Norddeutschland in der Urzeit(3)

Freitag, 19. April 2013

Er ist 1,85 Meter groß, dunkelhäutig und völlig nackt. Er hat eine fliehende Stirn, dicke Augenbrauen, dicht behaarte Haut, einen schwarzen Bart und sehr lange Arme. Er ist durchtrainiert wie ein Zehnkämpfer, stark wie ein Gewichtheber und ausdauernd wie ein Marathonläufer. Und er ist der erste Mensch in Norddeutschland.

Sein Gehirn ist um ein Drittel kleiner als unseres. Er lebt nach Instinkten (Töten, Flüchten, Sex), kennt nur fünfzig kurze Worte, kann aber schon zählen. Er zieht mit einer Horde von 20 bis 30 Männern, Frauen und Kindern umher, jagt Wildpferde, Rinder und Schweine, schläft unter überhängenden Felsen oder dicht belaubten Bäumen.. Und er krönt den Siegeszug der Säugetiere:

Seine ältesten Urahnen 65 Millionen Jahren zuvor sind mausgroße Insektenfresser, die vor den großen Reptilien auf Bäume flüchten und sich nur nachts auf Nahrungssuche wagen. Als die Dinosaurier aussterben, erben und erobern sie die Welt. Doch bevor der Mensch zum Herrn des Planeten aufsteigt, muss er die Macht Millionen Jahre lang mit den Tieren teilen.

Seit Beginn des Pleistozäns vor 2,3 Millionen Jahren unterscheidet die Wissenschaft in Norddeutschland sechs Eis- oder Kalt- und fünf Warmzeiten. In Südeuropa schwankt das Klima kaum, dort wandert vor 1,2 Millionen Jahren der Homo erectus, der „aufrecht gehende Mensch“, aus Afrika ein. In einer Tongrube bei Koblenz finden sich eine Million Jahre alte Steinwerkzeuge, im Rheinkies bei Bottrop 650 000 Jahre alte Faustkeile. Ein 550 000 Jahre alter Unterkiefer aus einer Sandgrube in Mauer bei Heidelberg gibt dem Ur-Deutschen den wissenschaftlichen Namen: „Homo heidelbergensis“.

Norddeutschland muß auf den ersten Menschen lange warten. In der Holstein-Warmzeit jagen nur Löwen und Säbelzahnkatzen in endlosen Ebenen voller Erlen und Kiefern Riesenhirsch, Waldnashorn und den aus Südasien eingewanderten Wasserbüffel. Doch dann macht der erste Niedersachse den großen Räubern Konkurrenz: In einem Braunkohletagebau am Stadtrand von Schöningen finden Forscher 1995 einen 400 000 Jahre alten Holzspeer. Es ist die älteste Jagdwaffe der Welt, und sie beweist, daß der Urmensch schon damals hinter Großwild her war.

Die Jagd auf starke, schnelle Beutetiere wie das Wildpferd aber verlangt perfekte Zusammenarbeit, fördert so die Entwicklung von Intelligenz, Sprache und sozialem Gefüge. Zwei 250 000 Jahre alte Faustkeile aus Hemmingen bei Hannover bezeugen: Der Homo erectus des Nordes schneidet das Fleisch mit Steinklingen in Streifen, um es zu rösten und haltbar zu machen. Die Frauen und Kinder sammeln Beeren, Pilze und Wurzeln. Nachts schützen Feuer und Dornen vor Kälte und Raubtieren.   

In der vorletzten Eiszeit, der Saaleeiszeit vor 250 000 bis 125 000 Jahren, stoßen die Gletscher bis nach Rehburg bei Hannover vor. Am Südrand weidet das Mammut und lockt eiszeitliche Jäger in die Tundra, Steinwerkzeuge finden sich im Leinetal von Hannover-Döhren, Reethen bei Hannover und Lübbow bei Lüchow-Dannenberg. Es sind wohl schon frühe Neandertaler, die sich bald auch bis nach Hamburg vorwagen. Der Altonaer Großkaufmann und Sammler Gustav Steffens (1888-1973) findet seit 1938 ihre Werkzeuge auf dem Elbufer von Övelgönne bis Wittenbergen und nennt die Hersteller „Altonaer Gruppe“. Spätere Funde von Rissen bis Wedel-Schulau rechnet Steffens einer „Wedeler Gruppe“ zu.

Aus diesen und verwandten Funden etwa in Bilzingsleben im thüringischen Wittertal lesen Forscher verblüffend viel heraus: Der Ur-Hamburger begräbt seine Toten nicht, sondern zertrümmert ihnen den Schädel und verzehrt bei einem rituellen Mahl das Gehirn. Er feiert das grause Fest auf einem halbrunden Platz, der mit Knochen gepflastert ist. 

In der Eem-Warmzeit vor 125 000 bis 75 000 Jahren flutet das Meer vom Atlantik in das Nord- und das Ostseebecken und trennt Skandinavien von Norddeutschland. Wieder breiten sich riesige Wälder aus, erst Birke und Kiefer, dann Eiche und Ulme, später Linde, Eibe und Haselnuss. In ihnen lebet wehrhaftes Wild wie Waldelefant oder Waldnashorn und gefährliche Konkurrenz: der Löwe jener Zeit ist um ein Drittel größer als die heute lebenden Arten.

Der Neandertaler passt sich der neuen Umwelt rasch an, sein Gehirn ist mit 1500 Kubikzentimetern so leistungsfähig wie unseres. Mit übergroßen großen Augen und Nasenlöchern kann der erste Hamburger viel besser sehen und wittern als wir. Die mächtigen Kiefer kriegen jeden Markknochen klein, die kräftigen Reiß- und die hochkronigen Schneidezähne sind Waffe und Werkzeug.

Die Weichsel-Eiszeit vor 75 000 bis 10 300 Jahren ist die (vorerst) letzte, ihre Gletscher bleiben schon in Flensburg und Kiel stehen. Schleswig-Holstein, Hamburg und Nordniedersachsen sind Tundra, durch die riesige Rentierherden ziehen. Mit Mammut und Fellnashorn wird dann auch der Neandertaler verschwinden, und der Homo sapiens sapiens übernimmt sein Reich.
Morgen: Der Neandertaler ist blond und hat mehr Gehirn als wir.

Zeittafel

2,3 bis 3 Mio. Prätegelen-Kaltzeit

Norddeutschland eisfrei, aber Mammutbaum und Mastodon sterben aus.

2 bis bis 1,6 Mio. Tegelen-Warmzeit

Subtropische Hitze. Mastodon, Tapir und der Südelefant wandern ein.

1,6 bis 1,3 Mio. Eburon-Kaltzeit

Säbelzahnkatzen, Bären und Hyänen jagen in der Kältesteppe Elefanten.

1,3 Mio. bis 900.000 Waal-Warmzeit

Laubwälder bedecken Norddeutschland, in der Eifel brechen Vulkane aus.

900.000 bis 800.000 Menap-Kaltzeit

Keine Gletscher, aber lange Winter, Pflanzen- und Tierwelt verarmen.

800.000 bis 480.000 Cromer-Warmzeit

In Wald und Steppe leben Löwe, Luchs, Gepard und Europäischer Jaguar.

480.000 bis 385.000 Elster-Kaltzeit

Norddeutschland unter Eis, Gletscher dringen bis nach Westfalen vor.

380.000 bis 250.000 Holstein-Warmzeit

Tropische Dschungel an der Elbe, Wasserbüffel wandert aus Indien ein.

250.000 bis 125.000 Saale-Eiszeit

Gletscher bis an Ruhr und Warthe, viele Findlinge in Niedersachsen. 125.000 bis 75.000 Eem-Warmzeit

Nord- und Ostsee entstehen, an ihnen leben Löwen, Elefanten, Nashörner.

75.000 bis  10.300 Weichsel-Eiszeit

Gletscher bis Flensburg und Kiel, Elbe mündet hinter der Doggerbank.

Die interessantesten Fundstätten und Museen

Braunschweig, Naturhistorisches Museum: Mammut, Wollnashorn.

Bremen, Übersee-Museum: Eiszeitliche Säugetiere aus Norddeutschland.

Göttingen, Geologisch-Paläontologisches Institut und Museum:

Eiszeitlicher Riesenhirsch vom Untereichsfeld.

Hamburg, Geologisch-Paläologisches Institut und Museum der Universität Hamburg: Die Herkunft des Menschen. Eiszeiten.

Hamburg, Helms-Museum: Viele Fossilien aus der Eiszeit.

Hannover, Niedersächsisches Landesmuseum: Urpferdschädel, Urschwein, Säbelzahnkatze.

Lübeck, Naturhistorisches Museum: Skelett eines Riesenhirsches aus dem Quartär, einziger Fund in Norddeutschland.

Osnabrück, Naturwissenschaftlichen Museum: Eiszeitliche Fossilien aus Norddeutschland.

Salzgitter, Städtisches Museum: Große Landschaftsinszenierung der Eiszeit.

Schöningen, Infozentrum am Burgplatz: Schöninger Speere und andere Funde aus der Altsteinzeit.

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt