Wie Studenten ihren Professor zum Selbstmord trieben

Dienstag, 26. März 2013

In POLITIK RETRO zeigen politische Kolumnen aus früheren Jahren, welche Themen damals die Republik bewegten. Heute: Mittwoch, 18.März 1998

In "Siebzig verweht" zitiert Ernst Jünger am 15. Mai 1968 in Rom aus einem Zeitungsbericht: "Der Ordinarius für Italienische Literatur an der Universität Turin, Professor Getto, hat sich die Pulsadern aufgeschnitten und sich dann aus dem Fenster gestürzt aus Verzweiflung über die Demütigung durch Studenten. Er wurde sterbend ins Krankenhaus eingeliefert. Die Studenten hatten ihm in der Vorlesung zugerufen: 'Laß den Tasso in Ruhe und rede uns von Che Guevara.'"

Es war und ist noch immer etwas Unheimliches um diese Art Intellektualpöbel, der vorgeblich menschenfreundliche Ziele mit Psychoterror erreichen will. Das satte Bürgertum Westeuropas hatte 1968 ff. weder Mut noch Kraft, sich dem neonazistalinistischen Wüten dieser geistig rohen, zuweilen auch psychisch grausamen Jugendbande entgegenzustemmen, weil materialistische Fäulnis die Muskeln der Demokratie lähmte und die Diesseitsgläubigkeit, die spirituelle Armut der Satten den Zorn der Wahrheit auf die freche Lüge wattig dämpfte, oft gar nicht mehr zur Wirkung kommen ließ.

Die bürgerliche Weltanschauung wurde von dem neuen Wahn überflutet, weil sie nicht rechtzeitig schwimmen gelernt hatte. Die bequeme Überzeugung, das Wahre siege von selbst, entpuppte sich als Selbstbetrug, und als die Deiche gegen die Dummheit brachen, fand sich die Vernunft auf unfugumtosten Inseln isoliert. Rote Garden siegten in westlicher Montur (blaue Jeans statt blauem Kittel, lange Locken statt Ballonmützen) bis nach Nordamerika. Die nur in China so genannte Kulturrevolution unter roten Bannern überzog das Abendland mit Schwachsinn und geistigen Schwären.

Die Wissenden schwiegen oder wurden niedergebrüllt, auch und besonders in der Bundesrepublik, obwohl jeder durch einen Blick über die Mauer feststellen konnte, wie die Freiheiten aussahen, von denen die sozialistischen Studentenbündler schrien. Tasso steht hoch über ihrer öden, blöden Ebene. Ernst Jünger schreibt über Prof. Gettos Schicksal: "Stoff für eine Novelle, etwa von E.Th.A.Hoffmann oder von Grillparzer. Der Arme Spielmann zerbricht sein Instrument … Eine Lagebeurteilung, die davon ausgeht, daß es noch zu vermittelnde Werte gibt, ist 'bis auf weiteres' verfehlt. Das Beste behält man für sich. Der Wert wird durch die Ziffer, das Tragische durch den Unfall, das Schicksal durch die Statistik, der Held durch den Verbrecher, der Fürst durch den Bonzen, Gott durch 'das Gute' ersetzt. Man zeigt keine Werte, wenn man nicht so oder anders in schlechte Gesellschaft geraten will."

Wem soll eine ethische Renaissance, eine Wiederbelebung der Werte gelingen? Unsere Politiker sind oft exemplarisch ungeeignet und meist schon qua professione diskreditiert. Wie sie angelt auch die Mehrzahl der profilierten Kirchenleute populistisch im Teich der political correctness nach leichter Beute, die weder schmeckt noch nährt, weil die geistigen Plattfische des Zeitgeists ohne Anstrengung gewonnen werden und höchstens irdische Kalorien enthalten, mit dem Brennwert etwa von Puffmais.

Das Evangelium wird unter Weglassung Gottes zum Sozialparteiprogramm. Unter der Kanzel hört man statt der Bergpredigt Parolen. Wer zu beten gesteht, gilt als Spinner.

Die Jurisdiktion stellt das Ich über das Wir, straft nach Überzeugung statt Gesetz und läßt Kruzifixe abhängen. Die Philosophie ist von der politisch inszenierten und parteiisch eingefärbten Soziologie entweder korrumpiert, zum Schweigen oder um ihre Zuhörer gebracht. Die Literaten und ihre Kritik palavern verbrüdert in einem fensterlosen, voll verlinkertem Denkgebäude gleich hinter dem toten Gleis nicht über Gott und die Welt, sondern über die Welt ohne Gott, verleumden parteipolitisch Andersdenkende und suchen statt der Fabel den Nabel.

Die Bühne bietet eimerweise eigene und fremde Schande feil und erklärt unter Beifall der Bürger die Scham für entbehrlich. Die Presse eilt massenweise dem billigsten Jakob nach, schlagzeilt das Banale und verhöhnt, was sie nicht versteht. Das Fernsehen bricht die Tauchfahrt nach dem Quellgrund der Ethik bereits in Suppentellertiefe ab, erhebt die Einschaltquote zum elften Gebot und vertraut die Moralpredigt halbgebildeten, zuweilen stammelnden, aber egomonetarisch gefinkelten Bildschirmnaturen an.

Das pädagogische Personal der Republik pflegt seinen Krankenstand, übertönt mit lärmender Larmoyanz die ethische Defizite in seinen Lehr- und Lebensplänen und ist froh, wenn es zur Pause klingelt. Propheten ernennen sich selber. Esoterische Heilsprediger rufen nicht zur Buße, sondern zur Selbstverwirklichung auf. Reformierer setzen nicht auf Einsicht, sondern auf Gesetzeszwang, während sie ihrerseits Gesetze übertreten. Der Ablaß wird künftig an der Tankstelle bezahlt.

Zwei Versuche ethischer Erneuerung scheiterten kläglich: erst blieb die 1982 von zentraler Macht geforderte geistig-moralische Wende aus, dann zerbröselte auch das unverdiente Geschenk der deutschen Wiedervereinigung unter dem ungehemmten Gravitationsdruck anspruchsfixierter Eigeninteressen. Deutschland wurde nicht preußischer und protestantischer, sondern nationalistischer und heidnischer. Am "Mehr sein als scheinen" interessieren nur die Scheine. Statt Richtungsänderung gab es Rotation, in immer höherer Drehzahl.

Der Begriff "Ethik" kommt nur noch in Diskussionen über die Gentechnologie vor, das Wort "Moral" garantiert dem Kabarett Gelächter. Die Werte, die vor dreißig Jahren abgefackelt wurden, wachsen nur langsam nach, aber die Schnitter von damals stehen schon wieder bereit, nunmehr in Westen gewandet und mit Kreide im Mund. Das mit den Sicheln der Außerparlamentarischen Opposition begonnene Werk wartet im Herbst auf seine Fortsetzung mit den Sensen der Regierungsmacht. Ruhe sanft, Tasso.

 

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