Norddeutschland in der Urzeit (6)

Montag, 22. April 2013

Das erste richtige Dorf in Norddeutschlands waldigen Hügeln zählt elf Häuser, jedes 40 Meter lang und sechs Meter breit, Pfosten aus Eichenstämmen, Dächer aus Schilf und Stroh, Wände aus Flechtwerk und Lehm, mit Kalk weiß verputzt. Ein Drittel ist Vorratskammer, eins Stall, eins Wohnung – dort glimmt eine Feuerstelle, decken Felle den Boden, liegen Schlafpelze bereit. Ein Palisadenzaun und ein tiefer Graben bieten der Siedlung Schutz. Es gibt auch schon eine Müllkippe.

Die Neuankömmlinge sind kleiner und zierlicher als die Alteingesessenen im Süden Niedersachsens: Männer werden höchstens 1,71 Meter, Frauen nur bis 1,57 Meter groß. Sie haben den grazilen Körperbau der Menschen vom Osten, eine stark gewölbte Stirn, eine ziemlich breite Nase, und sie tragen keinen Bart. Sie kommen ursprünglich aus Asien, haben auf Flößen den Bosporus überquert, sind dann an der Donau nach Westen, später durch Böhmen und an der Elbe nach Norden gezogen. Sie bringen eine neue Kultur, eine neue Lebensweise und eine neue Technologie mit: Sie sind die ersten echten Ackerbauern und Viehzüchtern der norddeutschen Tiefebene.

Die Einwanderer roden mit Feuer und Steinbeilen, lockern den Boden mit Hacken, Spaten, Furchen- und Grabstöcken aus Holz und düngen mit Asche. Sie ernten mit Sicheln aus halbrunden Holzleisten mit scharfen Feuersteinzacken oder Tierzähnen und zerkleinern das Korn in Mörsern und Reibmühlen aus Stein. Sie bauen auch Erbsen und Linsen an, pflücken Himbeere und Haselnuß, sammeln Gänsefuß-Salat. Sie backen in Lehmöfen Brot, züchten Rinder, Ziegen und Schweine, brennen Tongefäße und verzieren sie mit Linienbändern, nach denen die Wissenschaft ihre Kultur die „Linienbandkeramische“ nennt. Sie machen sogar ihre Götter selbst: kleine Tonfiguren, denen sie Altäre errichten und manchmal Menschen opfern.

Sie kleiden sich in Wildleder, Schafwolle und Lein, schmücken sich mit Muscheln, Schneckenhäusern und Tierzähnen, und die Männer haben schon Hosen an. Die Frauen stecken sich das Haar mit Knochenkämmen hoch und schminken sich mit Rötel und Knochenspachtel. Sie tanzen zu Felltrommel und Knochenpfeife, legen ihre Toten in Embryostellung ins Grab und geben ihnen auf die Jenseitsreise Pfeil und Bogen mit.

Die technologische Vorsprung vor den Nachbarn ist riesig: In den Hütten der primitiven Jäger und Sammler schafft es kaum jedes zweite Neugeborene ins Kindesalter, bei den Neubauern sind es viel mehr, denn deren Frauen stillen die Säuglinge vier Jahre lang, und Muttermilch schützt am wirksamsten gegen Infektionen. Auch Kranke und Verletzte haben bessere Überlebenschancen, denn ihre Kräuterfrauen mixen starke Arzneien, und ihre Medizinmänner wagen sich mit Erfolg sogar an Schädelöffnungen unter Schlafmohn-Narkose. Die Landwirtschaft macht allen ganz bequem die Bäuche voll, auch die Alten müssen nicht mehr hungern - kein Wunder, daß immer mehr Einheimische die neue Technik übernehmen.

Nur an der Küste bleibt die ererbte Lebensweise noch lange konkurrenzfähig. In Schleswig-Holstein, Mecklenburg und Nordniedersachsen entwickelt sich die Ertebölle-Ellerbek-Kultur der Fischer. Der Wasserspiegel liegt drei Meter tiefer als heute. Die Ur-Friesen fahren mit Einbäumen zu den Austernbänken, jagen Kegel- und Ringelrobben, erfinden Angelhaken und Aalstecher und hinterlassen riesige Muschelhaufen, manche größer als ein Fußballfeld.

Norddeutschland ist vor 7500 Jahren ein noch fast unberührtes Paradies: Das Klima ist viel milder als heute, die wärmeliebende Sumpfschildkröte paddelt bis nach Finnland. Auerochs, Wisent, Elch und Rothirsch ziehen durch endlose Wälder aus Eichen, Ahorn, Eschen und Linden. An den Flüssen angeln Millionen Fischreiher nach Hecht, Forelle und Schlei. Überall bauen Biber ihre Burgen, überall an der Küste tummeln sich Seehunde im sauberen Meer, und der Mensch ist noch eine Seltenheit.

Dem Fortschritt folgt die ersten Bevölkerungsexplosion: Ehe die Bauern kommen, leben in Norddeutschland kaum 60 000 Menschen – ein paar Generationen später sind es fünf Mal so viele. Das engere Zusammenleben im Dorf fördert Infektionen. Krankheiten breiten sich aus, und die Konkurrenz um die besten Böden führt vielleicht schon zu den ersten Kriegen. Untersuchungen an Skeletten zeigen, daß jeder fünfte Linienbandkeramiker an Krebs leidet. 

ENDE

Zeittafel

5500 – 4900 v.Chr. Linienbandkeramiker

Die ersten Ackerbauern und Viehzüchter – weitgereiste Einwanderer aus dem Orient oder geniale norddeutsche Erfinder? Neue Werte, neue Götter. Brandrodung und Reetdachhaus. Siedlungen wie kleine Inseln im Waldmeer. Die erste Bevölkerungsexplosion. Krankheit und früher Tod als Preis der Seßhaftigkeit. Menschenopfer für die Fruchtbarkeitsgöttin.

5000 – 4300 v.Chr. Ertebölle-Ellerbek-Kultur

Die ersten Dörfer an der Ostsee. Wasserspiegel drei Meter niedriger als heute. Jagd auf Kegel- und Ringelrobben. Die ersten Angelhaken. Menschenopfer und Kannibalismus. Schmuck aus Zahnperlen. Der erste internationale Ideentausch. 

Die interessantesten Fundstätten und Museen

Bad Oldesloe, Heimatmuseum: Funde der Oldesloer Stufe von Trave und Oberalster.

Cuxhaven, Stadtmuseum: Abschläge und Werkzeug aus der Mittelsteinzeit.

Göttingen, Städtisches Museum: Zahlreiche Steingeräte aus der Mittelsteinzeit.

Hamburg, Helms-Museum: Holzpaddel aus Duvensee, Siedlungsfunde aus den Boberger Dünen.

Hannover, Niedersächsisches Landesmuseum: Funde der Federmesser-Gruppen, Stein-, Geweih- und Knochenartefakte der Mittelsteinzeit.

Itzehoe, Kreismuseum Prinzeßhof: Geweihaxt und anderes aus der Mittelsteinzeit.

Plön, Museum des Kreises: Werkzeug der Mittelsteinzeit.

Rotenburg an der Wümme, Heimatmuseum: Feuersteingeräte der „Ahrensburger Kultur“.

Salzwedel, Johann-Friedrich-Danneil-Museum: Mesolithische Knochenharpunen.

Schleswig, Archäologisches Museum der Christian-Albrechts-Universität: Waffen, Werkzeuge, Fischfanggeräte und Paddel der Oldesloer Gruppe und der Boberger Stufe. Bernsteinscheibe mit eingeritztem Wildpferdkopf aus Ahrensburg.

Schwerin, Museum für Ur- und Frühgeschichte: Hirschschädelmaske der Mittelsteinzeit.

Wyk auf Föhr, Dr.-Carl-Häberlin-Friesen-Museum: Knochenharpune und Kernbeil der Duvensee-Gruppe.

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt