Kapitel 73: Der Bruch im Kaiserspeicher

Samstag, 23. März 2013
Kapitel 73: Der Bruch im Kaiserspeicher Als Hauptmann Bendixen im Rathaus Männchen und Meldung machte, thronte Seine Exzellenz der General mit Oberst von Illies im Sitzungsraum des Senats. Kurz zuvor hatten Bürgermeister Twistring und Senator Hartestaart den General aufgesucht. Die Herren wirkten durchaus nicht erfreut über die Mitteilung, dass Hamburgs Polizeichef von der preußischen Feldgendarmerie festgesetzt worden sei und am nächsten Tag wegen Befehlsverweigerung und Behinderung militärischer Maßnahmen vor ein Kriegsgericht gestellt werden solle. Es hatte sogar einen erregten Wortwechsel gegeben. Der General musste zu seinem Leidwesen, wenn auch nicht zu seiner Überraschung, feststellen, dass die Vaterlandsliebe dieser selbstsüchtigen Pfeffersäcke tatsächlich an Krücken ging. Der Innensenator hatte sogar damit gedroht, nunmehr selbst zu seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler nach Friedrichsruh zu reiten. Der General hatte es daraufhin für seine Pflicht gehalten, den Innensenator darauf hinzuweisen, dass er in diesem Fall die Arrestwohnung mit dem Polizeichef teilen werde. O wie süß schmeckte die Rache für 1849! Sorge bereitete dem General indessen, dass Bismarck keineswegs informiert war, wie er gegenüber diesen aufgebrachten Politikussen nun bereits zum zweiten Mal behauptet hatte. Man konnte im Gegenteil eher sagen, dass Bismarck von den Vorgängen in der Freien und Hansestadt, jetzt Festung Hamburg, nicht die leiseste Ahnung hatte. Es war höchste Zeit, die nötige Kulisse aus berechtigten Gründen und unbezweifelbaren Ursachen aufzubauen, um die bereits ins Werk gesetzte strategische Vorgehensweise zu rechtfertigen. Das erwies sich leider als gar nicht so einfach. In der Stadt war es viel zu ruhig für den Geschmack des Generals. Keine Protestmärsche, keine Barrikaden und schon gar keine Schüsse von Freischärlern mit Jagdflinten. Nicht mal Steinwürfe. Die Meldung des Hauptmanns lieferte wenig Trost. „Unruhen?“ „Keine, Herr General. Hat alles geklappt wie am Schnürchen.“ „Ausschreitungen?“ „Keine, Herr General. Bevölkerung im Gegenteil äußerst diszipliniert. „Antipreußische Äußerungen?“ „Keine, Herr General. Nur ein paar alkoholisierte Redensarten, gar nicht der Rede wert.“ „Keine Unruhen?“ fragt der General noch einmal. „Keine Schmähungen der preußischen Farben?“ „Nein, Herr General. Bis auf die üblichen Spassvögel verhielt sich die Bevölkerung sehr zurückhaltend. Ich möchte fast sagen: schweigsam.“ „Da sehen Sie es mal wieder!“ sagte der General. „Man muss diesen Koofmichs nur die eiserne Faust zeigen, dann kriegen sie keinen frechen Ton mehr aus der Rotspongurgel.“ Bendixen salutierte zackig und marschierte wieder hinaus. Senator Hartestraat versuchte nicht etwa, schnurstracks in den Sachsenwald zu reiten, sondern rief Bismarcks Privatsekretär an, einen Parteifreund, den er von vielen Begegnungen und manchem feuchtfröhlichen Abend kannte. „Ich brauche deine Hilfe, Friedrich. Du musst mir unbedingt eine Stunde mit dem Kanzler in den Terminkalender schmuggeln. Du wirst nicht glauben, was bei uns los ist.“ „Wat denn, der Freihafen ist doch seefe, oder machen die Sozen nu doch wieder Scherereien?“ „Die nun gerade nicht, Friedrich. Es sind eure Leute.“ „Unsere? Welche unseren denn?“ „Die glorreiche Armee. Seine Exzellenz euer kaiserlicher Generalleutnant von Waltershausen.“ Er erzählte, was sich ereignet hatte. „Gott der Gerechte“, sagte der Privatsekretär. „Das ist aber starker Tobak, mein Lieber. Der Kerl gehört abgeholt, aber von den Leuten mit den weißen Kitteln.“ „Wenn die kommen, lässt er auf sie schießen.“ „Pass mal auf, Joris, wir machen das so: Ich schicke dir gleich jetzt zwei Adjutanten aus dem Stab, die dich abholen und herbringen, damit dieser Irre dich nicht auch noch einsperren lässt. Du übernachtest hier, und morgen in aller Herrgottsfrühe sprichst du mit dem Alten, dann ist er am friedlichsten.“ Es lief alles wie in der Ticktack, und der Uhrmacher war das Schicksal. Wenn ich an diese Nacht zurückdenke, ist mir, als hätte sich damals die Zukunft in die Gegenwart verirrt. Ich erinnere mich an einen sonderbaren Traum: Ich war ein Kind von kaum drei Jahren und hüpfte durch einen Märchenwald. Dreißig Meter über mir wölbten hundertjährige Buchen ein dichtes Blätterdach, die Sonne drang in spinnwebbleichen Strahlen auf knietiefes Moos, wie weiße Sommersprossen sprenkelten Buschwindröschen den schwankenden Boden und an stillen Prielen blühte die Sumpfdotterblume. Mein Weg führte leicht abwärts, und bald erschienen die Pflanzen der Hochwasserspülsäume, Knöterich, Segge und Greiskraut. Ein Pfaffenhütchen prangte mit seinen rosenroten Kapseln. Ich wunderte mich insgeheim, woher ich das alles wusste, denn ich habe diese Pflanzen als Kind gar nicht mit Namen gekannt. Ehe ich aber darüber nachdenken konnte, wanderte ich durch Röhricht, viel höher als ich selbst. Das Rauschen wurde immer lauter, und bald stand ich an einem gewaltigen Strom. Ich wusste, dass es die Elbe sein musste, aber so hatte ich sie noch nie gesehen, sie war viel breiter in meiner Erinnerung. Im Schilf lachte eine Bekassine ihr spöttisches „Huhuhu“, die Rohrdommel brummte wie eine Bassgeige, am Himmel schrie ein Wanderfalke sein „Kjak-kjak“ in die Wolken, und auch die Stimmen all dieser Vögel erkannte ich, obwohl ich davon als Stadtkind gar nichts davon verstand. Ich kletterte auf einen kleinen Hügel, konnte aber das jenseitige Ufer nicht sehen. Plötzlich krabbelte es an meinen Beinen, und ich merkte, dass ich auf einem Ameisenhaufen stand. Schnell sprang ich wieder herunter und entdeckte, dass es in Wirklichkeit ein Termitenhügel war, wie auf den Bildern aus unseren Kolonialwarenalben. Ameisen waren aber trotzdem darauf, und zwar jede Menge, große, schwarze Biester mit kräftigen Zangen. Treiberameisen. Sie führten einen Eroberungskrieg gegen weiße Termiten, die sich verbissen verteidigten. Was haben diese Viecher hier auch zu suchen, dachte ich, sie hätten doch auch in Afrika bleiben können! Schon drangen die Angreifer in die Gänge ein und schleppten getötete Feinde heraus. Die Termiten kämpften mit heroischer Tapferkeit gegen ihre übermächtigen Todfeinde, und meine Sympathien schwankten: Die Ameisen kämpften um ihr Land, die Termiten für ihre Kinder, denn die Puppen wurden von den Angreifern gnadenlos totgebissen, so jämmerlich sie mit ihren Stimmchen auch schrieen. Plötzlich merkte ich, dass ich rasend schnell schrumpfte, und ehe ich auch nur erschrocken japsen konnte, war ich selber nur noch so groß wie die grimmigen Krabbelkrieger. Los, Kamerad, nicht so faul, sagte ein schwerbewaffneter Ameisenfeldwebel zu mir und klappte ganz schrecklich mit den Kampfkiefern, immer feste drauf, gleich haben wir sie und machen Gulasch aus der verdammten Brut. Ich bin aber gar nicht gegen die Termiten, sagte ich, und Babys bringe ich auch nicht um. Das lass man nicht den General hören, sagte der Ameisenfeldwebel, vorwärts marsch, sonst reiße ich dir persönlich die Rübe ab! Es half nichts, ich musste hinein und kroch widerstrebend in den dunklen Tunnel, von dem Ameisenfeldwebel hinter mir immer wieder unsanft in den Hintern gepiekst. In einer Höhle schlugen sich Elitesoldaten der Sturmtruppen schon um die Kammer der fremden Königin. Die Verteidiger waren listige Nasensoldaten, sie schossen Leim aus dem Rüssel, so dass den Angreifern die Beine zusammenklebten und sie zappelnd zu Boden stürzten. Das sah so komisch aus, dass ich lachen musste. Hier ist eine dreckige Verräterin, rief der Ameisenfeldwebel hinter mir zornig, sie wäre wohl lieber eine Termite geworden! Reiß ihr den Kopf ab, antwortete eine andere. Nein, sagte eine dritte, die größer als die anderen war, ich will mit den Termiten um ihr erbärmliches Verräterleben kämpfen. Los, ihr feigen Käsemilben, wer traut sich heran? Die Termiten hatten aber keine Lust, mich zu retten, sondern blieben lieber in sicherer Deckung und spuckten Kleister. Da stürzte sich der Ameisengoliath plötzlich auf mich, packte mich, biss mir ein Bein ab, warf es den Termiten vor die Füße und brüllte, wollen doch mal sehen, ob ihr treu zu euren Verbündeten steht, ihr Bleichgesichter! Ich fing an zu weinen. Der größte Termitenkrieger sagte mit tiefer Stimme: Lass das Mädel in Ruhe, du Großmaul, oder ich hau dir den Sauerstoff aus den Tracheen. Vielen Dank, sagte ich, weil ich hoffte, meine anderen fünf Beine behalten zu dürfen. Dafür nich, sagte die hilfsbereite Termite, aber wie heißt du denn eigentlich, mien Deern? Wieso, ich bin doch die Helena, sagte ich verwundert, kennt ihr mich denn nicht? Ach, die Helena, sagte mein Beschützer, dann bist du wohl die schöne Helena, hinter der die Ameisengriechen her sind? Hier ist nämlich Termitentroja, und ich heiße Aeneas, was treibst du dich denn da draußen herum, du solltest doch hier bei Prinz Paris sein, dem kleinen feigen Stinker. Helena! riefen da auch die anderen Termiten, und die Ameisen ebenfalls, und ich verbeugte mich lächelnd, während mein Name immer lauter durch die Höhle hallet: Helena! Helena! Da rillte plötzlich die Flut an, rasend schnell schoss Wasser in die Priele, eine Riesenwoge fegte über den Termitenhügel hinweg und riss alles mit, Termiten, Ameisen und mich. „Helena“, sagt eine Stimme. „Wach auf. Du musst aufwachen!“ Ich kämpfte verzweifelt gegen das Ertrinken, bis meine Arme festgehalten werden. „Helena“, rief die Stimme wieder, „wach endlich auf, was ist denn, hast du geträumt?“ Endlich kriegte ich die Klüsen auf. Über mir hing ein blasses Gesicht. Es schien traurig und glücklich zugleich. „Nell“, murmelte ich matt. Nur langsam bekam ich das Gehirn klar. Er tat immer noch ein bisschen weh. Über mir kreiste die Zimmerdecke. „Hör zu, Helena“, sagte Nell. „Ich muss dir was sagen. Es ist sehr wichtig. Dein Onkel lebt! Hast du verstanden? Johnny ist ihnen entwischt. Sophius Mint hat ihm geholfen. Du darfst aber mit niemandem darüber sprechen. Ich sag’s dir nur, damit du nicht erschrickst, wenn du was anderes hörst. Die ganze Stadt hält ihn für tot. Es steht sogar in der Zeitung.“ Die Zimmerdecke kreiste langsamer. „Ich hab’ Durst!“ „Kein Wunder“, sagte Nell, „du warst ja fast zwei Tage lang weg.“ Sie stand auf, goss aus der Karaffe auf dem Tisch Wasser in ein Glas und hielt es mir an den Mund. „Langsam“ mahnte sie ein paar Mal. „Immer schön langsam,. Es ist genug da. Wie geht es dir denn, tut der Kopf sehr weh?“ „Geht so“, sagte ich. „Das gibt sich“, sagte sie. „Der Doktor meint, es ist nur eine Gehirnerschütterung.“ „Was ist denn eigentlich passiert?