Was wollte Hitler mit der heiligen Lanze?

Mittwoch, 27. März 2013

Die Kreuzigung ist auch ein Kriminalfall. Die wichtigsten Asservate liegen in deutschen Kirchen und Klöstern: Sie sind die wichtigsten Beweisstücke für das Leiden und Sterben des Erlösers. Noch heute ziehen sie jedes Jahr Millionen fromme Pilger an. Für den Speer, die ein römischer Hauptmann dem Gekreuzigten in die Seite stach, interessierten sich sogar Kaiser, Könige und auch der massenmörderische Nazi-Diktator.

Jerusalem, 7.April 30: Blutüberströmt, zu Tode erschöpft, gnadenlos vorwärtsgestoßen von seinen Henkern, schleppt sich Jesus nach Golgatha. Für zwei Milliarden Christen ist seine Auferstehung am Ostersonntag die Geburtsstunde ihrer Religion, der größten der Welt. Andere aber zweifeln: Ist der Bibel-Bericht nicht doch nur eine fromme Legende?

Doch es gibt Indizien, Asservate, Beweisstücke. Und die wichtigsten finden sich in deutschen Kirchen und Klöstern: Kleidung, Blut, Tatwerkzeuge. Wie kamen die geheimnisvollen Reliquien zu uns, und wo kann man sie sehen?

Nach der Bibel würfeln die Henkersknechte unter dem Kreuz um Jesu Gewand. Jahrhunderte lang bleibt es verschollen. Doch als Kaiser Konstantin das Christentum im Römischen Reich zur Staatsreligion macht, reist seine Mutter Helena nach Palästina, spürt das kostbare Kleidungsstück mit anderen Heiligtümern in einem Versteck auf und bringt es nach Trier, damals eine der vier Hauptstädte des Imperiums. Dort wird der „ungeteilte Rock Christi“ bis heute im Domschatz aufbewahrt. Zuletzt ist die Reliquie im vergangenen Jahr für Pilger zu sehen. Der nächste solche Termin wird erst wieder für das Jahr 2033 erwartet.

Der Aachener Dom wiederum hütet den Gürtel und das blutbefleckte Lendentuch Jesu sowie ein Stück des Stricks, mit dem der Erlöser gegeißelt wurde. Eine Gesandtschaft Karls der Große erwirbt die kostbaren Reliquien vor 1200 Jahren in Konstantinopel. Sie werden nur alle sieben Jahre gezeigt, zuletzt vom 1.bis 10.Juni 2007 – es kommen über 100 000 Pilger.

Im Kornelimünster bei Aachen verehren Benediktinermönche ein Stück vom Kreuz und drei „biblische Heiltümer“: Das Schurztuch, das sich Jesus zur Fußwaschung beim Abendmahl anlegt, das Schweißtuch, mit dem Jesu Gesicht im Grab bedeckt wird, und ein Leichentuch, das allerdings umstritten ist: Die meisten Fachleute halten eher das berühmte Grabtuch von Turin für echt. Die Reliquien verdankt das Kloster einer Schenkung Kaiser Ludwigs des Frommen, des Sohn und Nachfolgers Karls des Großen.

Wie Gewand und Gürtel teilen die Legionäre auch Jesu Sandalen unter sich auf, und wie andere Reliquien werden auch sie später zerstückelt, damit möglichst viele Städte etwas davon besitzen und zeigen können. Große Teile finden sich heute im Eifel-Kloster Prüm, gegründet vor 1250 Jahren von der Mutter Karls des Großen. Der Vater des Kaisers, Pippin III., erhält die Lederstücke im Jahr 752 von Papst Zacharias, nachdem er der Benediktiner-Abtei großen Grundbesitz schenkt.

Das für sein Bier berühmte bayerische Kloster Andechs am Ammersee besitzt seit dem 12.Jahrhundert ebenfalls heilige Kostbarkeiten: drei Blutstropfen Christi, das Schweißtuch Jesu vom Ölberg und das Spottzepter, das die Legionäre dem „König der Juden“ in die Hand drücken, außerdem ein Stück vom Tischtuch des Letzten Abendmahls sowie einen Zweig von der Dornenkrone. Die Reliquien werden in der Heiligen Kapelle im Obergeschoss der Kirche aufbewahrt und auf Führungen gezeigt.  

Im nordbayerischen Bamberg, einst „fränkisches Rom“ genannt, feiern Wallfahrer am Freitag nach Ostern das Nagelfest, bei dem ein Eisenstift vom Kreuz Christi verehrt wird. Kaiser Heinrich II., Erbauer des Doms, erwirbt die elf Zentimeter lange Reliquie um das Jahr 1000. Sie steht in der Nagelkapelle zusammen mit drei Splittern vom Kreuz und zwei Stacheln der Dornenkrone.

