Parsifal trägt Wickelgamaschen, Klingsor blutrote Windeln

Freitag, 19. April 2013

In DIE WOCHE RETRO zeigen Ausgaben der Kolumne „Von Tag zu Tag“, welche Nachrichten vor 15 Jahren berichtens- und bedenkenswert waren. Heute: Die Ausgabe von Sonntag, 19.April 1998.

SONNTAG

40 Jahre nach dem ersten Ostermarsch, in London gegen die Atombombe, demonstrieren 400 Unverzagte in München „für Arbeit und Ökowende". Der EKD-Ratsvorsitzende Kock meint, gerade in einem Jahr der Begeisterung für den Film „Titanic" hätten die Menschen die Osterbotschaft nötig, denn diese Begeisterung entspringe einer morbiden Sehnsucht nach dem Tode. Karl-Heinz Söhlker: „Den Zeitgeist laß getrost geschehen / und die Erkenntnis in dir reifen: /Du brauchst nicht mit der Zeit zu gehen, / nur ist es klug, sie zu begreifen."

MONTAG

Die Gewerkschaften starten für acht Millionen Mark eine Kampagne „Deine Stimme für Arbeit und Gerechtigkeit". Grundfarbe der Plakate: rot-grün. DGB-Chef Schulte: Die Aktion solle „parteipolitisch unabhängig" sein. Die beauftragte Werbeagentur ist auch für den „Grüne“-Wahlkampf verantwortlich. Novalis: „Der Zufall ist nicht unergründlich - er hat seine Regelmäßigkeit."

DIENSTAG

In Hamburg attackieren Chaoten die Polizei; eine Beamtin wird verletzt. Danach gehorchen die Ordnungshüter der Deeskalations-Taktik" des Innensenators, nehmen Besen zur Hand und fegen Glas von der Fahrbahn. Die Chaoten grölen dazu „Scheiß-Bullen-Staat - wir haben dich zum Kotzen satt!" Leonhard Ragaz: „Der Geist der Gewalt ist so stark geworden, weil die Gewalt des Geistes so schwach geworden ist."

MITTWOCH

„Parsifal" in der Deutschen Oper Berlin: Der Tor trägt Wickelgamaschen, Klingsor blutrote Windeln, Gurnemanz ein Bonsai-Bäumchen, Kundry kauert auf weißen Badezimmerkacheln. Gesungen wird auf höchstem Niveau. Johann Heinrich Voß: „Das Neue daran ist nicht gut und das Gute daran nicht neu."

DONNERSTAG

Die „computerunterstützte Vorgangsbearbeitung" der Hamburger Polizei kostete 120 Millionen Mark, ohne daß das System funktioniert. Der Innensenator will den in Erwartung von Rationalisierungseffekten begonnenen Personalabbau dennoch zügig fortsetzen. Zugleich erreicht die Kriminalität immer neue Rekordhöhen. Goethe: „Sollt ich beben vor dem selbstgeschaffenen Wahn?"

FREITAG

Im Wiener Schauspielhaus wird „Eskalation ordinär"  aufgeführt: Eine Darstellerin hört auf den Namen „Fotzi", es geht um „Straßenköterkot, Erbrochenes, „eigenmenschliches   Exkrement und Senf“. Der Rezensent der „Süddeutschen Zeitung" lobt an der „respektablen Inszenierung" die „sprachphilosophischen Reflexionen". Adalbert Stifter: „Die Kunst eines Volkes ist der Zeiger seiner sittlichen Höhe."•

SAMSTAG

Der Hamburger Hauptpastor Mohaupt fordert für die evangelische Kirche mehr Basis-Demokratie. Seine Bischöfin Jepsen gibt zu bedenken: „Dringender als Diskussionen um noch mehr Demokratie brauchen wir Einübungen in Frömmigkeit." Livius: „Besser spät als nie."

Anmerkungen

Manfred Kock war 1997-2003 EKD-Ratsvorsitzender. 

Dieter Schulte war 1994-2002 DGB-Chef.

Hartmut Wrocklage war 1994-2001 Innensenator der Freien und Hansestadt Hamburg. Sein lasches Eingreifen beförderte den Aufstieg des umstrittenen Hardliners Ronald Schill („Richter Gnadenlos“) zum Volkshelden.

„Eskalation ordinär“ ist ein bis heute oft gespieltes Stück des österreichischen Schriftstellers und Dramatikers Werner Schwab (1958-1994).

Der evangelisch-lutherische Theologe Lutz Mohaupt war bis 2005 Hauptpastor in Hamburg. 2005 wurde er Pressesprecher des Hamburger Senats, seit Frühjahr 2008 gehört er der CDU-Bürgerschaftsfraktion an.

Die evangelisch-lutherische Theologin Maria Jepsen war seit 1992 Bischöfin des Sprengels Hamburg und seit 2008 des Sprengels Hamburg-Lübeck der Nordelbischen Kirche. 2010 trat sie zurück, nachdem der „Spiegel“ berichtet hatte, dass sie bereits 1999 über sexuelle Übergriffe eines Pastors an Minderjährigen in ihrer Kirche informiert worden sei und nichts dagegen unternommen habe.


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