Kapitel 78: Der Kronprinz

Montag, 22. April 2013
„Die Trauerfeier begann um ein Uhr mittags“: Dovenfleet und Kornhausbrücke mit der Katharinenkirche 1883 © Museum für Hamburgische Geschichte

Als der „Kerub“ auf die Kanzel trat, hoffte er, dass es doch noch eine Möglichkeit gab, eine zweite und viel blutigere Schlacht auf dem Brook zu verhindern, und er schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass es ihm gelingen möge. Diesmal predigte er nicht wie bei der Beerdigung meines Vaters den Propheten Jesaja, sondern den etwas milderen Sacharja: „Das ist’s aber, das ihr tun sollet: Rede einer mit dem anderen Wahrheit und richtet recht, und schaffet Frieden in euren Toren. Und denke keiner Arges in seinem Herzen wider seinen Nächsten, und liebt nicht falsche Eide; denn solches alles hasse ich, spricht der Herr. Allein liebet Wahrheit und Frieden!“

  In ihrer gerührten Stimmung nahmen die Trauernden die Mahnung weniger übel auf, als sie es wohl sonst getan hätten, und hörten unter allerlei Husten und Räusperns auch dann noch geduldig zu, als der Hauptpastor den biblischen Sinn in eigenen Worten weiterspann. „Ist Hamburg nicht eure Mutter, die euch hütete, aufzog und nährt?“ rief er. „Und doch wollt ihr, ihre Söhne, einander töten! Ist Hamburg nicht eine kluge Wirtin, die ihre Tür auch Söhnen anderer Mütter öffnet? Und doch wollt ihr, ihre Söhne, die Fremden fortjagen. Sind sie nicht ebenso Kinder Gottes wie ihr, nicht ebenso Menschen wie ihr, nicht eure Brüder? Ihr aber verleugnet sie. Im Blut Jesu sind wir miteinander verwandt, und auch der Fremde ist unser Bruder, so steht es geschrieben - hört ihr nicht den Teufel lachen, wenn er nun die Besitzlosen gegen die Heimatlosen hetzt? Schon viel zu lange folgt ihr den Einflüsterungen des Bösen! Seht ihr nicht, was aus dieser Stadt geworden ist? Überall Elend, Angst, Hass, Unfrieden und Gewalt! Überall Sünde, die wie Aas in der Sonne stinkt, wenn Christen zu Wölfen werden. Mord, Totschlag, Unzucht, Betrug! Sollen eure Kinder in Sodom und eure Frauen in Gomorrha verderben, wollt ihr euer Blut in Armageddon vergießen? Wollt ihr, dass diese eure schöne alte stolze Stadt ein Greuel, ein Schandfleck der Schöpfung, ein Pfuhl der niedrigsten Gemeinheit wird, an den sich die Menschen künftiger Generationen einst nur mit Schaudern erinnern? Wehe den Götzendienern der Rache und der Gewalt, sie sind wie die Heiden, die das Krokodil anbeten, das sie zerreißt. Gebt Frieden! ruft der Herr. Versöhnt euch! Reicht einander die Hand! Lasst nicht den Wahn siegen, sondern die Vernunft, nicht den Zorn, sondern den Glauben, nicht den Hass, sondern die Liebe!“

  Als er geendet hatte, herrschte tiefes Schweigen. Dann erhob sich Jack und schlug die Hände zusammen. Es klang wie ein Schuss. Einmal, zweimal, dreimal.

  Hautpastor Mars stand wie erstarrt.

  Auch Jacks Leute standen auf und begannen höhnisch zu klatschen, dann die Anführer und Mitglieder der deutschen Banden, und bald auch die der ausländischen Banden.

  „Baalspfaff“, hörten wir spotten. „De ole Moraltrummete will uns woll melankatholisch moken!“

  Als sich unser Trauerzug formierte, fiel der Regen in dichten Schwaden. Jack und die Brookboys, seine Freunde, seine Verbündeten und seine Feinde, zusammen wohl zweitausend Menschen, rollten in zahllosen schwarzen oder schwarz verkleideten Kutschen  mit dem Katafalk durch die Stadt. Hinter der letzten Kutsche rollte auf einem Schinderkarren der Leichnam des Mörders Horst Fass, in Löschkalk und Leinen, umkränzt von Kadavern erwürgter Ratten. Die Hamburger standen schweigend Spalier, und es war keiner, der unter den drohenden Blicken der Trauergäste nicht den Hut gezogen hätte. Selbst die frechsten Nachwuchskräfte der heiligen Plebs wagten sich nicht zu mucksen, denn sie wussten, dass ihnen sonst das Leder vollgehauen würde. Die Constabler sahen zu, dass sie rechtzeitig vor dem Zug hinter der nächsten Ecke verschwanden.

