„Der Neger schnackselt gern“: Kirche und Journalismus

Dienstag, 9. April 2013

Zu den immer wiederkehrenden Ratschlägen an die Kirche – auch etwa nach der Wahl des neuen Papstes - zählt die Forderung nach einer besseren Medienarbeit im Vatikan. Nichts dagegen - doch die Verantwortung für viele Pannen, für die häufigen Missverständnisse und die oft negativen Reaktionen in der Öffentlichkeit liegen mindestens ebenso bei den Adressaten.

Bei der Kommunikation für den guten Zweck gelten die gleichen Regeln wie bei der Kommunikation für die Politik, was nicht immer ein Gegensatz ist, oder fürs Geschäft und auch für jeden anderen Gegenstand. In den Redaktionen landen religiöse Themen heute auf den gleichen Schreibtischen, auf denen auch alle anderen Themen landen. Die Zeiten, in denen sich wenigstens Qualitätszeitungen einen eigenen Kirchenredakteur leisteten, sind lange vorbei.

Ebenso lange schon glaubt die große Mehrzahl unserer Medienschaffenden nicht mehr an Gott, sondern ist zur Konkurrenz übergelaufen: zu den Halbgöttern der modernen ökosozialistischen Ersatzreligion, bei der statt der Zehn Gebote die Grundsätze der Political correctness in Kraft sind.

Der typische Repräsentant dieser neuen Glaubensgemeinschaft ist der Gutmensch mit den neuen Dogmen unserer Zeit: Gegen Kinderarbeit, aber für Abtreibung. Für Klimaschutz, aber gegen Atomkraft. Gegen Religion, aber für den Dalai Lama.

Die Anhänger des neuen Glaubens treten solidarisch für Frauenrechte ein, aber es tut der Popularität eines rotgrünen Bundeskanzlers oder Außenministers bei den Getreuen keinerlei Abbruch, wenn sie alle zehn Jahre die Ehefrau wechseln. Denn wer heute als Politiker oder Journalist global für das Gute eintritt, also gegen die Ausbeutung der Indios, die Vergiftung der Äcker oder die Abholzung der Regenwälder, erwirbt sich schon allein dadurch so hohe moralische Weihen, dass Charakterstärken wie etwa die eheliche Treue gerade für die Medien zu völlig unspannenden Sekundärtugenden veralten.

Die Kirche will dabei allerdings nicht so recht mitmachen. Auch deshalb ist sie für die meisten Medienschaffenden ein fremdes Universum, fast ein lebensfeindlicher Planet. Für viele KollegInnen sind Gottesdienstbesucher entweder Spinner, gefährliche Fundis oder bestenfalls verknöcherte Konservative, die den Gong nicht gehört haben.

Die besten Beispiele bieten sich immer dar, wenn der Papst etwas sagt oder schreibt. Islam-Rede in Regensburg, Verhandlungen mit den Piusbrüdern, Anmerkungen zu Aids in Afrika – in den Medien gibt es immer erst Aufregung, Empörung und Spott, bis sich endlich ganz langsam die Erkenntnis durchsetzt: Ach so war das gemeint – ja dann...

Der Papst sagt im Flugzeug zu Journalisten sinngemäß, Kondome seien kein Allheilmittel gegen Aids; viel wichtiger sei es, die Menschen zu einem vernünftigeren Sexualverhalten zu bringen. Wörtlich: „Wenn die Seele fehlt, wenn die Afrikaner sich nicht selbst helfen, kann diese Geißel nicht mit der Verteilung von Kondomen beseitigt werden.“ Solche Maßnahmen würden das Problem nur zusätzlich verschärfen. Eine Lösung würde stattdessen „in einer Humanisierung der Sexualität bestehen, in einer geistlichen und menschlichen Erneuerung“.

Das denkt auch so mancher Wissenschaftler. Und es muss ja vielleicht wirklich nicht unbedingt sein, dass der afrikanische Lastwagenfahrer, der wöchentlich seine tausend Kilometer auf schlechten Straßen abreißt, in jedem zweiten Dorf eine Frau auftreiben will, die sich vor lauter Hunger für ein paar Münzen mit ihm ins Stroh legt. Aber was steht in den Medien, wenn der Papst so etwas sagt? Was sagen unsere Rundfunk- und Zeitungskommentatoren dazu?

