Norddeutschland in der Urzeit (5)

Sonntag, 21. April 2013

Die größte Umwälzung der Geschichte geht nicht von Frankreich oder Rußland aus, stürzt keine Tyrannen und vergießt kein Blut, aber sie verändert das Leben stärker als Elektrizität, Auto oder Computer: Die neolithische Revolution zimmert die Wiege der modernen Welt, denn erst sie macht den Menschen seßhaft, befreit ihn aus der Abhängigkeit vom Jagd- und Sammelglück und erhebt ihn zum Herrscher über die Schöpfung.

Mit ungeheurem Erfindungsgeist verwandelt der Mensch sein Leben und seine Welt. Pfeil und Bogen gehören noch zur Ausrüstung des wandernden Jägers, werden aber bald die wichtigste Waffe des Siedlers. Das neue Wild, Reh, Rothirsch und Wildschwein, ist standorttreu, der Mensch muß seiner Beute nicht mehr hinterherziehen. Zugleich gewinnt er Macht über die Vegetation, pflanzt Wildgräser, rodet Wälder und formt so die Landschaft. Er muß sich, was er zum Leben braucht, nicht mehr mit todbringender Gewalt verschaffen, sondern stellt es selber her. Er hat ein Feuerzeug aus Flintstein, Zunderschwamm und Distelsamen, baut das erste Haus, die erste Vorratskammer, das erste Heiligtum und den ersten Friedhof. Die junge Zivilisation fordert Arbeitsteilung und fördert den Zusammenhalt. Der Wandel von der Alt- zur Jungsteinzeit dauert auch in Norddeutschland viele Generationen:

Die Nachfolger der Rentierjäger aus dem Ahrensburg-Stellmoorer Tunneltal im Osten Hamburgs sind die Federmesser-Gruppen. Sie jagen in der Tundra zwischen Elbe und Schelde Wildpferde und Steinböcke, eine ihrer typischen Klingen findet sich auch 2005 bei den Hammaburg-Ausgrabungen auf dem Hamburger Domplatz. Ihr liebster Campingplatz sind die Dünen von Hamburg-Rissen, denn dort läßt ungehinderte Sonneneinstrahlung den Schnee früher schmelzen und Sand das Regenwasser schneller versickern – Wohnkomfort auf höchsten Steinzeit-Niveau. Der geschickte Hersteller scharfer Feuersteinklingen näht Zelte aus Rentierfell, schneidert Kleidung aus Wildleder und ritzt auch schon mal attraktive dicke Frauen in Schiefertafeln.

Vor 10 000 Jahren endet die Altsteinzeit in Norddeutschland mit der „Ahrensburger Kultur“ in einer endlosen Graslandschaft mit kleinen Inseln aus Birken und Kiefern. Die Menschen jagen nun auch Elch und Wildschwein. Im Ahrensburger-Stellmoorer Tunneltal graben Forscher die ältesten echten Pfeile der Welt aus.

Die Mittelsteinzeit beginnt mit der Duvensee-Gruppe. Forscher finden ihre Hinterlassenschaft im Duvenseer Moor (Herzogtum Lauenburg): weiße Steinsplitter und Haselnußschalen. Andere Ausgrabungen zeigen: Die Duvenseer bauen an Fluß- und Seeufer die ersten Dörfer, fertigen Feuersteinwerkzeug härter als Stahl oder Glas, flechten Rindenkörbe, Stricke und Netze. Die Jäger halten die ersten Jagdhunde, schleichen sich mit Hirschgeweihmasken an, treiben das Großwild in Fallgruben, erlegen Fische mit Knochenharpunen und locken mit Pfeifen Vögel an. Sie feiern auch einen geheimnisvollen Schädelkult und schmücken sich mit Ketten aus durchbohrten Menschenzähnen.

Nachfolger sind die Menschen der „Oldesloer Gruppe“. In ihrer Zeit verändert sich die Küste besonders stark, denn um 5500 v.Chr. bricht die Nordsee nach Süden durch. Das Meer überflutet die riesigen Erlenwälder westlich der Elbmündung, England wird eine Insel, auch die Doggerbank ragt noch lange aus dem Wasser. In Stralsund holen Ausgräber einen zwölf Meter langen Einbaum aus dem Boden, ältestes Wasserfahrzeug Norddeutschlands.

