100 Jahre ALDI

Mittwoch, 10. April 2013

Der Raum ist winzig, die Ware billig, die Kundschaft arm, der Chef ein Ex-Bergmann mit Staublunge: Am 10.April 1913 macht in der stillen Arbeitersiedlung Schonnebeck bei Essen ein „Laden für Backwaren“ auf. Was niemand ahnt: Die klimperkleine Klitsche an der Huestraße 89 wird zur Keimzelle eines Weltkonzerns - ALDI!

Heute, 100 Jahre später, sind die Nachfahren der nützlichen Nahbereichsversorger milliardenschwere Marktriesen, Könige im Kosmos der Komma-Preise, Strategen des Konsumgeschehens und damit auch Mitgestalter unseres modernen Lebens.

Der deutsche Discount-Dino ist eine globale Verkaufsmaschine: 7000 Filialen in Europa, 1200 in Übersee, jeden Tag kommt eine neue hinzu. 190.000 Beschäftigte, davon 50.000 in Deutschland. Umsatz weit über 60 Milliarden Euro.

Doch die ALDI-Story ist nicht nur eine Hymne auf den Pioniergeist genialer Powerseller, sondern auch ein faszinierendes Kapitel der deutschen Wirtschafts-, Zeit-, Kultur- und Alltagsgeschichte. Denn im ALDI-Jahrhundert wandelt sich die Welt schneller und gründlicher als je zuvor: Der Bauer wird zur Minderheit, der Bergbau landet im Museum, auf die Schwerindustrie folgt Hightech und der Himmel über der Ruhr wird wieder blau.

Die „gute alte Zeit“ ist wie der tropische Regenwald: romantisch, aber nährstoffarm. Der junge Karl Albrecht lernt Bäcker, verdient als Bergmann mehr, holt sich unter Tage aber im Kohlenstaub die typische Krankheit der Kumpel an der Ruhr. Seine Hoffnung ist ein eigener Laden, doch der Kaiser braucht Soldaten, und bald bricht der Erste Weltkrieg aus.

Der Laden heißt „Karl Albrecht Kolonialwaren“, doch an der Theke steht die junge Ehefrau. Jeden Tag gießt Anna Albrecht Milch in Kannen, fischt Salzheringe aus der Tonne, wiegt dünne Wurstscheiben ab, wickelt Butterstückchen in Pergamentpapier. Kaffee gibt es in Bohnen, Suppe in Würfeln, Senf im Glas, Zucker in Tüten. Besen sind aus Reisig, Kämme aus Horn, Schnupftücher aus Leinen, Nachttöpfe aus Blech. Auf der Dorfstraße fahren Pferdefuhrwerke, kein Haus hat mehr als zwei Stockwerke und jeder Bergmann eine Ziege.

Anna Albrecht schenkt zwei Söhnen das Leben: Karl Hans kommt 1920, Theo Paul 1922 zur Welt. Es ist eine Welt voller Not und Gefahr: Franzosen und Belgier marschieren im Ruhrgebiet ein, Deutsche wehren sich mit Bomben und Sabotage, Soldaten schießen auf Arbeiter und die Inflation macht Millionen bettelarm.

Dann kommt Hitlers Krieg. Karl Albrecht jr. kehrt verwundet von der Ostfront, Theodor traumatisiert aus Afrika und US-Gefangenschaft heim. 1946 übernehmen die Brüder das Geschäft. Nach der Währungsreform 1948 ist das Geld wieder etwas wert, aber es fehlt an Ware.

Gerade dieser Mangel aber macht ALDI groß: „Wir glaubten, späterhin unser Verkaufsangebot zu erweitern“, sagt Karl Albrecht 1953, „aber wir erkannten, dass wir mit unserem kleinen Warensortiment ein gutes Geschäft machen konnten“, weil „unsere Unkosten sehr niedrig blieben.“

Die Brüder sparen auch an Werbung und Ausstattung: Das ALDI-Ambiente ist anfangs Lagerhalle pur. Die Decke kahl, die Wände nackt, die Schilder schlicht, das Licht kalt, am Boden graue Industriefliesen, die Produkte noch in Pappe auf Palette. Kritiker finden das „lieblos“, die „Süddeutsche Zeitung“ attestiert eine „steinzeitliche Direktheit“.

Doch die sensationellen Preise machen das alles wett: ALDI wird  unschlagbares Einkaufsparadies für kleine Löhne und Gehälter, Mekka der sparsamen Hausfrau, Eldorado der klammen Rentner und bald auch Geheimtipp der Reichen und Schlauen.

