Vietnam: Die grausame Rache der Sieger

Samstag, 30. März 2013

Vor 40 Jahren, am 29. März 1973, verlassen die letzten US-Truppen Südvietnam. Mit ihrem Abzug beginnt in Südostasien ein zweites großes Leiden und Sterben.

Die Gegend ist gefährlich, der Auftrag riskant, der Gegner unberechenbar: Am Mittag des 2.August 1964 fährt der Zerstörer „USS Maddox“ im Golf von Tonkin auf Erkundung an der nordvietnamesischen Küste entlang. Obwohl das Kriegsschiff außerhalb der Zwölfmeilenzone in internationalen Gewässern bleibt, attackieren drei nordvietnamesische Schnellboote mit Torpedos. Die „Maddox“ kann den tödlichen Unterwasserwaffen ausweichen und fordert Luftunterstützung an. „Skyhawks“ des Flugzeugträgers „Ticonderoga“ bombardieren die Angreifer. Alle drei Boote werden getroffen, eins treibt manövrierunfähig davon…

Das kurze Seegefecht gilt als Beginn eines Konflikts, der unsere Welt in knapp zehn Jahren stärker verändert als jedes andere Ereignis der Zeitgeschichte. Der Vietnamkrieg entzweit Verbündete, spaltet Familien, entfremdet Generationen. Als er am 27. Januar 1973 mit dem Friedensabkommen von Paris offiziell endet, ist nichts mehr, wie es war:

Die Studenten, die auf den Straßen gegen den Einsatz der US-Truppen demonstrieren, übernehmen an den Universitäten oft mit Brachialgewalt die Macht und starten den von ihrem Anführer Rudolf Dutschke geforderten „langen Marsch durch die Institutionen“. Einer von ihnen wird später Bundeskanzler, ein anderer Bundesaußenminister.

Die Friedensbewegung, bis dahin nur ein kleines Grüppchen sogenannter „Ostermarschierer“, wird zu einer politischen Großströmung, gegen die in demokratischen Ländern bald kaum noch Militäraktionen durchgesetzt werden können.

Die politische Stimmung wendet sich von den Konservativen ab, das Herz der Bundesrepublik wandert nach links, für viele ist die schützende Staatsmacht plötzlich der „faschistoide“ Feind, und die Polizei wird nicht mehr respektiert, sondern verhöhnt und bekämpft.

Amerika, Jahrzehnte lang die verlässliche Schutzmacht des Westens gegen den hochgerüsteten Ostblock, ist für viele Deutsche plötzlich das, als was es die kommunistische Propaganda schon lange verleumdet: Nicht mehr die westliche Musterdemokratie, sondern ein Reich böser Kapitalisten, Kolonialisten und Imperialisten. Neue Sympathieträger vor allem für die Intellektuellen im Westen sind plötzlich die Verbündeten der Nordvietnamesen, vor allem die „friedliebende Sowjetunion“.

Studenten verbrennen US-Fahnen und skandieren den Namen eines roten Revolutionärs wie den eines Heilsbringers: „Ho-ho-ho Ho-Tschi-Minh!“ Und auch aufgeklärte Bundesbürger können sich des Eindrucks kaum erwehren, dass in Indochina, dem einstigen „Hinterindien“, eine hochgerüstete Supermacht mit modernsten Waffen gegen ein kleines, freiheitsliebendes Bauernvolk kämpfe.

„Napalm“ oder das Entlaubungsmittel „Agent Orange“ werden zu den Schlüsselwörtern einer schiefen Diskussion, die rasch ihre eigene Wahrheit entwickelt. Die oft viel schlimmeren Untaten der nordvietnamesischen Soldaten, die etwa den von Amerikanern medizinisch behandelten Kindern die Ärmchen mit den Impfnarben abhacken, bleiben unerwähnt.

