Norddeutschland in der Urzeit

Mittwoch, 17. April 2013

Auf zweieinhalb Meter langen Elefantenbeinen stampft Apatosaurus durch Bärlappgewächse und Blumenpalmfarn. Das Riesenreptil hat Omnibus-Maße: Länge 20 Meter, Höhe fünf Meter, Gewicht 30 Tonnen. Im seichten Wasser lauert der Krokodil-Vorfahr Goniopholis pugnax, über der Lagune kreisen Flugsaurier, Blitze zucken aus Gewitterwolken. 120 Millionen Jahre später weiden an gleicher Stelle Pferde, Kühe und Heidschnucken: Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen sind Erben uralter Welten.

Die Natur vor unserer Haustür ist nur eine Momentaufnahme im Wellenschlag der Schöpfung, der seit der Entstehung der Erde vor viereinhalb Milliarden Jahren Gebirge auftürmt und abträgt, Meere füllt und leert und dabei immer neue Generationen von Pflanzen und Tieren entstehen und vergehen lässt.

Klar: Saurier hat es in Hamburg nie gegeben – jedenfalls nicht, seit unsere Stadt dort liegt, wo wir heute leben: auf 10 Grad östlicher Länge und 53 Grad nördlicher Breite. Und dennoch bebte auch der Boden, auf dem wir stehen, einst unter den Tritten tonnenschwerer Donnerechsen: vor Jahrmillionen, unter einer anderen, viel heißeren Sonne. Denn die Erdscholle, auf der Norddeutschland liegt, hat eine wundersame Reise um den halben Globus hinter sich.

Diese Reise beginnt im Kambrium vor 530 Millionen Jahren, als die Welt ganz anders aussieht als heute. Europa besteht damals noch aus zwei Teilen: Der Südwesten mit Frankreich und Süddeutschland gehört zum gewaltigen Urkontinent Gondwanaland am Südpol, aus dem später Afrika, Südamerika, Indien, Australien und die Antarktis werden. Der Nordosten mit Norddeutschland, Skandinavien und Rußland aber findet sich tausend Kilometer weiter nördlich - dort, wo heute Argentinien liegt.

Ungeheure Magmaströme aus dem Erdinneren drängen die Schollen der Erdkruste auseinander. Die beide Teile Ur-Europas wandern auf dem zähflüssigen Untergrund jedes Jahr etwa 13 Zentimeter nach Norden – mal unter Wasser, mal darüber, lange Zeit öde und leer, später von Pflanzen bewachsen, von Tieren durchstreift und zuletzt von Menschen erobert. Wissenschaftler unterscheiden ein Erdaltertum, ein Erdmittelalter und eine Erdneuzeit. Das Erdaltertum, das Paläozoikum, läuft in sechs Phasen ab:

Vor 530 – 495 Millionen Jahren, im Kambrium, ist Norddeutschland bis Frankfurt und Rostock Meeresgrund. Im Ozean „Proto-Thetys“ leben 3000 Tierarten. 60 Prozent sind asselähnliche Dreilappkrebse („Trilobiten“), 30 Prozent Armfüßer. Fossilien finden sich auf Sylt, in Kiel und Heiligenhafen. Es gibt auch schon die ersten Fische. Der damalige Meeresboden liegt heute 6000 bis 7000 Meter unter unseren Füßen. Auf dem Festland leben weder Pflanzen noch Tiere, dort sieht es aus wie auf dem Mars.

Vor 495 – 420 Millionen Jahren, im Ordovizium, taucht Hamburg aus den Fluten, dafür sinkt Süddeutschland in den Ur-Atlantik „Iapetus“. Das Meer zeugt die ersten Riesen: Zehn Meter lange Kopffüßer strecken die Fangarme nach Beute aus. Im warmen Wasser leben Seelilien, Korallen, Muscheln und Schnecken. Geologen finden ihre Fossilien etwa 2000 Meter unter Rügen. Am Strand wachsen erste Algen und Pilze.

Vor 420 – 400 Millionen Jahren, im Silur, sinkt Hamburg wieder ins Wasser. Die Küste liegt bei Neumünster und Bad Oldesloe. Über Norddeutschland brennt jetzt die Äquatorsonne. Im warmen Meer packen zwei Meter lange Krebse mit riesigen Scheren zu. Forscher finden in Flensburg Fossilien von Armfüßern, auf Rügen Muscheln, auf Sylt Tentakeltiere („Tentakuliten“) und unter der Ostsee ganze Unterseewiesen von Seelilien. Im Harz sind die Meeresablagerungen aus dieser Zeit 1200 Meter dick. Aus Korallen und Kalkalgen türmt sich die Insel Gotland auf. Die ersten Pflanzen und mit ihnen auch schon Skorpione und Tausendfüßler erobern das Land.