  Vor dem prächtigen Mausoleum, das Jack schon vor Jahren unter die ältesten Eichen des Ohlsdorfer Hauptfriedhofs bauen ließ, sandte Hauptpastor Mars unseren Danny mit den Worten Hiobs aus dem irdischen Jammertal in eine bessere Welt: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, gepriesen sei der Name des Herrn.“ An der Bronzetür nahm Jack, furchteinflößend wie ein Engel der Rache, die Beileidsbekundungen der Trauergäste entgegen. Nell stand neben ihm wie eine lebende Tote.

  Danach  marschierten die Brookboys und ihre Verbündeten herausfordernd, als würde ihnen die Stadt bereits gehören, zum Gaswerk, um Dannys Mörder samt seinem Rattengefolge zu verbrennen.

  Ich fuhr mit meiner Mutter und dem Veermaster zurück zum Brook. Unterwegs eröffnete mir meine Mutter, dass sie mit mir nach Amerika auswandern wolle. Ich sagte aber, mir gehe das denn doch ein bisschen zu schnell, Papa liege noch nicht mal eine Woche unter der Erde. Meine Mutter erwiderte, sie könne mich nicht zwingen, und wolle es auch gar nicht, obwohl ich noch nicht volljährig sei, aber in Hamburg könne ich mein Glück kaum finden, erst recht, wenn ich nach dem Vater auch noch den Onkel verlöre. Ob ich mich dann Jack anschließen wolle? Oder allein weitermachen, womöglich gegen ihn?

  Auch Ridder bat mich, mitzukommen, denn in Hamburg seien mir die Wege in ein bürgerliches Leben verschlossen. Außerdem werde die Polizei, ganz gleich, wie die Schlacht auf dem Brook ausgehe, alle Mittel anwenden, den gefährlichen Sumpf auszutrocknen. Und wenn der Freihafen komme, sei es mit dem Brook sowieso ganz vorbei, dann könne ich froh sein, wenn ich mich noch irgendwo als Dienstmädchen für fremde Herrschaften abrackern dürfe. In New York dagegen stünden mir als seiner Stieftochter die besten Kreise offen, und wenn ich wolle, könne ich mit meiner Schönheit und meinem Witz die beste Partie machen. Darauf erwiderte ich etwas grob und gewiss sehr undankbar, wenn meine Mutter nichts Besseres suche als gleich wieder eine Ehe, sei das ihr Vergnügen, ich hätte es jedenfalls nicht ganz so eilig, und wenn sie mich aus Hamburg fortbringen wollten, müssten sie mich von der Polizei auf das Schiff schleppen lassen. Außerdem solle sie beim Umzug in die Neue Welt und das neue Glück nicht ihren alten Trauspruch vergessen, der in der Küche meine ganze Kindheit und Jugend so schön vor meinen Augen gehangen habe: „Sei getreu!“ Meine Mutter war sehr betroffen, aber Ridder tröstete sie, machte andererseits aber mir keinen Vorwurf. Er war wirklich ein Segen von einem Mann und hat meine arme Mutter bald für vieles entschädigt, was sie mit meinem armen Vater gelitten hatte.

  Der Ährliche Hans begab sich zum Henker und bat ihn um eine Unterredung mit Onkel Johnny. Als mein Onkel sich zu ihnen an den „Köpfmen’s Table“ setzte, richtete der Bestattungsunternehmer und Femegraf aus, was Jack ihm aufgetragen hatte, und erläuterte die Einzelheiten.  Das Duell wurde für Samstag Mitternacht vereinbart, im Vergnügungslokal  „Zum Siebten Himmel“. Wandrahm-Willy und Kowalski sollten die Sekundanten sein.

  Der „Siebte Himmel“  war so ziemlich die älteste Dirne unter den Bauten der Stadt: grell bemalte Fassade, abgewetzter Plüsch, ordinäre Sprüche, schlechte Drinks, betrügerische Preise, abgetakeltes Personal, abgeschmacktes Programm und besonders humorlose Rausschmeißer.

