Norddeutschland in der Urzeit(4)

Samstag, 20. April 2013

Noch vor ein paar Jahren schien die Sache klar: Der Neandertaler, ein stumpfnasiger Kraftprotz mit Mini-Hirn unter schwarzen Zotteln, schwingt grunzend eine Keule und zieht sein Weib an den Haaren in die Höhle, bis er nach Jahrzehntausenden endlich dem modernen, blonden und intelligenten Cro-Magnon-Mann weichen muß. Doch jetzt zeichnet die moderne Forschung ein ganz anderes Bild.

Nicht der Neuling aus dem Süden, sondern der Neandertaler ist blond. Er hat auch helle Haut und blaue Augen, weil er sonst unter der schwachen Sonne des Nordens kaum genug Hormone bilden könnte. Lange Wimpern schützen ihn vor Schneeblindheit, eine lange Nase wärmt die Atemluft, und mancher seiner Art hat 1750 Gramm Hirn - mehr als wir.

Nach Norddeutschland wandert der Neandertaler vor 125 000 Jahren ein, Forscher finden Schädelreste bei Salzgitter-Lebenstedt. In Gruppen von vierzig bis fünfzig Männern, Frauen und Kindern durchstreift er die Tundra am Fuß der eiszeitlichen Gletscher zwischen Weser, Elbe und Oder. Weil es kaum Höhlen gibt, kampiert er in Zelten aus Fell. Er heizt mit „Neandertaler-Briketts“ aus Knochenbruchstücken und Fett. In fünf Stunden macht er aus einem Bäumchen eine Lanze, ein Faustkeil ist nach 15 Minuten fertig.

Der Neandertaler jagt die stärksten Tiere seiner Zeit wie Nashorn und Flußpferd. Paläontologen entdecken bei Lehringen an der Aller im Kreis Verden seine Holzlanze bei den Überresten eines vor 100.000 Jahren erlegten Waldelefanten. Die fette Beute deckt den Nahrungsbedarf der ganzen Horde für Wochen, der einzelne braucht täglich 7000 Kalorien. Auch mit Löwe und Leopard kommt der Neandertaler klar. Er schnitzt Figürchen aus Elfenbein und spielt auf Flöten aus Bärenknochen. Seine Frau kennt alle Heilkräuter, kaut Leder weich und näht daraus Kleider.

Immer mehr Forscher glauben, daß der Neandertaler gar nicht ausstarb, sondern langsam in dem jüngeren Cro-Magnon-Menschen aufging. Der Neue kommt ziemlich frisch aus Afrika, hat noch dunkle Haut und schwarzes Haar und kann sich an den dunklen, kalten Norden schneller anpassen, wenn er sich mit dem Neandertaler zusammentut. 

Das geschieht wohl schon im Aurignacien vor 35.000–29.000 Jahren. Als älteste Spur des Cro-Magnon-Menschen im Norden gilt lange ein 1973 bei Hahnöfersand gefundenes Stirnbein. Der Frankfurter Paläoanthropologe Reiner Protsch datiert das Alter der Fossilie auf 36.000 Jahre, doch das stellt sich später als falsch heraus, der Schädel ist viel jünger.

Trotzdem steht außer Frage, daß der moderne Homo sapiens sapiens, von dem alle heute lebenden Menschen abstammen, damals auch an der Elbe umherzieht. Er ist schlank und weniger muskulös als der Neandertaler, baut Hütten, schnitzt seine Speerspitzen aus Tierknochen und bringt die ersten Götter mit: halb Mensch, halb Tier, sollen sie bei der Jagd auf Nashorn und Wildpferd helfen, vor Löwen, Bären und Wölfen schützen. Damals leben in ganz Deutschland nur 25.000 Menschen, einer auf zehn Quadratkilometer – etwa so viel wie Indianer in Nordamerika vor Ankunft der Weißen.

