Hitler als „arischer Jesus“

Montag, 22. April 2013

Das Wort vom Sonntag

Vor 50 Jahren, am 11.April 1963, veröffentlichte Papst Johannes XXIII. seine berühmte Friedensenzyklika „Pacem in terris“. Damals hatten sich viele vor einem Dritten Weltkrieg gefürchtet, nachem Sowjetchef Nikita Chruschtschow auf Kuba Atomraketen gegen die USA stationieren wollte und US-Präsident John F. Kennedy deshalb eine Seeblockade gegen sowjetische Schiffe verhängte. Der Papst richtete an beide Staatsmänner einen Friedensappell und wandte sich etwas später zum ersten Mal in der Kirchengeschichte mit einer Enzyklika nicht an die Gläubigen, sondern „an alle Menschen guten Willens“: Im Atomzeitalter sei es endgültig gegen alle Vernunft, „den Krieg noch als das geeignete Mittel zur Wiederherstellung verletzter Rechte zu betrachten.“ Knapp zwei Monate später starb Johannes XXIII.; die Friedensenzyklika ist sein großes Vermächtnis.

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Aus einer Predigt das Hamburger Pfarrers Johannes Pricker: „Technik und Wissenschaft sind auf dem Weg, eine neue Religion zu werden, doch antwortet diese neue Religion immer nur auf das Wie und nie wirklich auf das Warum. Für mich ist das leicht daran erkennbar, dass sich auf jede technisch-wissenschaftliche Antwort sofort ein neues Warum finden läßt. Bei den Antworten der christlichen Religion dagegen führt das Warum immer zu Gott, in dessen Existenz am Ende alle Fragen münden: Warum ist Gott? Weil Gott ist.“

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Bruckners 3.Symphonie d-moll beschreibt Gottes Majestät: Sie zeigt sich im Kleinsten wie im Größten, in Körnchen und Kosmos, Einzeller und Einstein, Moment und Millennium, denn die Dimension wächst und schrumpft nur in der Perspektive. Die kleinste Muschel ist ein ebensolches Kunstwerk wie das große Meer. Den Wert nutzt und nährt die Würde, ihr Zeichen ist die Harmonie, deren Fundament in Gottes Frieden ruht. Die höchste Harmonie heißt Wahrheit.

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Das Leben ist nur eine von vielen Funktionen Gottes.

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Gerhart Hauptmann, „Der Narr in Christo Emanuel Quint“: „Ein Glaube ist freilich nicht zu begreifen, außer dadurch, daß man ihn mit den Gläubigen teilt.“ - „Es wird aber stets zu bemerken sein, wie auch bei höhergearteten Menschen immer ein höhergearteter Mensch, und nur immer ein Mensch! Vertreter und Mitter des Göttlichen ist. Gott bleibt uns stumm, er spricht denn aus Menschen.“- „Die Geschichte der Religionen beweist, daß niemals die Gottheit anders als im Gottmenschen zu uns herniedergestiegen ist, und was ein solcher Gottmensch von der Gottheit zu fassen fähig ist, das allein ist es, was wir als göttlich Erbschaft besitzen.“ - „Kein Mensch will immer und ewig ohne Antwort bleiben, wenn er zu einem Wesen spricht. Man hat zu seinem eigenen Vater gebetet, bevor man zu Gott gebetet hat, den man schon mit dem Wort Vater vermenschlicht, aber die Menge des katholischen Volkes betet lieber zu Heiligen, weil diese Heiligen wieder vergötterte Menschen sind. Sie betet zur Mutter des Heilands aus dem gleichen Grunde und weil sie die Schmerzen jeder irdischen Mutter am eigenen Leibe erfahren hat und also das volle, naive Vertrauen der leidenden Mütter und Kinder von Müttern auf sich vereinigt. Und auch der evangelische Christ betet mit größerer Wärme zu Jesus, dem Heiland, als er zu Gott betet, weil dieser ihm unerreichlich fern, jener dagegen menschlich nahe ist. Man fürchtet vielleicht einen unsichtbaren Gott, aber man liebt ihn nicht. Dagegen liebt man den menschlichen Mittler, und die unsägliche
Liebe, die Jesus auf sich vereinigt, strahlt auch in das kalte Dunkel des Unsichtbaren, erwärmt im Anhauch das fremde Göttliche und schließt, indem sie sich selbst als einen Abglanz Gottes erklärt, ein Versprechen unendlicher Liebe ein.“ - „Man weiß, wie gefährlich das Lesen dieser Offenbarung (des Johannes), die viel weniger das, nämlich eine Offenbarung, als eine Verhüllung ist, zuweilen den Köpfen einfältiger Menschen werden kann.“ - Der „Pfarrer von Reichenbach“ sagt: „Man darf nicht Keime in die Volksseele tragen, die ohne das treue Auge des Gärtners wucherisch auswachsen müssen. Wie leicht saugt so ein Wuchertrieb alle edleren Säfte aus der Seele, um schließlich oben in eine Giftblume auszulaufen.“

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Angelus Silesius: "Der Teufel sieht kein Licht. Mensch, wickle dich in Gott, verbirg dich in sein Licht; ich schwöre dir beim Ja, der Teufel sieht dich nicht."

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Der Historiker Michael Hesemann sieht im Nationalsozialismus einen neuheidnischen Gegenentwurf zum Christentum. In seinem neuen Buch „Hitlers Religion“ erklärt er, der Nazi-„Führer“ sei Esoteriker gewesen und habe der christlichen Religion schon wegen seiner jüdischen Wurzeln den Kampf angesagt. Der von Hitlers Mentor Dietrich Eckart (1868-1923) geprägte Begriff „positives Christentum“ habe für ein germanisches, gnostisches und „judenfreies“ Christentum gestanden, dass geistesgeschichtlich mit dem Gnostizismus der Antike und seiner Renaissance im 19. Jahrhundert verwandt sei. Für die Anhänger dieser Lehre sei „der Jude“  mit dem „Antichrist“ gleichzusetzen, während Christus als der „arische Gottmensch“ gegolten habe. Die gleich nach Hitlers Machtergreifung gegründeten „Deutschen Christen“ verkündeten eine als „artgemäßer Christusglauben“ getarnte NS-Ideologie und strichen das Alte Testament aus ihrer Bibel. Die Nazi-Kirche kannte keine Demut und auch keine Nächstenliebe; Christus war ihr ein „heldischer, arischer Revolutionär“ gegen das Judentum – und damit ein Vorläufer Hitlers. Hesemann in einem Interview mit der „Neuen Kirchen-Zeitung“: „Hitlers Jesus war ein ‚Arier‘, der Sohn eines römischen Legionärs germanischer Herkunft, der das Judentum bekämpfte und dabei scheiterte. Darum sandte die Vorsehung ihn (Hitler) selbst, um dieses Werk zu vollenden.“ Eine Ursache für die religiösen Verirrungen des Diktators sieht der Historiker in Kindheitserfahrungen: „Hitlers Mutter war eine gläubige Katholikin, sein cholerischer Vater dagegen Agnostiker. So hat er sich schließlich mit der Machtideologie des Vaters und nicht mit der Opferhaltung der unterdrückten Mutter identifiziert. Übrigens wollte er nicht Priester werden, sondern gleich Abt. Ihn faszinierten dessen Autorität, die berauschende barocke Formenpracht einer österreichischen Benediktinerabteil, die überwältigende Kraft und Schönheit der katholischen Liturgie, also lauter Äußerlichkeiten. Mit dem Evangelium konnte er nie etwas anfangen.“


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