Kapitel 75: Im Sachsenwald

Mittwoch, 3. April 2013
„Die Wohlhabenden zogen sich in ihre Quartiere am Stadtrand zurück“: An der Außenalster bei der Fontenay S.107 © Museum für Hamburgische Geschichte

Zwischen Tau und Tag, lange bevor ich aufgewacht war, stapften im tausendjährigen Tann des Sachsenwalds zwei Jäger durch hohen Farn zum Billetal. Der Eiserne Kanzler bildete mit seinen fast zwei Metern die mythische Gestalt eines Helden nach, der mit dem Scheitel an die Sterne, mit dem Blick in die Ewigkeit und mit den Schultern in die Sage reicht. Mit den großen Füßen stand er jedoch ziemlich fest auf dem Boden. Neben diesem Monument von einem Mann wirkte selbst der löwenhäuptige Senator Hartestraat wie ein Kätzchen, allerdings eins mit Luchsaugen, wachem Raubtierinstinkt und voll intaktem Beutegreifverhalten. Der Himmel war verhangen, die Luft feucht, aber rein, der Wald nass, dunkel und still, der Reichskanzler wie immer jagdlustig und der Senator wie immer höllisch konzentriert, nicht in die Schusslinie zu geraten, weder in die der Waffe noch die der Worte. Wie immer auch fühlte er sich von der Majestät des Reichskanzlers wie benebelt. Liliencron hatte Recht, dachte er, wenn ein außergewöhnlicher Mensch, ein Genie, seinen einsamen Weg durch die Massenherde der Menschen geht, findet er Hindernisse überall. Der Neid, das Zaunkönigtum, das Philistertum, die Engherzigkeit und Kleindenkungsart stemmen sich ihm entgegen. Aufhalten würden sie diesen Mann nicht. Niemals. Die Zaunkönige nicht, die Philister nicht, die Sozen nicht, und auch nicht die Generäle.

  „Die Freie und Hansestadt Hamburg ist also in ihrem Partikularismus endlich saturiert?“ fragte der Reichskanzler im gemütlichen Plauderton. „Partikularismus“ war Bismarcks boshafte Umschreibung der Versuche ehemals souveräner Länder und Städte, nicht widerstandslos von der preußischen Reichseinheitsmaschine zu einer Verwaltungsprovinz verwurstet zu werden.

  „Die Mitglieder meiner Partei stimmen geschlossen für das Freihafengesetz“, sagte Hartestraat. „Damit sind über hundert Stimmen garantiert, bei höchstens fünfzig Gegenstimmen. Es ging lediglich die Sorge um wirtschaftliche Grundlagen, damit Hamburg für das Deutsche Reich das Tor zur Welt bleiben kann.“

  „Jaja, ihr lieben Pfeffersäcke“, spottete Bismarck, „wenn nur immer die Kasse stimmt.“

  „Ohne Freihafen wäre Hamburg international nicht konkurrenzfähig“, sagte der Senator. „Und das wäre schließlich auch für das Reich...“

  „Vierzig Millionen Mark Zuschuss, und sieben Jahre Übergangszeit!“ fuhr ihm der Kanzler in die Parade. „Bremen wird das schon nicht mehr bekommen. Ersparen Sie mir weitere Krämertränen, Herr Senator.“

  „Hamburg gibt dafür sehr viel auf, Exzellenz. Unabhängigkeit, liberaler Handel, Zollfreiheit...“

  „Ja wohl. Wenn ihr Hamburger mal was aufgebt, dann höchstens Briefe. Am liebsten welche mit Mahnungen. Sorgen Sie mir nur dafür, dass eure unabhängigen Spekulanten nicht noch mehr Freiheit zu ganz liberalem Wucher bekommen. Der Herr Bebel rühmt euer Hammonia schon als Hauptstadt des Sozialismus. So sind sie nun einmal, unsere lieben Hanseaten: Wer was hat, verkauft seine Mutter, und wer nichts hat, sein Vaterland.“