“ fragte ich, als ich mich wieder einigermaßen erholt hatte. Nell erzählte es mir. Eine verrückte Geschichte, dabei war eigentlich alles ganz einfach. Sophius Mint hatte sich dafür revanchiert, dass Johnny damals in China den Leichnam seines Sohnes Kurt vor den grausamen Taiping auf der Wiese der silbernen Schmetterlinge in Sicherheit brachte. Als der Henker bei Johnny in der Zelle war, versprach er ihm, dass ihm nicht geschehen werde, er solle nur Vertrauen haben. Dann setzte er ihm genau auseinander, was er vorhatte. Johnny war gleich einverstanden, es schien ihm viel sicherer als jeder Ausbruchsversuch. Vor der Frohnerei nahmen Michel, Walter, Harry und der Gecko Onkel Johnny nicht nur die Ketten ab, hüllten ihn in das kratzige Armesünderkleid über und zogen ihm die Klamotten aus, sondern sie legten ihm dabei auch so rasch wie unauffällig ein Riemengeflecht an, wie es früher für eine ganz spezielle Form des Aufknüpfens verwendet wurde. Ich habe es später im Kriminalmuseum gesehen. Es ist eine Art Korsett mit einem Halsring und starken Riemen zwischen den Beinen. An dem Halsring ist ein starker Haken befestigt. Der Verurteilte wurde daran in die Höhe gezogen. Dann wurde ihm der Strick umgelegt und der Haken ausgeklinkt. Der Delinquent stürzte in die Tiefe, brach sich das Genick, und der Henker zog die Riemen vom Leichnam ab. Am Tor des Klosters kamen die falschen Nonnen dem schönen Plan in die Quere. So erklärte sich auch, warum Onkel Johnny Wandrahm-Willys Hilfe zurückwies. Und danach konnten Jack und die Brookboys natürlich nicht mehr das Geringste unternehmen. Auf dem Gerüst legte der alte Sophius Onkel Johnny die Schlinge um den Hals, führte sie aber so durch den Haken, dass sie sich nicht zuziehen konnte. Der General hätte gern auch Hoger Mars bei der Hinrichtung auftreten lassen, aber das hatte der Hauptpastor denn doch und ganz entschieden abgelehnt. Dann setzte der Henker meinem Onkel die große schwarze Kapuze auf, deren Stoff auch den Oberkörper bedeckte, und ließ Onkel Johnny fallen, aber dass die Ketten rasselten. Die Menge schrie auf. Die Henkersknechte standen geschäftig um die beiden herum. Onkel Johnny hatte nichts weiter zu tun, als sich ein bisschen hängen zu lassen. Als er sich ruhig am Seil drehte, gaben Sophius Mint und die anderen der Menge den Blick frei, und der Henker fragte den Hauptmann die alte Formel: „Habe ich recht gerichtet?“ Bendixen räusperte sich, schob das Monokel unter die Braue, guckte zur Sicherheit noch einmal auf seinen Zettel und antwortete wie vorgeschrieben: „Du hast gerichtet, wie Urteil und Recht gegeben, und wie der arme Sünder es verschuldet hat.“ „Davor danke ich Gott und meinem Meister, der mich diese Kunst gelehrt hat“, sagte der Henker. „Du hast getan, wie Dir von Gott und deiner Obrigkeit befohlen gewesen“, antwortete Bendixen. „Abschneiden!“ schrien nun einige der Arbeitsleute in den ersten Reihen. „Schluss mit diesem miesen Schauspiel!“ Der Henker schnitt das Seil durch, die Falltür öffnete sich und der vermeintliche Leichnam sank leise klirrend aus dem Blick des Publikums. Im Mittelalter hätten sich die Leute nicht so leicht hinters Licht führen lassen, denn damals waren Hinrichtungen eine Art Volkssport, bei dem jeder mitreden wollte und deshalb ganz genau hinsah. In unseren verweichlichten Zeiten aber hatte selbst der gewiss nicht zimperliche Hauptmann Bendixen im Augenblick des Sturzes den Blick abgewandt. Allzuviel Inszenierung trübt den Realitätssinn, sogar den preußischen. Und schließlich standen in den ersten Reihen lauter heimliche Mitverschwörer. „Na, wie war’s?“ fragte Harry, schob den Sarg zur Seite und hob darunter den Kanaldeckel hoch. „Haste Halsweh?“ „Pass nur auf, dass ihr gut wegkommt“, sagte mein Onkel. Harry grinste. „Aber sicher, sagte Blücher!“ Onkel Johnny löste die Ketten, zog die bereitgelegten Stiefel an und verschwand in dem Einstiegsschacht. Wäre etwas schiefgegangen, wären die anderen ebenfalls in den Siel getürmt. So aber legte Harry leise die Ketten in den Sarg, nagelte den Deckel zu und schob die schwarze Totenkiste durch den schwarzen Vorhang ins Freie. Die anderen Henkersknechte sprangen von der Plattform und halfen, den Sarg auf einen Abdeckerkarren zu bugsieren. Die bisher so ruhigen Arbeitsmänner in den ersten Reihen empörten sich immer mehr. „Aufhören!“ rief der Eisenbieger Hein Holler. „Das ist ja ein Rückfall ins finsterste Mittelalter! Eine Schande!“ Der Hauptmann wollte nicht zum Schluss noch Volkszorn provozieren. Er schwenkte wieder den Säbel, wendete seinen Gaul und kommandierte: „Hinrichtungskommando Marsch!“ Trommelwirbel, Pfeifenquieken. Der Trainwagen rollte los, und die Lanzenreiter folgten. Kaum war das Kommando abgerückt, hielt eine große schwarze Kutsche vor dem Hochgericht. Auf dem Bock saß Emil Egenbüttel, der von Konsul Averdar gefeuerte Bruder Eddie des Schränkers. Die ahnungslosen Infanteristen schauten zu, wie die Henkersknechte den Sarg verluden und dann in die Kutsche stiegen, um zum Friedhof Ohlsdorf zu fahren. Sophius Mint schwang seine Elefantenfigur neben Emil auf den luftigen Sitz. Wie ein Rachegott blickte er in seiner roten Robe über die vieltausendköpfige Menge. „Hü!“ rief Egenbüttel und knallte die Peitsche. Die organisierten Werktätigen drängten sich so dicht um die Kutsche, dass niemand herantreten konnte. Vor den entschlossenen Arbeiterschritten machte die Menge den Weg frei. „Genossen!“ rief Hein Holler. „Ein Lied zu Ehren des Mannes, der einen Freund aus den Klauen der Armee befreien wollte!“ Die Männer, allesamt Mitglieder der SADP, begannen zu singen. Laut und kräftig klang das fröhliche Arbeiterlied über den weiten Platz: „Wetzt die langen Messer am Laternenpfahl…“ Onkel Johnny kletterte in das Siel und lief durch den großen Backsteintunnel in Richtung Elbe, nicht weit von der Stelle entfernt, an der Arbeiter die alten Tempelhöhle zugeschüttet hatten. Schon nach den ersten Metern aber geschah etwas völlig Unerwartetes: Er hörte Schreie und das Geräusch von Schlägen. Andere hätten wohl nur an die eigene Haut gedacht. Nicht so Onkel Johnny. Vorsichtig schlich er näher und sah im Licht einer Petroleumfunzel, wie ein Constabler mit dem Säbel einen kleinen, mageren, an Händen und Füßen gefesselten Mann malträtierte. Der Constabler war Horst Möller, sein Opfer der ehemalige Grendel. „Wo ist das verdammte Geld, du verfluchter Hund!“ rief der Comstabler vermutlich schon zum x-ten Mal und schlug wieder zu. „Weiß nichts von Geld!“ heulte der arme Kanal-Kasi und krümmte sich vor Schmerzen, halb auf den Steinen, halb in der stinkenden Brühe. Onkel Johnny tastete nach einem losen Ziegel und schlug ihn dem Constabler über den Schädel. Möller brach zusammen. Mein Onkel nahm ihm den Säbel aus der schlaffen Faust und schnitt Kanal-Kasi die Fesseln ab. Dann packte er die Petroleumfunzel und zerrte den Entkräfteten mit sich in Richtung Elbe. Leider hatte Onkel Johnny nicht gesehen, dass Möller ein Gewehr bei sich hatte. Der Constabler hatte es auf einen kleinen Sims gelegt. Als er wieder zu sich kam, schnappte er sich die Waffe und hetzte hinter den Flüchtenden her. Bald hörte Onkel Johnny ihn kommen. Als er noch überlegte, ob er die Petroleumfunzel ins Wasser werfen sollte, knallte ein Schuss durch den Siel. „Verflixt“, fluchte mein Onkel. „Polizeimann hat Gewehr“, erklärte Kanal-Kasi. „Das hättst du mir auch früher sagen können“, sagte mein Onkel. Sein linker Oberarm brannte, und er spürte, wie Blut herunterlief. Er ließ die Funzel fallen und stieß sie mit dem Fuß in den stinkenden Strom, bis sie verlosch. Nun war es fast ganz dunkel, nur manchmal drang das schwindende Tageslicht durch die Trummen. Möller kam langsam näher. Onkel Johnny wurde klar, dass er mit dem erschöpften Kasi nicht entkommen konnte. Er wollte ihn aber auch nicht dem Constabler überlassen. Während er noch überlegte, raunte ihm der Ex-Grendel zu: „Kanal-Kasi weiß.“ „Was denn?“ „Wo Polizeimann uns nicht findet“, flüsterte Kanal-Kasi. Mein Onkel war schnell überzeugt. „Ja, wenn du das nicht weißt, wer dann“, murmelte er. Kanal-Kasi führte ihn in einen kleineren Siel, der nach links abbog, und dann in einen noch kleineren, in dem sie gebückt laufen mussten. Von ihrem Verfolger war bald nichts mehr zu hören. Ein paar Dutzend Meter weiter wisperte der Pole: „Hier kannst du aufstehen. Aber leise! Sehr leise!“ „Wo sind wir den jetzt?“ fragte mein Onkel. „Springeltwiete“ raunte ihm Kanal-Kasi ins Ohr. Die schmale Gasse führte schon damals von der Steinstraße durch das Gängeviertel zum Binnenhafen, ist heute aber viel breiter. „Kanal-Kasi weiß, wo Ausgang. Gehen wir.“ „Wir warten, bis es dunkel ist“, entschied mein Onkel. In Hamburg geht die Sonne Mitte Mai erst so gegen halb zehn unter, und danach ist es noch eine Dreiviertelstunde lang ziemlich hell. Während sie warteten, erzählte Kasi von seinem früheren Leben, so weit er sich erinnern konnte. Onkel Johnny war ziemlich betroffen, als er die traurige Geschichte des Grindels nun in allen Einzelheiten zu hören bekam. „Wenn das hier vorbei ist, kümmern wir uns um dich“, versprach er. „Kümmert sich schon Petersen“, sagte der Ex-Grendel. „Aber danke trotzdem.“ Von der alten Legende seiner Familie sagte mein Onkel dem Kranken nichts, hat wohl auch nie daran geglaubt. Ohne Licht und Uhr schwindet das Zeitgefühl ziemlich schell. Irgendwann schien es Onkel Johnny genug gewartet, und er fragte: „Wie kommen wir raus?“ „Schacht“, flüsterte Kanal-Kasi und kroch gebückt weiter, mein Onkel hinter ihm her. „Wieder sehr leise“, mahnte Kasi. „Ich mache jetzt Deckel hoch.“ Vorsichtig stemmte er sich mit der Schulter gegen die schwere Gußeisenscheibe. Es dämmerte schon. Ein Schuss peitschte, und Kanal-Kasi fiel in Onkel Johnny Arme. „Mit mir ist es aus“, das waren seine letzten Worte. Rasch kletterte mein Onkel wieder nach unten. Als er den Leichnam auf den Boden legte, wurde schon der Deckel zur Seite geschoben. Ein zweiter Schuss verfehlte knapp sein Ziel, Onkel Johnny konnte sich eben noch in den niedrigen Tunnel retten. Constabler Möller trampelte die Steigeisen hinunter. Als er den dritten Schuss abfeuerte, war Onkel Johnny schon um die nächste Ecke gebogen. Der Knall schallte vielfach von den Wänden des Sielsystems zurück. Und das war das Ende des Ungeheuers, das man den Grendel nannte, das so viel Aufregung verursacht hatte, dabei doch nur ein ganz armes Geschöpf war und so kurz vor seiner Genesung, gerade als es auf eine tröstliche Lebenswende hoffen durfte, jämmerlich zugrunde gehen musste. Mein Mann und ich haben später dafür gesorgt, dass Kanal-Kasi wenigstens eine anständige Grabstätte bekam. Als Grabspruch wählten wir Hiob 19, 26: „Ohne meine Haut, die so zerfetzte, und ohne mein Fleisch werde ich Gott schauen.“ Der arme Kerl war bald vergessen, zuviel ist danach noch geschehen, und so viel Aufregung er im Gängeviertel verursacht hatte, mit dem Abriss der Elendsquartiere ein paar Jahre später verschwand auch die letzte Erinnerung an ihn. Sein Tod war wohl zu technisch, sein Mörder zu zwielichtig, und als Opfer erweckte der arme Kranke aus Polen kein Mitleid. Auch Wuttkes empörte Zeilen am nächsten Morgen erzielten nicht mehr die erwartete Wirkung. Es gab Wichtigeres in diesen bewegten Tagen. Onkel Johnny lief rasch immer weiter, bis er sicher war, dass der Constabler ihn nicht verfolgte. Dann tastete er sich langsam ins Hauptstammsiel vor und folgte dem Schietstrom abwärts. In der Finsternis gab es nur diese Möglichkeit, aus dem Labyrinth zu finden. Es dauerte über eine Stunde, bis Onkel Johnny die Mündung in den Herrengraben erreichte. Inzwischen war es schon Mitternacht. Vorsichtig kletterte Onkel Johnny ins Freie. Im Schatten von Bäumen und Hauswänden schlich er mit seiner verdreckten Kutte in Richtung Kehrwieder. Auf der Deichstraße platzte plötzlich eine Gesellschaft bezechter Bürger aus dem „Aalkrug“ und umringte ihn lachend und grölend. Was er wohl für ein armer Sünder sei? Ob er das Kloster suche? Wie lange es noch bis zum Jüngsten Tag dauere? Die Zecher lachten sich krumm und schief. Onkel Johnny verdrückte sich schleunigst und schaffte es ohne weitere Zwischenfälle ins „Tritonia“. Er klopfte ein paar Mal an Nells Tür, aber sie war vor Erschöpfung eingeschlafen, und Onkel Johnny konnte sie ja nicht gut mitten in der Nacht aus dem Bett trommeln. Da er wusste, dass ihre Balkontür nachts immer offenstand, wählte er den Weg durch mein Zimmer, stieg bei ihr ein und war an ihrem Bett, als sie hochfuhr und seinen Namen rief. Da hatte er schon die Hand auf seinem Mund und redete flüsternd auf sie ein. Als Nell sich ein bisschen beruhigt hatte, versorgte sie seinen Arm. Die Kugel hatte nur ein Stück Haut weggerissen, Knochen und Muskeln waren unversehrt. „Wo ist er denn jetzt?