Vor 400 bis 360 Millionen Jahren, im Devon, liegt Hamburg auf dem neuen „Old-Red-Kontinent“, der beide Hälften Europas mit Grönland und Teilen Nordamerikas vereint. Der Urozean „Thetys“ reicht bis Köln und Hannover. Die Nordsee gibt es noch nicht, stattdessen fließt der „Devonische Urstrom“, größer als der Nil, von Norwegen zur holländischen Küste. Im Meer leben Panzerkrebs, Schuppenmolch und der Quastenflosser, der 1938 im Indischen Ozean als lebendes Fossil wiederentdeckt wird. An der Küste wachsen die ersten Landpflanzen auf deutschem Boden, und es gibt auch schon Amphibien. Der erste deutsche Baum heißt Cyclostigma kiltorkense, wird acht Meter hoch und dringt vom Harz nach Hamburg vor.

Vor 360 – 290 Millionen Jahren, im Karbon, hat der größte Teil Europas den Äquator hinter sich. In der Hitze schrumpfen viele Meere zu Sümpfen, Hamburg aber gerät trotzdem wieder unter Wasser. Das Festland beginnt an Eider und Rhein. Die ersten Insekten schwirren zwischen 15 Meter hohen Schachtelhalmen – aus den abgestorbenen Riesenpflanzen und anderen Gewächsen entstehen in Jahrmillionen die mächtigen Steinkohlelager von Aachen bis Oberschlesien. Aus Plankton und Kleinstlebewesen wird unter Druck und Hitze in der Tiefe Erdöl. Die Natur setzte auf Größe, Schuppenbäume werden 30 Meter hoch, Libellen einen Meter, Tausendfüßler fast zwei Meter lang.

Vor 290 – 245 Millionen Jahren, im Perm, hat Norddeutschland mit 30 Grad nördlicher Breite die heutige Position Marokkos erreicht. Es ist immer noch sehr heiß. Unter den ersten Nadelbäumen krabbeln die ersten Käfer. Hamburg bleibt unter Wasser, es liegt im Meeresarm „Norddeutscher Trog“, der bis hinter Hannover reicht. In den Lagunen lagern sich 1000 Meter dicke Salzschichten ab. Immer mehr Reptilien ziehen durchs Land: Der drei Meter lange Pelycosaurier, ein Pflanzenfresser, trägt ein riesiges Rückensegel, und einige Eidechsen lernen lange vor dem ersten Vogel das Fliegen.

Nach dem Perm beginnt das Erdmittelalter, das „Mesozoikum“, mit drei weiteren großen Abschnitten. Vor 245 – 205 Millionen Jahren, in der Trias, liegt Europa noch immer unter Afrikas Sonne, und Hamburg weiter unter Wasser. Im Meer leben 3000 Ammonitenarten, am Ufer altertümliche Amphibien, und auf dem Festland die ersten Dinosaurier: Auf Helgoland finden sich Fossilien des Parotosaurus, dessen Schädel einen halben Meter mißt. Im Bremketal bei Göttingen werden Überreste eines drei Meter langen Kammsauriers geborgen. Später jagt der sechs Meter lange, schlangenhalsige Nothosaurus in Norddeutschland Fische, lauert der Krokodilsaurier Nicrosaurus mit seinem 80 Zentimeter langen Schädel im Uferschlamm.

Vor 205 – 130 Millionen Jahren, im Jura, liegt Hamburg mitten in der Pompeckjeschen Schwelle. Diese Urzeit-Insel reicht von der Doggerbank bis Rostock und von Amsterdam bis Kopenhagen. Durch ihre dicht bewaldeten Ebenen ziehen große Saurierherden, in den Sümpfen lebt der 13 Meter lange Elefantenfuß-Saurier und an den Ufer jagt der drei Meter hohe deutsche Raubsaurier Megalosaurus teutonicus. Seine Fußspuren werden in Barkhausen bei Osnabrück entdeckt. Den Flugsauriern macht der Urvogel Archeopterix den Luftraum streitig.

