Kapitel 77: Die Trauerfeier

Montag, 15. April 2013
„Die Trauerfeier begann um ein Uhr mittags“: Dovenfleet und Kornhausbrücke mit der Katharinenkirche 1883 © Museum für Hamburgische Geschichte

Hamburg ist eine große Maschine, die niemand anhalten kann. Sie tickt Tag und Nacht, macht niemals Pause, sondern  bleibt immer in Bewegung, wenn nicht auf den Straßen, Fleeten und Kanälen, dann in den Kontoren, und wenn nicht in den Kontoren, dann in den Köpfen. Ganz gleich, was geschieht, das gigantische Perpetuum mobile läuft weiter, Tag für Tag, Stunde um Stunde, stellt Rechnungen zu und Quittungen aus, zieht Bilanzen, öffnet und schließt Konten. Die Rädchen der Maschine sind Menschen. Der Einzelne mag etwas vergessen, versäumen, verbruddeln, verbuttern und verbumfiedeln, aber niemals versagen alle zugleich, einige passen immer auf, und deshalb geht es auch immer weiter. Nichts bleibt unerledigt. Es dauert nur alles seine Zeit.

  In diesen Tagen ging alles sehr schnell.

  Bereits eine Stunde nach Senator Hartestraats Waldspaziergang mit dem Eisernen Kanzler am frühen Donnerstagmorgen erhielt Generalleutnant Börries von Waltershausen eine Geheimdepesche vom Generalstab mit dem Befehl, sich unverzüglich zu tropenärztlichen Untersuchungen nach Berlin zu begeben. Der General war hoch erfreut, denn diese Aufforderung konnte nur bedeuten, dass die für einen echten Soldaten wenig attraktive, weil viel zu zurückhaltende Kolonialpolitik endlich aufgegeben und durch eine voranschreitende, weltpolitische, um nicht zu sagen imperiale Variante ersetzt werden sollte. Wahrscheinlich sah sich der General schon an der Spitze eines kaiserlichen Expeditionskorps in Afrika oder Asien ewigen Tatenruhm erwerben.

  Unverständlich erschien dem General indes, dass der Oberbefehl für die Zeit seiner Abwesenheit nicht seinem Stellvertreter, dem Oberst von Illies, sondern dem Admiral von Ronneburg übertragen worden war. Er nahm sich vor, mit seiner Kritik an dieser Entscheidung beim großen Moltke nicht hinter dem Berg zu halten.

  Auch der Admiral hatte eine Depesche erhalten. Er wartete, bis der Generalleutnant im Zug saß. Dann ließ er schleunigst Befehle vom Stapel. Während die Einheiten des IX. Armeekorps einschließlich der Hamburger Kompanien eiligst in die Kasernen zurückkehrten, fuhr der Admiral durch Regen und Wind nach Wandsbek und entschuldigte sich beim Ersten Polizeiherrn für die Unannehmlichkeiten. Was Generalleutnant von Waltershausen betreffe, so seien ärztliche Untersuchungen angeordnet. Der Herr Polizeiherr verstehe.

  Bulldog verstand in der Tat. „Höchste Zeit“, knurrte er. „Dieser Potsdämelack hat die ganze Stadt verrückt gemacht. Haben Sie diese Untersuchung veranlasst?“

  „Nein, das war Ihr Freund Hartestraat, heute früh in Friedrichsruh.“

  „Und die Hinrichtung?“

  Der Admiral schüttelte bedauernd den Kopf.

  „Sackerlot“ sagte Bulldog. „Das war ein glatter Justizmord! Ich verlange, dass die Sache unverzüglich untersucht wird!“

  „Selbstverständlich“, versprach von Ronneburg.

  Und der andere Verurteilte, der angebliche Deserteur? fragte Bulldog. Der sei doch auch so gut wie unschuldig, schließlich hatten Strolche seine kleine Schwester verschleppt, und was das in einer Hafenstadt wie Hamburg bedeute, könne sich doch jeder denken.

