Kapitel 76: Blutige Rache

Donnerstag, 11. April 2013
„Danach lief ich Stunde um Stunde ziellos durch die Straßen“: Am Alten Fischmarkt 1884 © Museum für Hamburgische Geschichte

Als Nell dann endlich mit dem Frühstück kam und ich ihr von Jacks Besuch berichtete, sagte sie: „Jetzt zieht das Schicksal die Kurre ein, Garn um Garn, Masche um Masche, und wir zappeln darin wie die Fische. Geh auf keinen Fall zu deinem Onkel! Ich sorge dafür, dass du ihn recht bald besuchen kannst. Aber nicht heute, hörst du? Versprich mir das!“

  Ich versprach es. „Aber ein bisschen an die frische Luft darf ich doch?“

  „Natürlich, das wird dir sogar gut tun“, sagte Nell. „Nimm aber einen Schirm, es regnet in Strömen.“ Schwupps war ich draußen. Und wer stand unter dem Vordach? Natürlich Danny. Guckte mich mit seinen Lämmchenaugen an.

  „Falls du mich nicht mehr kennst“, sagte ich, „ich bin die Tochter von dem Polizistenmörder, den sie gestern aufgehängt haben.“

  „Aber Helena“, rief er bestürzt, „wie kannst du denn so was sagen, ich weiß doch, dass dein Onkel unschuldig war.“

  Der Regen pladderte als Trommelfeuer aufs Vordach.

  „So? Und woher?“ erkundigte ich mich, obwohl ich mir das denken konnte.

  „Von Mama“, sagte er verlegen. Ach, wie süß er war! Aber ein bisschen Rache musste trotzdem sein. Obwohl ich ja eigentlich doch die Hauptschuld an unserem Streit trug, dumme Gans, die ich war! „Ihr glaubst du, aber mir hast du nicht geglaubt, du Muttersöhnchen.“

  Er schlug die Augen nieder. „Es tut mir ja leid, Helena“, sagte er. „Es kam alles so plötzlich. Ich bin noch ganz durcheinander.“ Dabei schaute er mich so liebevoll an, dass ich schon fast wieder dahinschmolz. „Es tut mir wirklich Leid für deinen Onkel, Helena. Ich kann mir vorstellen, wie dir jetzt zumute ist.“

  Dann sagte er noch „mein herzliches Beileid, wie er es gelernt hatte.

  „Danke“, sagte ich.

  Wir schwiegen eine Weile.

  „Wohin gehst du denn jetzt?“ fragte er schließlich.

  „Ooch, bloß ’n bisschen spazieren.“

  „Bei dem Regen?“

  „Ich bin ja aus Hamburg und nicht aus Zucker.“

  „Darf ich mitkommen?“

  „Von mir aus“, sagte ich großmütig. Man verzeiht ja leicht, wenn man ein schlechtes Gewissen hat.

  „Wir könnten mal rüber zum Johanneum“, sagte er eifrig. „Da muss ich sowieso hin, eine Entschuldigung abgeben. Mama hat mir eine geschrieben.“ Er errötete ein bisschen unter meinem spöttischen Blick. „Weil ich doch schon die ganze Woche nicht da war“, fügte er hinzu.

  Ja, so war das bei uns: Ich streunte die Nächte im Rotlichtviertel herum und zog den Stubben die Putten ab, und Danny ließ sich von seiner Mama eine Entschuldigung schreiben, weil er die Schule geschwänzt hatte.

  Ich gab ihm den Schirm, hängte mich links bei ihm ein und fühlte sein Herz pumpern wie verrückt. Wir gingen auf dem Kehrwieder durch die Pfützen zur Kornhausbrücke und dann auf der Brandstwiete zum Schopenstehl. Dort stellte ich mich unter eine große Kastanie, während er mit seinem Wisch in die Schule flitzte. Nach einer Minute war er schon wieder da. „Und jetzt? fragte er erwartungsvoll.

  „Weiß nicht“, sagte ich. Mir war immer noch ein bisschen kuselig.

  „Ich auch nicht.“

  „Nass sind wir sowieso“, sagte ich. In den Platanen schrachelten die Elstern.

  „Ja, da hast du recht.“

  Also schlenderten wir einfach weiter, es war ja auch egal, wir achteten sowieso nicht auf den Weg, es gab ja so viel zu fragen und reden. Danny wollte wissen, wie es mir ging, und erzählte mir, wie er und sein Papa, vielmehr Papá, mich in mein Zimmer gebracht hatten, und sein Vater mit ihm geschimpft habe, er aber auch mit ihm, und obwohl ich das meiste ja schon von Nell wusste, hörte ich gern zu, es war so viel Eifer und neuer Mut in ihm. Als er merkte, dass ich ihm wieder gut war, machte er auch schon wieder Pläne, und als ich ihm dann auch noch verriet, was Jack vorgeschlagen hatte, war er ganz aus dem Häuschen. „Das hat er wirklich gesagt? Oh Papá! Du, das machen wir so. Wir gehen nach England und heiraten. Und wenn er es nicht erlaubt, fahren wir gleich weiter nach Gretna Green. Wir werden unser ganzes Leben zusammen sein. Ist das nicht herrlich? Ach Helena!“

  Er wollte mir um den Hals fallen, aber ich wehrte ihn energisch ab: „Bist du verrückt, die Leute!“

  „Was kümmern mich die Leute!“ rief er in seinem Überschwang.

  „Dich kümmern sie nicht, aber mich“, sagte ich. „Ich bin nicht so ein Mädel, das sich auf der Straße küssen lässt!“

  „Entschuldigung“, sagte er artig. „Es ist doch nur, weil ich dich so lieb habe. Und so glücklich bin!“

  Inzwischen spazierten wir langsam wieder zum Brook zurück, aber über die Wandrahmsbrücke, und wenn ich nicht so döselig gewesen wäre, hätte ich einen anderen Weg genommen, denn dort ging es ziemlich nahe an Onkel Johnnys Versteck vorbei. Aber da ich in Gedanken ganz woanders war, hatte Danny es leicht, mich auf die alte Ericusbastion zu lotsen, wo es ziemlich einsam war. Links lagen die Kähne aus Brandenburg, Sachsen und Böhmen im Oberhafen, rechts ging es durch den Brooktorhafen in den Sandtorhafen, ganz am Ende ragte der Turm des Kaiserspeichers in den Regenhimmel. Hinter ein paar Holunderbüschen legte Danny die Arme um mich, zog mich an sich heran und küsste mich lange. Es war so richtig romantisch, inzwischen regnete es Katzen und junge Hunde, aber die dünne Schirmseide lag wie eine Glocke über uns.

  „Helena“, sagte er dann. „Liebe kleine Helena. Ich liebe dich. Ach, ich liebe dich ja so sehr.“

  Wir küssten uns wieder, und während wir uns küssten, spürte ich plötzlich einen Schlag, aber er hatte nicht mich, sondern Danny getroffen, und gleich darauf folgte ein zweiter Schlag, und Danny stöhnte in meinen Mund, und ich riss den Kopf zurück, da quoll Blut zwischen seinen Lippen hervor, und sein Körper wurde schlaff, fast hätte er mich zu Boden gerissen. Ich versuchte, ihn auf den Beinen zu halten, sein Kopf sank auf meine Schulter, und dahinter sah ich ein junges, breites, verzerrtes Gesicht unter semmelblonden Haaren.

  „Du trittst mich nicht mehr mit dem Stiefel in die Fresse, du Judenbürschlein!“ stieß der Fremde hervor.

  „Danny“, schrie ich erschrocken. „Danny, was ist denn! Sag doch was!“

  Sein Rücken war glitschig, ich konnte ihn nicht mehr halten, und als ich ihn zu Boden sinken ließ, sah ich entsetzt auf meine blutverschmierten Hände.

  „Helena“, röchelte er. „Helena.“

  „Und jetzt bist du dran, du Judenflittchen!“ sagte der Blonde.

  Ich starrte auf das Messer in seiner Hand. Er kam langsam näher. Da drehte ich mich um und lief davon.

  „Bleib stehen!“ schrie er. “Ich krieg’ doch ja doch!“

  Er wusste aber nicht, wie schnell die Mädchen vom Brook laufen können. Ich hetzte durch matschige Grasflecken, nasse Büsche und feuchte Mauerreste, er dicht hinter mir her. Ich schaffte es an die Kaimauer und auf den Steg zur Corneliusschanze. „Hilfe!“ schrie ich immer wieder, Hilfe! Onkel Johnny!“

  Ich schlug gegen die Eisentür, da klappte sie auch schon auf, und Onkel Johnny stand vor mir, halb nackt, er hatte nur Hosen an, aber keine Stiefel. „Helena!“

  „Onkel Johnny!“ Schluchzend fiel ich ihm um den Hals. „Hilfe!“

  „Helena! Was ist denn passiert?“

  Er wäre dem Kerl wohl auch barfuß hinterher, aber der Blonde hatte da schon längst Fersengeld gegeben, und ich klammerte mich in meiner Panik so fest an meinen Onkel, dass er ein paar Sekunden brauchte, meine Arme von seinem Hals zu lösen, und da war es natürlich für eine Verfolgung zu spät.

  „Beruhige dich doch“, sagte Onkel Johnny ein paar Mal. „Was ist denn passiert?“

  „Danny“, schluchzte ich. „Dort oben!“

  „Danny?“ fragte er und schaute suchend zur Ericusbastion hinüber, konnte aber hinter den Büschen nichts sehen. „Was ist mit ihm?“

  „Dort!“ schrie ich und klammerte mich wieder an ihn.

  „Danny?“ wiederholte er. Er zog sich rasch Hemd und Stiefel an. „Wo ist er?“

  „Auf der Ericusbastion“, sagte ich weinend. „O Gott!“

  Ich lief hinter Onkel Johnny her. „Dort, dort!“

  Dann sah er Danny, eilte zu ihm und kniete neben ihm nieder.

  Ich blieb stehen. „Danny!“ rief ich immer wieder. „Danny! O Gott! O Gott!“

  Mein Onkel streckte die Hand aus und schloss Danny die Augen. Der Regen fiel in dichten Schwaden und trug das Blut meines Liebsten zur Elbe.

  Nach einer Weile richtete sich Onkel Johnny wieder auf. Sein nasses Gesicht war fahl.

  „Er ist tot.“

  Ich fing an zu schluchzen.

  „Wie ist das geschehen?“ fragte er. „ Wer war dieser Kerl?“

  Stockend berichtete ich.

  „Du hast den Mann noch nie gesehen?“

  „Nein, nie. O Danny!“

  „Aber wer ersticht denn einfach so einen Jungen?“

  „Ich weiß nicht! Ich weiß nicht!“

  „Und dich wollte er auch umbringen?“

  „Ja! Er lief hinter mir her, mit dem Messer, und wenn du nicht die Tür aufgemacht hättest…“

  „Großer Gott“, murmelte Onkel Johnny. „Großer Gott. Die arme Nelly!“

  „O Danny!“

  „Wir müssen ihn hochheben. Fass mal an. Nein, lass mich mal lieber alleine.“ Er hob meinen toten Danny auf und trug ihn im strömenden Regen wie ein Kind zur Straße. Vom Berliner Bahnhof her ratterte gerade eine Mietdroschke auf der Fahrt zum Brooktorkai durch die Pfützen. Johnny stellte sich ihr mit seiner Last in den Weg. „Anhalten!“ rief er.

  Der Kutscher gehorchte nur widerwillig. „Wohl verrückt geworden!“ schimpfte er.

  „Runter vom Bock!“ befahl mein Onkel.

  „Na erlauben Sie mal“, protestierte der Droschkenführer, aber Onkel Johnny riss schon mit einer Hand den Wagenschlag auf. Von der Bank starrte ihn ein älteres Ehepaar an.

  „Raus hier!“ befahl Onkel Johnny und hob den blutigen Leichnam auf die Bank. Die beiden Passagiere schrien erschrocken auf und kletterten durch die andere Tür in den Regen hinaus, um sich nicht zu beflecken.

  Ich setzte mich hinein und nahm Dannys Kopf in meinen Schoß. Durch das Fenster sah ich, wie Onkel Johnny den protestierenden Kutscher herunterzerrte und in den Straßengraben schmiss, das das Wasser nur so spritzte. Dann stieg er auf und setzte die beiden Braunen in Bewegung.

  Vor dem „Tritonia“ hielt er an und kletterte vom Kutschbock. Dann nahm er Danny wieder auf die Arme, trat die Schwingtür auf und trug ihn hinein. Ich rannte wie von Sinnen hinter ihm her.

  Die blasse Wiebke sah uns als erste. Sie schrie auf und ließ ihr Tablett fallen. Sofort gingen überall Türen auf.

  Nell kam aus ihrem Zimmer. Als sie uns sah, fing sie an zu schreien. Sie schrie die ganze Zeit, konnte sich überhaupt nicht beruhigen. Sie schrie und trommelte mit den Fäusten auf Onkel Johnny ein, als habe er Danny umgebracht. Mein Onkel ließ alles über sich ergehen. Er trug den Toten in Nells Zimmer. Sie schrie und schlug immer weiter. Als er Danny auf das Bett legte, stürzte sie sich über ihren Sohn und bedeckte sein Gesicht mit Küssen.

  „Hol den Doktor!“ befahl Onkel Johnny der blassen Wiebke, und sie rannte los, hatte gar nicht mitgekriegt, dass es für Nell und mich sein sollte, sondern glaubte, ein Arzt könne meinen armen Danny noch retten.

  Ich kniete neben dem Bett nieder, und Nell und ich weinten Danny unser Herzeleid auf Gesicht und Brust, soviel wir Tränen hatten.

  Der Doktor kam, und Onkel Johnny flößte uns fast mit Gewalt sehr starke Beruhigungsmittel ein. Dann ging er durch den Regen zum Kaiserspeicher. Als Jack hörte, wer auf ihn wartete, kam er mit dem Lastenfahrstuhl nach unten. „Was gibt’s?“ fragte er und kam auf Onkel Johnny zu, gefolgt von Wandrahm-Willy, Wacko Brett, Hein Cölln und noch ein paar anderen.

  „Komm mit“, sagte Onkel Johnny nur.

  „Und wohin?“

  „Wo uns keiner hört.“

  Jack gab seinen Leuten einen Wink und ging mit Onkel Johnny ein Stück auf dem Kaiserkai entlang. Onkel Johnny ging voran. Jacks Männer folgten in einiger Entfernung.

  Nach ein paar Metern blieb mein Onkel stehen und drehte sich zu Jack um. Sie standen jetzt genau gegenüber der Stelle, an der sie zwanzig Jahre zuvor aus dem Schuppen geflohen waren.

  Das weitere weiß ich von Hein Cölln. Hören konnten Jacks Männer nichts, aber sehen.

  Der Regen fiel noch dichter. Onkel Johnny sagte etwas zu Jack. Jack hörte eine Weile mit leicht geneigtem Kopf zu. Plötzlich zuckte er wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Die anderen sahen, wie er aufgeregt ein paar Worte sprach. Onkel Johnny redete schnell weiter. Jack schüttelte immer wieder den Kopf. Onkel Johnny hörte auf zu sprechen. Jetzt redete Jack, schnell, laut, wütend, rasend, und nun war es Onkel Johnny, der den Kopf schüttelte. Als Jack immer zorniger wurde, zog Onkel Johnny plötzlich ein Messer. Wandrahm-Willy wollte losstürzen, aber Hein Cölln hielt ihn zurück, denn Onkel Johnny hielt das Messer mit der Spitze gegen sich selbst und bot Jack den Griff dar.

  Jack nahm das Messer. Selbst aus der Entfernung war zu sehen, dass er am ganzen Leib zitterte. „Warum?“ schrie er.

  Onkel Johnny sah ihn an und sagte wieder ein paar Worte.

  „Du Hund!“ schrie Jack in Wut und Verzweiflung. „Verdammter Hund!“

  Onkel Johnny ließ alles über sich ergehen, obwohl ihn meiner Meinung nach nicht die geringste Verantwortung für das Unglück traf.

  Das Messer fiel klirrend auf das Pflaster. Dann lief Jack los. Wie von Sinnen rannte er durch den Regen um den ganzen Sandtorhafen herum. Seine Leute hatten Mühe, ihm zu folgen.

  Onkel Johnny kehrte zur Corneliusschanze zurück, holte seine Sachen und ging zum Henker. Als Sophius Mint hörte, was geschehen war, sagte er: „Jetzt gibt es nur noch einen Ort, wo du sicher bist, Freund. Bleib hier, so lange du willst.“

  Mein Onkel dankte ihm und fragte nach dem Blonden. Der Henker versprach, sich umzuhören, Johnny solle auf jeden Fall erst mal in seinem Zimmer bleiben, bis es dunkel sei. Das preußische Militär gehe dauernd Streife, vor allem in den „Abruzzen“.

  Ich war noch mit Nell bei Danny im Zimmer, als Jack kam. Seine Leute warteten draußen.

  „Verschwinde!“ sagte er zu mir.

  Ich stand auf und ging hinaus.

  Wandrahm-Willy und die anderen starren mich an. Auch sie waren pitschepatschenass. „Was ist denn bloß los, Helena?“ fragte Willy. „Ist was mit Nell?“

  „Es ist Danny“, sagte ich und ging an ihnen vorbei nach draußen.

  Danach lief ich Stunde um Stunde ziellos durch die Straßen. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich überall war. Ich war auf dem Jungfernstieg, saß auf die Wassertreppe an der Binnenalster und schaute auf die kleinen Krater, die der Regen in das Wasser schlug. Ich latschte auf den Stintfang und stierte auf die Elbe hinunter, auf den verregneten Mastenwald, die Wimpel der Weltmeerschiffe sahen aus wie Trauerflor. Ich zockelte auf den Fischmarkt, wo es immer so herrlich nach Markt und Meer riecht, nach den Geschöpfen der kalten See und den Früchten der heißen Länder, aber der Duft von Scholle, Knurrhahn und Kabeljau, Orange und Grapefruit, der in meine Nase drang, erreichte nicht mein Bewusstsein. Ich war dort, wo mein geliebtes Hamburg am schönsten ist, aber ich sah seine Schönheit nicht mehr, es war alles schal, und grau sowieso, denn es regnete immer weiter, immer mehr. Ich aber spürte weder Nässe noch Kälte, Hunger oder Durst.

  Nirgends ist man einsamer als in Weltstädten, sagt Liliencron, und für mich war das jetzt eben das einzige, was ich tun konnte: ziellos umherlaufen. Ich ging sogar wieder auf den Brook, aber erst, als es ganz dunkel geworden war. Da ging ich wieder zu der Stelle, an der Danny gestorben war. Ich dachte, vielleicht könne ich wenigstens noch die Finger in sein Blut tauchen, wenn ich sonst nichts von ihm behalten durfte, aber der Regen hatte es längst fortgeschwemmt. Da dachte ich plötzlich, es wäre besser, Danny zu folgen, dorthin, wo er jetzt war. Im Ericusgraben wollte ich mich aber nicht ertränken, dort war mir das Wasser zu schmutzig, und außerdem wusste ich, dass sie mich dort über kurz oder lang finden würden, und an einer lange Stange als Wasserleiche herausfischen würden, womöglich schon halb von den Ratten aufgefressen. Deshalb ging ich auf der Brooktorstraße zum Gaswerk. Dunkel floss die Elbe vorüber. Ich balancierte auf ein Stack, um rasch zum tiefen Wasser zu kommen, da hörte ich plötzlich ein Geräusch hinter mir. Ich fuhr herum, gerade noch rechtzeitig, um den schon erhobenen Arm mit dem Messer zu packen.

  „Jetzt  bist du fällig, Judenflitsche!“ keuchte der Blonde. Er hatte mir aufgelauert, so wie er am Johanneum meinem Danny aufgelauert hatte, und obwohl ich dem Kerl ja schließlich nie etwas getan hatte, wusste ich doch, dass er mich als Zeugin seiner Mordtat nicht entkommen lassen durfte. Er schlug mir mit der freien Hand ins Gesicht, ich aber biss ihn in den Arm, und er schrie vor Schmerz auf.

  Wie das so ist: Eben wollte ich noch sterben, jetzt bäumte sich alles in mir auf, und ich rang mit Dannys Mörder wie damals mit dem Pelikan. Der Blonde war zwar viel stärker als die alte Hafenratte, aber nicht so ausgebufft, kannte mich ja auch gar nicht und ahnte wohl nicht, wozu ich fähig war. Trotzdem hätte er mich umgebracht, hätte ich mir nicht glücklicherweise beim Anziehen in alter Gewohnheit meinen Dolch in den Ärmel gebunden. Ich riss ihn heraus und stieß ihn dem Kerl ins Herz. Konsterniert starrte er mich an. Dann quoll ein Blutstrom aus seinem Mund, er fiel auf den Stack und war tot.

  Ich wartete, bis ich wieder zu Atem gekommen war. Dann drehte ich den Leichnam um, zog das Messer heraus, steckte es wieder in meinen Ärmel und lief im strömenden Regen auf der Brooktorstraße zum Kehrwieder. Ein paar nächtliche Passanten sahen mir staunend nach. 

  Vor dem „Tritonia“ stand der Bäcker. „Kind, wo kommst du denn her, wir haben dich schon überall gesucht, dein Onkel ist ganz wahnsinnig vor Sorge!“

  „Mir geht es gut“, sagte ich und blieb ein paar Meter vor ihm stehen, damit er mich nicht plötzlich packen konnte. „Wo ist Jack?“

  „Jack?“ echote er verblüfft. „Was geht uns Jack an?“

  „Ich muss zu Jack“, sagte ich.

