein im Kampf gegen den Tyrannen in Kopenhagen im Stich gelassen hätten. Die Bosheit gedieh so weit, dass Aufwiegler eine tote Katze in die Kutsche schleuderten und höhnisch riefen: „Seht da, mehr gilt uns der preußische Adler auch nicht!“ Andere hatten die Offiziere mit Bickbeeren beworfen. Am Abend musste sich ein per Bahn antransportiertes preußisches Bataillon mit dem Bajonett durch das Möllerntor hauen. Die Hamburger hatten sich mit den Altonaer Antipreußen solidarisch gezeigt, Barrikaden gebaut und mit Steinwürfen die Pickelhauben zerbeult. Am Gänsemarkt und am Jungfernstieg pfiffen sogar Kugeln, und ein paar Jantjes wollten ein Offizierszelt ausräubern – es hatte Börries von Waltershausen gehört, der die Schildwache angeblafft hatte, sie möge gefälligst mit dem Bajonett gegen die Straßenjugend vorgehen.

  Fast ebenso schlimm hatte ihn gekränkt, wie die Hamburger 1863 die österreichischen Truppen auf ihrem Zug gegen Dänemark bejubelt hatten, nur weil diese verweichlichten Operettensoldaten mit ihren weißen Waffenröcken pausenlos Platzkonzerte aufführten.

  Jetzt sollten es diese elenden Eckensteher, Habenichtse und Krämerseelen nur wagen, preußischen Soldaten Scherereien zu machen! Steine werfen und dann feige abhauen war diesmal nicht, denn hinter den Lübeckern kam schon wieder Kavallerie: eine Eskadron des 2.Großherzoglich Mecklenburgischen Dragonerregiments aus Parchim. Dahinter marschierte das 1.Großherzoglich Mecklenburgische Füsilierregiment Nr.90 „Kaiser Wilhelm“ aus Wismar, mit Tambour, Ratatam, ratatatam. Dann das Lauenburgische Jäger-Bataillon Nr.9 aus Ratzeburg, auch mit Tambour, ratatam, ratatatam. Das Lauenburgische Fußartillerie-Regiment Nr. 20, ratatam, ratatatam. Das Holsteinische Feldartillerie-Regiment Nr.24 aus Güstrow, kein Ratata, nur Rattern. Der General ritt schon durch das Millerntor, en cavalier, wie man damals sagte, die Kaserne drei Kilometer hinter ihm war immer noch nicht leer, es kamen noch das Schleswig-Holsteinische Infanterieregiment 163 aus Lockstedt und zum Schluss das Hannoversche Husarenregiment Nr.16 „Königin Wilhelmina der Niederlande“ aus Wandsbeck, Kowalskis alter Verein: Blaue Pelzmütze mit Busch, blaue Attila, weiße Hosen, Gewehre, Säbel. Unser polnischer Freund hörte den preußischen Heerwurm bis in seine Krankenstube rumpeln.

  Am Millerntor nahmen die Hamburger die Schweren Reiter in Empfang: „Dragoner sind halb Mensch, halb Vieh, aufs Pferd gesetzte Infanterie“, brüllten einige Fachleute. Andere grölten nach der Melodie „Was ist des Deutschen Vaterland?“ die proletarische Eigendichtung „Do ist des Deutschen Badestrand, wo bannig klevt im Mors der Sand.“ 

  Es blieben die einzigen Feindseligkeiten. Von preußischen Kommissköppen wollte sich Hamburg nicht aus dem Takt bringen lassen.

  Der General führte seine Armee über den Zeughausmarkt und am Michel vorbei zum Alsterkanal und besetzte das Rathaus. Seine Truppen verteilten sich über die Innenstadt. Die Mecklenburger, Thüringer, Lübecker und Lauenburger, nicht das von Bürgermeister gewünschte Hamburger Regiment, sicherten Börse, Polizeipräsidium, Gefängnis, die drei Hauptmärkte, die Kirchen, Postämter, Zollstationen und den Alten Teerhof. Twistrings Protest ließ den General ungerührt: „Hier sind bis auf weiteres militärische und nicht politische Gesichtspunkte maßgeblich, Herr Erster Bürgermeister!“

  Nicht nur der General schien halb wahnsinnig, die ganze Stadt geriet langsam aber sicher in einen heiklen Gemütszustand, denn der Südwestwind wehte seit Tagen immer stärker und trieb in böigen Stößen warme Luftwogen vom Äquator in die norddeutsche Tiefebene. Die Hamburger konnten Hitze nicht gut ab, schon gar nicht, wenn es dabei pladderte wie im hinterindischen Monsun. Ihr kühles Blut fühlte sich dann unwohl, und sie wurden leicht reizbar.