  Nell hatte sich in ihr Zimmer zurückgezogen und wollte niemanden sehen. Sie hätte auch mich nicht eingelassen, wenn ich es versucht hätte.

  „Sie gibt mir die Schuld an Dannys Tod“, sagte ich zu Michel, als ich mit den anderen im „Verbrecherkeller“ zusammenhockte. „Wenn ich nicht mit Danny zum Johanneum gegangen wäre, würde er noch leben.“

  „Das stimmt ja auch“, sagte der Bäcker mit seiner Tiefbrunnenstimme. „Aber du bist trotzdem nicht schuld, denn du konntest ja nicht wissen, dass der Kerl dort lauert. Dein Onkel…“

  „Onkel Johnny kann auch nichts dafür“, sagte ich. „Jack sagt, nichts von alledem wäre geschehen, weil Onkel Johnny nicht zurückgekommen wäre.“

  „Das wollte ich dir ja gerade klarmachen“, sagte der Bäcker. „Dein Onkel kann noch weniger dafür als du. Im Grunde ist gar niemand schuld. Nicht einmal Nell.“

  „Nell? Wieso sollte Nell denn schuld sein?“

  „Ich sage doch, sie ist genauso unschuldig wie ihr. Aber ich glaube nicht, dass sie so denkt.“

  „Du glaubst, sie macht sich Vorwürfe?“

  „Sie hätte Johnny in der Nacht nicht wegschicken dürfen.“

  „Aber sie wollte ihn doch nur vor Jack in Sicherheit bringen“, sagte ich. „Sie hatte Angst, dass die beiden werfen, und einer ihretwegen sterben muss.“

  „Das war eben falsch“, sagte der Bäcker ruhig. „Nell hätte zulassen sollen, dass die beiden es auskämpfen. Jetzt tun sie es sowieso..“

  „Michel hat recht“, sagte Harry. „Nell stand die ganze Zeit auf den Schienen und sah den Zug auf sich zurasen, und wusste nicht, in welche Richtung sie weglaufen soll: zu dem Mann, der sie liebt, oder zu dem, von dem sie den Sohn hat.“

  „Das ist die so schlichte wie schmerzliche Wahrheit, edle Freunde“, ließ sich Walter vernehmen. „Ein schlechter Entschluss ist besser als gar keiner, denn man kann ihn erkennen und manchmal sogar korrigieren.“ Es war eine der seltenen Fälle, dass er seine oft so gescheiten Gedanken nicht in krauses Geplapper packte.

  Kowalski stand inzwischen mit Onkel Johnny und Sophius Mint im Keller der „Ruhigen Hand“. Das Gewölbe war fast so groß und geräumig wie die Krypta unter dem Michel. An einigen der Backsteinpfeiler leuchteten Petroleumlampen. Hinter einer verschlossenen Eisentür verbarg sich ein Tunnel zum Marschstammsiel. In einer Ecke hingen Seile und Seilschlingen von der Decke. In einem großen Holzblock steckten Beile und Schwerter, daneben standen Räder, spanische Stiefel, große eiserne Zangen und andere Folterwerkzeuge wie in einem Mittelaltermuseum. Eine fette Ratte hob witternd die Schnauze und blinzelte in die nächste Funzel. Dann trippelte sie mit schnellen Schritten über das schmale Brett, das an einer großen Holzwand schräg nach unten führte. Als sie dort statt des erhofften Unterschlupfs ein nächstes Brett fand, stieß sie ein ärgerliches Quieken aus. Im nächsten Moment surrte ein Messer über ihren Kopf hinweg und schlug in die Holzwand. Die erschrockene Ratte sprang mit einem schrillen Schrei in die Tiefe, landete auf dem Steinboden und huschte davon.

  „Zwei Fingerbreit zu hoch“, sagte Kowalski. Er öffnete einen Korb, packte mit dem Handschuh den nächsten Nager, setzte ihn auf das oberste Brett und brachte sich aus der Wurflinie. „Fertig!“

  Die neue Ratte versuchte zuerst, nach oben zu klettern, aber die Konstruktion ließ das nicht zu. Drei Bretter tiefer verlor sie die Geduld und quiekte. Rumms! Das nächste Messer schlug ein.