“ fragte ich Nell. „Ja, weißt du“, sagte sie, „ich hab’ da so ein kleines Versteck.“ „Auf der Corneliusschanze?“ „Ach, das weißt du auch schon?“ „Onkel Johnny und ich waren dort Opium holen.“ „Ach so. Das hat er mir gar nicht erzählt. Du darfst es aber niemandem sagen, hörst du? Auch Danny nicht. Wenn sie ihn finden, bringen sie ihn vielleicht tatsächlich um.“ „Wem sollte Danny wohl was verraten!“ „Na, seinem Vater zum Beispiel.“ „Wieso, ich denke, Jack wollte Onkel Johnny retten?“ „Das verstehst du noch nicht. Ich erklär dir später alles. Glaubst du, dass du aufstehen kannst?“ „Ich denke schon.“ Sie führte mich in den Frühstücksraum, gab mir die Zeitung und verschwand in Richtung Küche. Es war nicht das „Fremden-Blatt“, sondern der „Hamburgische Korrespondent“, die Senatorenzeitung. Ich habe den Artikel noch heute in meinem Sekretär. Der Text ging ungefähr so: „Der Kommandeur des IX.Armeekorps der preußischen Armee Seiner Kaiserlichen Majestät und Festungskommandant der gestern zur Festung erklärten Stadt Hamburg, Seine Exzellenz Generalleutnant Börries von Waltershausen, hat gestern der Bevölkerung ein so eindrucksvolles wie bewunderungswürdiges Beispiel seiner Härte und Entschlossenheit geboten, in unserem durch die Unruhen der letzten Tage in seiner Sicherheit und Wirtschaftskraft gefährdeten Gemeinwesen mit eiserner Hand wieder die nötige Zucht und Ordnung durchzusetzen. Der frühere Seemann Johannes Mott, der kurz vor seiner Verhaftung wegen Mordes an einem Polizisten die in höchstem Maße verwerfliche Tat beging, einen Deserteur der Wandsbeker Blauen Husaren bei sich zu verstecken, wurde in den gestrigen Abendstunden von einem Hinrichtungskommando auf dem Steintorplatz unter großer Anteilnahme der erleichterten Bevölkerung gemäß des Urteils des Militärstrafgerichts vom Vortage am Galgen zu Tode befördert. In seinen letzten Worten äußerte der Verurteilte tiefe Reue über seine ehrlose Tat und gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass niemals wieder ein Hamburger das Ansehen seiner Vaterstadt mit einer so schmachvollen Handlung gegenüber der Armee Seiner Kaiserlichen Majestät beflecken möge. Nach der Hinrichtung pries die dankbare Menge Seine Majestät Kaiser Wilhelm mit begeisterten Barbablanca-Rufen als den hochedlen und großmütigen Schutzherrn unserer Stadt, die den Vollzug der gerechten Strafe ewig in Erinnerung behalten möge.“ Man kann sich wohl denken, wer den ungenannten Verfasser inspiriert hat. Jack war nach der missglückten Befreiungsaktion in sein Büro zurückgekehrt, wo bald auch Wandrahm-Willy, Wacko und Hein Cölln eintrafen, alle denkbar schlechter Laune. Schade, sagten sie, es habe doch alles geklappt wie am Schnürchen. Ja, sagte Jack, Johnny habe schon immer seinen eigenen Kopf gehabt. Ob er habe sehen können, wie der Henker die Hinrichtung getürkt hätte? Nur von weitem, antwortete Jack, aber es sei gleich klar gewesen, dass Johnny nicht in dem Sarg gewesen sei, viel zu riskant, er sei schon vorher abgehauen, wahrscheinlich durch den Siel, ähnlich wie in ihrem Plan. Er gebe ihnen trotzdem einen aus, denn sie hätten ihre Sache gut gemacht und sollten mit in den Club kommen. Während die Kutsche mit der Gangster-Generaldirektion durch den Regen über den Kaiserkai ratterte, schob sich ein geklauter Gemüseewer durch den Schiffbauerhafen und legte lautlos an der Südwand des Kaiserspeichers an. Am „Tritonia“ ließ Jack halten. Nell sah ihn und kam heraus. „Du hast geschworen, ihn nicht wiederzusehen, wenn er den Tag überlebt“, sagte Jack. „Wenn du es trotzdem tust, bringe ich ihn um.“ „Ich weiß, was ich geschworen habe.“ Jack stieg wieder in die Kutsche. „Ist er da?“ erkundigte sich Wandrahm-Willy vorsichtig. „Halts Maul!“ sagte Jack grob. In dem geklauten Gemüseewer saßen die ehemaligen Henkersknechte mit Eddie dem Schränker unter Ölplünnen. Vorsichtig machte Harry das Fahrzeug an den Steinringen für die Piekhaken fest. Selbst der imaginäre Papagei „Coco“ gab Ruhe. Der Gecko legte sich ein zusammengerolltes Seil um die Schultern und turnte trotz des Regens an der glatten Wand so munter in die Höhe, als seien dort Steigeisen einzementiert. Harpunen-Harry legte schon mal die Strickleiter zurecht, aber von oben kam kein Seil herabgeflogen, auch nicht nach langen Minuten. „Hölle und Verdammnis, welch rätselhaftes Geschehen verzögert die Erfüllung unserer vorzüglichen Planung?“ wunderte sich Walter. „Ist der eidechsengleiche Großmeister der Vertikale am Ende vor dem hohen Ziel ermattet und gönnt sich in luftiger Höhe ein verfrühtes Nickerchen?“ „Ich hab’s geahnt“, sagte der Bäcker. „Den hat der verfluchte Köter erwischt. Ich hab’ ihn extra gewarnt, und da sagt er doch glatt, ich soll mich nicht so haben, er sei mit Hunden groß geworden. Ha! Nennt ihr das groß? Außerdem lauert da oben nicht irgend so’n Dorfköter, der auf Finkenwerder Fischköppe knabbert, sondern ein ausgewachsener Molosser, groß wie ein Kalb, der frisst den Zwerg mit einem Happs!“ Nach einer Viertelstunde sah auch Harry ein, dass sie etwas unternehmen wussten. „Von uns kommt da keiner hinauf“, stellte der Bäcker im Tenor einer Letztinstanz fest. „Von uns nicht“, gab Eddie der Schränker zu. „Aber ich kenne zwei, für die ist das kein Problem. Zwei Jungs, gleich hier aus der Nachbarschaft. Die klettern wie die Katzen. Habt ihr nicht gelesen, dass aus dem alten Teerhof Dynamit geklaut worden ist? Das waren die beiden. Sind am Blitzableiter hoch.“ „Du meinst, die schaffen es hier rauf?“ fragte der Bäcker. „Schneller als ihr in den Himmel“, sagte der Schränker. Harry zog den Tampen aus dem Steinring, und sie ruderten den Ewer zum Dalmankai. „Bin gleich wieder da“, sagte der Schränker. Ein paar Minuten später klopfte er an die Tür der kleinen Wohnung an der Dienerreihe. „Tom!“ rief er halblaut. „Wach op!“ Nach einer Weile kam Antwort: „Wer is’n da?“ „Eddie.“ „Ich kenn kein’ Eddie.“ „Und Tresorknacker willste wohl auch nich werden, wat? Du kriegst gleich’n paar hinter die Löffel.“ „Ach du bist’s!“ staunte der Junge, der endlich kapierte. „Was machst du denn hier?“ „Ich steh hier rum und guck mir eure Tür an.“ Der Junge öffnete rasch. „Moin, mien Jong“, sagte Eddie. „Los, kommt mit, es gibt was zu klettern. Zieh die aber was Wasserdichtes über.“ „Klettern, für dich?“ rief Tom begeistert. Das war so ungefähr die größte Ehre, die er sich vorstellen konnte: Ein Bruch mit dem besten Schränker von Hamburg, ach was, im ganzen großen Deutschen Reich! Während der Junge sich rasch ankleidete, sah sich Eddie in der alten Dienstbolzenwohnung um. Sofa und zwei Stuhle mit schwarzen Rosshaardecken, Tisch aus Zuckerkistenholz, Plüschdecke, rot gestrichene Wassertonne, an der Wand Hamburg, der Vorsitzende der SAPD, der Kaiser, Marx, Jesus und der eingerahmte Konfirmationsschein. Babel, Bebel, Bibel. Der Religionsunterricht bestand damals darin, dass der Lehrer den Kindern stundenlang aus Heiligen Schrift vorlas. Jedes Kind bekam eine Bremer Schulbibel geschenkt. Am Tag der Entlassung flogen die Dinger immer massenweise in die Fleete. Auf den Holzstangen am Eisenherd tuckten misstrauisch ein halbes Dutzend Hühner. Ich kannte Tom von der Schule, er war ja nur ein Jahr jünger als ich. Auch Richards Mutter war nicht zu Hause. Als die beiden Jungs erfuhren, worum es ging, platzten sie fast vor Stolz. „Den Turm vom Kaiserspeicher? Da wollte ich schon lange mal raufklettern!“ sagte Richard. „Ich auch“, sagte Tom. Sie stiegen in den Ewer. Als das Fahrzeug wieder an den Steinringen vertäut war, sagte Eddie: „Sperrt den Köter ein. Wenn die Strickleiter fest ist, könnt ihr abhauen.“ Das war den beiden Jungs aber gar nicht recht. „Wenn wir schon dabei sind, wollen wir auch zugucken“, sagte Richard. „Genau“, sagte Tom. Im Eingang auf der anderen Seite des Speichers hörten sie die Posten der Brookboys lachen. „Haltet euch ran“, sagte der Bäcker. Die beiden Jungs stießen einander heimlich an. Der Held vom großen Eisenbahnraub! „Zeigt mal, was ihr könnt!“ sagte Harpunen-Harry. Die beiden Jungs stiegen auf den Kai und kletterten an der Regenrinne, in der es mächtig rauschte, fast so flink hinauf wie zuvor der Gecko. „Diese Jünglinge werden dereinstestens, so nicht als neue Klebefinger aus der ruhmreichen Dynastie der Geckoniden, so doch als höchst bewunderungswürdige S-pinnenmenschen in die gloriosen Geschichte der germanischen Fassadenkletterkunst eingehen“, sagte Walter anerkennend. Zehn Minuten später spähten die beiden Jungs vierzig Meter über dem Kai in das Fenster, das der Gecko aufgebohrt hatte. Der kleine Mann lag auf dem Perserteppich. Der Molosser hatte die Pfoten auf seine Brust gelegt. Knurrend blickte er den nächsten Eindringlingen entgegen. Richard kletterte auf dem Sims um den Turm herum, wobei er sich an den nassen Steinen gut festhalten musste, stieg von der anderen Seite ein und schlich durch Jacks Schlafzimmer. Als er von dort ins Wohnzimmer trat, sprang die gewaltige Dogge auf und stürzte sich wild bellend auf ihn. Richard rannte zurück und kletterte wieder auf den Sims hinaus. Der gute Armin wollte hinterher, aber Hundetatzen klettern nun mal nicht so gut. Richard drückte ihm das Fenster in die Schnauze und zurrte es mit Draht zu. Tom stieg inzwischen ins Wohnzimmer, stieß die Tür zu, und der Molosser war ins Schlafzimmer gesperrt, wo er wie rasend rumorte. „Jo, wenn man to tween is!“ sagte der Gecko und schlug mit den Armen, um den Kreislauf in Schwung zu bringen. „Wer siet jü denn överhaupt?“ „Freunde von Eddie dem Schränker“, sagte Tom stolz, und die beiden nannten ihre Namen. „Verflixtes Veeh!“ sagte der Gecko. „Nimmt nich mal ’ne ehrliche Wust von’nem ehrlichen Einbrecher an!“ Er hob sein Seil auf, zurrte es an einem Balken fest und ließ das andere Ende herunterfallen. Kurz darauf zog er die Jakobsleiter herauf und befestigte sie ebenfalls. Ein paar Minuten standen auch die anderen in dem Büro. Nur Harry war mit seinem vorübergehend stimmlosen Phantasiepapagei im Ewer geblieben. Hinter der Tür zum Schlafzimmer hörten sie den Molosser toben. Eddie nahm den Arnheim in Augenschein. „Genau der gleiche wie im Palazzo“, stellte er zufrieden fest. „Sag ich doch“, ließ sich Michels Tiefbrunnenstimme vernehmen, und der Molosser hinter der Tür hörte auf zu knurren, als hätte er Respekt. „Nun denn, Gefährten der Nacht“, sagte Volten-Walter munter. „Frisch ans Werk, auf dass uns die Morgensonne bei der Siegesfeier findet wie einstens den dreisten Odysseus, als er Hektor die Buletten klaute!“ „Wohl“, sagte der Bäcker. Da Eddie inzwischen auf den Millimeter genau wusste, wo das kalte Knabbergeschirr anzusetzen war, ging die Arbeit flott voran. Eine gute Stunde später sahen sie im Inneren Johnnys Opium und zwanzig Dosen Morphin. Das Geld blieb liegen. „Wi sünd ja man kiene Deeve nicht“, sagte der Gecko zu den beiden staunenden Jungs. Walter ließ die Beute an dem Seil hinunter, Harpunen-Harry verstaute sie in dem Ewer. Dann sailten sie um die Kaiserspitze herum und in den Binnenhafen. Die beiden Jungs liefen nach Hause. Eddie nahm Kurs auf die „Weiße Möwe“. Die anderen brachten die Beute zur Ericusschanze und legten sie in Onkel Johnnys chinesische Seekiste, die inzwischen den Weg vom „Tritonia“ in das Versteck gefunden hatte. Dann gingen sie in die „Ruhige Hand“, um mit dem Henker ganz fürchterlich zu zechen. BU „Wat denn, der Freihafen ist doch seefe“: Blick vom Kehrwieder auf die Brooksbrücke 1885 © Museum für Hamburgische Geschichte