  Ja, gab der Admiral zu, aber bevor das militärärztliche Attest…

  Aber Bulldog war nicht zu beruhigen. Es gebe doch wohl noch andere Wege!

  Geht klar, sagte der Admiral, ich werde mir was einfallen lassen, am besten kommen Sie gleich mit.

  Sie ritten nach Altona, setzten sich in das Dienstzimmer des Korpskommmandeurs, und der Admiral befahl, Kowalski zu holen. Als der Pole aus dem Militärhospital vorgeführt wurde, ließ von Ronneburg ihm die Fesseln abnehmen und schickte die Posten hinaus. Dann forderte er Kowalski auf, Platz zu nehmen.

  „Ich stehe!“ sagte der Pole in seinen dicken Verbänden.

  „Sie haben hier nicht zu stehen, Sie sind Zivilist“, sagte der Admiral.

  „Ich bin Soldat“, beharrte Kowalski.

  „Irrtum, mein Lieber“, sagte der Admiral. „Wenn Sie Soldat wären, wären Sie ein Deserteur.“

  „Ich bin Deserteur!“

  Die beiden Offiziere wechselten Blicke. Dann sagte von Ronneburg: „Die Verletzung macht Ihnen offenbar mehr zu schaffen, als Sie selber wissen. Jetzt lassen Sie mal für einen Moment die Ladeluke zu. Verstanden? Ruhe jetzt, und kein Wort mehr! Ich werde Ihnen sagen, was wirklich Stand der Dinge ist. Sie haben wohl vergessen, dass Sie vor einigen Tagen einen Antrag auf vorzeitige Entlassung aus dem Militärdienst unterschrieben haben.“

  Kowalski machte große Augen, sagte aber nichts.

  „Leider wurden Ihre Entlassungspapiere in der Regimentsschreibstube verbummelt. Jetzt sind sie aber wieder aufgetaucht. Wenn Sie also bitte hier unterschreiben wollen.“

  „Und dann?“

  „Dann sind Sie ein freier Mann, Herr Kowalski. Wie Sie es amtlich schon vor einer Woche waren, wenn Sie bitte das Datum beachten wollen!“

  Der Pole begriff und kritzelte seinen Namen unter das Dokument. „Für Johnny zu spät!“ sagte er dabei. „Verfluchte Peronje! Vermaletrackte General!“

  „Für Ihre medizinische Behandlung steht Ihnen das Militärkrankenhaus selbstverständlich weiterhin uneingeschränkt zur Verfügung“, sagte der Admiral.

  Der Pole schüttelte den Kopf. „Ich gehe zu Arzt in Hamburg.“

  „Wie Sie wollen. Dann nehmen wir Sie mit in die Stadt.“

  Sie setzten sich zu dritt in die Kutsche. „Wo sollen wir Sie absetzen?“

  „Hamburger Hof“, sagte Kowalski.

  „Dort wohnen Sie?“ staunte der Admiral

  „Jawohl.“

  Kowalski kam gerade an, als Lida in ihrer Suite den Direktor empfing. „Durchlaucht, ich bin untröstlich!“ jammerte der kleine, rundliche Herr Hartmann und wischte sich mit einem riesigen weißen Taschentuch Schweiß von Stirn und Nacken. „Diese Peinlichkeit! Zwei so hohe Häupter unter meinem Dach, und nun...“

  „Aber ich bitte Sie, Herr Direktor, das sind doch keine Umstände“, sagte Lida. „Im Gegenteil, es ist mir eine Ehre, diese Räume Seiner Kaiserlichen Hoheit dem Kronprinzen und Ihrer Kaiserlichen Hoheit der Kronprinzessin zu überlassen.“

  „Die ihm morgen folgt, jawohl“, erklärte der Direktor. „Bitte denken Sie aber nicht, Seine Kaiserliche Hoheit hätte um diesen Tausch ersucht oder würde gar auf höheren Rechten bestehen. Ich bin sicher, er weiß gar nichts davon. Es ist nur seine Adjutantur, die mir die Hölle heiß macht. Sie wissen doch: Je bescheidener der Herr, desto unverschämter das Personal. Erst buchen sie das falsche Hotel, und jetzt soll ich...“