  „Handbreit rechts!“ sagte Sophius Mint, als stünde er als Anzeiger auf einem Schießstand. „Schon ganz gut, Johnny.“

  Kowalski setzte das nächste Tier auf das Brett. „Fertig!“

  Kehrwieder-Johnny stand mit verbundenen Augen zwölf Schritte entfernt und lauschte in die Stille. Das hässliche Charaktertier der Hamburger Unterwelt kletterte auf dem Brett herum, und Onkel Johnny konnte das leise Kratzen der kleinen Krallen hören. „Sie ist immer noch auf dem ersten Brett“, sagte er nach einer Weile

  „Richtig.“ Das Elefantenhaupt nickte.

  Die Ratte witterte noch einmal und machte sich dann ebenfalls auf den Weg nach unten. Auf dem vierten Brett quiekte sie. Ein Messer sauste aus dem Dunkel und nagelte sie ans Holz.

  „Geschafft“, sagte Sophius Mint. „Aber Jack ist gut, Johnny. Sehr gut sogar. Ich weiß nicht, ob die Idee gut ist, auf seine Forderung einzugehen.“

  „Du bist nicht verpflichtet dem vermaletrackten Kerl“, sagte Kowalski.

  „Ich will die Sache zu Ende bringen, bevor noch mehr Unschuldige dran glauben müssen“, sagte Onkel Johnny. „Und ohne Augenbinde wird Jack sich nicht stellen. Er weiß, dass ich schneller bin.“

  „Immer noch?“ fragte der Henker.

  „Immer noch“, sagte mein Onkel und erzählte ihnen von dem Treffen auf der Peute.

  „Blind stehen die Chancen nur fifty-fifty“, sagte Sophius Mint.

  „Das ist immer noch besser als am Sonntag auf dem Brook“, sagte Johnny und nahm die Augenbinde ab. „Da kommt Jack mit tausend Mann, und wir kriegen höchstens die Hälfte zusammen, wenn’s hochkommt.“

  „Und wie willst du das ändern?“ wollte Kowalski wissen.

  „Indem ich am Samstag gewinne“, sagte Onkel Johnny. „Ohne Jack kein Krieg.“

  „Und Nell?“ fragte der Pole.

  „Sie konnte sich nicht entscheiden“, sagte Onkel Johny. „Jetzt entscheiden wir für sie.“

  „Was aber, wenn sie nicht einverstanden ist?“ fragte Sophius Mint.

  „Wir fragen sie nicht“, antwortete mein Onkel.

  „Vielleicht nimmt sie auch nicht den Sieger“, gab Kowalski zu bedenken.

  „Das kann sie sich überlegen, wen es so weit ist“, sagte Onkel Johnny. „Sie kann sich entscheiden, ob sie den Sieger nimmt.  Sie kann sich entscheiden, ob sie ewig um den Verlierer weint. Sie kann sich sogar dafür entscheiden, dass sie uns beide für einen dritten vergisst. Aber eines kann Nelly nun nicht mehr: Sie kann nicht mehr entscheiden, ob und wann einer von uns stirbt. Das ist ihr aus der Hand genommen. Jetzt ist’s nicht mehr die Liebe, die entscheidet, die Liebe zu mir, oder zu Danny, jetzt entscheidet das Schicksal. Und mit dieser Entscheidung wird Nelly leben.“

  Das waren seine Worte.

  Am Abend kamen der Governor, der Huzule, der Rabbi, der Radscha und noch ein paar andere Anführer ausländischer Gangs in die „Ruhige Hand“. Diesmal hörte sich Johnny alles an, geduldig wie die Pyramiden, und sagte dann, sie wüssten ja, dass er sich Samstag um Mitternacht im „Siebten Himmel“ mit Jack duellieren werde. Gewinne er, werde es keine Schlacht auf dem Brook geben. Verliere er, könne er sie nicht mehr führen.

  Wir werden da sein, sagten die Bandenhäuptlinge, am Samstag um Mitternacht im „Siebten Himmel“, und Sonntagmittag auf dem Brook.

