Schutzheiliger des Internet

Donnerstag, 4. April 2013

Das Wort zum Freitag

Der große Lopez de Vega schreibt über ihn Gedichte, der berühmte Murillo malt ihn, der geniale Visionär Dante sieht ihn sogar im Paradies seiner „Göttlichen Komödie“: Isidor von Sevilla ist „der große Schulmeister des Mittelalters“, der gelehrteste Kopf seiner Zeit, Retter und Bewahrer der abendländischen Kultur zwischen der Spätantike und den ihr folgenden finsteren Jahrhunderten. Als einer der größten Enzyklopädisten und Kompendiatoren aller Zeiten beherrscht er alle Gebiete des Wissens: Seine „Etymologia“ sammelt das gesamte geistige Kapital der damaligen Menschheit in 20 Bänden. Seine dreibändige „Sententiae“ bildet das erste lateinische Kompendium der Dogmatik und Moral. Seine historischen Werke schildern die Geschichte der Goten, Sueben und Vandalen aus erster Hand: Isidor lebt im spanischen Reich der Westgoten, dessen nordwestliche Nachbarn die Sueben und dessen südöstliche die Vandalen sind. Seine Mutter Theodora ist eine Tochter Theoderichs des Großen, des Ostgotenkönigs, der als „Dietrich von Bern“ in die Sage eingeht.

Ich in seiner Jugend ist der hochgelehrte, überall bewunderte Mann ein Versager, ein lausiger Schüler: Um 560 in Cartagena als Sohn des Stadtpräfekten Severian geboren, geht er zum Studium zu seinem Bruder Leander, Erzbischof von Sevilla. Weil ihm das Lernen überaus schwer fällt, wird er der Bücher bald überdrüssig, und schließlich läuft er einfach davon. Nach Stunden rastet er an einem Brunnen. Dort fallen ihm Löcher in den Steinen zu seinen Füßen und tiefe Einschnitte in der Walze auf. Eine Frau, die Wasser schöpft, klärt ihn auf: Die Löcher von Wassertropfen, die Einschnitte vom Seil. Das beeindruckt den Jungen: „Wenn sogar Wasser und Seil im harten Holz und Stein solche Spuren hinterlassen, kann auch ich es schaffen, mir den schwierigen Stoff des Wissens einzuprägen, wenn ich nur jeden Tag etwas lerne.“ Das tut er, und der Erfolg stellt sich bald ein: Zum Priester geweiht, nimmt er den Kampf gegen die arianische Irrlehre an, die unter den Westgoten noch immer verbreitet ist. Der Priester Arius aus Alexandria (um 260-336) hat gelehrt, dass Christus und Gott Vater nicht gleichen Wesens seien, sondern der Sohn vom Vater geschaffen worden sei. Der Irrglaube hält sich vor allem bei germanischen Völkern, die mit der Dreifaltigkeitslehre ihre Schwierigkeiten haben, bis ins 7. Jahrhundert. Isidor bekämpft ihn ganz entschieden, obwohl der westgotische Adel ihm noch immer anhängt. Nach dem Tod seines Bruders wird Isidor zum Nachfolger gewählt. Er gründet Schulen und Klöster, fördert die Wissenschaften, beginnt ein umfangreiches literarisches Werk. Er leitet die Synoden von Sevilla (619) und Toledo (633), reformiert die spanische Kirche, und die Legende sagt ihm Wundertaten nach. Als er das Ende nahen fühlt, lässt er sich in die Kirche tragen und haucht am 4.April 636 vor dem Altar sein Leben aus.

Im Jahr 1063 schickt König Ferdinand I. von Leon zwei Bischöfe und einen Grafen zu Emir Abbad II. von Sevilla und bittet um die Gebeine des Heiligen. Der Emir, so Erna und Hans Melchers in ihrem "Großen Buch der Heiligen", gibt nicht nur sein Einverständnis, sondern wirft „in plötzlicher Erkenntnis der Gemeinsamkeiten der Religionen“ seinen gestickten Seidenmantel über die Reliquien und sagt: „Wisset, dass eure Sache auch die meine ist.“ In Leon ist über ihnen eine Kirche errichtet. Die katholische Kirche feiert heute an Isidors Gedenktag den letzten der großen abendländischen Kirchenväter. Seit 2001 ist er auch als Schutzheiliger des Internets im Gespräch, doch der Vatikan hat ihn noch nicht offiziell ernannt. Ebenfalls 2001 wird der Isidor-Award gestiftet, mit dem Shareware-Programme ausgezeichnet werden.   

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Aus einer Predigt des auch als Autor der Bild-Zeitung populären Hamburger Seelsorgers Johannes Pricker: „Gott hat nicht die Religion erschaffen, sondern die Welt.“

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Aus Hermann Hesses „Glasperlen“-Geschichte „Indischer Lebenslauf“: „Von manchen Göttern und Heiligen erzählt man Geschichten, dass sie, von einer entzückenden Frau bezaubert, dieselbe tage-, monde- und jahrelang umarmt hielten und mit ihr verschmolzen blieben, ganz in Lust versunken, jeder anderen Verrichtung vergessend.“ – „So ist es, wenn ein Mensch sein Liebesvermögen auf einen einzigen Gegenstand gesammelt hat; mit dessen Verlust stürzt ihm alles zusammen, und er steht arm zwischen Trümmern.“ – „Alles war Maya, war etwas wie eine Kinderei, ein Schauspiel, ein Theater, eine Einbildung, ein Nichts mit bunter Haut, eine Seifenblase, war etwas, worüber man mit einem gewissen Entzücken lachen und was man zugleich verachten, keinesfalls aber ernst nehmen konnte.“

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Wir leben offenbar nicht nur in der Spätzeit einer untergehenden, vielleicht gewaltlos nur einfach versinkenden abendländischen Kultur, sondern womöglich ebenso in der Spätzeit eines altgewordenen Christentums. Es kann sich nicht erneuern, solange auf allen Gebieten, der Wissenschaft, Philosophie und Politik ebenso wie im Alltag der Glaube unter dem Medusenblick vermeintlich allwissender Menschenvernunft immer fester zu Verstand gerinnt. Ohne Spiritualität kann kein Sauerteig gären. In Deutschland ist der Glaube oft nur noch geistliches Parfüm auf kirchlicher Sozialarbeit.  

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Berlioz, "L'Enfance du Christ" über die Kindheit des Herrn: Die Trilogia sacra zeigt neue Perspektiven, das Lied des Herodes verrät auch die Qual des vom Bösen getriebenen Menschen. Der düstere Chor verstärkt die Furcht vor der Gefahr. Besonders ergreifend Marias Gesang zwischen Sorge und Vertrauen, den Grundpfeilern ihrer Frömmigkeit, die fest in ihrer großen Gottesfurcht und -liebe wurzeln. Das Duett Marias und Josefs wirkt in emotionale Tiefen. Die "Flucht nach Ägypten" und "L'arrivée à Sais" erzeugen auch Interesse an historischen Begleitumständen: Die geistliche Wahrheit erhellt die geschichtliche, nicht umgekehrt. Flöten begrüßen das heilige Paar mit afrikanischer Lebenslust, doch sieht die Einsamkeit der Fremden die Passion schon voraus. Und das Amen ist die Gloriole des Gehorsams.

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Edith Stein: "Wer sein Leben in Gottes Hand gibt, kann sich sein, daß er ganz er selbst wird."

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Jean Paul, "Selina": "Die Moralität ist der schöne Gliederbau moralischer Schönheit des ganzen innern Menschen. Hat sich nun der Mensch allmählich entwickelt zu einem moralischen Kunstwerk, so erscheint der Tod und zerschlägt die Antike. So malt die Gottheit von Jahrtausend zu Jahrtausend ihr Ebenbild in die Millionen Geister, damit diese samt dem Bilde nach einigen Minuten für immer verwischt werden." - "Die moralische Vollkommenheit kennt nur ihre Unaufhörlichkeit, so unabhängig und unbefriedigt von der Zeit, daß sie sogar Ewigkeit bedarf."

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Gandhi: "Der Mensch macht seine Pläne, und oft muß er erleben, daß Gott sie umwirft. Wo aber die Suche nach Wahrheit das letzte Ziel ist, da spielt es keine Rolle, ob die Pläne des Menschen durchkreuzt werden: Das Ergebnis ist nie nachteilig, oft sogar besser, als es entworfen war."

 

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