Als Hauptmann Bendixen im Rathaus Männchen und Meldung machte, thronte Seine Exzellenz der General mit Oberst von Illies im Sitzungsraum des Senats. Kurz zuvor hatten Bürgermeister Twistring und Senator Hartestaart den General aufgesucht. Die Herren wirkten durchaus nicht erfreut über die Mitteilung, dass Hamburgs Polizeichef von der preußischen Feldgendarmerie festgesetzt worden sei und am nächsten Tag wegen Befehlsverweigerung und Behinderung militärischer Maßnahmen vor ein Kriegsgericht gestellt werden solle. Es hatte sogar einen erregten Wortwechsel gegeben. Der General musste zu seinem Leidwesen, wenn auch nicht zu seiner Überraschung, feststellen, dass die Vaterlandsliebe dieser selbstsüchtigen Pfeffersäcke tatsächlich an Krücken ging. Der Innensenator hatte sogar damit gedroht, nunmehr selbst zu seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler nach Friedrichsruh zu reiten. Der General hatte es daraufhin für seine Pflicht gehalten, den Innensenator darauf hinzuweisen, dass er in diesem Fall die Arrestwohnung mit dem Polizeichef teilen werde. O wie süß schmeckte die Rache für 1849! Sorge bereitete dem General indessen, dass Bismarck keineswegs informiert war, wie er gegenüber diesen aufgebrachten Politikussen nun bereits zum zweiten Mal behauptet hatte. Man konnte im Gegenteil eher sagen, dass Bismarck von den Vorgängen in der Freien und Hansestadt, jetzt Festung Hamburg, nicht die leiseste Ahnung hatte. Es war höchste Zeit, die nötige Kulisse aus berechtigten Gründen und unbezweifelbaren Ursachen aufzubauen, um die bereits ins Werk gesetzte strategische Vorgehensweise zu rechtfertigen. Das erwies sich leider als gar nicht so einfach. In der Stadt war es viel zu ruhig für den Geschmack des Generals. Keine Protestmärsche, keine Barrikaden und schon gar keine Schüsse von Freischärlern mit Jagdflinten. Nicht mal Steinwürfe.