  Der Südwest schob die riesigen Wassermengen aus dem Atlantik durch den Englischen Kanal in die Nordsee, auf der es ziemlich ungemütlich geworden war. Auf Finkenwerder baten besorgte Frauen ihre Männer, nicht mehr nach der Doggerbank auszulaufen, aber die Fischer lachten nur, es war doch Schollenzeit!

  Aus der Hamburger Kaserne an der Bundesallee, auf deren Gelände heute die Universität steht, ritt zur gleichen Zeit Oberst Hugo von Illies: Pickelhaube, Monokel, Säbel, Whiteheartstute. Hinter ihm das 2.Hanseatische Infanterieregiment Nr.76 „Hamburg“ mit Hauptmann Bendixen an der Spitze der Kompanie, der zwei Wochen zuvor die erste Schlacht auf dem Brook vorzeitig beendet hatte, sowie zwei Kompanien des 1.Hanseatischen Infanterieregiments Nr.75 „Bremen“ aus Stade. Sturmgepäck, das Bajonett aufgepflanzt. Sie besetzten die Steinstraße, die von der Frohnerei zum Steintor führte, und die Richtstätte gleich außerhalb des alten Walls, in der Vorstadt St. Georg. Dorthin schob Hamburg schon seit Jahrhunderten ab, was es als störend empfand: Schweinezüchter, Branntweinbrenner, Grützmacher, den Pestfriedhof und die Exekutionen.

  Ihre Gewehre stellten die Soldaten nicht zu Pyramiden zusammen, sondern trugen sie am Mann.

  Die Jantjes machten auch darüber ihre Witze: „Ihr habt wohl Angst, dass wir euch die Knarren klauen!“

  Die Hinrichtung meines Onkels war auf den Abend gelegt, damit möglichst viele Hamburger dem Spektakel zuschauen konnten. Sie wurden bereits seit den Mittagsstunden von der Militärkapelle mit schmetternder Janitscharenmusik auf den Rathausmarkt gelockt, auf dem noch nicht das Rathaus, aber schon die Börse stand, und in Stimmung gebracht. Der Janhagel bestaunte vor allem die „türkische Abteilung“ mit der Batterie von Basstrommeln und anderen Schlaginstrumenten. Das bürgerliche Hamburg aber hielt sich leicht gequält die Ohren zu, und die meisten Arbeiter gingen mit betretenen Gesichtern ihrer Wege, denn die kleine Seerepublik schätzte den Shanty, nicht das Schnädderedeng.

  Der nach umfassender Rekogniszierung der historischen Lage mit militärischer Präzision ins Werk gesetzte Ablaufplan des Generals sah vor, dass die letzte Fahrt meines Onkels dem mittelalterlichen Weg von der Frohnerei zum Richtplatz folgte. Das alte Gerichtsgebäude an der Bergstraße gegenüber der Petrikirche war natürlich längst abgerissen. Im Mittelalter hatten dort der Frohn oder Büttel und seine Folterknechte die „Malefitz-Personen“ in Ketten geschlossen und bis zum Geständnis malträtiert. Jetzt stand an der Stelle ein modernes Geschäftshaus. Soldaten des Schleswig-Holsteinischen Pionierbataillons Nr.9 aus Harburg, blaue Waffenröcke, aber kein Tamtam, stattdessen wohlgezielte Hammerschläge, verwandelten das Gebäude mit Fahnen, Wimpeln, Holzbohlen und viel Phantasie in ein Fachwerkhaus. Sie hatten an dem Unfug einen Heidenspaß. Mittags war alles fertig. Die Hamburger bestaunten die düstere Kulisse.

