Norddeutschland in der Urzeit (2)

Donnerstag, 18. April 2013

Der größte Zweibeiner misst über zwei Meter und ist zu Fuß schneller als die Pferde, die er jagt. Kein Wunder: Seine Füße sind fast einen halben Meter lang, seine Beine stärker als die eines Weltrekordsprinters. Stundenlang lauert der Urzeit-Goliath im dichten Wald. Zieht eine Herde Huftiere vorbei, bricht er aus dem Hinterhalt hervor, holt die Flüchtenden ein und schlägt mit seinem riesigen Schnabel zu...

Der räuberische Riesenvogel Diatryma ist der eindrucksvollste Erbe der ausgestorbenen Saurier in einer Zeit, die eigentlich schon den Säugetieren gehört – auch in Norddeutschland: In der Erdneuzeit, dem Känozoikum, vor 65 Millionen Jahren kommt die Erdscholle, auf der Hamburg liegt, auf ihrer langen Reise vom Südatlantik mit der Kontinentaldrift etwa auf der geographischen Breite Mallorcas an.

Die erste Phase der Erdneuzeit, das Tertiär, kennt sechs Abschnitte, in denen unsere Heimat häufig untergeht - auf den Grund eines seichten, warmen Meeres unter der Sonne Spaniens. Im Wasser, aber ebenso auf dem Festland, das mal am Harz, mal in Halle beginnt, gedeiht ein fremdartiges Leben in einer exotischen Welt, die nur allmählich die unsere wird:

Im Paläozän vor 65 bis 53 Millionen Jahren, dem Altertum der heutigen Lebewesen, dringt die Nordsee bis Flensburg, Kiel, Plön und Hannover vor. Vulkane aus dem Skagerrak schleudern Asche bis nach Vechta. In Walbeck bei Helmstedt lebt der katzengroße Halbaffen Plesaidapis walbeckensis, mit dem die Evolution vielleicht schon den Weg zum Menschen einschlägt.

Im Eozän vor 53 bis 37 Millionen Jahren herrscht im Meer über der Norddeutschen Tiefebene ein 20 Meter langer Ur-Wal mit 44 gezackten Zähnen. Hinter Stettin rauschen Bernsteinwälder, ihr Harz konserviert die Kleintiere der Zeit. Im Geiseltal bei Halle finden Forscher Fossilien des Pferdeschrecks Diatryma und seiner Beutetiere, die damals allerdings kaum größer sind als ein Schäferhund. Aus Pflanzenresten bilden sich 120 Meter dicke Braunkohleschichten.

Im Oligozän vor 37 bis 23 Millionen Jahren reicht das Meer bis zum Harz. Zehn Meter lange Riesenhaie jagen Fische und Seekühe. Es ist kühler geworden, Deutschlands Tropendschungel stirbt. Die afrikanische Scholle prallt gegen Europa, die Alpen falten sich auf. Die ersten Hasen, Katzen, Bärenhunde, Nashörner, Schweine und Hyänen wandern ein.

Im Miozän vor 23 bis 5 Millionen Jahren weicht das Meer nach Norden auf die Linie Lüneburg-Rostock zurück. Das Ostseegebiet ist Festland. Von der Eifel bis zur Eger brechen Vulkane aus. In Norddeutschland wachsen Mammutbäume in riesigen Sumpfwäldern wie heute an der Mississippimündung. Aus ihrem Torf bilden sich neue Braunkohlenflöze. Es gibt Krokodile, Alligatoren, den löwengroßen Bärenhund Amphicyon, Säbelzahnkatzen, Rüsseltiere und auch einen Menschenvorfahren: Am Rhein, aber wohl auch an Weser und Elbe lebt vor zwölf Millionen Jahren der 120 Zentimeter große Uraffe Dryopithecus fontani.

Im Pliozän vor 5 bis 2,3 Millionen Jahren ist die Ostsee noch Festland und England noch immer keine Insel. In dichten Wäldern leben Tapire, elefantengroße Mastodonten und die Ahnen der Paviane, Makaken und Languren. Berühmteste Fundstätte ist eine Tongrube bei Willershausen nahe Göttingen: Sie birgt Fossilien von Fischen, Insekten, Schildkröten, Vögeln und den großen Dickhäutern der Zeit.

Das Quartär, die kürzeste und jüngste Periode der Erdgeschichte, beginnt vor 2,3 Millionen Jahren und dauert bis heute an. Nach ihrer 530 Millionen Jahre langen Reise hat die Erdscholle mit Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein jetzt ihre aktuelle Position auf 51 bis 54 Grad nördlicher Breite erreicht. Die Jahre der Tropensonne und Überflutungen, der Steinkohlesümpfe und Braunkohlewälder sind vorüber, stattdessen bedecken bald kilometerdicke Gletscher das Land: Das Eiszeitalter hat begonnen. Der Mensch betritt Norddeutschland, gerade als es am unwirtlichsten ist.

Morgen: 1,85 Meter groß, dunkelhäutig, völlig nackt. Fliehende Stirn, dicke Augenbrauen, dicht behaarte Haut, schwarzer Bart…

Zeittafel

65 bis 53 Millionen Jahre: Das Paläozän

Die Nordsee überflutet Schleswig-Holstein und die Lüneburger Heide. Skagerrak-Vulkane schleudern Asche über Niedersachsen.

53 bis 37 Millionen Jahre: Das Eozän

Norddeutschland ist Meeresboden, im Süden wächst tropischer Regenwald, aus seinen Überresten bilden sich Braunkohleflöze.

37 bis 23 Millionen Jahre: Das Oligozän

Norddeutschland bleibt unter Wasser. Es wird kühler. Der Tropendschungel schwindet, moderne Säugetiere wandern ein.

23 bis 5 Millionen Jahre: Das Miozän

Mammutbäume in riesigen Sumpfwäldern. Aus ihrem Torf wird Braunkohle. Es gibt Säbelzahnkatzen und einen frühen Menschen-Vorfahren.

 5 bis 2,3 Millionen Jahre: Das Pliozän

Die Ostsee ist Festland, England noch keine Insel. In Norddeutschlands dichten Wäldern leben Affen und Rüsseltiere.

2,3 Millionen Jahre bis heute: Das Quartär

Norddeutschland erreicht seine heutige Position und gerät unter den Eisschild der Nordhalbkugel. Die ersten Menschen kommen.

Die interessantesten Fundstätten und Museen

Braunschweig, Naturhistorisches Museum: Mammut, Riesenseekuh, Wollnashorn, Höhlenbär.

Bremen, Übersee-Museum: Eiszeitliche Säugetiere.

Göttingen, Institut und Museum für Geologie und Paläontologie der Universität: Fossilien und Rekonstruktion der Fundstätte Willershausen.

Halle, Geiseltalmuseum der Martin-Luther-Universität: Fossilien des Riesenvogels Diatryma.

 

Hamburg, Geologisch-Paläologisches Institut und Museum der Universität Hamburg: Fossilien aus Helgoland, Lüneburg oder Lägerdorf.

Hannover, Niedersächsisches Landesmuseum: Urpferdschädel, Urschwein, Säbelzahnkatze.

Lübeck, Naturhistorisches Museum: Skelett eines Riesenhirsches aus dem Quartär, einziger Fund in Norddeutschland.

Osnabrück, Naturwissenschaftlichen Museum: Eiszeitliche Fossilien aus Norddeutschland.

Salzgitter, Städtisches Museum: Große Landschaftsinszenierung der Eiszeit.

Willershausen: Die Tongrube ist seit 1977 Naturdenkmal und darf nur in Begleitung eines Wissenschaftlers betreten werden (Landkreis Northeim, Umweltschutzamt, oder Geologisches Institut Göttingen.

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