Im unwirtlichen Norddeutschland ist die Besiedlung noch dünner. Auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit vor 20.000 Jahren liegen zwischen den Gletschern Skandinaviens und der Alpen kaum 600 Kilometer. Deutschland ist eine Kältesteppe. Im Norden leben die Menschen wie moderne Eskimos von der Robbenjagd, stellen aber auch schon den Rentieren nach. Im Magdalénien vor 15 000 bis 11 500 Jahren ziehen riesige Herden der Tundrahirsche durch eine Vegetation wie heute in Grönland oder Nordsibirien. Nun beginnt die Blütezeit der Rentierjäger. Der Archäologe Alfred Rust findet in den 30er Jahren ihre Spuren im seither weltberühmten Ahrensburg-Meiendorfer Tunneltal. Damals ist Norddeutschland eine schier endlose Tundra wie heute Nordsibirien, Helgoland ein Berggipfel, und die Elbe mündet erst hinter der Doggerbank in die Nordsee. Es die Zeit vor der neolithischen Revolution. Sie bringt die größten Neuerungen, die bedeutendsten Umwälzungen und die wichtigsten Erfindungen der Weltgeschichte.

Morgen: Die neolithische Revolution zimmert die Wiege der modernen Welt.

Zeittafel

2 Mio. bis 1 Mio

Geröllgeräte-Industrien. Kalt- und Warmzeiten wechseln, Deutschland ist noch nicht von Menschen bewohnt.

1,2 Mio. bis 600.000

Protoacheuléen. Die ersten Frühmenschen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen.

600.000 bis 350.000

Altachauléen. Steinwerkzeuge in Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen.

350.000 bis 150.000

Jungacheuléen. Der späte Homo erectus und der frühe Neandertaler dringen nach Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein vor.

150.000 bis 100.000

Spätacheuléen. In den wärmsten Phasen baden Flußpferde in Rhein und wohl auch in Weser und Elbe. Im Flachland lebt der Höhlenmensch in Zelte aus Fellen.

125.000 bis 40.000

Moustérien. Die große Zeit der Neandertaler, Schädelreste bei Salzgitter-Lebenstedt.

50.000 bis 35.000

Blattspitzen-Gruppen. Späte Neandertaler, nur in Nordwestdeutschland etwa bis zur Weser.

35.000 bis 29.000

Aurignacien. Der Homo sapiens sapiens oder Cro-Magnon-Mensch kämpft gegen Höhlenlöwe und Höhlenbär.

28.000 bis 21.000

Gravettien. Nur im Süden. Kennzeichen: Figuren üppiger Frauengestalten.

15.000 bis 14.000

„Hamburger Kultur“.

Hohe Zeit der Rentierjäger, die Nordsee beginnt erst hinter der Doggerbank.

Die interessantesten Fundstätten und Museen

Bad Oldesloe, Heimatmuseum: Artefakte der „Hamburger Kultur“.

Bremen, Focke-Museum: Feuersteinwerkzeuge der „Hamburger Kultur“.

Cuxhaven, Stadtmuseum: Klingen, Schaber und Stichel der „Hamburger Kultur“.

Göttingen, Städtisches Museum: Rengeweihstange mit Schnitzspuren, Steingeräte.

Hamburg, Helms-Museum: Altsteinzeitlicher Faustkeil aus Maschen. Schädelkalotte vom Hahnöfersand. Feuersteingeräte aus Rissen und Wittenbergen. Funde der Altonaer Gruppe und der „Hamburger Kultur“.

Hannover, Niedersächsisches Landesmuseum: Funde der „Hamburger Kultur“.

Nienburg, Museum: Rekonstruktion eines Zeltes eiszeitlicher Rentierjäger.

Oldenburg, Staatliches Museum für Naturkunde und Vorgeschichte: Werkzeuge von Rentierjägern der „Hamburger Kultur“.

Plön, Museum des Kreises: Altsteinzeitlicher Faustkeil von Kalübbe.

Salzwedel, Johann-Friedrich-Danneil-Museum: Feuersteinartefakte.

Schleswig, Archäologisches Museum der Christian-Albrechts-Universität: 200.000 Jahre alte Feuersteingeräte aus Wittenbergen und Eidelstedt, Funde der „Hamburger Kultur“: Harpunen, Geräte aus Rengeweih.

Verden, Heimatmuseum: Lehringer Funde mit der ältesten Holzlanze der Welt, Elefantenskelett.

Wolfenbüttel, Braunschweigisches Landesmuseum: Funde aus dem Jägerlager in Salzgitter-Lebenstedt.

 

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