  „Nochmals: Es ist mir eine Ehre.“

  „Ich darf Ihnen versichern, dass die Präsidentensuite in der dritten Etage allen höchsten Ansprüchen dero Durchlaucht an Bequemlichkeit und Facilitäten...“

  Die falsche Großfürstin nickte huldvoll. „Ich bitte lediglich um Diskretion. Der Kronprinz darf nichts erfahren. Sein ritterlicher Edelmut wäre gekränkt.“

  „Selbstverständlich“, erklärte der Direktor. „Ich werde sofort veranlassen, dass die Pagen Ihr Gepäck...“

  „Ich danke Ihnen, Herr Direktor.“

  Lida lehnte sich in die dicken Lederpolster und erinnerte sich an eine gewisse Zeit in Berlin, noch gar nicht so lange her … kleine Billetts … Souper im „Adlon“. Sie würde sehr vorsichtig zu Werke gehen müssen, um diesen ungewöhnlichen Toten aus der Stadt zu schmuggeln.

  Kaum war der Hoteldirektor davongewieselt, klopfte Kowalski an die Tür.

  „Wie kommen Sie denn hierher?“ staunte Lida.

  Der Pole erzählte es ihr.

  Gottseidank, sagte Lida. Ob die Wunden sehr weh täten?

  Sie war aufgestanden, um seinen Verband zu untersuchen. Als sie sich näherte, fuhr Kowalski zurück wie der keusche Joseph vor der Frau des Potiphar.

  Er müsse sich unbedingt hinlegen, bedrängte sie ihn, mit solchen Verletzungen sei nicht zu spaßen.

  O nein, nicht hinlegen, sagte Kowalski furchtsam, auf keinen Fall!

  O doch, er sei verletzt, und…

  „Ich bin Soldat!“

  Also gut, sagte Linda, dann eben nicht verletzt, sondern verwundet, trotzdem…

  „Soldat!“ ächzte Kowalski.

  Damit sei es jetzt wohl vorbei, sagte Lida lächelnd, und das sei gut so, denn ihr sei durch Umstände, die jetzt keine Rolle mehr spielten, ein Haushofmeister abhanden gekommen und wenn sie nicht irre, habe sie jetzt den geeigneten Nachfolger gefunden.

  Nur widerwillig ließ sich der Pole auf das Sofa bugsieren. Die gnädige Frau meine es sicher gut mit ihm, aber er sei dergleichen nicht gewohnt.

  „Dann wird es aber Zeit, mein Lieber. Frauen sind nicht nur zum Kochen und Putzen da.“

  Verzweifelt versuchte Kowalski, Lidas sanften Griffen zu entfliehen. Er wollte sich auf keine Weise helfen lassen, aber Lida ließ nicht locker und wollte ihn unbedingt ins Bett stecken, bis Kowalski endlich rief, zuerst müsse er Nell und Helena sein Beileid aussprechen, Johnny sei sein Kamerad gewesen.

  Aber das sei er doch immer noch, sagte Lida, die nicht gleich verstanden hatte.

  Natürlich immer noch, sagte der Pole. Kamerad im Leben, Kamerad im Tod. Einmal Kamerad, immer Kamerad.

  Erst jetzt kam Lida dahinter, dass Kowalski nicht wusste, was inzwischen geschehen war. Als sie ihm sagte, dass Onkel Johnny am Leben war, starrte er sie ein paar Sekunden ungläubig an. Dann brach er in Tränen aus und fiel ihr um den Hals.

  „Schon gut“, sagte sie sanft und streichelte den dichten schwarzen Schopf.

  Als Kowalski sich wieder beruhigt hatte, erzählte sie, was Nell ihr berichtet hatte, als sie zu ihr gegangen war, um sie zu trösten. „Zu niemandem ein Wort! Nur die engsten Freunde wissen es. Wir wollen versuchen, ihn auf ein Schiff nach Amerika zu schmuggeln.“

  „Amerika“, staunte Kowalski glücklich.

