Die Akte Wehner: Verrat in Moskau

Mittwoch, 17. April 2013

In DIE WOCHE RETRO zeigen Ausgaben der Kolumne „Von Tag zu Tag“, welche Nachrichten vor 20 Jahren berichtens- und bedenkenswert waren. Heute: Die Ausgabe von Samstag, 17.April 1993.

SAMSTAG

Im Mittelalter heiterten Pastoren ihre vom Fasten geschwächten Schäfchen durch die „Ostermärchen", Schwanke und Histörchen, auf. Heute sitzen die säkularisierten Deutschen mit vollen Bäuchen vor dem Fernseher und schauen sich „Kursaison für scharfe Kumpel" oder „Autostop-Lustreport" an. Goethe: „Alle Epochen, in denen der Unglaube, in welcher Form es sei, einen kümmerlichen Sieg behauptet, und wenn sie auch einen Augenblick mit einem Scheinglanze prahlen sollten, verschwinden vor der Nachwelt, weil sich niemand gern mit Erkenntnis des Unfruchtbaren abquälen mag."

SONNTAG

Die Kriege im ehemaligen kommunistischen Machtbereich breiten sich aus; am schlimmsten wüten die Belgrader Stalinisten in Bosnien, und wogegen demonstrieren die deutschen Ostermarschierer? Gegen Versuche der Bundeswehr, per Awacs zum Ende des Mordens beizutragen. Sebastian Brant, „Das Narrenschiff": „Quetscht man auch einen Narren klein -, / Wie Pfeffer in einem Mörserstein, / Und stößt ihn darin lange Jahr' - / Er bleibt ein Narr doch, wie er war."

MONTAG

Die Öffnung der Sowjet-Archive bringt ein Denkmal ins Wanken: Der legendäre SPD-„Zuchtmeister" im Bundestag hat, so Reinhard Müller in seinem Buch „Die Akte Wehner", im Moskau der stalinistischen „Säuberungen" kommunistische Genossen durch denunziatorische Attacken" ans Messer geliefert und so die eigene Haut gerettet. Weiteres aus sozialistischer Vergangenheit steht noch zu erwarten - beim KGB und dank Gauck. Der Druck interessierter Seite, die Stasi-Aufarbeitung zu beenden, wächst. Stanislaw Jerzy Lec: „Die Zeitenfolge ist trügerisch. Die Menschen fürchten die Vergangenheit, die kommen kann."

DIENSTAG

Deutschland versinkt in einer Flut von Kriminalität. Polizei und Justiz arbeiten zumal im Osten längst jenseits der Leistungsgrenze. Und die Bundesjustizministerin denkt darüber nach, in Scheidungsprozessen auch den Kindern einen Anwalt zu stellen. Ambrose Bierce: „Reform ist eine Sache, die hauptsächlich die Reformer befriedigt."

MITTWOCH

Der Fußballbundestrainer vermißt vor dem Länderspiel gegen Ghana bei seinen Profis „Ehrgefühl und Stolz", für Deutschland spielen zu dürfen. Der Zuschauer wäre schon froh, wenn die Herren ein Gefühl für Berufsehre zeigen und anständig kicken würden. Bisher schien es zuweilen an den einfachsten Voraussetzungen dafür zu fehlen. Ein deutsches Sprichwort weiß dazu: „Das Abc macht das meiste Weh."

DONNERSTAG

Hamburger Bürger diskutieren den Solidarpakt. Bevor die Hansestadt zur Kasse gebeten wird, wollen die Senatoren per Haushalt 1994 schnell noch mal 2,4 Milliarden DM zusätzlich ausgeben, davon 40 Millionen DM für Fußgängerzonen in der City. Bettina von Armin: „Das ist der Egoismus; in jedem Amt verteidigt er nur die eigene Anmaßung, mag das übrige gehen, wie's will."

FREITAG

Das 25jährige Jubiläum ihrer Bewegung entreißt die 68er vorübergehend der Vergessenheit. Eitel behängen sie sich von neuem mit der Gloriole des demokratischen Fortschritts. Ihre von der Geschichte entlarvten katastrophalen Irrtümer kaschieren sie oder fügen ihnen trotzig neue hinzu. Eine auf ewig unreife Generation. Oliver Hassencamp brachte es schon damals auf den Punkt: "Als das Mittel zur Verlängerung der Pubertät gilt derzeit Ideologie."

Anmerkungen

Herbert Wehner (1906-1990) war 1927–1942 in der KPD und ab 1946 in der SPD ab 1946. 1966-1969 war er Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, anschließend bis 1983 Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion.

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) war 1992-1996 und ist seit 2009 Bundesministerin der Justiz.

Bundestrainer war damals Berti Vogts, von 1990-1998.

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