Das ALDI-Prinzip passt perfekt in die Zeit zwischen Hungerküche und Fresswelle: 1950 haben nur fünf Prozent der Deutschen einen Kühlschrank, zehn Prozent einen Elektroherd, jeder dritte Haushalt kocht mit Holz. Dann kommt das Wirtschaftswunder, und bald feiern die Normalverbraucher das Ende der mageren Jahre mit Mayonnaise auf Schinkenröllchen, russischen Eiern oder dem „Fliegenpilz“ aus mit Mayo beklecksten Tomaten.

Der erste Fernsehkoch Clemens Wilmenrod schmeckt mit seiner exotischen Erfindung „Toast Hawaii“ aus Schinken, Ananas und Käse schon die große Reisewelle voraus. ALDI surft auf einer Erfolgswelle. Schon 1950 haben Karl und Theo Albrecht aus Muttis Mini-Laden eine kleine Kette mit 15 Filialen und aus der Nachschub-Not eine Tugend gemacht, denn der Verzicht auf Vielfalt wirkt auch psychologisch: „Der Kunde kann viel schneller einen Entschluss fassen, entweder zu kaufen oder nicht zu kaufen“, erklärt Karl Albrecht.

Auch das wird zum ALDI-Erfolgsrezept: Unentschlossene und Eilige wollen nicht erst lange zwischen zehn verschiedenen Sorten Käse oder Wein wählen müssen. Lieber verlassen sie sich darauf, dass das von ALDI ausgewählte Alleinangebot auch für sie das richtige sei.

Der typische ALDI-Kunde will ohne Mühe einen Parkplatz finden, alle gewünschten Waren ohne langes Suchen in ausreichenden Mengen vorfinden, nicht von herumfahrenden Hubwagen belästigt werden, an der Kasse eine zügige Abfertigung erleben, seine Tüten ins Auto laden und abfahren – Hit and Run!  

„Geh' n sie mit der Konjunktur“, singt das „Hazy Osterwald Sextett“ 1961, „geh' n sie mit auf diese Tour!“ Dieses Jahr setzt besonders wichtige Weg- und Wendemarken. Die
DDR mauert Berlin entzwei. Der Russe Jurij Gagarin fliegt in den Weltraum. Sowjet-Chef Chruschtschow erklärt Stalin zum Verbrecher. Politiker feiern in Kahl am Main das erste Kernkraftwerk als strahlendes Siegeszeichen des technischen Fortschritts. Im ALDI-Reich aber weitet sich ein Meinungsstreit zur unüberwindlichen Kluft. Es geht um Zigaretten. Theo möchte unbedingt ins Geschäft mit den Glimmstängeln einsteigen. Karl lehnt das kategorisch ab.

Den älteren der beiden Albrecht-Brüder plagen keine ethischen Bedenken: Die Zigarette ist damals noch weltweit Status-, Freiheits- und vor allem Männlichkeitssymbol. Leinwandhelden wie Humphrey Bogart, James Dean und Robert Mitchum sind selten ohne Lulle zu sehen, Yves Montand oder Charles Aznavour klebt die Fluppe selbst beim Singen an der Lippe. Gary Cooper, John Wayne und Paul Newman leiden noch nicht an Lungenkrebs, der fatale Zusammenhang zwischen Kippe und Karzinom bleibt den meisten Rauchern verborgen. Auch Karl Albrecht hat ihn nicht im Sinn. Er fürchtet etwas ganz anderes: sprunghaft ansteigenden Ladendiebstahl. ALDI ist von dieser Seuche aller SB-Geschäfte bisher verschont geblieben. Das soll so bleiben.

Keiner der Brüder gibt nach, lieber gehen sie zum Notar. Ihre 300 Läden machen 90 Millionen D-Mark Umsatz. Die Operation ist kompliziert wie die Trennung siamesischer Zwillinge, doch sie gelingt so gut, dass der tüchtige Rechtspfleger auch künftig für beide Bruderreiche Urkunden schreibt. Da hat er gut zu tun, denn die Teilung wird zum Triumph: Eigentlich wollen Karl und Theo Albrecht sich nur einfach nicht mehr länger streiten – jetzt entdecken sie das segensreiche Prinzip der Dezentralisation.

Bei ALDI ist der Äquator ist so wenig rund wie die Preise: Die Demarkationslinie zwischen den Discount-Domänen ALDI-Nord (Theo) und ALDI-Süd (Karl) führt von der holländischen Grenze zwischen Bocholt und Borken im Bogen nach Mülheim an der Ruhr, Wermelskirchen und Gummersbach, dann auf kurvenreicher Autobahn nach Siegen und Marburg, durch Hessen querfeldein zur Rhön und schließlich zwischen Thüringen und Bayern im Zickzack nach Hof an der Saale.