  Die Anführer der deutschen Banden kamen am Abend zu Jack ins Büro. Jack sagte zu ihnen, sie wüssten ja, dass er sich Samstag um Mitternacht im „Siebten Himmel“ mit Johnny duellieren werde. Gewinne er, werde es keine Schlacht auf dem Brook geben. Verliere er, solle Wandrahm-Willy sie führen. Sie fragten Willy, ob er sich das zutraue. Willy antwortete, sie sollten nicht ihm vertrauen, sondern dem, was Jack gesagt habe. Jack habe immer gewusst, was das Richtige sei.

  Jack erzählte ihnen von Willys Überfall auf die Gewehrfabrik in Geesthacht, und die Häuptlinge nickten anerkennend, aber Hein Cölln konnte sehen, dass einige Bedenken blieben.

  „Es wird so leicht werden, wie Hunde auf Schafe hetzen“, beruhigte sie Jack.

  Am Nachmittag brachten Pfleger des Irrenhauses den Leichnam des „Grendel“ ins Krankenhaus St. Georg, wo ihm in Anwesenheit Dr. Wiedenhorsts und Dr. Gerös ein Pathologe den Schädel öffnete, um das Gehirn zu sezieren. Es wurde später in Spiritus gelegt und in der Pathologie aufbewahrt, ging aber nach dem Zweiten Weltkrieg verschollen. Gerüchten zufolge haben britische Besatzungssoldaten das Präparat mitgehen lassen, um es heimlich in englischer Erde zu bestatten. Spiritus rector des skurrilen Spiritus-Raubs soll Major Minkus, ein Enkel unseres Professors, gewesen sein. Der Major hat das aber stets lebhaft bestritten.

  Ich war den ganzen Tag auf den Beinen. Wie Onkel Johnny nach dem Tod seines Bruders, meines armen Vaters, mit mir die Stätten seiner Jugend aufgesucht hatte, so wanderte ich jetzt ganz allein auf den Pfaden der meinen, mit dem Unterschied, dass Onkel Johnny damals seine Kindheit wiedersah, ich aber von der meinen Abschied nahm. Der Sturm peitschte den Regen durch die Straßen, aber für Wasser, Wind und Wetter war ich ohne Auge und Gefühl. Ich schritt wie eine Nachtwandlerin über das Kopfsteinpflaster, auf das wir als kleine Mädchen unsere Kreide-Felder gemalt hatten,  Abo, Bibo, Citronenjett, Dodenkopp, Eierliesch und so weiter, Hans Leip hat es später viel besser geschildert, als ich es je könnte. Ich spähte in die Hinterhöfe, wo wir beim Sedanfest aus Sand kleine Burgen bauten, Soldatenbilder und Kerzen hineinstellten und von den Erwachsenen „twe Penns for de Ehrenpoort“ kassierten. Davon kauften wir uns Kientjes, einmal aber Zitronen, und marschierten wie ein Trauerzug der Zimmergesellen, die nach altem Brauch bei Beerdigungen solche Südfrüchte in der Hand halten mussten, aber fragt mich nicht, warum wir das traten, ich hab’s schlicht vergessen. Lesen lernte ich mit Holzwürfeln, statt der Augen waren Buchstaben aufgeklebt, meine Mutter warf sie auf den Küchenboden, und ich musste ihr die Buchstaben sagen. Über den Wall gar nicht weit von uns wurden jeden Tag Ochsen, Schafe und Schweine zum Berliner Bahnhof getrieben, und hinter dem Borstenvieh rollte ein großer Blockwagen, in den müde Tiere unter großem Gekreisch hineingehoben wurden – „Schweinsequipage“ sagten wir Kinder dazu. An der Lombardsbrücke, über die heute jeden Tag fünfhundert Züge fahren, stand eine Windmühle. Unser Lieblingsspielplatz war die „Alsterhöhe“, ein Hügel, der uns wie ein hoher Berg vorkam, und auf dem heute die Kunsthalle steht. Ab und zu marschierte unsere Bürgerwehr durch die Straßen, die Trommel rief „Kamerad kumm“, der Tambourmajor schwang den Stab mit dem goldenen Knopf, und dann ging es hinaus zum Manöver, Frauen und Kinder hinterher, und natürlich auch wir Gassengören aus den Slums. Auf dem Rückmarsch war die militärische Ordnung wegen Müdigkeit abgeschafft, die Soldaten hatten ihre Frauen am Arm und ihre Sprösslinge auf den Schultern.