  „Ja, Amerika“, sagte Lida. „Ich muss sowieso nach New York und kann mich wohl ein bisschen um ihn kümmern, bis er Fuß gefasst hat.“

  „Ich komme mit!“ rief Kowalski spontan.

  „Gern“, lächelte Lida. „Aber als was?“

  Kowalski blinkte sie bittend an. „Haushoffmeister?“

  Dann wollte er wissen, wo Johnny sei. Lida sagte, das wisse sie selbst nicht, Nell wolle das Versteck nicht verraten. Er werde Johnny aber bestimmt bald wieder sehen.

  Kowalski war erst bereit, sich ins Bett zu legen, als Lida ihm hoch und heilig versprochen hatte, dafür zu sorgen, dass Onkel Johnny von seiner Entlassung erfuhr. „Sonst gefährlich, er geht nämlich ins Hospital und will mich herausholen. Er ist Kamerad!“

  Die gute Lida wollte ihm helfen, sich auszuziehen, aber das duldete er natürlich nicht, sondern schickte sie aus dem Zimmer und mühte sich unter Schmerzen ab. Als er endlich unter der Decke lag, brachte sie ihm Tee und Kuchen und sagte, sie werde ihm neue Sachen besorgen.

  „Aber Tür zu, dass keiner kommt!“ bat er. „Ist sehr peinlich!“

  Ein paar Minuten später flog die Tür auf, und meine Mutter stürmte herein. Sie packte seine Hand, die rechtzeitig wegzuziehen er zu überrascht war, und bedeckte sie mit Küssen. Das war ihr Dank, weil er Onkel Johnny gerettet habe.

  „Das war Henker!“ stellte Kowalski klar und zerrte endlich seine Hand aus den ihren.

  „Ich meine doch, in der Kaserne, vor den Kerls von der Feme“, erklärte meine Mutter.

  Hinter ihr kam der Veermaster angesegelt und klappte mit seinem pitschenassen Regenschirm, dass es spritzte. Soso, Amerika, das treffe sich ausgezeichnet, er könne in seiner Firma tüchtige Leute gebrauchen.

  Dann kamen auch noch Harry, Walter, Michel und der Gecko, nass wie Ratzen aus der Regentonne. Harry fragte gleich mal, wie es denn wohl komme, dass ein erwachsener Mann um diese Tageszeit noch im Bette liege, Kowalski habe wohl Wasser in den Ohren und die Glocken nicht gehört, ob er denn an Faulfieber leide, oder glaube, er befände sich am Polarkreis, wo im Winter der ganzen Tag lang Nacht sei, und dergleichen mehr.

  „Leck die Katz unterm Schwanz, dann bist du Katers Schwager!“ schimpfte der Pole. „Vermaletrackte Kerls! Verfluchte Peronje!“

  Walter erklärte so ungefähr, früher hätten sich Soldaten nur zum S-terben hingelegt. Der Gecko bramste auch etwas, was Kowalski aber zum Glück nicht verstand. Michel meinte in seiner bedächtigen Art, solche Kratzer wie die an Kowalskis Schulter habe er sich vor seiner Eheschließung bei so manchem Mädel geholt.

  Kowalski bedankte sich bei den „braven Kameraden“ und erwiderte, sie seien allesamt protestantische Ausgeburten der Hölle und nur geschickt, ihn für seine irdischen Verfehlungen zu plagen, und obwohl er gewiss ein Sünder sei, und nicht zu knapp, so könnten seine bösesten Taten doch nicht einmal annähernd so schlimm gewesen sein wie die dafür verhängte Strafe, dem Spott solcher Schafsköpfe und Misswuchsgeschöpfe ausgeliefert zu sein, die in Spiritusgläser gehörten, statt anständige Leute zu erschrecken.

