Ostern: Die wichtigsten Bräuche

Freitag, 29. März 2013

Nächtliche Feuer sollen vor Hexen, Blitz und Hagel schützen, frühmorgens geschöpftes Wasser Mädchengesichter verschönern

Hamburg, Gründonnerstag im Jahr 1466. Auf dem Markt vor dem alten Rathaus an der Trostbrücke stehen römische Legionäre mit roten Mänteln und eisernen Lanzen. Ein halbnackter Mann voller blutiger Wunden schleppt ein großes Kreuz. Weinende Frauen folgen ihm, Mönche singen fromme Choräle. Zwischen den Buden und in den Fenstern der Kaufmannshäuser drängen sich faszinierte oder sogar erschütterte Zuschauer. Vielen fallen ihre Sünden ein, manche geloben Besserung.

Das Passionsspiel „dat lident Christi“ („Das Leiden Christi“) ist Höhepunkt der „stillen Woche“. Es wird an mehreren Tagen nacheinander aufgeführt und dient der Vorbereitung der Gläubigen auf das höchste Fest des Jahres. Die Kosten übernimmt der allzeit um das Seelenheil der Bürger besorgte Rat.

Osterfeuer, Osterhase, Ostereier: Nur jeder zweite Bundesbürger kennt das Fest heute noch in seinem religiösen Sinn der Verheißung ewigen Lebens, und nur jeder Dritte feiert es in der Kirche. Dafür haben immerhin siebzig Prozent nach wie vor an traditionellen Osterbräuchen Spaß, auch wenn viele nicht wissen, was genau flammende Holzstöße, hoppelnde Nagetiere, geschmückte Birkenzweige und bunt bemalte Kalkschalen mit jenem heiligen Geschehen zu tun haben, aus dem vor 1973 Jahren die christliche Weltreligion keimte.

Um Jesu Leiden und Erlösung, um Kreuzestod und Auferstehung des Gottessohns sammelt sich im Lauf der Jahrhunderte in vielen deutschen Städten ein reicher Schatz österlicher Traditionen an. Sie erinnern an die Ereignisse der acht Tage vom Palm- bis zum Ostersonntag.

Am Palmsonntag denken Christen an den umjubelten Einzug des besonders von den Armen verehrten galiläischen Wanderpredigers Jesus auf einer Eselin in Jerusalem. Hamburger spielen die Szene seit 1445 mit einer Jesus-Puppe auf einem „Palmesel“ mit Rädern nach. Ein „Jesusknecht“ zieht das Holztier, Priester prozessieren hinter ihm durch die Altstadt, die Gläubigen stehen Spalier, beten und singen Psalmen. Doch 1530 räumt die Reformation mit dieser Art Volksfrömmigkeit gründlich auf: eifrige Protestanten zerren den letzten Holzesel aus der Jacobikirche und schlagen ihn in Stücke.

 Die Weihe pflanzlicher Devotionalien bleibt dagegen bis heute aktuell: Die Juden Jerusalems breiteten vor Jesus Palmzweige aus, deutsche Christen lassen seit 500 Jahren Weidenkätzchen, Haselnuss-, Buchsbaum- oder Wacholderzweige in die Kirche segnen. Was Weihnachten die Tanne, wird Ostern die Birke, zu Hause aufgeputzt mit bunten Bändern und gefärbten Eiern, Holzfiguren und sonnengelben Flaumküken. Heute schmücken Osterglocken und Tulpen auch säkulares Privat-Ambiente.

Das Passionsspiel führt an vielen Orten das Sterben des Herrn in markanten Bildern vor Augen: Den Verrat des Apostels Judas, die Gefangennahme im Garten Gethsemane, das Verhör beim jüdischen Hohepriester und beim römischen Landpfleger Pilatus, die Geißelung Jesu, seine Spottkrönung mit Dornenzweigen, der Kreuzweg nach Golgatha und die grausame Hinrichtung. Die Hauptrolle muss immer ein besonders dünner, bleicher und verhärmter Schauspieler übernehmen. Aus Hamburg ist nicht etwa der Text, sondern lediglich die Rechnung über das anschließende Festmahl der Mitwirkenden überliefert: nach heutigem Geld rund 2000 Euro.

Der moderne Deutsche hört sich in seinen Kirchen immerhin gern Bachsche Johannes- oder Matthäuspassionen an, sofern ihm in seiner festtäglichen Bequemlichkeit nicht schon ein Bibel-Film im häuslichen Pantoffelkino genügt. Die heiligen drei Tage beginnen in Hamburg am Gründonnerstag mit Grünkohl und Schweinekopf – nicht gerade die passende Speise. Am Karfreitag gibt es in Norddeutschland nur eine Suppe aus Bier, Feigen und geschlagenen Eiern. Das Ei dient dabei als Symbol des neuen Lebens nach dem Tod.