Vor 130 – 65 Millionen Jahren, in der Kreidezeit, ist unsere Erdscholle weiter nach Norden gedriftet. Norddeutschland liegt jetzt unter der Sonne Südspaniens, die Nordsee entsteht, die Pompeckjesche Schwelle schrumpft und Hamburg wird mal wieder Küstenstadt. Im Steinbruch des Ortsteils Münchehagen in Rehburg-Loccum am Steinhuder Meer finden Paläontologen 1979 eine fast 30 Meter lange Spur jenes riesigen Apatosauros aus der Urzeit-Lagune, die Trittsiegel der Hinterfüße haben 60 Zentimeter Durchmesser. Unangefochtener Herrscher dieser Zeit ist der sechs Meter hohe, sieben Tonnen schwere Tyrannosaurus rex. Am Ende sterben die Dinosaurier aus, und es beginnt die Erdneuzeit, das Känozoikum. In ihr wird Norddeutschland seine heutige Lage erreichen, und es wird kühler – sehr viel kühler: Nach der Tropen- kommt die Eiszeit, statt der Saurier bringt das Mammut den Boden zum Beben, die Elbe beginnt zu fließen und der erste Mensch blickt staunend zu den Sternen auf.

Morgen: Der größte Zweibeiner seiner Zeit mißt über zwei Meter und ist zu Fuß schneller als die Pferde, die er jagt.

Zeittafel

530 – 495 Millionen Jahre: Kambrium

Norddeutschland ist überflutet, im Meer leben 3000 Tierarten, auf dem Festland grünt noch keine einzige Pflanze.

495 – 420 Millionen Jahre: Ordovozium

Hamburg taucht aus dem Meer, in dem zehn Meter lange Kopffüßer jagen. Auf dem Festland nur Algen und Pilze.

Vor 420 – 400 Millionen Jahren: Das Silur

Hamburg versinkt, Norddeutschland erreicht den Äquator. Im Meer leben Riesenkrebse, auf dem Land erste Pflanzen.

Vor 400 bis 360 Millionen Jahren: Das Devon

Hamburg liegt auf dem Old-Red-Festland, die Nordsee ist ein Fluß, und vom Harz kommt acht Meter hoch der erste Baum.

Vor 360 – 290 Millionen Jahren: Das Karbon

Hamburg wieder unter Wasser, südlich davon Schachtelhalmsümpfe. Aus Pflanzen und Kleintieren werden Steinkohle und Öl.

Vor 290 – 245 Millionen Jahren: Das Perm

Hamburg bleibt unter Wasser, in Lagunen lagern sich kilometerdicke Salzschichten ab. Die Reptilien kommen.

Vor 245 – 205 Millionen Jahren: Die Trias

Hamburg auf dem Meeresgrund, Norddeutschland in den Tropen. Die ersten Dinosaurier auf Helgoland und bei Göttingen.

Vor 205 – 130 Millionen Jahren: Das Jura

Hamburg liegt auf einer großen Insel mit tropischem Klima. Die  Spuren großer Saurier finden sich bei Osnabrück.

Vor 130 – 65 Millionen Jahren: Die Kreidezeit

Hamburg ist wieder Küstenstadt, liegt unter Südspaniens Sonne.

Hohe Zeit der Schreckensechsen wie Tyrannosaurus rex.

Die interessantesten Fundstätten und Museen

Barkhausen: Die Saurierspuren sind unter freiem Himmel zu besichtigen.

Braunschweig, Naturhistorisches Museum: Fossilien und Lebensraum-Inszenierungen aus dem Erdmittelalter, Riesenammoniten, Bernsteineinschlüsse.

Flensburg, Naturwissenschaftliches Heimatmuseum: Fossilien aus dem Silur.

Göttingen, Geologisch-Paläontologisches Institut und Museum: Fischsaurier, Meereskrokodil, Seelilien, Saurierfährten.

Hamburg, Geologisch-Paläontologisches Institut und Museum der Universität: Kontinentaldrift, Flug- und Fischsaurier aus berühmten deutschen Fossilienfundstätten.

Hannover, Landesmuseum für Naturkunde: Kopien der Saurierfährten von Barkhausen.

Hannover, Niedersächsisches Landesmuseum: Rüsselkopfechse, Urpferdschädel, viele Fossilien aus Jura und Kreidezeit.

Kiel, Geologisch-Paläontologisches und Mineralogisches Museum: Flug-, Schlangenhals- und Ichthyosaurier.

Lübeck, Naturhistorisches Museum: Fossilien vom Kambrium bis zum Tertiär.

Münchehagen: Dino-Park mit 150 lebensgroßen Sauriern an einem 2,5 Kilometer langen Rundweg.

Osnabrück, Naturwissenschaftlichen Museum: Kopien der Saurierfährten von Barkhausen.

Salzgitter, Städtisches Museum: Eindrucksvolle Skelettmontage eines großen Ichthyosauriers.

 

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