  Die Meldung des Hauptmanns lieferte wenig Trost.

  „Unruhen?“

  „Keine, Herr General. Hat alles geklappt wie am Schnürchen.“

  „Ausschreitungen?“

  „Keine, Herr General. Bevölkerung im Gegenteil äußerst diszipliniert.

  „Antipreußische Äußerungen?“

  „Keine, Herr General. Nur ein paar alkoholisierte Redensarten, gar nicht der Rede wert.“

  „Keine Unruhen?“ fragt der General noch einmal. „Keine Schmähungen der preußischen Farben?“

  „Nein, Herr General. Bis auf die üblichen Spassvögel verhielt sich die Bevölkerung sehr zurückhaltend. Ich möchte fast sagen: schweigsam.“

  „Da sehen Sie es mal wieder!“ sagte der General. „Man muss diesen Koofmichs nur die eiserne Faust zeigen, dann kriegen sie keinen frechen Ton mehr aus der Rotspongurgel.“

  Bendixen salutierte zackig und marschierte wieder hinaus.

  Senator Hartestraat versuchte nicht etwa, schnurstracks in den Sachsenwald zu reiten, sondern rief Bismarcks Privatsekretär an, einen Parteifreund, den er von vielen Begegnungen und manchem feuchtfröhlichen Abend kannte. „Ich brauche deine Hilfe, Friedrich. Du musst mir unbedingt eine Stunde mit dem Kanzler in den Terminkalender schmuggeln. Du wirst nicht glauben, was bei uns los ist.“

  „Wat denn, der Freihafen ist doch seefe, oder machen die Sozen nu doch wieder Scherereien?“

  „Die nun gerade nicht, Friedrich. Es sind eure Leute.“

  „Unsere? Welche unseren denn?“

  „Die glorreiche Armee. Seine Exzellenz euer kaiserlicher Generalleutnant von Waltershausen.“ Er erzählte, was sich ereignet hatte.

  „Gott der Gerechte“, sagte der Privatsekretär. „Das ist aber starker Tobak, mein Lieber. Der Kerl gehört abgeholt, aber von den Leuten mit den weißen Kitteln.“

  „Wenn die kommen, lässt er auf sie schießen.“

  „Pass mal auf, Joris, wir machen das so: Ich schicke dir gleich jetzt zwei Adjutanten aus dem Stab, die dich abholen und herbringen, damit dieser Irre dich nicht auch noch einsperren lässt. Du übernachtest hier, und morgen in aller Herrgottsfrühe sprichst du mit dem Alten, dann ist er am friedlichsten.“

  Es lief alles wie in der Ticktack, und der Uhrmacher war das Schicksal.

  Wenn ich an diese Nacht zurückdenke, ist mir, als hätte sich damals die Zukunft in die Gegenwart verirrt. Ich erinnere mich an einen sonderbaren Traum: Ich war ein Kind von kaum drei Jahren und hüpfte durch einen Märchenwald. Dreißig Meter über mir wölbten hundertjährige Buchen ein dichtes Blätterdach, die Sonne drang in spinnwebbleichen Strahlen auf knietiefes Moos, wie weiße Sommersprossen sprenkelten Buschwindröschen den schwankenden Boden und an stillen Prielen blühte die Sumpfdotterblume. Mein Weg führte leicht abwärts, und bald erschienen die Pflanzen der Hochwasserspülsäume, Knöterich, Segge und Greiskraut. Ein Pfaffenhütchen prangte mit seinen rosenroten Kapseln. Ich wunderte mich insgeheim, woher ich das alles wusste, denn ich habe diese Pflanzen als Kind gar nicht mit Namen gekannt. Ehe ich aber darüber nachdenken konnte, wanderte ich durch Röhricht, viel höher als ich selbst. Das Rauschen wurde immer lauter, und bald stand ich an einem gewaltigen Strom. Ich wusste, dass es die Elbe sein musste, aber so hatte ich sie noch nie gesehen, sie war viel breiter in meiner Erinnerung. Im Schilf lachte eine Bekassine ihr spöttisches „Huhuhu“, die Rohrdommel brummte wie eine Bassgeige, am Himmel schrie ein Wanderfalke sein „Kjak-kjak“ in die Wolken, und auch die Stimmen all dieser Vögel erkannte ich, obwohl ich davon als Stadtkind gar nichts davon verstand. Ich kletterte auf einen kleinen Hügel, konnte aber das jenseitige Ufer nicht sehen. Plötzlich krabbelte es an meinen Beinen, und ich merkte, dass ich auf einem Ameisenhaufen stand. Schnell sprang ich wieder herunter und entdeckte, dass es in Wirklichkeit ein Termitenhügel war, wie auf den Bildern aus unseren Kolonialwarenalben. Ameisen waren aber trotzdem darauf, und zwar jede Menge, große, schwarze Biester mit kräftigen Zangen. Treiberameisen. Sie führten einen Eroberungskrieg gegen weiße Termiten, die sich verbissen verteidigten. Was haben diese Viecher hier auch zu suchen, dachte ich, sie hätten doch auch in Afrika bleiben können! Schon drangen die Angreifer in die Gänge ein und schleppten getötete Feinde heraus. Die Termiten kämpften mit heroischer Tapferkeit gegen ihre übermächtigen Todfeinde, und meine Sympathien schwankten: Die Ameisen kämpften um ihr Land, die Termiten für ihre Kinder, denn die Puppen wurden von den Angreifern gnadenlos totgebissen, so jämmerlich sie mit ihren Stimmchen auch schrieen. Plötzlich merkte ich, dass ich rasend schnell schrumpfte, und ehe ich auch nur erschrocken japsen konnte, war ich selber nur noch so groß wie die grimmigen Krabbelkrieger. Los, Kamerad, nicht so faul, sagte ein schwerbewaffneter Ameisenfeldwebel zu mir und klappte ganz schrecklich mit den Kampfkiefern, immer feste drauf, gleich haben wir sie und machen Gulasch aus der verdammten Brut. Ich bin aber gar nicht gegen die Termiten, sagte ich, und Babys bringe ich auch nicht um. Das lass man nicht den General hören, sagte der Ameisenfeldwebel, vorwärts marsch, sonst reiße ich dir persönlich die Rübe ab! Es half nichts, ich musste hinein und kroch widerstrebend in den dunklen Tunnel, von dem Ameisenfeldwebel hinter mir immer wieder unsanft in den Hintern gepiekst. In einer Höhle schlugen sich Elitesoldaten der Sturmtruppen schon um die Kammer der fremden Königin. Die Verteidiger waren listige Nasensoldaten, sie schossen Leim aus dem Rüssel, so dass den Angreifern die Beine zusammenklebten und sie zappelnd zu Boden stürzten. Das sah so komisch aus, dass ich lachen musste. Hier ist eine dreckige Verräterin, rief der Ameisenfeldwebel hinter mir zornig, sie wäre wohl lieber eine Termite geworden! Reiß ihr den Kopf ab, antwortete eine andere. Nein, sagte eine dritte, die größer als die anderen war, ich will mit den Termiten um ihr erbärmliches Verräterleben kämpfen. Los, ihr feigen Käsemilben, wer traut sich heran? Die Termiten hatten aber keine Lust, mich zu retten, sondern blieben lieber in sicherer Deckung und spuckten Kleister. Da stürzte sich der Ameisengoliath plötzlich auf mich, packte mich, biss mir ein Bein ab, warf es den Termiten vor die Füße und brüllte, wollen doch mal sehen, ob ihr treu zu euren Verbündeten steht, ihr Bleichgesichter! Ich fing an zu weinen. Der größte Termitenkrieger sagte mit tiefer Stimme: Lass das Mädel in Ruhe, du Großmaul, oder ich hau dir den Sauerstoff aus den Tracheen. Vielen Dank, sagte ich, weil ich hoffte, meine anderen fünf Beine behalten zu dürfen. Dafür nich, sagte die hilfsbereite Termite, aber wie heißt du denn eigentlich, mien Deern? Wieso, ich bin doch die Helena, sagte ich verwundert, kennt ihr mich denn nicht? Ach, die Helena, sagte mein Beschützer, dann bist du wohl die schöne Helena, hinter der die Ameisengriechen her sind? Hier ist nämlich Termitentroja, und ich heiße Aeneas, was treibst du dich denn da draußen herum, du solltest doch hier bei Prinz Paris sein, dem kleinen feigen Stinker. Helena! riefen da auch die anderen Termiten, und die Ameisen ebenfalls, und ich verbeugte mich lächelnd, während mein Name immer lauter durch die Höhle hallet: Helena! Helena! Da rillte plötzlich die Flut an, rasend schnell schoss Wasser in die Priele, eine Riesenwoge fegte über den Termitenhügel hinweg und riss alles mit, Termiten, Ameisen und mich.