Es sind vor allem die Fernsehbilder, die den dramatischen Stimmungs- und Meinungswandel der Deutschen, der Europäer und überhaupt der Bürger der westlichen Welt bewirken. Der Vietnamkrieg ist der erste, der direkt vor den TV-Kameras geführt wird und zu uns nach Hause, direkt ins Wohnzimmer kommt. Praktisch alle Bilder stammen von amerikanischen Reportern. Sie zeigen deshalb nur amerikanische Soldaten, nur Schüsse aus amerikanischen Waffen – und nur vietnamesische Opfer. Denn die Reporter wagen sich nur dorthin, wo die eigenen Truppen siegen. Ihre Bilder brennen sich ein: Das kleine Mädchen, dem die Wucht einer Explosion die Kleider vom Leib riss und das nun schreiend über eine Dorfstraße läuft. Der gefesselte Vietkong, dem ein südvietnamesischer General vor laufenden Kameras eine Kugel in den Kopf jagt. Das ist glatter Mord. Da zählt es auch nicht, dass der Gefangene vorher die Familie eines Polizeioffiziers umgebracht hat.

Terrorakte gegen Zivilpersonen sind damals fester Bestandteil der nordvietnamesischen Kriegsführung. Todestrupps rasen auf Motorrädern durch Saigon und bringen gezielt Menschen um. Oft ist es an der Front sicherer als in der Etappe. Denn hinter den Linien werden ganze Dörfer ausgerottet.

Im Vietnamkrieg geht es nur in der kommunistischen Propaganda um Freiheit. In Wirklichkeit ist er Teil einer weltweiten Auseinandersetzung zwischen dem totalitären System des Ostblocks und der demokratischen Ordnung des Westens. Die zivilen Voraussetzungen sind dabei so ungleich wie die militärischen:

Nordvietnam ist ein diktatorisch geführter Einparteienstaat. 1955/56 enteignen die Kommunisten mit brutaler Gewalt alle Bauern, 50.000 Menschen kommen dabei um. Berater aus Maos Rotchina leiten die Terroraktionen. 1956 fallen selbst Parteimitglieder und verdiente Veteranen einer Verhaftungswelle zum Opfer, bei „Säuberungen“ werden 100.000 Menschen eingesperrt oder gleich umgebracht. 600.000 Katholiken fliehen vor dem atheistischen Regime nach Südvietnam. Die Sowjetunion pumpt jährlich bis zu eine Milliarde Rubel in den neuen Satellitenstaat, liefert Panzer, Flugabwehrraketen, Kampfbomber. 500 russische Militärspezialisten bilden die „Nordvietnamesische Volksarmee“ (NVA) aus. 1964 hat das kleine Land eine überdimensionierte und schlagkräftige Armee hochmotivierter, gut ausgebildeter Kämpfer. Eine Opposition gibt es nicht.

Der Süden dagegen schwächt sich selbst durch eine unfähige und korrupte Politikerkaste. Die Kommunisten Südvietnams arbeiten eng mit den Parteifreunden im Norden. Ihre Kämpfer sind die „Vietkong“.  1964 kontrollieren sie bereits ein Drittel des Landes. Propaganda und Terror untergraben die Moral der friedlichen Bevölkerung, Angst und Hoffnungslosigkeit breiten sich aus.

Die USA haben zuletzt im Koreakrieg (1950-53) unter hohen Verlusten eine kommunistische Invasion abgewehrt. Nun fürchten sie, nach Vietnam würden Russland und China auch die Nachbarstaaten, vor allem Laos und Kambodscha, dem roten Machtbereich einverleiben. Deshalb schickt der populäre US-Präsident John F. Kennedy Hubschrauber, Panzer, Kampfbomber und 16.000 Militärberater in den freien Teil Vietnams. Er ist es auch, der als erster Napalm und Entlaubungsmittel einsetzen lässt, die dem Feind die Deckung nehmen. Seine Generäle stellen die bekannteste Elite-Einheit jener Zeit auf: die „United States Army Special Forces Command“ (Airborne), nach ihren Kopfbedeckungen „Green Berets“ genannt.