Vom Niederrhein nach Oberfranken: In Nordrhein-Westfalen und Hessen ist der Äquator ziemlich breit und reicht für zwei, in Gummersbach oder Siegen zeigen ALDI-Nord und ALDI-Süd einander fast in Sichtweite die Plastiktütenflagge. In den neuen Bundesländern herrscht ALDI-Nord allein. Bottrop und auch das thüringischen Sonneberg liegen zwar nördlich der roten Linie, gehören aber trotzdem zu ALDI-Süd – ein Grenzgewirr wie zu Zeiten der deutschen Duodezfürsten.

„Die Einzelführung ist der Kollegialführung vorzuziehen“, erkennt Theo Albrecht, und sein Bruder schließt sich an. „Vermutlich war dies eine Entscheidung, die den Bestand des Unternehmens und die erfolgreiche Entwicklung erst möglich gemacht hat“, sagt der frühere Geschäftsführer Dieter Brandes. „Ein Bruderzwist, der das Unternehmen hätte aufreiben können, wurde so auf jeden Fall vermieden. Durch die Trennung des Unternehmens konnten die Brüder grundsätzlichen strategischen aus dem Weg gehen.“

1962 öffnet der erste moderne ALDI-Markt. Die Dezentralisation macht es möglich, Methoden, Erfahrungen und Ergebnisse zu vergleichen. Und sie lässt jedem die Freiheit, sich für oder gegen eine neue Idee zu entscheiden. Der experimentierfreudige Theo Albrecht gründet in Herten eine KG und baut mit kühnen Initiativen das Nordreich auf. Der etwas konservativere Karl Albrecht erobert aus dem nahen Mülheim den Süden der Republik. Die Grenze ziehen die Brüder nach eigenem Recht wie die Konquistadoren in Amerika. Die unterschiedlichen Charaktere der Chefs begünstigen ein ökonomisches Reizklima. Die Nord-Läden bieten rasch 600 Artikel an, das Süd-Sortiment bleibt lange bei 450. Der Jüngere verkauft bald Kühl- und Tiefkühlprodukte, später auch Non-Food. Der Ältere wartet erst mal ab und setzt auf den Lohn der Geduld durch den „Last-Mover-Advantage“.

Anders als bei historischen Teilungen führt der nikotinhaltige Bruderzwist im Hause Albrecht nicht zu Zerwürfnis, Feindschaft oder Krieg, sondern zu friedlicher Koexistenz in belebender Rivalität. Weil die Brüder ihre Erfahrungen austauschen, wird der Wissenschatz durch die Trennung noch viel größer. Karl und Theo Albrecht vergleichen Einkaufspreise, sprechen Strategien ab und verhandeln sogar gemeinsam mit Lieferanten. Nur über den Gewinn wird nicht gesprochen: In guten Familien ist Geld nur dann ein Thema, wenn einer es dringend braucht. Bei ALDI nicht der Fall. Der Süden hat ein paar Läden weniger, macht aber ein paar Milliönchen mehr: 11,5 gegen 10,7 Milliarden, getreu der alten Regel „je kleiner das Sortiment, desto größer der Umsatz“.

Die erfolgreichen Brüder sind schon bald nicht nur Umsatz-, sondern auch Einkommensmilliardäre – und bleiben doch bescheiden. Nie verleugnen sie die kleinbürgerliche Herkunft. Jeden Sonntag sitzen sie mit ihren Familien in der neugotischen St. Markus-Kirche im idyllischen Bredeney, wo sie nicht weit von Krupps berühmter „Villa Hügel“ wohnen. Karl Albrecht sitzt gern vorne links, Theo Albrecht bevorzugte die Reihen hinten rechts. Nichts lässt ihren Reichtum erkennen, schon gar nicht joviales Gehabe oder Protz am Klingelbeutel. Die Mitchristen respektieren den Wunsch der berühmten Brüder nach möglichst viel unauffälliger Normalität in frommer Routine. Zur Abschottung des Privatlebens gehören der Verzicht auf Interviews, die Vermeidung öffentlicher Auftritte und die Zurückgezogenheit ins eigene Heim hinter blickdichte Gardinen. Auch die guten Werke bleiben geheim. Und die Familie hält zusammen. Stiftungen schützen die Unternehmen vor gefährlichen Erbstreitigkeiten. 100 Jahre ALDI – ad multos annos!

Josef Nyary ist Autor des TB „ALDI Jahre wieder“, erschienen 2012 im Herder-Verlag.

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