  „Helena“, sagt eine Stimme. „Wach auf. Du musst aufwachen!“

  Ich kämpfte verzweifelt gegen das Ertrinken, bis meine Arme festgehalten werden.

  „Helena“, rief die Stimme wieder, „wach endlich auf, was ist denn, hast du geträumt?“

  Endlich kriegte ich die Klüsen auf. Über mir hing ein blasses Gesicht. Es schien traurig und glücklich zugleich.

  „Nell“, murmelte ich matt. Nur langsam bekam ich das Gehirn klar. Er tat immer noch ein bisschen weh. Über mir kreiste die Zimmerdecke.

  „Hör zu, Helena“, sagte Nell. „Ich muss dir was sagen. Es ist sehr wichtig. Dein Onkel lebt! Hast du verstanden? Johnny ist ihnen entwischt. Sophius Mint hat ihm geholfen. Du darfst aber mit niemandem darüber sprechen. Ich sag’s dir nur, damit du nicht erschrickst, wenn du was anderes hörst. Die ganze Stadt hält ihn für tot. Es steht sogar in der Zeitung.“

  Die Zimmerdecke kreiste langsamer. „Ich hab’ Durst!“

  „Kein Wunder“, sagte Nell, „du warst ja fast zwei Tage lang weg.“

  Sie stand auf, goss aus der Karaffe auf dem Tisch Wasser in ein Glas und hielt es mir an den Mund.

  „Langsam“ mahnte sie ein paar Mal. „Immer schön langsam,. Es ist genug da. Wie geht es dir denn, tut der Kopf sehr weh?“

  „Geht so“, sagte ich.

  „Das gibt sich“, sagte sie. „Der Doktor meint, es ist nur eine Gehirnerschütterung.“

  „Was ist denn eigentlich passiert?“ fragte ich, als ich mich wieder einigermaßen erholt hatte.

  Nell erzählte es mir. Eine verrückte Geschichte, dabei war eigentlich alles ganz einfach. Sophius Mint hatte sich dafür revanchiert, dass Johnny damals in China den Leichnam seines Sohnes Kurt vor den grausamen Taiping auf der Wiese der silbernen Schmetterlinge in Sicherheit brachte. Als der Henker bei Johnny in der Zelle war, versprach er ihm, dass ihm nicht geschehen werde, er solle nur Vertrauen haben. Dann setzte er ihm genau auseinander, was er vorhatte. Johnny war gleich einverstanden, es schien ihm viel sicherer als jeder Ausbruchsversuch.

  Vor der Frohnerei nahmen Michel, Walter, Harry und der Gecko Onkel Johnny nicht nur die Ketten ab, hüllten ihn in das kratzige Armesünderkleid über und zogen ihm die Klamotten aus, sondern sie legten ihm dabei auch so rasch wie unauffällig ein Riemengeflecht an, wie es früher für eine ganz spezielle Form des Aufknüpfens verwendet wurde. Ich habe es später im Kriminalmuseum gesehen. Es ist eine Art Korsett mit einem Halsring und starken Riemen zwischen den Beinen. An dem Halsring ist ein starker Haken  befestigt. Der Verurteilte wurde daran in die Höhe gezogen. Dann wurde ihm der Strick umgelegt und der Haken ausgeklinkt. Der Delinquent stürzte in die Tiefe, brach sich das Genick, und der Henker zog die Riemen vom Leichnam ab.

  Am Tor des Klosters kamen die falschen Nonnen dem schönen Plan in die Quere. So erklärte sich auch, warum Onkel Johnny Wandrahm-Willys Hilfe zurückwies. Und danach konnten Jack und die Brookboys natürlich nicht mehr das Geringste unternehmen.

  Auf dem Gerüst legte der alte Sophius Onkel Johnny die Schlinge um den Hals, führte sie aber so durch den Haken, dass sie sich nicht zuziehen konnte. Der General hätte gern auch Hoger Mars bei der Hinrichtung auftreten lassen, aber das hatte der Hauptpastor denn doch und ganz entschieden abgelehnt. Dann setzte der Henker meinem Onkel die große schwarze Kapuze auf, deren Stoff auch den Oberkörper bedeckte, und ließ Onkel Johnny fallen, aber dass die Ketten rasselten. Die Menge schrie auf. Die Henkersknechte standen geschäftig um die beiden herum. Onkel Johnny hatte nichts weiter zu tun, als sich ein bisschen hängen zu lassen. Als er sich ruhig am Seil drehte, gaben Sophius Mint und die anderen der Menge den Blick frei, und der Henker fragte den Hauptmann die alte Formel: „Habe ich recht gerichtet?“

  Bendixen räusperte sich, schob das Monokel unter die Braue, guckte zur Sicherheit noch einmal auf seinen Zettel und antwortete wie vorgeschrieben: „Du hast gerichtet, wie Urteil und Recht gegeben, und wie der arme Sünder es verschuldet hat.“

  „Davor danke ich Gott und meinem Meister, der mich diese Kunst gelehrt hat“, sagte der Henker.

  „Du hast getan, wie Dir von Gott und deiner Obrigkeit befohlen gewesen“, antwortete Bendixen.

  „Abschneiden!“ schrien nun einige der Arbeitsleute in den ersten Reihen. „Schluss mit diesem miesen Schauspiel!“

  Der Henker schnitt das Seil durch, die Falltür öffnete sich und der vermeintliche Leichnam sank leise klirrend aus dem Blick des Publikums.

  Im Mittelalter hätten sich die Leute nicht so leicht hinters Licht führen lassen, denn damals waren Hinrichtungen eine Art Volkssport, bei dem jeder mitreden wollte und deshalb ganz genau hinsah. In unseren verweichlichten Zeiten aber hatte selbst der gewiss nicht zimperliche Hauptmann Bendixen im Augenblick des Sturzes den Blick abgewandt. Allzuviel Inszenierung trübt den Realitätssinn, sogar den preußischen. Und schließlich standen in den ersten Reihen lauter heimliche Mitverschwörer.

  „Na, wie war’s?“ fragte Harry, schob den Sarg zur Seite und hob darunter den Kanaldeckel hoch. „Haste Halsweh?“

  „Pass nur auf, dass ihr gut wegkommt“, sagte mein Onkel.

  Harry grinste. „Aber sicher, sagte Blücher!“

  Onkel Johnny löste die Ketten, zog die bereitgelegten Stiefel an und verschwand in dem Einstiegsschacht. Wäre etwas schiefgegangen, wären die anderen ebenfalls in den Siel getürmt. So aber legte Harry leise die Ketten in den Sarg, nagelte den Deckel zu und schob die schwarze Totenkiste durch den schwarzen Vorhang ins Freie. Die anderen Henkersknechte sprangen von der Plattform und halfen, den Sarg auf einen Abdeckerkarren zu bugsieren.

  Die bisher so ruhigen Arbeitsmänner in den ersten Reihen empörten sich immer mehr. „Aufhören!“ rief der Eisenbieger Hein Holler. „Das ist ja ein Rückfall ins finsterste Mittelalter! Eine Schande!“

  Der Hauptmann wollte nicht zum Schluss noch Volkszorn provozieren. Er schwenkte wieder den Säbel, wendete seinen Gaul und kommandierte: „Hinrichtungskommando Marsch!“

  Trommelwirbel, Pfeifenquieken. Der Trainwagen rollte los, und die Lanzenreiter folgten.

  Kaum war das Kommando abgerückt, hielt eine große schwarze Kutsche vor dem Hochgericht. Auf dem Bock saß Emil Egenbüttel, der von Konsul Averdar gefeuerte Bruder Eddie des Schränkers.

  Die ahnungslosen Infanteristen schauten zu, wie die Henkersknechte den Sarg verluden und dann in die Kutsche stiegen, um zum Friedhof Ohlsdorf zu fahren. Sophius Mint schwang seine Elefantenfigur neben Emil auf den luftigen Sitz. Wie ein Rachegott blickte er in seiner roten Robe über die vieltausendköpfige Menge.

  „Hü!“ rief Egenbüttel und knallte die Peitsche. Die organisierten Werktätigen drängten sich so dicht um die Kutsche, dass niemand herantreten konnte. Vor den entschlossenen Arbeiterschritten machte die Menge den Weg frei.

  „Genossen!“ rief Hein Holler. „Ein Lied zu Ehren des Mannes, der einen Freund aus den Klauen der Armee befreien wollte!“

  Die Männer, allesamt Mitglieder der SADP, begannen zu singen. Laut und kräftig klang das fröhliche Arbeiterlied über den weiten Platz: „Wetzt die langen Messer am Laternenpfahl…“

  Onkel Johnny kletterte in das Siel und lief durch den großen Backsteintunnel in Richtung Elbe, nicht weit von der Stelle entfernt, an der Arbeiter die alten Tempelhöhle zugeschüttet hatten. Schon nach den ersten Metern aber geschah etwas völlig Unerwartetes: Er hörte Schreie und das Geräusch von Schlägen. Andere hätten wohl nur an die eigene Haut gedacht. Nicht so Onkel Johnny. Vorsichtig schlich er näher und sah im Licht einer Petroleumfunzel, wie ein Constabler mit dem Säbel einen kleinen, mageren, an Händen und Füßen gefesselten Mann malträtierte.

  Der Constabler war Horst Möller, sein Opfer der ehemalige Grendel.

  „Wo ist das verdammte Geld, du verfluchter Hund!“ rief der Comstabler vermutlich schon zum x-ten Mal und schlug wieder zu.

  „Weiß nichts von Geld!“ heulte der arme Kanal-Kasi und krümmte sich vor Schmerzen, halb auf den Steinen, halb in der stinkenden Brühe.

  Onkel Johnny tastete nach einem losen Ziegel und schlug ihn dem Constabler über den Schädel. Möller brach zusammen. Mein Onkel nahm ihm den Säbel aus der schlaffen Faust und schnitt Kanal-Kasi die Fesseln ab. Dann packte er die Petroleumfunzel und zerrte den Entkräfteten mit sich in Richtung Elbe.

  Leider hatte Onkel Johnny nicht gesehen, dass Möller ein Gewehr bei sich hatte. Der Constabler hatte es auf einen kleinen Sims gelegt. Als er wieder zu sich kam, schnappte er sich die Waffe und hetzte hinter den Flüchtenden her.

  Bald hörte Onkel Johnny ihn kommen. Als er noch überlegte, ob er die Petroleumfunzel ins Wasser werfen sollte, knallte ein Schuss durch den Siel.