Die Amerikaner siedeln Bauern in „Wehrdörfer“ um, bilden die Krieger der von den Vietnamesen unterdrückten Bergstämme an modernen Waffen aus und wagen sich auch schon zu geheimen Sabotageaktionen weit nach Nordvietnam hinein – alles im Rahmen von Beistands- und Waffenhilfeabkommen mit den südvietnamesischen Regierung: Die 1954 gegründete SEATO („Southeast Asia Treaty Organisation“) ist das südostasiatische Gegenstück zur NATO. Mitgliedsstaaten sind die westlichen Großmächte, aber auch etwa Thailand oder die Philippinen. Die drei indochinesischen Länder Kambodscha, Laos und Südvietnam sind assoziiert.

Durch diese Staaten führt der berühmte „Ho-Tschi-Minh-Pfad“, ein ganzes Netz von Straßen und Wegen, auf denen Nordvietnamesen im Schutz von Dschungel und Dunkelheit Soldaten, Waffen und Munition in den Süden bringen. Nach dem Zwischenfall im Golf von Tonkin greift das US-Militär auch direkt in die Kämpfe ein. Am 8. März 1965 setzt Kennedy-Nachfolger Johnson die ersten US-Kampftruppen in Marsch. Ende des Jahres stehen bereits 185.000 GI’s in Vietnam.

Die Amerikaner sind siegessicher: Ihre F-4 „Phantom“-Düsenjäger sicheren die Luftüberlegenheit, die „Boeing B-52“-Bomber entfalten riesige Zerstörungskraft, die Artillerie feuert präzisionsgelenkte Gleitbomben ab, Kampfhubschrauber verstärken die Infanterie. Die Nordvietnamesen haben starke Verluste, aber sie bauen bald ausgedehnte Tunnelsysteme in den Dschungel, aus denen sie hinter dem Rücken der Amerikaner wie Geister auftauchen.

Ende 1966 zählt die US-Streitmacht bereits über 400.000 Soldaten, ein Jahr später sind es sogar 485.000. Die Stimmung ist zuversichtlich. John Wayne kommt 1968 mit dem heroischen Kriegsabenteuer „Die grünen Teufel“ in die Kinos. Der Titelsong heißt „The Ballad of the Green Berets“. Staff Sergeant Barry Sadler steht damit fünf Wochen auf Platz 1 der US-Hitparade. Doch 16.000 Amerikaner sind bereits gefallen, und täglich werden es mehr.

Im Januar 1968 treten die Nordvietnamesen zur „Tet-Offensive“ an: 80.000 Kämpfer greifen an über 100 Stellen in Südvietnam an. Sie erobern die alte Kaiserstadt Hue und dringen sogar bis zur US-Botschaft in Saigon vor. Die Amerikaner sind geschockt: Sie hatten den Gegner bereits so gut wie geschlagen geglaubt. Die Invasion überrascht sie völlig. Zugleich zeigt die Offensive, was das Land im Fall eines kommunistischen Sieges erwartet: Allein in Hue bringen die Nordvietnamesen über 6000 Zivilisten um. Viele Leichen in den über 100 Massengräbern sind gefesselt, manche lebendig begraben, einige noch Kinder.

Beim Gegenangriff wird die alte Kaiserstadt fast völlig zerstört. Die Kommunisten werden schwer geschlagen: Über 40.000 Kämpfer fallen, 10.000 gehen in Gefangenschaft. Doch auch die Amerikaner haben Verluste, und jetzt fotografieren die Kriegsreporter auch die Särge mit der amerikanischen Flagge.

Die Propaganda macht aus der militärischen Niederlage einen moralischen Sieg: Auf den Straßen des freien Westens beginnen die Demonstrationen der Studenten, erst allgemein gegen die Gräuel des Krieges, bald aber nur noch gegen Kriegsverbrechen der US-Truppen wie das zunächst vertuschten „Massaker von Mylai“: In dem Dorf knallen US-Soldaten auf der Jagd nach Vietkong-Unterstützern einfach alles ab, im Kugelhagel sterben 503 Zivilisten, davon 182 Frauen und 172 Kinder.