  „Der Senat wird entsprechende Maßnahmen sicherstellen, Exzellenz.“

  Ein Kuckuck schrie. Der Kanzler lächelte. „Da hören Sie, Herr Senator, was der Wald von Ihren Versprechungen hält. Dieser Bebel ist gefährlicher als eine feindliche Armee.“

  „Sobald das Freihafengesetz die Bürgerschaft passiert hat, werden alle privaten Grundstücke auf dem Brook enteignet.“

  „Ein schönes Geschäft für den Stadtsäckel.“

  So ist gut reden, wenn einem der Kaiser einen Wald geschenkt hat, so groß wie ein Fürstentum, dachte Hartestraat.

  Bismarcks etwas vorstehende Augen fassten den Senator mit einem durchbohrenden Blick. „Gilt das auch für Grundstückseigentümer, die Ihrer Partei nahe stehen?“

  Verflixt, dachte Hartestraat. Der Alte war diesmal besonders gut informiert. Ein Zeichen, dass er es mit der Freihafensache sehr genau nahm.

  „Selbstverständlich, Exzellenz.“

  „Es hat sich da schon ein paar Mal im Ministerium ein gewisser Konsul gemeldet, der Parteispenden offenbar als geschäftliche Investitionen betrachtet.“

  „Frechheit!“ entfuhr es dem Senator. „Ich kenne den Kerl.“

  „Vielleicht haben Sie die Güte, dem Manne mitzuteilen, dass sein Verhalten inakzeptabel ist. Er stammt doch wohl nicht aus einer Familie mit Einfluss und Prestige?“

  „Nicht dass ich wüsste, Exzellenz.“

  „Ich bin nicht der Ansicht, dass die familiäre Herkunft das allerwichtigste sei, aber bei einem Mann ganz ohne Stammbaum sollte man doch eine gewisse Vorsicht walten lassen. Nun aber bitte ich Sie um die Freundlichkeit, mir den Anlass Ihres Besuches mitteilen zu wollen.“

  Der Senator erstattete seinen Bericht. Der Reichskanzler war konsterniert. Rathaus besetzt? Polizeichef unter Arrest? Öffentliche Hinrichtung? Ob der Senator vielleicht schlecht geträumt habe?“

  „Nein, Exzellenz.“

  Kurzes Schweigen. Dann: „Und was sagen meine braven Hamburger zu alledem?“

  Der Senator schilderte die Stimmung. Die Gefühlslage der Bevölkerung könne nicht anders denn als gefährlich bezeichnet werden. In der Stadt brodele es sowieso schon seit langem. In tiefster Volksseele flössen immer mehr Hass, Angst und Verzweiflung in die bereits zum Bersten gefüllte Magmakammer des von interessierter Seite geschürten sozialen Zorns, jederzeit bereit, als psychische Protuberanzen mit zerstörerischer Gewalt über das Menschengefüge der Großstadt hereinzubrechen.

  „Jetzt werden Sie aber poetisch, lieber Senator.“

  Es sei die lautere Wahrheit, beharrte Hartestraat. Es brodele in den Fabriken, in denen fanatisierte Aufwiegler die braven Arbeiter zu einem revolutionären Aufhängen aller Reichen anstiften wollten, und es brodele in den Destillen, in denen Strolche aus Politik und Milieu den Unzufriedenen, Erfolglosen, Entmutigten und Gescheiterten einredeten, an ihrem Unglück seien die Juden und die Ausländer schuld. Es brodele im Hafen, wo sich lügnerische Parolen stets besonders schnell verbreiteten, wie überall, wo Männer unter sich sind; und es brodele auf den Straßen, wo der Pöbel der Nichtstuer, Eckensteher und Windmacher allzeit bereit sei, Unheil anzurichten.

  Es fing an zu regnen, und die beiden Männer drückten die grünen Hüte fester aufs Haupt.

  „Und das Bürgertum?“ fragte Bismarck. „Hat das Reich wenigstens in den besitzenden Ständen eine Stütze?“

  Das bürgerliche Hamburg, sagte Hartestraat ehrlich, reagiere auf das drohende Gewitter in bewährter Weise: Je mehr einer besitze, desto weniger zeige er es. Die Reichen verschanzten sich in ihren Villen an Alster und Elbe. Die Wohlhabenden zogen sich in ihre Quartiere am Stadtrand zurück, die Kleinbürger klagten laut über finanzielle Nöte und gruben ihre Ersparnisse im Keller ein. Zugleich gehorchten ganze Geschwader höherer Damen und Töchter einem plötzlich geschärften sozialen Gewissen und schwärmten aus, um bei armen Familien mit spontanen Spenden gut Wetter zu machen und damit etwas Druck aus dem sozialen Hexenkessel der viel zu rasch wachsenden Großstadt zu nehmen.

  „Das ist brav“, lobte der Reichskanzler.

  Das sei jetzt allerdings Makulatur, fuhr Hartestraat fort. Wenn der General so weitermache, sei die preußische Position zwar militärisch, nicht aber politisch zu halten.  Noch ein paar Tage, und der Widerwille gegen Schwarzweiß werde sich so tief eingraben, dass die Wahlen nicht mehr zu gewinnen seien. Der General spiele durch seine wahnwitzigen Maßnahmen Bebel voll in die Karten.

  Aber wenn der Kerl, den sie aufgehängt hätten, doch ein Polizistenmörder sei?

  Das, beeilte sich der Senator zu versichern, sei überhaupt nicht erwiesen, im Gegenteil spreche einiges dafür, dass er in Wahrheit unschuldig gewesen sei. Auch der Polizeichef vertrete diese Meinung.

  Aber warum sei der Kerl denn dann abgehauen, dieser – wie heiße er noch mal?

  Johannes Mott.

  Nein, dieser Spitzname.

  Kehrwieder-Johnny.

  Ja. Ziemlich romantischer Name für einen Schwerverbrecher, meine das der Herr Senator nicht auch? Das klinge ja direkt operettenhaft, so was passe viel eher nach Wien als nach Hamburg.

  Darüber hatte der Senator noch gar nicht nachgedacht.

  Immerhin ein interessanter Name, meinte der Reichskanzler, er klinge nach Abschied, Aufbruch, Großer Fahrt, winkenden Seemannsfrauen, Tränen am Kai, Möwengeschrei, Heimweh...“

  Der Regen wurde heftiger.

  „Der Kerl heißt nur so, weil er vom Kehrwieder stammt, und diese Straße trug den Namen schon, als dort noch gar kein Hafen war“, klärte ihn Hartestraat auf. „Einfach, weil es damals keine Brücke gab und man also am Ende umkehren muss. Kehrwieder ist nur ein anderer Ausdruck für Sackgasse.“

  Der Reichskanzler lachte. „In Hamburg kann man gut Illusionen loswerden. Kaum klingt mal etwas ein bisschen romantisch, wird es gleich ausgenüchtert. Außer man kann Geld damit verdienen.“

  „Für Romantik gibt’s bei uns die Oper“, sagte der Senator, „da schmeckt die Suppe hinterher gleich noch mal so gut.“

  „Dann stimmt mal schön ab“, sagte Bismarck. „Wenn alles gut geht, dürft ihr mich zum Ehrenbürger machen.“

 „Hamburg wird Ihnen ein Denkmal setzen, und zwar das größte, das es jemals baute, auf dem höchsten Berg der Stadt. Aber was geschieht nun mit dem General?“

  „Den Waltershausen lassen Sie mal meine Sorge sein. Der Moltke soll sich um ihn kümmern, der hat ihn ja schließlich nach Hamburg geschickt. Muss natürlich schnell gehen, auch weil Kronprinz und Kronprinzessin ante portas. Am besten, der Generalarzt schaut sich den Fall an. Überlastung, Nervenanspannung, Kur dringend vonnöten, etwas in der Art, von mir auch gleich Versetzung in den Ruhestand. Der Waltershausen hat aus Frankreich seine Verdienste, la Gronas, und les Landes, aber was er jetzt macht, schadet der Sache des Reiches.“

 

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