  Er trat unter dem Vordach heraus in den Regen und streckte die Hand nach mir aus. „Komm erst mal rein, du bist ja ganz durchnässt.“

  Ich zog das Messer aus dem Ärmel und hielt es ihm entgegen. „Keinen Schritt weiter!“ rief ich.

  Was denn los wäre, sagte er verblüfft, ob ich denn verrückt geworden sei? Mein Onkel, Harry, Walter, der Gecko, sogar die beiden Egenbüttel würden mich seit Stunden überall suchen, wo ich denn nur so lange gesteckt habe?

  Das gehe ihn überhaupt nichts an, sagte ich zu ihm, ich müsse jetzt erst mal zu Jack.

  Das sei aber keine gute Idee, meinte der Bäcker. Jack halte in der Katharinenkirche die Totenwache für seinen Sohn und lasse niemanden zu sich, er selbst habe schon vergeblich versucht, ihm sein Beileid auszusprechen.

  Mehr wollte ich nicht wissen. Ich drehte mich um und rannte durch den Regen über die kleine Jungfernstiegbrücke zu der großen alten Hafenkathedrale.

  Vor dem Eingang stand Wandrahm-Willy mit seinen Leuten. Als er mich kommen sah, stellte er sich mir in den Weg.  Ich zog das Messer aus dem Ärmel, und er sah das Blut.

  „Von wem ist das?“ fragte er.

  „Von dem Kerl, der Danny umgebracht hat.“

  Er gab den Weg frei und folgte mir in die Kirche.

  Hinter dem Altar brannten viele Hundert Kerzen vor einem großen schwarzen Sarg. Dahinter saß ein Mann allein auf einer kleinen Bank und blickte mir düster entgegen.

  Ich ging auf ihn zu. Als ich nahe genug war, hob er die Hand, und ich blieb stehen.

  „Was willst du?“ Seine Stimme hallte durch den Riesenraum.

  Ich bückte mich und ließ das Messer auf dem Steinfußboden zu ihm rutschen.

  Jack hob es auf und sah es sich genau an.

  „Sie können Dannys Mörder jetzt haben“, sagte ich.

  „Du?“

  „Ja.“

  „Wo?“

  „Am Gaswerk. Erster Stack.“

  Willy drehte sich um und ging hinaus.

  „Komm her“, sagte Jack.

  Ich setzte mich neben ihn und zog Dannys Familienring mit dem Rubin vom Finger.

  „Den kannst du behalten“, sagte Jack finster. „Den braucht jetzt niemand mehr.“

  Ich nahm ihm die Klinge aus der Hand, ging zu dem Sarg, sah noch einmal auf meinen toten Geliebten hinunter und legte ihm Messer und Ring auf die Brust. Er ist dann damit begraben worden.

  „Tschüs, Danny“, sagte ich.

  Als ich zur Tür gehen wollte, befahl Jack, ich solle bleiben und mit ihm über Danny reden. Ich setzte mich wieder zu ihm und erzählte ihm alles, was Danny und ich zusammen erlebt hatten. Danach erzählte mir Jack von seinem Sohn. Ich setzte Jack auch ganz genau auseinander, warum Onkel Johnny und ich an dem Unglück unschuldig waren, aber er sagte: „Wenn Johnny nicht zurückgekommen wäre, würde Danny noch leben.“

  Dagegen war nichts zu sagen.

  Als hinter den bunten Fenstern der Freitag dämmerte, sagte Jack. „Sag Johnny, dass ich morgen Abend auf ihn warte. Alles andere kriegt er vom Ährlichen Hans.“

  Ich nickte und ging hinaus in den Regen.

  Und so endete der lange Tag, an dem ich meinen Danny verlor und rächte, als der große Regen kam und das Schicksal Menschenleben auszusortieren begann wie eine Apfelfrau Äpfel.

  Unser Leben hat drei Abteilungen, sagt der Baron Dietwin in Stifters „Der fromme Spruch“: In der ersten Abteilung herrscht die Heftigkeit, dann kommen allerlei Einbildungen, und dann erscheint eine große Sanftmut und Gütigkeit, die bis ins hohe Alter andauert. Meine Heftigkeit war mit Dannys Tod und meiner Rache vorbei. Seither habe ich nie wieder ein Messer mit mir getragen.

 

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