  Rrrrrrruhe! schrie der imaginäre Papagei, und die Freunde überließen Kowalski dem, wie Walter sagte, „selbstgewählten Eremitentum bar jeglicher weltlichen Freude“. Sie fingen nebenan zu tafeln und zu zechen an, bis es der Pole endlich nicht mehr aushielt. Daraufhin wurde er als „reumütiger Sünder wider die Freundschaft“ samt seinem Lager an den Tisch getragen, um, wieder mit Walters Worten zu sprechen, „gar sehr zu völlern und zu prassen wie die ehrbaren alten Römer, nur ohne die lustige Kunst und Gunst der Pfauenfeder“. Lida fütterte Kowalski mit Hühnerbeinen, und meine Mutter hielt ihm einen Humpen an den Mund, aber nur mit Bier, den immer wieder erbetenen Wodka bekam er wegen seiner Wunden nicht.

  Als plötzlich die blasse Wiebke auftauchte, war es mit der Fröhlichkeit natürlich schlagartig vorbei. Dannys Tod erschütterte alle, und als sie erfuhren, ich sei spurlos verschwunden, konnte niemand mehr Kowalski im Bett zurückhalten. Er sprang mit seinem allerseits bekannten Peronje-Fluch auf, zog sich die neuen Sachen an, die Lida inzwischen besorgt hatte, und lief mit den anderen los, um mich zu suchen. Kowalski ging mit Harry in die „Weiße Möwe“, um auch Eddie und seinen Bruder zu alarmieren. Der Schränker saß gerade mit Marie und zwei Jungs in der Schankstube. Es waren Tom und Richard, die fixen Kletterer. Ihre Wangen glühten vor Stolz, als Eddie sie dem Polen unter gebührender Würdigung ihrer Verdienste vorstellte.

  Die Freunde suchten mich in der ganzen durchgeregneten Stadt.

  Am Nachmittag hielt eine Kutsche in den blaugelben Farben der Drachenflagge in den großen Pfützen vor dem Haus des Henkers. Auf dem Bock saßen ein stämmiger und ein sehr schlanker Chinese in schwarzem Ölzeug. Große Südwester verdeckten die Gesichter.

  Sophius Mint kam mit Johnnys Seekiste heraus. Der Regen prasselte auf seine Helgoländer Sturmhaube, die mit der ganz breiten Krempe zum Schutz vor den Quallen in den Netzen. Er stemmte die Kiste hoch und stellte sie auf den Wagen. Der stämmige Chinese kletterte vom Bock und band sie fest.

  „Eine schöne Arbeit“ sagte die schlanke Gestalt in wohlklingendem Englisch.

  „Johnny bat mich, sie Euch als Zeichen seiner Treue zuzueignen“, sagte der Henker. „Es war sein letzter Auftrag an mich.“

  „Es wäre kaum klug, einem Spatzen das Bein zu brechen, um es anschließend voller Mitleid zu schienen“, erwiderte der kirschrote Mund unter der breiten Krempe.

  „Die Schuld meines Freundes ist bezahlt.“

  „Frage dein Weib nicht, wenn du dir eine Konkubine anschaffen willst, besonders nicht kurz nach der Hochzeit“, erwiderte der rote Mund abweisend.

  „Die Kiste enthält alles, womit Ihr ihn beauftragt habt“, sagte Sophius.

  „Es ist selbst Göttern schwierig, jeden Wunsch zu erfüllen“, erklärte der Mund. „Ein Sprichwort sagt: Sei nicht der Himmel im April.“

  „Ich bitte Euch als ein Zunftgenosse, der seine Kunst ebenfalls einer höheren Gerechtigkeit widmet.“

  Der rote Mund schwieg eine Weile, dann erwiderte er: „Man verändert sich durch das, womit man Umgang pflegte. Wolken werden bunt, wenn sie die Sonne widerspiegeln, und der Bergbach wird zum Wasserfall, wenn er von einer Felswand stürzt. So hat vielleicht der Tod auch den Mann Johnny verändert. Ich nehme das Geschenk an. Möge dein Freund an den Gelben Quellen auch Yamas Gnade erfahren. Die Geister sollen ihn mit gedünsteten Alsen im Frühling und gut zerteilten Goldlack-Schweinekeulen im Sommer speisen.“

  „Es war Johnnys größter Wunsch, mit Euch versöhnt zu scheiden“, sagte der Henker.