  „Verflixt“, fluchte mein Onkel.

  „Polizeimann hat Gewehr“, erklärte Kanal-Kasi.

  „Das hättst du mir auch früher sagen können“, sagte mein Onkel. Sein linker Oberarm brannte, und er spürte, wie Blut herunterlief. Er ließ die Funzel fallen und stieß sie mit dem Fuß in den stinkenden Strom, bis sie verlosch. Nun war es fast ganz dunkel, nur manchmal drang das schwindende Tageslicht durch die Trummen.

  Möller kam langsam näher. Onkel Johnny wurde klar, dass er mit dem erschöpften Kasi nicht entkommen konnte. Er wollte ihn aber auch nicht dem Constabler überlassen. Während er noch überlegte, raunte ihm der Ex-Grendel zu: „Kanal-Kasi weiß.“

  „Was denn?“

  „Wo Polizeimann uns nicht findet“, flüsterte Kanal-Kasi.

  Mein Onkel war schnell überzeugt. „Ja, wenn du das nicht weißt, wer dann“, murmelte er. Kanal-Kasi führte ihn in einen kleineren Siel, der nach links abbog, und dann in einen noch kleineren, in dem sie gebückt laufen mussten. Von ihrem Verfolger war bald nichts mehr zu hören. Ein paar Dutzend Meter weiter wisperte der Pole: „Hier kannst du aufstehen. Aber leise! Sehr leise!“

  „Wo sind wir den jetzt?“ fragte mein Onkel.

  „Springeltwiete“ raunte ihm Kanal-Kasi ins Ohr. Die schmale Gasse führte schon damals von der Steinstraße durch das Gängeviertel zum Binnenhafen, ist heute aber viel breiter. „Kanal-Kasi weiß, wo Ausgang. Gehen wir.“

  „Wir warten, bis es dunkel ist“, entschied mein Onkel.

  In Hamburg geht die Sonne Mitte Mai erst so gegen halb zehn unter, und danach ist es noch eine Dreiviertelstunde lang ziemlich hell. Während sie warteten, erzählte Kasi von seinem früheren Leben, so weit er sich erinnern konnte. Onkel Johnny war ziemlich betroffen, als er die traurige Geschichte des Grindels nun in allen Einzelheiten zu hören bekam.

  „Wenn das hier vorbei ist, kümmern wir uns um dich“, versprach er.

  „Kümmert sich schon Petersen“, sagte der Ex-Grendel. „Aber danke trotzdem.“

  Von der alten Legende seiner Familie sagte mein Onkel dem Kranken nichts, hat wohl auch nie daran geglaubt.

  Ohne Licht und Uhr schwindet das Zeitgefühl ziemlich schell. Irgendwann schien es Onkel Johnny genug gewartet, und er fragte: „Wie kommen wir raus?“

  „Schacht“, flüsterte Kanal-Kasi und kroch gebückt weiter, mein Onkel hinter ihm her.

  „Wieder sehr leise“, mahnte Kasi. „Ich mache jetzt Deckel hoch.“

 Vorsichtig stemmte er sich mit der Schulter gegen die schwere Gußeisenscheibe. Es dämmerte schon.

  Ein Schuss peitschte, und Kanal-Kasi fiel in Onkel Johnny Arme. „Mit mir ist es aus“, das waren seine letzten Worte.

  Rasch kletterte mein Onkel wieder nach unten. Als er den Leichnam auf den Boden legte, wurde schon der Deckel zur Seite geschoben. Ein zweiter Schuss verfehlte knapp sein Ziel, Onkel Johnny konnte sich eben noch in den niedrigen Tunnel retten. Constabler Möller trampelte die Steigeisen hinunter. Als er den dritten Schuss abfeuerte, war Onkel Johnny schon um die nächste Ecke gebogen. Der Knall schallte vielfach von den Wänden des Sielsystems zurück.

  Und das war das Ende des Ungeheuers, das man den Grendel nannte, das so viel Aufregung verursacht hatte, dabei doch nur ein ganz armes Geschöpf war und so kurz vor seiner Genesung, gerade als es auf eine tröstliche Lebenswende hoffen durfte, jämmerlich zugrunde gehen musste. Mein Mann und ich haben später dafür gesorgt, dass Kanal-Kasi wenigstens eine anständige Grabstätte bekam. Als Grabspruch wählten wir Hiob 19, 26: „Ohne meine Haut, die so zerfetzte, und ohne mein Fleisch werde ich Gott schauen.“

  Der arme Kerl war bald vergessen, zuviel ist danach noch geschehen, und so viel Aufregung er im Gängeviertel verursacht hatte, mit dem Abriss der Elendsquartiere ein paar Jahre später verschwand auch die letzte Erinnerung an ihn. Sein Tod war wohl zu technisch, sein Mörder zu zwielichtig, und als Opfer erweckte der arme Kranke aus Polen kein Mitleid. Auch Wuttkes empörte Zeilen am nächsten Morgen erzielten nicht mehr die erwartete Wirkung. Es gab Wichtigeres in diesen bewegten Tagen.

  Onkel Johnny lief rasch immer weiter, bis er sicher war, dass der Constabler ihn nicht verfolgte. Dann tastete er sich langsam ins Hauptstammsiel vor und folgte dem Schietstrom abwärts. In der Finsternis gab es nur diese Möglichkeit, aus dem Labyrinth zu finden. Es dauerte über eine Stunde, bis Onkel Johnny die Mündung in den Herrengraben erreichte. Inzwischen war es schon Mitternacht. Vorsichtig kletterte Onkel Johnny ins Freie. Im Schatten von Bäumen und Hauswänden schlich er mit seiner verdreckten Kutte in Richtung Kehrwieder.

  Auf der Deichstraße platzte plötzlich eine Gesellschaft bezechter Bürger aus dem „Aalkrug“ und umringte ihn lachend und grölend. Was er wohl für ein armer Sünder sei? Ob er das Kloster suche? Wie lange es noch bis zum Jüngsten Tag dauere? Die Zecher lachten sich krumm und schief. Onkel Johnny verdrückte sich schleunigst und schaffte es ohne weitere Zwischenfälle ins „Tritonia“. Er klopfte ein paar Mal an Nells Tür, aber sie war vor Erschöpfung eingeschlafen, und Onkel Johnny konnte sie ja nicht gut mitten in der Nacht aus dem Bett trommeln. Da er wusste, dass ihre Balkontür nachts immer offenstand, wählte er den Weg durch mein Zimmer, stieg bei ihr ein und war an ihrem Bett, als sie hochfuhr und seinen Namen rief. Da hatte er schon die Hand auf seinem Mund und redete flüsternd auf sie ein.

  Als Nell sich ein bisschen beruhigt hatte, versorgte sie seinen Arm. Die Kugel hatte nur ein Stück Haut weggerissen, Knochen und Muskeln waren unversehrt.

  „Wo ist er denn jetzt?“ fragte ich Nell.

  „Ja, weißt du“, sagte sie, „ich hab’ da so ein kleines Versteck.“

  „Auf der Corneliusschanze?“

  „Ach, das weißt du auch schon?“

  „Onkel Johnny und ich waren dort Opium holen.“

  „Ach so. Das hat er mir gar nicht erzählt. Du darfst es aber niemandem sagen, hörst du? Auch Danny nicht. Wenn sie ihn finden, bringen sie ihn vielleicht tatsächlich um.“

  „Wem sollte Danny wohl was verraten!“

  „Na, seinem Vater zum Beispiel.“

  „Wieso, ich denke, Jack wollte Onkel Johnny retten?“

  „Das verstehst du noch nicht. Ich erklär dir später alles. Glaubst du, dass du aufstehen kannst?“

  „Ich denke schon.“

  Sie führte mich in den Frühstücksraum, gab mir die Zeitung und verschwand in Richtung Küche. Es war nicht das „Fremden-Blatt“, sondern der „Hamburgische Korrespondent“, die Senatorenzeitung. Ich habe den Artikel noch heute in meinem Sekretär. Der Text ging ungefähr so: „Der Kommandeur des IX.Armeekorps der preußischen Armee Seiner Kaiserlichen Majestät und Festungskommandant der gestern zur Festung erklärten Stadt Hamburg, Seine Exzellenz Generalleutnant Börries von  Waltershausen, hat gestern der Bevölkerung ein so eindrucksvolles wie bewunderungswürdiges Beispiel seiner Härte und Entschlossenheit geboten, in unserem durch die Unruhen der letzten Tage in seiner Sicherheit und Wirtschaftskraft gefährdeten Gemeinwesen mit eiserner Hand wieder die nötige Zucht und Ordnung durchzusetzen. Der frühere Seemann Johannes Mott, der kurz vor seiner Verhaftung wegen Mordes an einem Polizisten die in höchstem Maße verwerfliche Tat beging, einen Deserteur der Wandsbeker Blauen Husaren bei sich zu verstecken, wurde in den gestrigen Abendstunden von einem Hinrichtungskommando auf dem Steintorplatz unter großer Anteilnahme der erleichterten Bevölkerung gemäß des Urteils des Militärstrafgerichts vom Vortage am Galgen zu Tode befördert. In seinen letzten Worten äußerte der Verurteilte tiefe Reue über seine ehrlose Tat und gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass niemals wieder ein Hamburger das Ansehen seiner Vaterstadt mit einer so schmachvollen Handlung gegenüber der Armee Seiner Kaiserlichen Majestät beflecken möge. Nach der Hinrichtung pries die dankbare Menge Seine Majestät Kaiser Wilhelm mit begeisterten Barbablanca-Rufen als den hochedlen und großmütigen Schutzherrn unserer Stadt, die den Vollzug der gerechten Strafe ewig in Erinnerung behalten möge.“

  Man kann sich wohl denken, wer den ungenannten Verfasser inspiriert hat.

  Jack war nach der missglückten Befreiungsaktion in sein Büro zurückgekehrt, wo bald auch Wandrahm-Willy, Wacko und Hein Cölln eintrafen, alle denkbar schlechter Laune. Schade, sagten sie, es habe doch alles geklappt wie am Schnürchen. Ja, sagte Jack, Johnny habe schon immer seinen eigenen Kopf gehabt.

  Ob er habe sehen können, wie der Henker die Hinrichtung getürkt hätte? Nur von weitem, antwortete Jack, aber es sei gleich klar gewesen, dass Johnny nicht in dem Sarg gewesen sei, viel zu riskant, er sei schon vorher abgehauen, wahrscheinlich durch den Siel, ähnlich wie in ihrem Plan. Er gebe ihnen trotzdem einen aus, denn sie hätten ihre Sache gut gemacht und sollten mit in den Club kommen.