Obwohl der Hamburger Rat das Fleischverbot schon 1529 aufhebt, bevorzugten auch nicht religiöse Städter am Tag der Kreuzigung Fisch, am häufigsten Hering und Kabeljau – das christliche Symboltier findet sich heute auch immer öfter als religiös motivierter Autoaufkleber. Stadttore und Geschäfte bleiben früher bis 16 Uhr zu, dann öffneten sogar die Banken.

Auf den heidnischen Ursprung der Osterfeuer am Karsamstag weist Papst Zacharias in einem Brief aus dem Jahr 751 schon Bonifatius, den „Apostel der Deutschen“, hin. Die alten Germanen treiben mit weithin sichtbaren Feuerrädern auf Hügeln und Stränden den Winter aus. Christen übernehmen den Brauch auch als Symbol für Christi Sieg über den Tod. In Hamburg und anderen Städten zünden sie die Holzstapel frommer Weise direkt vor ihren Kirchen an. Die Flammen sollen vor Hexen, Blitz und Hagel schützen, doch den Geistlichen wird angst und bange, wenn sie die Funken zu den Strohdächern fliegen sehen, und 1736 verbieten die Hamburger das Spektakel. Übermütigen Jungs, die weiter kokeln, drohen „willkürliche Leibesstrafen“.  

Unangefochten bleibt der Brauch, zu Ostern über die Felder zu wandern. Aus ihm entwickelt sich der gutbürgerliche Osterspaziergang der Biedermeierzeit, heute pervertiert zur Auspuff-Rallye mit Stress, Streit und Stau zu überfüllten und überteuerten Ausflugslokalen.

Zum Fest backen die Hamburger die „Paaschsemmel“ aus feinstem Weizenmehl; ihr Name erinnert an das jüdische Passahfest. Hamburgs erste Ostereier schenkt das St.Georgs-Hospital 1551 den Ratsherren; sie symbolisieren die Lebenskraft, die man der Stadt wünscht. Seit dem 18.Jahrhundert sind deutsche Ostereier bunt und ein gutes Geschäft: Damals preisen professionelle Schalenkünstler per Zeitungsanzeigen den gebildeten Ständen Kunstwerke „mit kleinen Malereyen, Bildchen, Landschaften, Bäumchen, auch deutschen, lateinischen und französischen Devisen geziert“. Ein beliebter Reim lautete: „Hier in diesem Osterei liegt begraben meine Treu!“ – begraben natürlich nicht im Sinne von „beerdigt“! Heute feuert eine perfekte Oster-Industrie jede Menge Schokoladenhasen und Nougateier auf die Mägen der Verbraucher ab.

Ostara

Der gelehrte Mönch Beda Venerabilis beschrieb im 6.Jh. eine uralte Göttin „Eostra“ als Herrin des Morgens und des Lichts. Später wird daraus die angeblich germanische „Ostara“ als Namensgeberin des Osterfestes. Mythologen halten sie aber für eine fromme Erfindung.

Osterei  

Verkörpert schon bei den Germanen Lebenskraft und Fruchtbarkeit vor allem im Frühling. Früher in der Fastenzeit verboten. Im 12.Jh. erlaubt die Kirche den Genuss für die Zeit von Gründonnerstag bis Karsamstag. Im 15.Jh. schenken zuerst Taufpaten ihren Patenkindern Eier.

Osterhase

Uraltes heidnisches Fruchtbarkeitssymbol, die vielen Jungen fallen besonders im Frühling auf. Das Alte Testament verbietet, ihn zu essen, das Mittelalter diffamiert Meister Lampe gar als Teufelstier, erst die Aufklärung entdeckt positive Züge. Das erste Osterhasen-Lied singen Kinder 1789.

Osterkerze

Am Gründonnerstag werden in den Kirchen alle Lampen zum Zeichen der Trauer gelöscht. Nur die große, mit symbolischen Kreuzesnägeln geschmückte Osterkerze bleibt brennen: Sie versinnbildlicht Christus als Licht der Welt.

Osterlamm

Sinnbild des Heilands als Opferlamm, zugleich Erinnerung an das jüdische Passahfest, an dem die Israeliten vor dem Auszug aus Ägypten Lämmer opfern. Im Frühling kommen besonders viele Lämmer zur Welt. In Hamburg gab es früher für sie einen eigenen Lämmermarkt.

Osterwasser

Auf dem Land schöpfen Frauen und junge Mädchen am Ostermorgen vor Sonnenaufgang frisches Wasser aus Flüssen und Bächen. Nach dem Aberglauben macht es schön, reich und gesund: Das Wasser ist ein uraltes christliches Lebens- und Heilssymbol.

 

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