  „Nun, ein Mann, der sich daran macht, ein Paar Schuhe anzufertigen, ohne die rechten Maße zu kennen, wird zumindest am Ende keinen Weidenkorb angefertigt haben. Es sei also gewährt.“

  „Eure Worte sind unwiderrufliche Worte“, sagte der Henker zufrieden und hob die Hand. „Fahrt wohl!“

  Das alles ereignete sich, als ich ziellos durch die Stadt streifte. Ich weiß wirklich nicht, wo ich überall war, aber in meinem Schrank hängt noch ein uralter Regenmantel, von Macintosh, mit Kapuze, den habe ich mir an diesem Tag gekauft, am Jungfernstieg. Nun aber möchte ich euch erzählen, wie wir Danny am Freitag vor Pfingsten die letzte Ehre erwiesen.

  Die Trauerfeier begann um ein Uhr mittags. Das geschnitzte Gestühl im dunklen, kühlen Kirchenschiff von St. Katharinen war fast bis auf den letzten Platz gefüllt, doch saßen dort nicht wie sonst die Reeder, Kaufherren und Grundbesitzer, Handwerker und Krämer, Fabrik- und Hafenarbeiter, Fuhrleute und Hausmädchen der Altstadt, sondern die Halb- und Unterwelt, und dazu einige, die mit dem Gaunerwesen freiwillig oder unfreiwillig in Geschäften standen. Sie alle hatten sich durch den dichten Regenvorhang gekämpft, um einen Toten zu ehren, den kaum einer kannte, und einen Vater zu trösten, den fast jeder fürchtete.

  Jack saß in der ersten Reihe rechts vom Gang, Nell links vom Gang und ich zu ihrer Linken. Außer uns saß niemand in der ersten Reihe.

  Hinter Jack saßen Willy Wandrahm, Wacko Brett, Ben der Bremser, der junge Hein Cölln und Charlie der Kran, der immer noch humpelte. In den nächsten Reihen folgten die Anführer der deutschen Banden mit ihren Unterführern. Der „Bootsmann“, der pockennarbige, tätowierte und medusenlockige Anführer der Blue Jackets, saß mit seinem Leutnant Kaper-Klaas neben dem schwarzen Kalfater-Karl mit den Likedeelern. Anführer der Hafenratten war Pocken-Piet. Der Chef der Straßen- und Eisenbahnräuber wurde „Herzog von Boizenburg“ genannt. Der „Berliner Bulle“ gebot über die Räuber und Schläger von Wandsbek bis Bergedorf, die sich die „Stürmer“ nannten, weil sie fast alle aus Stormarn stammten. Auch die „Söhne Noahs“ von den Werften auf Steinwerder waren gekommen. Etwas weiter hinten saß Heinrich Roß, wegen seines mächtigen grauen Rauschebarts „der Prophet Samuel“ genannt, mit den Mitgliedern der räuberischen Bruderschaft vom heiligen Michel. Auch die drei Brüder Friesen, Ralf, Rolf und Rollo, waren da, und mancher, den ich in der Feme gesehen hatte, so der Ex-Advokat Alfred Türkenvogel, genannt Rüben-Ali, mit seinem blühenden Krokusgesicht, der Schandschränker Günter Kallmorgen, der Opferstockmarder Harm Kuchenbäcker, und als Anführerin einer starken Abordnung weiblicher Delegierter aus dem Milieu Elefanten-Erna mit den langen weißen Handschuhen, heute natürlich im Korsett, nicht in der Korsage, begleitet von der roten Martha mit den gebogenen Strümpfen und der dänischen Dinne.

  Hinter uns saßen Oma Ridderkerk mit ihrem Enkel, dem Veermaster, meine Mutter, Lida, Kowalski, Augustus mit seinem Professor, die blasse Wiebke, Harpunen-Harry, Volten-Walter, der Bäcker, der Gecko, Sophius Mint, Eddie der Schränker mit Marie und seinem Bruder und Leo Wuttke, der am nächsten Tag eine recht farbige Schilderung der Trauerfeier publizierte. Dahinter kamen Willem der Dutch in seiner Trollgestalt und die Mijnheers mit den verbündeten Malaien und Molukkern aus den Kolonien, die Polen aus der Wilhelmsburger Wollkämmerei mit Leschek dem Starost sowie die Anführer der Schwarzen aus dem niedergebrannten Petroleumhafen. Noch weiter hinten saßen „Governor“ Big John, der Boss der Orphans, der triefäugige Huzule Taras mit seinen Arnauten, der „Rabbi“ Moses Acker mit seinen Galiziern und der transsilvanische „Radscha“ mit seinen Pharaos. Der Maler Claus Heinrich Christiansen stand hinter einer Säule, verzehrte Nelly mit Blicken und trieb ansonsten Milieustudien nach Art des echten Künstlers, der nur seine Muse wirklich liebt. Neben ihm spähte Oberinspektor Franck nach dem Anarchisten Persikoff.

  Johnny war nicht gekommen. Er hatte Nell am Vormittag durch den Bäcker einen Brief überbringen lassen, aber Nell hat das Kuvert gar nicht erst angenommen und gesagt: „Sag’ Johnny, ich verfluche ihn, und mich auch.“

  Der Ährliche Hans, den viel zu kleinen Zylinder wie immer schief auf dem friedhofsblonden Haar, hatte Danny mit Bergen von weißen Lilien und Chrysanthemen bedeckt. Die Orgel spielte „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“. Hinter dem Katafalk hatte der „Tausendjährige Chor“ Aufstellung genommen, so genannt, weil seine rund sechzig Mitglieder zusammen über tausend Jahre Zuchthaus abgesessen hatten, und nicht etwa, weil sie tausend Jahre alt gewesen wäre, obwohl einige tatsächlich aussahen wie die bekannten ägyptischen Dauerleichen.

  Oh Danny boy, the pipes, the pipes are calling,

  From glen to glen…

  Die rührenden Worte von Schiffssignalen, Abschied und Tod ließen die Frauen schluchzen, und als auf der Elbe der Typhon eines auslaufenden Dampfer tutete, bekamen auch Männer feuchte Augen. Als die Melodie in ihre traurig-sehnsüchtige Höhe erhob, weinten die aufgeputzten Diebinnen, Freudenmädchen, Schankweiber und Schnapsbrennerinnen laut, und die Mörder, Diebe, Schläger, Schränker, Schmuggler, Zuhälter und Straßenräuber schnäuzten gerührt in ihre Taschentücher, aber mehr aus Mitleid mit sich selbst als aus Trauer um den jungen Toten, denn bei Beerdigungen fühlten sie die Last ihres zwar selbstgewählten, in Momenten der Rührung jedoch als ungerecht und tragisch empfundenen Schicksals besonders schwer. Die Zuchthauspensionäre sangen weiter, und jetzt womöglich mit noch größerem Sentiment in der Sonntagsgurgel:

  You’ll come and find the place where I am lying

  And kneel and say an Ave there for me.

  Keiner der Anwesenden, ausgenommen vielleicht Lida, hatte in diesem Jahr schon einmal gebetet, und die wenigsten hätten ein „Ave Maria” herzusagen gewusst, nun aber drängte ihre verhärteten Herzen nach Erlösung, Vergebung und Frieden, und statt der Worte sprachen Tränen, als im ergreifenden Schwung der alten Weise die letzten Verse erklangen:

  If you’ll not fail to tell me that you love me.

  I’ll simply sleep in peace until you come to me.

  Da weinten nun alle in der Kirche, die Männer mit den Frauen. Selbst Wandrahm-Willy liefen die Tränen über die narbige Wange. Dem Chor stockte fast die Stimme vor Rührung über das eigene Lied. Jack aber saß trockenen Auges. Er hatte alle seine Tränen in der Nacht der Totenwache geweint. Jetzt gehörte sein Herz allein der Rache.

 

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