Die Menschen der etwas späteren „Boberger Stufe“ fangen Fische mit Netz und Reuse und legen ihren Toten Nahrung und Werkzeug ins Grab. Der weltberühmte Fundort in den Dünen an der Bille gibt einer Kultur den Namen, die sich auch nach Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen ausbreitet. Ein besonders faszinierendes Relikt ist die kleine dreieckige Pfeilspitze im Grab eines anderthalbjährigen Mädchens unter einem Felsdach am Bettenroder Berg bei Reinhausen im Kreis Göttingen: Das kleine Waffenteil besteht aus Quarzit, einem bevorzugten Werkstoff der Jungsteinzeit. Die Todesursache des Kindes ist unbekannt, doch die Pfeilstufe zeigt, daß die modernen Bauern und Viehzüchter des Neolithikums damals in Norddeutschland auf die letzten freien Jäger trafen – vielleicht tobte damals an der Elbe ein Kampf wie später zwischen Siedlern und Indianern im Wilden Westen.

Morgen: Das erste richtige Dorf in Norddeutschlands waldigen Hügeln zählt elf Häuser, jedes 40 Meter lang und sechs Meter breit.

Zeittafel

12.000 – 10.700 v.Chr. Federmesser-Gruppen. Die großen Tiere der letzten Eiszeit sind ausgestorben, neue Beutetiere in Norddeutschland sind Steinbock, Rothirsch und Wildpferd.

10.700 – 10.000 v.Chr. Ahrensburger Kultur. Norddeutschland ist eine endlose Graslandschaft mit kleinen Inseln aus Birken und Kiefern, in denen auch Elch und Wildschwein leben. In Palästina legen Steinzeitmenschen bereits erste Getreidevorräte an.

9500 -  8500 v.Chr. erste intensive Getreidenutzung am Euphrat, erste Viehzucht im Norden Palästinas, Sicheln und Mahlsteine im südlichen Irak.

7500 – 6000 v.Chr. In Syrien werden die ersten Hülsenfrüchte angebaut. Aus Palästina und Anatolien ziehen Bauern nach Mesopotamien.  

7000 – 6000 v.Chr. Duvensee-Gruppe. In Norddeutschland beginnt die Mittelsteinzeit, aus Zelten werden Häuser, die ersten Dörfer entstehen und der Hund wird der beste Freund des Menschen. In Jericho wird die erste Mauer gebaut, in Anatolien das erste Kupfer gewonnen.

6000 – 5000 v.Chr. Oldesloer Gruppe. Die Nordsee bricht durch, England wird eine Insel, ganz Norddeutschland ist ein einziger riesiger Erlenwald. In Schleswig-Holstein breitet sich eine Kulturstufe aus, deren Relikte zuerst bei Oldesloe gefunden werden. Bauern aus dem Orient wandern nach Europa ein.

6000 – 5000 v.Chr. Boberger Stufe. In Hamburg und Niedersachsen gedeiht eine Kultur, deren berühmtester Fundort im Billetal liegt. Hier treffen die eingewanderten Bauern auf die letzten freien Jäger.

Die interessantesten Fundstätten und Museen

Bad Oldesloe, Heimatmuseum: Funde der Oldesloer Stufe von Trave und Oberalster.

Cuxhaven, Stadtmuseum: Abschläge und Werkzeug aus der Mittelsteinzeit.

Göttingen, Städtisches Museum: Zahlreiche Steingeräte aus der Mittelsteinzeit.

Hamburg, Helms-Museum: Holzpaddel aus Duvensee, Siedlungsfunde aus den Boberger Dünen.

Hannover, Niedersächsisches Landesmuseum: Funde der Federmesser-Gruppen, Stein-, Geweih- und Knochenartefakte der Mittelsteinzeit.

Itzehoe, Kreismuseum Prinzeßhof: Geweihaxt und anderes aus der Mittelsteinzeit.

Plön, Museum des Kreises: Werkzeug der Mittelsteinzeit.

Rotenburg an der Wümme, Heimatmuseum: Feuersteingeräte der „Ahrensburger Kultur“.

Salzwedel, Johann-Friedrich-Danneil-Museum: Mesolithische Knochenharpunen.

Schleswig, Archäologisches Museum der Christian-Albrechts-Universität: Waffen, Werkzeuge, Fischfanggeräte und Paddel der Oldesloer Gruppe und der Boberger Stufe. Bernsteinscheibe mit eingeritztem Wildpferdkopf aus Ahrensburg.

Schwerin, Museum für Ur- und Frühgeschichte: Hirschschädelmaske der Mittelsteinzeit.

Wyk auf Föhr, Dr.-Carl-Häberlin-Friesen-Museum: Knochenharpune und Kernbeil der Duvensee-Gruppe.

 

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