Kurz zuvor haben Vietkong in dem Dorf Dak Son 1900 von 2000 Bewohnern mit Handgranaten und Flammenwerfern ermordet, doch ein Bericht darüber im US-Magazin „Time“ bleibt ohne Folgen für die neue Stimmung im Land: Kriegsgegner organisieren Protestmärsche und rufen zum „zivilen Ungehorsam“ auf. Junge Amerikaner verbrennen ihre Einberufungsbescheide, 50.000 Kriegsdienstverweigerer flüchten nach Kanada. Orden aus Vietnam werden öffentlich verbrannt, und Hollywood dreht Antikriegsfilme.

Mehr noch: Mit der Stimmung kippen auch die klassischen Werte. Mut und Tapferkeit der Soldaten sind für viele Jahre diskreditiert, heimkehrende Soldaten werden von Aktivistinnen angespuckt, viele greifen zur Flasche oder betäuben sich mit Drogen. Die von schwarzen Amerikanern gegründete Bürgerrechtsbewegung wird zum entscheidenden politischen Faktor. In Europa formiert sich eine neue Linke. 

Unter dem Druck der Proteste schwindet auch die Kampfmoral: Immer mehr Soldaten desertieren. Vorgesetzte werden angegriffen und erschossen. Johnson verzichtet 1968 auf eine zweite Kandidatur. Nachfolger Richard Nixon lässt seinen Chefberater Henry M. Kissinger schon 1971 Friedensmöglichkeiten sondieren. Die Kommunisten stimmen wie immer allen Vorschlägen zu, um dann keinen einzigen einzuhalten.

Das Abkommen von Paris, unterschrieben am 27. Januar 1973, stellt nicht etwa den Frieden wieder her, sondern besiegelt die mindestens politische Niederlage Amerikas und den Untergang Südvietnams: „Die Regierung in Saigon wird höchstens noch eineinhalb Jahre existieren“, sagt Kissinger nach der Unterzeichnung. Im März 1975 startet die letzte kommunistische Großoffensive, am 1.Mai marschieren nordvietnamesische Truppen in Saigon ein. Auch Laos und Kambodscha werden kommunistisch.

Die Rache der Sieger ist überaus grausam: 2,5 Millionen Südvietnamesen werden eingesperrt, 200.000 hingerichtet. 165.000 sterben in Umerziehungslagern, 50.000 durch Sklavenarbeit in sogenannten „Neuen Ökonomischen Zonen“. Tausende werden vergewaltigt und zu Tode gefoltert. 1,6 Millionen Vietnamesen versuchen dem Terror als „Boat People“ über das Südchinesische Meer zu entfliehen, 250.000 kommen dabei um.

Nach Zahlen aus Hanoi aus dem Jahr 1995 sind im weitaus schlimmsten Krieg der letzten 50 Jahre eine Million vietnamesische Kämpfer und vier Millionen Zivilisten ums Leben gekommen. Im Kambodscha bringen die „Roten Khmer“ 1975-79 über drei Millionen Menschen um. Auch in Laos werden Tausende gefoltert und ermordet, 300.000 Angehörige verfolgter Bergstämme fliehen nach Thailand. Insgesamt kostet der Kampf um das ehemalige Indochina fast neun Millionen Menschenleben. Fast die Hälfte stirbt nach dem Abzug der Amerikaner. Nach der UN-Statistik zählt Vietnam heute zu den ärmsten Ländern der Welt: Von den 90 Millionen Einwohnern lebt ein Drittel unter der Armutsgrenze.