  Ebenfalls um die Mittagszeit, als das Pflegepersonal in der Irrenanstalt an der Alster bei Tisch saß, stiegen vor dem Eingang drei Herren in weißen Kitteln aus einer Kutsche. Der erste stellte sich am Empfang als Dr. Humboldt vor, Leiter einer medizinischen Delegation der Reichsregierung aus Berlin. Er trug eine auffällige Narbe, nach Eindruck des Pförtners ein besonders gelungener Schmiss. Seine Begleiter waren ein sehr großer und ungewöhnlich kräftiger sowie ein mittelgroßer Arzt. Der sehr große war über und über mit Pflastern beklebt. Der Pförtner meinte später, als Arzt bekomme er wahrscheinlich Verbandszeug für umsonst. Auf eine Anmeldung beim Direktor der Anstalt hätten die Besucher verzichtet und seien vielmehr gleich in das Gebäude geeilt. Kurz darauf hätten sie auf einer Trage einen offenbar schlafenden Patienten herausgebracht. Als der Pförtner Papiere verlangte, habe der große, kräftige Arzt ihn mit einem Boxhieb außer Gefecht gesetzt. An mehr könne er sich nicht erinnern.

  Wacko und Hein Cölln schleppten den entführten Kanal-Kasi in den Kaiserspeicher. Kurz darauf erschien Constabler Möller.

  Ob er helfen solle, fragte Wacko.

  „Nee, vielen Dank, du haust ihn mir bloß tot“, sagte der Constabler. „Ich krieg schon raus, was ich wissen will. Ich hab’ subtilere Methoden.“

  Dann schlug er dem wehrlosen Opfer ein paar Mal kräftig ins Gesicht. „Aufwachen, du Schwein!“

  Auch der bereits in der Nacht unter Aufsicht des Henkers gezimmerte Galgen stand auf dem Steintorplatz wie ein Denkmal aus dem Mittelalter: Vier Meter lange Balken, mit denen die preußischen Pioniere sonst Brücken bauten, waren tief in den Boden gerammt. Auf die Plattform des Hochgerichts führten dreizehn Stufen. Das sinnreich ausgetüftelte Seilwerk entsprach exakt den Vorgaben William Marwoods, des berühmten „Public executioner“ der britischen Justiz und Erfinders des „long drop“, des „tiefen Sturzes“, der den Tod durch Genickbruch herbeiführt. Hamburg mal wieder anglophil bis in die Halswirbelknochen. Pfeiler, Querbalken, Plattform, Falltür und Stufen waren schwarz gestrichen. Der untere Teil der Plattform war mit schwarzen Tüchern verhüllt.

  Auf schwarzen Holzböcken wartete ein Klappsarg auf den armen Sünder. Tischler des Pionierregiments hatten ihn zusammengenagelt. Wurde der Riegel gelöst, öffnete sich der Boden, der Leichnam plumpste ins Schandgrab, und die Kiste konnte den nächsten Fall übernehmen.

  Den General leitete nicht Sparsamkeit, er wollte allgemeine Aufmerksamkeit und höchste Authentizität.

  Seit Mittag sicherten Grenadiere des Hamburger Infanterieregiments die Richtstätte mit aufgepflanztem Bajonett. Sie wurden jede Stunde ausgetauscht. Vor den Soldaten standen seit Mittag fünfhundert kräftige Hamburger Arbeitsmänner. Sie wurden nicht abgelöst. Einer von ihnen war der Eisenbieger Hein Holler aus Bebels Büro. Grenadiere und Werktätige gingen freundschaftlich miteinander um, manche waren miteinander verwandt. Der General hatte nicht bedacht, dass auch Soldaten Familien haben.

  Wenn sich Jantjes vordrängen wollten, flogen Fäuste, gab es blaue Augen und blutige Nasen. Hamburgs organisierte Arbeiterschaft wollte sich offenbar ganz genau und möglichst ungestört ansehen, was die Preußen unter einem Exempel verstanden.

  Und das will ich euch jetzt erzählen.

  Seit diesem Tag ist viel Zeit vergangen, auch war ich ja gar nicht dabei, aber ich habe mir das Geschehen viele Male von den verschiedensten Leuten schildern lassen, und heute, da mein alter Kopf Erlebtes und Erzähltes zu Erinnerungslabskaus vermengt, ist mir, als hätte ich es mit eigenen Augen gesehen. Jetzt, wo ich schon fast blind bin, sehe ich sowieso vieles schärfer als früher.

 

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