Noch zwei Dutzend weitere deutsche Kirchen und Klöster hüten Kreuzessplitter oder Blutstropfen. Auch die Lanze, die der römische Hauptmann Longinus dem Gekreuzigten in die Seite stößt, worauf Blut und Wasser hervorströmen, ist erhalten: im Schatz des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, der heute im Museum der Wiener Hofburg aufbewahrt wird.

Die Waffe, nach der Legende ebenfalls von der hl.Helena gefunden, hat eine besonders abenteuerliche Irrfahrt hinter sich: Papst Hadrian schenkt sie im Jahr 774 Karl dem Großen. Später kommt sie nach Burgund. König Heinrich I. gibt für sie im 9.Jahrhundert eine ganze Stadt, das reiche Basel, heraus. Seine Nachfolger tragen die Lanze auf ihren Kriegszügen dem Heer voran.

Mit dem Reichsschatz gelangt die Reliquie nach Nürnberg. 1806 wird sie vor den Truppen Napoleons nach Wien gerettet, 1938 von Hitler zurückgeholt, der sich für ihre magischen Kräfte interessiert. 1946 bringen die Amerikaner das Heiligtum wieder nach Wien zurück. In der Schatzkammer der Hofburg sehen jährlich 700.000 Besucher die kostbare Reliquie, die schon ihrem allerersten Besitzer zum Glauben verhilft: Als aus Jesu Wunde Blut und Wasser fließen, bekehrt sich Longinus und lässt sich taufen.

1909 sieht auch der junge Hitler die hl. Lanze in der Hofburg und geriet bei ihrem Anblick angeblich geradezu in Trance. Auf der Suche nach Halt und Orientierung betreibt der damals 20-jährige, der sich als Kunststudent ausgab, Studien über nordische Mythologie, Yoga, fernöstliche Religion und Astrologie. Die Beschäftigung mit der hl. Lanze sei ihm geradezu ein Erweckungserlebnis geworden, schreibt der Kölner Journalist und Okkultismus-Experte Richard Lamers. "Ich wusste sofort, dass dies ein wichtiger Augenblick meines Lebens war“, habe Hitler später erklärt. „Ich glaubte zu spüren, dass ich ihn in einem früheren Jahrhundert der Geschichte schon einmal in Händen gehalten habe, dass ich selber schon einmal Anspruch auf diesen Talisman der Macht erhoben und das Schicksal der Welt in meinen Händen getragen habe."

Das Studium der Geschichte der heiligen Lanze, die schon Konstantin der Große, Justinian, Karl der Große, Otto der Große, Kaiser Barbarossa und Friedrich II. von Hohenstaufen im Besitz hatten, hätten Hitler immer tiefer in wilde, esoterische Spekulationen geführt. So habe er den Parzival des mittelalterlichen Dichters Wolfram von Eschenbach gelesen und dem christlichen Epos destruktive Anmerkungen und Kommentare hinzugefügt. Hitler habe sich dabei als Parzivals Gegenspieler, den dunklen Klingsor, gefühlt. Das Buch habe er bei dem Buchhändler Ernst Pretzsche, Mitglied einer schwarzmagischen Loge, gekauft. Pretzsche habe später auch von Drogenexperimenten, berichtet, die er zusammen mit dem jungen Hitler durchgeführt habe. Dabei soll Hitler mit Hilfe der indianischen Droge Peyotl, die das Nervengift Meskalin enthält, versucht haben, Einblicke in Funktionsweise von Menschen und Welt zu erhalten.

Auch der britische Journalist und Buchautor Trevor Ravencroft („Der Speer des Schicksals“) berichtet, Hitler habe einem gegenüber einem Historiker, der über die Lanze forschte, Drogenexperimente zugegeben: "Dass Hitler um diese Zeit herum transzendente Bewusstseinsfähigkeiten erlangte und sich seine Weltanschauung mit Hilfe von Narkotika bildetet, wurde zum bestgehüteten Geheimnis seines Lebens.“

Der Wahrheitsgehalt der abenteuerlichen Geschichten um einen der größten Verbrecher aller Zeiten und eine der berühmtesten Reliquien der Christenheit bleibt umstritten, doch scheinen sie zu zeigen, dass der Anblick heiliger Gegenstände keineswegs nur fromme Gefühle auslösen kann. Die Osterbotschaft ist eine Botschaft der Liebe: Gott opfert seinen Sohn zu unserem Heil, Jesus ist am Kreuz gestorben und am Ostermorgen wahrhaft auferstanden. Die Evangelien, das Glaubensbekenntnis und auch die Reliquien sind seine Zeugen.

 

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