Der Papst passt so wenig ins Schema der Political correctness, wie Jesus hineingepasst hätte. Und auch gläubige Journalisten prallen mit ihren Religions- und Kirchenthemen immer wieder gegen ein dickes Brett aus Unkenntnis, Vorurteilen, Dummheit und Bosheit.

Da muss man lange bohren. Luther ist mit deftiger Sprache durchgebrochen. Journalisten können sich natürlich nicht so viel erlauben wie die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, die über das Aids-Problem in Afrika öffentlich sagte: „Der Neger schnackselt gern.“ Aber wir können immerhin darauf bauen, dass kirchliche und religiöse Themen – und nicht nur zu Weihnachten und Ostern - noch immer für sehr viele Menschen interessant sind, auch in den Großstädten.

Dass der Papst authentisch ist, macht ihn gerade bei der Jugend populär. Wallfahrten finden schon seit Johannes Paul II. immer mehr Zulauf. Kinogänger wollen keinen süßlichen Jesus mit Schäfchen auf dem Arm, sondern lassen sich von der Brutalität der „Passion“ Mel Gibsons erschüttern. Was die kirchliche Medienarbeit jetzt braucht, ist:

1 Glaubwürdigkeit. Es geht nicht darum, andere zu bekehren, sondern Glaubensinhalte mit der nötigen Festigkeit zu vertreten. Auch dann, wenn, wie der Papst so treffend schreibt, das gnadenlose „Beißen und Zerreißen“ aus dem Paulusbrief beginnt. Alles fängt damit an, dass wir christlichen Journalisten uns in der Öffentlichkeit, und auch in der Redaktionskonferenz, immer wieder zu unserer Überzeugung bekennen und uns auch nichts davon abschwatzen lassen.

2 Klarheit. Die Pressestelle des Vatikans ist eben nicht wie das Bundespresseamt darauf aus, vor allem erst mal die Chefin oder den Chef gut aussehen zu lassen. Sondern in der Pressestelle des Vatikans geht es um die Wahrheit, auch und vor allem dann, wenn diese Wahrheit Anstoß erregt. Da darf niemand wie ein Spindoctor herumtricksen. Manchem Missverständnis liegt sowieso nur ganz einfach böse Absicht zugrunde. Solche Anfeindungen muss die Kirche aushalten.

3 Qualität. Es hat noch nie gereicht, sich im Besitz der heiligen Wahrheit zu sonnen, sondern es gilt, diese Wahrheit auch unter die Leute bringen. Und dabei hilft es doch sehr, dass das Christentum nicht nur die erfolgreichste, sondern ganz sicher auch die interessanteste Religion aller Zeiten ist. In keiner anderen Religion kommt Gottes Sohn auf die Welt und wird umgebracht. Keine andere Religion kennt so viele Wunder, und natürlich hat sich auch keine andere so tief in die Alltagskultur so vieler Menschen eingesenkt wie die unsrige.

Viele Leser, viele Zuschauer finden Religion, Kirche, Papst und Bibel auch dann spannend, wenn sie eigentlich gar nicht an Gott glauben. Deshalb sollten wir dem Publikum auch nicht mit Dogmen und Liturgie kommen, sondern wir sollten ihnen aus der Bibel, aus dem Leben Jesu, der Apostel, der Heiligen erzählen – und auch aus dem reichen Leben der Kirche mit all ihren Aktivitäten und Institutionen.

Die Kirche Jesu Christi ist die größte Sozialorganisation der Welt, aber sie ist eben viel mehr als das. Sie hilft Millionen Menschen an allen Brennpunkten der Erde, aber sie ist eben nicht nur für die Gesundheit und für den Kampf gegen den Hunger da, sondern ebenso für den Kampf gegen die wachsende seelische Armut in unserer Gesellschaft.

Journalisten sollen nicht missionieren: Das können sie nicht, dazu sind sie sind nicht ausgebildet, sie würden scheitern. Überlassen wir das den Fachleuten, den Geistlichen, den Theologen, den Ordensleuten. Unser Fach als Journalisten ist Information und Unterhaltung. Schreiben wir also unsere Artikel informativ und unterhaltsam. Ein Großer unserer Zunft hat gesagt: Nichts ist spannender als die Wahrheit. Eine spannendere Wahrheit als das Wort Gottes gibt es nicht.

 

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