Das alles ist heute bei den Demonstranten von damals kein Thema. Dabei hat sich jeder, der damals auf den Straßen der freien Welt gegen den Einsatz amerikanischer Truppen in Vietnam protestiert hat, wissentlich oder unwissentlich, willentlich oder unwillentlich mitschuldig gemacht am Leiden und Sterben von Millionen Menschen in Südostasien. Die kommunistische Propaganda von damals ist verstummt, doch das Totschweigen dauert an.

Vietnam: Die Vorgeschichte des Krieges

2000 Jahre Chinesen, 200 Jahre Franzosen, 20 Jahre Amerikaner, so fassen Vietnamesen die langen Phasen der Fremdherrschaft über ihr kleines Land gern zusammen. Die Urgeschichte reicht bis in die Anfänge der Menschheit zurück: Schon vor 500.000 Jahren hausen Steinzeit-Jäger in den Höhlen des Nordens. Das erste Königreich um 500 v.Chr. heißt „Van Lang“. Um 200 v.Chr. führen chinesische Eroberer in Reisanbau, Viehzucht und Baukunst neue Techniken ein. Sie nennen den schmalen Küstenstreifen am Südchinesischen Meer „Annam“ – „friedlicher Süden“, doch die Unterdrückten wagen Jahrhunderte lang immer wieder Aufstände. Erst 1802 schüttelt eine Rebellion die Herrschaft des großen Nachbarn im Norden endgültig ab. Der Anführer der Aufständischen, Sohn einer Händler-Dynastie, ruft sich zum Kaiser aus, verlegt die Hauptstadt nach Hué und nennt sein Reich „Viet Nam“ – die „Viet“ sind das Staatsvolk, „Nam“ heißt „Süden“. Er siegt mit Hilfe der Franzosen, die bald selbst zur Kolonialmacht werden. Erst helfen sie dem Kaiser bei großen Infrastruktur- und Verteidigungsprojekten, dann beuten sie die Einwohner gnadenlos aus. Als die Vietnamesen 1858 ihre Wut an christlichen Missionaren auslassen, greifen französische Kanonenboote ein. Nach dem Ersten Weltkrieg kommen vietnamesische Studenten in Paris mit Kommunisten in Kontakt. 1930 wird ein Aufstand des Studentenführers Ho-Tschi-Minh (1890-1969) blutig niedergeschlagen. Im Zweiten Weltkrieg besetzen die Japaner das Land, die Amerikaner unterstützen die Gegenwehr der Vietnamesen. Nach einer Hungersnot, in der 1945 zwei Millionen Vietnamesen zugrunde gehen, gründet Ho-Tschi-Minh im Norden die „Demokratische Republik Vietnam“. Die Verfassung nimmt sich die US-Unabhängigkeitserklärung von 1776 und die Menschenrechtsforderungen der Französischen Revolution von 1789 zum Vorbild, doch in Wirklichkeit entsteht in Hanoi eine kommunistische Diktatur, die schon 1946 den Süden angreift. 1954 werden die Franzosen in der Schlacht von Dien Bien Phu vernichtend geschlagen. Der Waffenstillstand teilt das Land am 18. Breitengrad in Nord- und Südvietnam. 1964 schießen nordvietnamesische Schnellboote im Golf von Tonkin Torpedos auf zwei US-Zerstörer. Die USA antworten mit Luftschlägen. Eine offizielle Kriegserklärung gibt es nie. 

Vietnam: Die Gesichter des Krieges

Muhammad Ali. Der wohl bekannteste Sportler des Planeten, Sohn eines armen Schildermalers aus Louisville (US-Staat Kentucky), gewinnt mit 18 Jahren als Cassius Clay bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom die Goldmedaille im Halbschwergewicht. 1964 wird er Weltmeister im Schwergewicht und ruft im Ring: „I am the Greatest!“ Noch im gleichen Jahr nennt er sich „Muhammad Ali“. 1965 tritt er zum Islam über. Weil er den Wehrdienst verweigert, wird ihm 1967 der Titel aberkannt. Seine Begründung: „Ich werde nicht 10.000 Meilen von zu Hause entfernt helfen, eine andere arme Nation zu ermorden und niederzubrennen, nur um die Vorherrschaft weißer Sklavenherren über die dunkleren Völker der Welt sichern zu helfen.“ Ali wird zu fünf Jahren Gefängnis und 10.000 US-Dollar Strafe verurteilt, bleibt aber gegen Kaution auf freiem Fuß. Später wird das Urteil aufgehoben, doch erst 1971 darf er wieder boxen.

Henry Kissinger. Der Sohn einer deutsch-jüdischen Familie emigriert 1938 aus Fürth in die USA. Dort studiert er Politikwissenschaften, berät 1957 erst den New Yorker Gouverneur Nelson Rockefeller und arbeitet danach für die US-Präsidenten John F. Kennedy, Lyndon B. Johnson und Richard Nixon. 1968 macht Nixon ihn zum offiziellen Berater in der Außen- und Sicherheitspolitik. Geheimgespräche mit dem Nordvietnamesen Le Duc Tho führen 1973 zu einem Friedensvertrag. Beiden wird der Friedensnobelpreis zuerkannt, doch der Vietnamese lehnt ab, und die Kämpfe gehen noch bis 1975 weiter. Als US-Außenminister (1973-77) arbeitet Kissinger eng mit Bundeskanzler Helmut Schmidt und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher zusammen. Ebenfalls 1973 handelte er das Ende des Yom-Kippur-Krieges zwischen Israel, Ägypten und Syrien aus. Die weitgehende Stabilisierung der Lage in Nahost ist seine zweite große historische Leistung.

Kim Phuc. Ihr Bild geht bis heute um die Welt: Ein kleines, vietnamesisches Mädchen läuft nackt die Straße entlang, halb verbrannt von den Napalm-Bomben, die auf ihr Heimatdorf fielen. Der US-Fotograf Nick Út bringt die Kleine in ein Krankenhaus. 30 Prozent ihrer Körperoberfläche sind verbrannt, die rettenden Hauttransplantationen dauern zwei Jahre. Danach dient das Mädchen der nordvietnamesischen Propaganda jahrelang als Vorzeigeopfer. 1986 studiert Kim Phuc in Kuba Medizin, 1992 heiratet sie dort einen vietnamesischen Co-Studenten. Die Hochzeitsreise führt sie nach Moskau. Auf dem Rückflug nutzen die Eheleute einen Tankstopp in Gander auf Neufundland, um in Kanada politisches Asyl zu beantragen. Heute lebt Kim Phuc mit Ehemann und zwei Söhnen in Toronto. Seit 1994 ist sie UNESCO-Botschafterin, 2004 erhielt sie für ihre Verdienste um kindliche Kriegsopfer die Ehrendoktorwürde der York University in Toronto.

Vietnam heute

Vietnam ist mit rund 330.000 Quadratkilometern zehn Prozent kleiner, hat aber mit über 90 Millionen zehn Prozent mehr Einwohner als die Bundesrepublik. Allein in der Hauptstadt Hanoi leben 6,5 Millionen Menschen. Die Wirtschaft leidet noch immer unter der kommunistischen Planwirtschaft und den Folgen der Verstaatlichung, doch ist Vietnam inzwischen weltgrößter Kaffeeproduzent nach Brasilien. Noch arbeiten zwei Drittel der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Wichtigster Wachstumstreiber ist die Textilindustrie. Außerdem produziert das Land Schuhe, Zement und Stahl. Trotz vorsichtiger Reformen sind noch immer 40 Prozent der Unternehmen Staatsbetriebe und arbeiten zum großen Teil mit Verlust. Viele sind hoffnungslos überschuldet und bedrohen inzwischen sogar das Bankensystem. Der Tourismus boomt, denn besonders aus anderen asiatischen Ländern kommen immer mehr Besucher: dank der allgegenwärtigen Polizei gilt Vietnam als besonders friedlich und sicher, anders als in vielen Nachbarstaaten gibt es kaum Kriminalität.

 

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