  Während die Kutsche mit der Gangster-Generaldirektion durch den Regen über den Kaiserkai ratterte, schob sich ein geklauter Gemüseewer durch den Schiffbauerhafen und legte lautlos an der Südwand des Kaiserspeichers an.

  Am „Tritonia“ ließ Jack halten. Nell sah ihn und kam heraus.

  „Du hast geschworen, ihn nicht wiederzusehen, wenn er den Tag überlebt“, sagte Jack. „Wenn du es trotzdem tust, bringe ich ihn um.“

  „Ich weiß, was ich geschworen habe.“

  Jack stieg wieder in die Kutsche.

  „Ist er da?“ erkundigte sich Wandrahm-Willy vorsichtig.

  „Halts Maul!“ sagte Jack grob.

  In dem geklauten Gemüseewer saßen die ehemaligen Henkersknechte mit Eddie dem Schränker unter Ölplünnen. Vorsichtig machte Harry das Fahrzeug an den Steinringen für die Piekhaken fest. Selbst der imaginäre Papagei „Coco“ gab Ruhe. Der Gecko legte sich ein zusammengerolltes Seil um die Schultern und turnte trotz des Regens an der glatten Wand so munter in die Höhe, als seien dort Steigeisen einzementiert.

  Harpunen-Harry legte schon mal die Strickleiter zurecht, aber von oben kam kein Seil herabgeflogen, auch nicht nach langen Minuten.

  „Hölle und Verdammnis, welch rätselhaftes Geschehen verzögert die Erfüllung unserer vorzüglichen Planung?“ wunderte sich Walter. „Ist der eidechsengleiche Großmeister der Vertikale am Ende vor dem hohen Ziel ermattet und gönnt sich in luftiger Höhe ein verfrühtes Nickerchen?“

  „Ich hab’s geahnt“, sagte der Bäcker. „Den hat der verfluchte Köter erwischt. Ich hab’ ihn extra gewarnt, und da sagt er doch glatt, ich soll mich nicht so haben,  er sei mit Hunden groß geworden. Ha! Nennt ihr das groß? Außerdem lauert da oben nicht irgend so’n Dorfköter, der auf Finkenwerder Fischköppe knabbert, sondern ein ausgewachsener Molosser, groß wie ein Kalb, der frisst den Zwerg mit einem Happs!“

  Nach einer Viertelstunde sah auch Harry ein, dass sie etwas unternehmen wussten.

  „Von uns kommt da keiner hinauf“, stellte der Bäcker im Tenor einer Letztinstanz fest.

  „Von uns nicht“, gab Eddie der Schränker zu. „Aber ich kenne zwei, für die ist das kein Problem. Zwei Jungs, gleich hier aus der Nachbarschaft. Die klettern wie die Katzen. Habt ihr nicht gelesen, dass aus dem alten Teerhof Dynamit geklaut worden ist? Das waren die beiden. Sind am Blitzableiter hoch.“

  „Du meinst, die schaffen es hier rauf?“ fragte der Bäcker.

  „Schneller als ihr in den Himmel“, sagte der Schränker.

  Harry zog den Tampen aus dem Steinring, und sie ruderten den Ewer zum Dalmankai.

  „Bin gleich wieder da“, sagte der Schränker.

  Ein paar Minuten später klopfte er an die Tür der kleinen Wohnung an der Dienerreihe. „Tom!“ rief er halblaut. „Wach op!“

  Nach einer Weile kam Antwort: „Wer is’n da?“

  „Eddie.“

  „Ich kenn kein’ Eddie.“

  „Und Tresorknacker willste wohl auch nich werden, wat? Du kriegst gleich’n paar hinter die Löffel.“

  „Ach du bist’s!“ staunte der Junge, der endlich kapierte. „Was machst du denn hier?“

  „Ich steh hier rum und guck mir eure Tür an.“

  Der Junge öffnete rasch.

  „Moin, mien Jong“, sagte Eddie. „Los, kommt mit, es gibt was zu klettern. Zieh die aber was Wasserdichtes über.“

  „Klettern, für dich?“ rief Tom begeistert. Das war so ungefähr die größte Ehre, die er sich vorstellen konnte: Ein Bruch mit dem besten Schränker von Hamburg, ach was, im ganzen großen Deutschen Reich!

  Während der Junge sich rasch ankleidete, sah sich Eddie in der alten Dienstbolzenwohnung um. Sofa und zwei Stuhle mit schwarzen Rosshaardecken, Tisch aus Zuckerkistenholz, Plüschdecke, rot gestrichene Wassertonne, an der Wand Hamburg, der Vorsitzende der SAPD, der Kaiser, Marx, Jesus und der eingerahmte Konfirmationsschein. Babel, Bebel, Bibel. Der Religionsunterricht bestand damals darin, dass der Lehrer den Kindern stundenlang aus Heiligen Schrift vorlas. Jedes Kind bekam eine Bremer Schulbibel geschenkt. Am Tag der Entlassung flogen die Dinger immer massenweise in die Fleete.

  Auf den Holzstangen am Eisenherd tuckten misstrauisch ein halbes Dutzend Hühner. Ich kannte Tom von der Schule, er war ja nur ein Jahr jünger als ich.

  Auch Richards Mutter war nicht zu Hause. Als die beiden Jungs erfuhren, worum es ging, platzten sie fast vor Stolz. „Den Turm vom Kaiserspeicher? Da wollte ich schon lange mal raufklettern!“ sagte Richard.

  „Ich auch“, sagte Tom.

  Sie stiegen in den Ewer. Als das Fahrzeug wieder an den Steinringen vertäut war, sagte Eddie: „Sperrt den Köter ein. Wenn die Strickleiter fest ist, könnt ihr abhauen.“

  Das war den beiden Jungs aber gar nicht recht. „Wenn wir schon dabei sind, wollen wir auch zugucken“, sagte Richard.

  „Genau“, sagte Tom.

  Im Eingang auf der anderen Seite des Speichers hörten sie die Posten der Brookboys lachen.

  „Haltet euch ran“, sagte der Bäcker.

  Die beiden Jungs stießen einander heimlich an. Der Held vom großen Eisenbahnraub!

  „Zeigt mal, was ihr könnt!“ sagte Harpunen-Harry.

  Die beiden Jungs stiegen auf den Kai und kletterten an der Regenrinne, in der es mächtig rauschte, fast so flink hinauf wie zuvor der Gecko.

  „Diese Jünglinge werden dereinstestens, so nicht als neue Klebefinger aus der ruhmreichen Dynastie der Geckoniden, so doch als höchst bewunderungswürdige S-pinnenmenschen in die gloriosen Geschichte  der germanischen Fassadenkletterkunst eingehen“, sagte Walter anerkennend.

  Zehn Minuten später spähten die beiden Jungs vierzig Meter über dem Kai in das Fenster, das der Gecko aufgebohrt hatte. Der kleine Mann lag auf dem Perserteppich. Der Molosser hatte die Pfoten auf seine Brust gelegt. Knurrend blickte er den nächsten Eindringlingen entgegen.

  Richard kletterte auf dem Sims um den Turm herum, wobei er sich an den nassen Steinen gut festhalten musste, stieg von der anderen Seite ein und schlich durch Jacks Schlafzimmer. Als er von dort ins Wohnzimmer trat, sprang die gewaltige Dogge auf und stürzte sich wild bellend auf ihn. Richard rannte zurück und kletterte wieder auf den Sims hinaus. Der gute Armin wollte hinterher, aber Hundetatzen klettern nun mal nicht so gut. Richard drückte ihm das Fenster in die Schnauze und zurrte es mit Draht zu. Tom stieg inzwischen ins Wohnzimmer, stieß die Tür zu, und der Molosser war ins Schlafzimmer gesperrt, wo er wie rasend rumorte.

  „Jo, wenn man to tween is!“ sagte der Gecko und schlug mit den Armen, um den Kreislauf in Schwung zu bringen. „Wer siet jü denn överhaupt?“

  „Freunde von Eddie dem Schränker“, sagte Tom stolz, und die beiden nannten ihre Namen.

  „Verflixtes Veeh!“ sagte der Gecko. „Nimmt nich mal ’ne ehrliche Wust von’nem ehrlichen Einbrecher an!“ Er hob sein Seil auf, zurrte es an einem Balken fest und ließ das andere Ende herunterfallen. Kurz darauf zog er die Jakobsleiter herauf und befestigte sie ebenfalls. Ein paar Minuten standen auch die anderen in dem Büro. Nur Harry war mit seinem vorübergehend stimmlosen Phantasiepapagei im Ewer geblieben.

  Hinter der Tür zum Schlafzimmer hörten sie den Molosser toben.

  Eddie nahm den Arnheim in Augenschein. „Genau der gleiche wie im Palazzo“, stellte er zufrieden fest.

  „Sag ich doch“, ließ sich Michels Tiefbrunnenstimme vernehmen, und der Molosser hinter der Tür hörte auf zu knurren, als hätte er Respekt.

 „Nun denn, Gefährten der Nacht“, sagte Volten-Walter munter. „Frisch ans Werk, auf dass uns die Morgensonne bei der Siegesfeier findet wie einstens den dreisten Odysseus, als er Hektor die Buletten klaute!“

  „Wohl“, sagte der Bäcker.

  Da Eddie inzwischen auf den Millimeter genau wusste, wo das kalte Knabbergeschirr anzusetzen war, ging die Arbeit flott voran. Eine gute Stunde später sahen sie im Inneren Johnnys Opium und zwanzig Dosen Morphin.

  Das Geld blieb liegen. „Wi sünd ja man kiene Deeve nicht“, sagte der Gecko zu den beiden staunenden Jungs. 

  Walter ließ die Beute an dem Seil hinunter, Harpunen-Harry verstaute sie in dem Ewer. Dann sailten sie um die Kaiserspitze herum und in den Binnenhafen. Die beiden Jungs liefen nach Hause. Eddie nahm Kurs auf die „Weiße Möwe“. Die anderen brachten die Beute zur Ericusschanze und legten sie in Onkel Johnnys chinesische Seekiste, die inzwischen den Weg vom „Tritonia“ in das Versteck gefunden hatte. Dann gingen sie in die „Ruhige Hand“, um mit dem Henker ganz fürchterlich zu zechen.

 

Neugierig, wie es weiter geht? Kehrwieder Johnny - der ganze Roman jetzt für den Kindle auf www.amazon.de. Auch gute Bewertungen sind herzlich willkommen!

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt