Der Mut des Seefahrers und der Mut des Schwertkämpfers

Freitag, 19. April 2013

Spengler, „Frühzeit der Weltgeschichte“: „Schicksal und Kausalität: Was Schicksal ist, läßt sich nicht definieren, nur sehend erleben. Die meisten Menschen sind zu dumm dazu. Da wird dann die Geschichte in Daten zerlegt und eins als Ursache, das andre als Wirkung bezeichnet. Wer das tut, weiß nicht, was Geschichte ist.“ - „Psychologie der Waffen: List, Mut, Stolz, Vorsicht, Tapferkeit. Mut des Seefahrers und Mut des Schwertkämpfers sind verschieden. Der eine wagt, um zu gewinnen, der andre wagt um des Wagens willen – weil das Leben sonst schal ist.“ - „Der Seefahrer und der Reiter ist der Mensch, der sich seine Freiheit wieder erobert hat, gegen die seßhafte Kultur. Die Kultur geht vom Bauern aus, die Politik vom Nomaden. Kultur ist durchgeistigt, Herrschaft ist ungeistig. Dem Raubtier Mensch ist die Kultur zuwider – er hat sich in eigner Fessel gefangen, der schlaue Jäger.“ - „Gelehrtes Denken ist oft plump, dumm, flach; ungelehrtes sehr oft tief, kraftvoll.“ – „Der Boden gehört jetzt nicht mehr dem Menschen, sondern der Mensch dem Boden. Kultur ist Zusammendrängen der Menschen, wobei neue Seelen- und Lebensarten entstehen: Neid, Bosheit der Händler, Politiker, Käufer, Gelehrten, also der Stadtmenschen.“ - „Der Horizont. Das Tier hat keinen: seine Merkwelt ist rein gegenwärtiger Inbegriff von Sinnesreizen, die triebhaft locken oder abstoßen, mit lebensmagnetischer Sicherheit des 'Richtigen'.“ – „Die Formen dieser Kriege sind heute noch überall da erhalten, wo sich Bauern- und Beduinentum erhalten hat: in der italienischen Vendetta, im Haberfeldtreiben, in der Dorffehde der jungen Leute, der Stammesfehde arabischer Stämme, in der Camorra.“ – „Vendetta schimmert in der Ilias durch in der Fehde zwischen Achill und Agamemnon, die damals dem Hörer menschlich näher war als der Kampf um Troja. Homer selbst hat das Motiv nicht mehr verstanden.“ - „Frobenius hat entdeckt, daß heute noch die atlantische c-Kultur in Spanien, Frankreich, Britannien, Süditalien im Volkstum liegt, die altnordische Rhein und Tiber als Grenze hat. Hier wurde die faustische Spätseele gezeugt.“ - „Die nordische Seele ist vornehm, grüblerisch. Nur die männliche. Weibliche Seelen (und Geist) sind anders. Deshalb versteht nur der Mann den Mann. Freundschaft. Deshalb 'patriarchalische' Ordnung, Männerstaat, Männerkunst. Was ist Weiberkunst? Handarbeit. Die nordische Seele ist extrem männlich. In Tat und Grübelei. Diese Seelenkämpfe kennt das Weib nicht. Nur das dekadente, nicht gebärtüchtige Weib, die Nicht-Mutter, strengt ihr kleines Hirn an zur Beschäftigung mit Männerfragen.“ - „Das Seelenleid kennen Ägypter und Babylonier nicht, nur das äußere Leid, Krankheit, Tod, Armut. Diese Seelen leben in Sonne. Die einsame Seele des Nordens grübelt in der Nacht. Welchen Sinn hat das Dasein, das Leiden für mich im Gegensatz zum All? Jesus hatte von solchen Fragen keine Ahnung. Gewissen, Reue, Buße haben im Norden einen Sinn, dessen Tiefe dem Süden unzugänglich bleibt. 'Seele' hat einen anderen Klang. Seelenkämpfe – wo gibt es die in Ägypten und Babylon, im Alten Testament, in den Evangelien? Es ist Unsinn, à la Ibsen und Nietzsche da den Gegensatz Christentum und Heidentum hineinzutragen. Es handelt sich um den Gegensatz Adel und Priester. Beide sind Priesternaturen, die den Adeligen beneiden, weil er tut und nicht grübelt.“ Erstmals veröffentlicht 1966 als Fragment aus dem Nachlass des großen Geschichtsphilosophen. Mit vielen seiner Erkenntnisse wäre er heute ein Hassobjekt der politisch korrekten Feigheit und Mittelmäßigkeit.

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Deutschlands vier Millionenstädte liegen sämtlich an der Peripherie: Hamburg an der Nordsee, Köln am Rhein, München am Alpenrand, Berlin fast an der Oder. In der geographischen Mitte liegen Kassel, Fulda, Suhl. Frankreich ist ein Zentralstaat, Deutschland ein Zentrifugalstaat.

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Mendelssohns "Erste Walpurgisnacht" op.60 ist ein besonders dramatisches Kapitel musikalischer Poesie. Am besten gefallen am Anfang "Es lacht der Mai" mit dem "Hinauf, hinauf, so wird das Herz erhoben", das schreckliche "Ach, sie schlachten auf den Wällen unsere Väter, unsere Kinder", das machtvolle "Wer will es glauben" und das furiose Finale.

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Glassbrenner, "Puppenspiele": "Erst seit kurzer Zeit ist das Berliner Volksleben in Deutschland gewürdigt; erst seit kurzer Zeit ist den Berlinern klar geworden, daß sie ein solches haben, daß ihr Pöbel witzig ist, und, wie Hegel sagt, abstract denkt ... Es ist aber nicht genug, daß wir den Witz unseres Pöbels erkannt haben, wir müssen auch seine Rohheit erkennen, und diese Seite seines Charakters durch eine Volkspoesie mildern und abzuschleifen suchen; wir müssen, geht es nicht anders, einen poetischen Schnaps destillieren, damit die niedrigsten Klassen unserer Mitbürger empfänglicher, menschlicher werden."

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Hans Leip, “Aber die Liebe”:

  “Den Helden und den Heroinen

  wird Lob gezollt, solang sie nicht

  sich abseits der Moral bedienen

  obschon es menschlich für sie spricht.”


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