Als Schröder Kanzlerkandidat wurde

Montag, 25. März 2013

In POLITIK RETRO zeigen politische Kolumnen aus früheren Jahren, welche Themen damals die Republik bewegten. Heute: Mittwoch, 4.März 1998

Es geht um den Kanzlerkandidaten der SPD, Schröder. Ein Bild von einem Kandidaten, und das Bild ist die Botschaft. Anzug, Weste, Zigarre, die junge Frau an der Seite, telefonieren im Fond, lächeln wie Kennedy, reden wie Blair. Der griesgrämige Vogel, der bleiche Rau, der verbiesterte Lafontaine, der bräsige Scharping - Kassandras Kinder quengeln im Orkus verheerender Niederlagen, aber jetzt kommt Optimismus pur: strahlend, gewinnend. Schröder.

Was steckt dahinter? War da nicht mal was mit Auflösung der Erfassungsstelle für Stasi-Verbrechen in Salzgitter? War er nicht auch gegen die Währungsunion? Schnee von gestern. Die Stimmung schlägt die Fragen tot, Versprechungen ersetzen die Rezepte. "Modernisierung von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat mit sozialer Verantwortung verbinden", wer wollte das nicht? "Stillstand in Bonn überwinden" - wer könnte das besser als die Blockierer?

Der Stillstand geht auf Lafontaines Konto. Schröder hat damit im öffentlichen Bewußtsein nichts zu schaffen. Auch nicht mit der Katastrophen-Bilanz seines Landes. Strukturprobleme. Außerdem ist Bonn sowieso an allem schuld. Aber was sollen überhaupt solche komplizierten Erörterungen und Schuldzuweisungen? Die Leute haben genug davon. Keine Flucht mehr in die Fakten. Macher an die Macht. Lafontaine bleibt noch ein bißchen im Bremserhäuschen, Schröder entert die Lokomotive. Die Fahrt führt aus dem Grau der Realität in die sonnigen Gefilde der Verheißung.

Nach einer Wahl, die einer amerikanischen Primary glich, wartet ein Wahlkampf wie im Kino. Der Herausforderer hat seine Vorbilder studiert. Clinton, den Präsidenten des Egoismus, America first. Blair: weg mit alten Zöpfen, Labour light. Jetzt Schröder. Softpolitik, Motto "Alles wird gut". Leasing-Sozialismus mit goldener Kreditkarte und Schöner-leben-Garantie. Ein Mann hat ein Recht auf sein Schnitzel.

Das Körpersprache der Regierenden verliert an Kraft, und für immer mehr Betrachter ändert sich die Bedeutung der Signale. Der Bauch des Kanzlers, einst Symbol von Stärke, Selbstbewußtsein und Souveränität, wölbt sich in einem Maß, das an Alterungprozesse und Mangel an Bewegung denken läßt. Mit den buschigen Augenbrauen des Finanzministers assoziieren Steuerzahler nicht mehr Wachsamkeit, sondern Gier. Der Scheitel des Innenministers insinuiert nicht mehr law and order, sondern reaktionäre Paragraphenreiterei.

Der Kanzler steht für Tugenden, die in geistig-moralischer Dürre welken. Nutz- und Nährpflanzen wie Fleiß, Tüchtigkeit, Anstand, Treue vertrocknen. Sekundärtugenden eben. Das Auge weidet sich an lieber an prächtigen Blüten mit attraktiven Namen wie "Das haben wir uns verdient". Materialismus ohne moralische Störung, Hedonismus mit staatlicher Garantie. Die Hoffnung, den Folgen der Verschwendung schmerzfrei entgehen zu können, blendet den Blick. Der Wähler folgt der Flöte. Die Karawane Kohl zieht weiter, in Niedersachsen bellte kein Hund mehr.

Die Zukunft liegt unter dem Regenbogen. In der Schatzkiste sitzen Lafontaine, Trittin und Gysi, auf der Verpackung steht "Schröder". Die Widersprüche werden erst nach Öffnung ruchbar. Löhne erhöhen, Arbeitszeit verkürzen. Bessere Luft, Atomstrom abschalten. Arbeitslose von der Straße, Asylgesetze lockern. Kriminalität bekämpfen, elektronisches Abhören erschweren. Lob für die Gentechnologie, Subventionen für die Steinkohle. Die Zukunft unserer Kinder beklagen, Abtreibung erleichtern. Rauchen verbieten, Haschisch erlauben. Soldaten an die Sandsäcke, aber weg von den Gewehren, ansonsten Mörder. Rundfunkfreiheit verteidigen, Planstellen mit Parteigängern besetzen. Tourismus und Windräder ankurbeln. Gleichberechtigung der Frau: Nach der Scheidung ist man froh, daß sie ein eigenes Einkommen hat.

Seit Münteferings Märchenstunde gilt Täuschung als clever, Ehrlichkeit als doof. Jubelnd gratulieren sich die Parteistrategen, die das Volk hinters Licht führten. Die Journalisten, öffentlich als belügenswert verhöhnt, stimmen in das Gelächter ein. Einem wie Schröder kann man nicht böse sein.

Die Verlierer sind selber schuld: Der lange Marsch quert morsche Institutionen. Der Widerstand ist lau, das bürgerliche Lager löst sich auf, Freund und Feind streben zur gleichen Fahne. Konzernchefs für Schröder, Kumpel für Lafontaine, für Kohl nicht mal mehr die Kirche. Auch nicht das Kapital, im Gegenteil. Aktionäre verdienen an Arbeitslosen. Bis zur Wahl bleibt noch Zeit, weitere Stellen zu streichen und was beiseitezuschaffen, bevor Deutschland dichtmacht.

Der Kanzler kämpft den guten Kampf des Glaubens. Die Messe heißt Europa, doch die Kathedrale leert sich, Apostaten plündern die Sakristei und vor dem Portal feixen die Spötter. Das Fernsehen rächt sich für die Geringschätzung seines Verächters und feiert den Seelenverwandten.

Wie immer wird die Wahl in der Mitte gewonnen. Schröder ist lt. Anzeige bereit. Charme überstrahlt das Changieren. Das Erwachen kommt nach der Wahl. Finanzminister Lafontaine, Außenminister Fischer, Innenminister Trittin, Justizminister Gysi? Genug davon - auch "Lagerwahlkampf" ist out. "Rote Socken"-Kampagne erst recht. Kohl oder Schröder? Deutschland bekommt, was es will.

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