  Die reitenden Diener des Senats trugen seidene Strümpfe zum gestickten blauen Frack, einen dreieckigen Hut und einen Degen. Auf den Tanzböden erschienen die Jungs in Holzpantoffeln, und die Mietjes und Rattjes, die Wollmäuse und Kaffeeleserinnen bildeten einen „Damenflor“. Manche hatten mehr Geld, als sie mit ihrer Arbeit verdienten, weil sie einen reichen Liebhaber unterhielten; ein solches Mädchen nannte man eine „Person“. Einer unserer Nachbarn, ein kleiner Flickschuster, setzte abends immer eine Schirmmütze mit rotweißer Kokarde auf und zündete die Laternen an, denn dann war er Beamter. An der Ecke stand eine wunderschöne Frau in einem Seidenkleid und wartete auf Matrosen, die auch immer kamen und ihr sehr gern ins Innere folgten. Als ich lesen gelernt hatte, entzifferte ich das Schild über der Tür: „Carambol. Stunde 60 Pfennig“. Erst viel später bekam ich heraus, dass es ein Billardsalon war.

  Beim Murmeln riefen wir, sobald unser Gegner am Wurf war, in aller Unschuld  „Zicke, zacke, Zegenbuck, de Düvel sitt dar achter up“. Meine erste Zigarre rauchte ich mit zwölf, der Tabak war mit Senfkörnern gewürzt, es gab  auch welche mit Kümmel oder Anis. Aus den Rundstücken vom Bäcker schnitten wir immer erst die Feuerwürmer heraus. Auf dem Platz des Thalia-Theaters standen damals die „Marienthaler Bierhallen“ mit Buden, die uns Kindern einen irdischen Vorschuss auf die himmlische Seligkeit schenkten. Das Karussell zogen zwei Männer, die stundenlang im Kreis marschierten. Bei Heckel kostete die Portion Hummermayonnaise sechzig Pfennig. Das berühmte Hamburger  „Rundstück warm“ mit einer Viertelpfundscheibe Braten zwischen den Brötchenhälften war gerade erst erfunden. Vor den Fischgeschäften hingen riesige ausgeschlachtete Störe, die gekocht und heiß gegessen wurden, genauso wie der Kabeljau. Manchmal brachte Papa eine alte Zeitung mit und las mir daraus vor. Es gab eine eigene Rubrik „Überfahren“ und eine andere „Durchgegangene Gespanne“, und als ich daran zurückdachte, wurde mir das Herz noch schwerer.

  Am Nobistor begann das preußische Altona, auf Hamburger Seite standen gemütliche Constabler mit Nickelknöpfen und breiten Plempen, gegenüber die Preußen mit ihren Pickelhauben, Operndegen und angsteinflößenden Gesichtsmatratzen, es war ja die große Zeit der Bärte. Und der Lehrer mit den langen Stöcken. Beim Kolonialwarenhändler gab es so exotische Artikel wie „Negenerlei-Kraut“, mit dem einsame Mädchen ihre Zimmer räucherten, im festen Glauben, der Duft werde ihnen einen Bräutigam anlocken, oder den gruseligen „Aruwimi-Gummi“, von dem der alte Sirupfürst so gern erzählte, dass den Indios, wenn sie nicht genug Milch aus den Bäumen zapften, zur Strafe die Hand abgehackt würde. Als ich älter wurde, habe ich natürlich gedacht, dass er uns nur einen Schrecken einjagen wollte, aber heute weiß ich, dass er die Wahrheit sagte.

  Später merkten wir, dass das „Seeweibchen“ im Panoptikum ein ausgestopfter Affe war, dessen Hinterleib eine Lachshaut umhüllte. Unser Lieblingslied ging so:

  Warum süst du heut so suur ut, so suur ut, so suur ut?

  So seh ik von Natur ut, Natur ut, Natur ut.

  Und weil wir gerade so schön dabei sind: Auch die Natur war uns Kindern aus den Slums kein fremder Stern. An der Elbe wateten wir durch Schlick und Binsen wie der kleine Gorch Fock auf Finkenwerder, und bauten uns an den Püttensümpfen Indianerhütten in die Ellernbüsche, die wir „Tigerwald“ nannten, und später schnitzen auch wir uns damals Flöten und Hupuppen aus jungen Weidenzweigen, sammelten die großen Elbmuscheln, und mit zehn Jahren hatte ich schon ein paar Dutzend Elstern- und Krähennester aus den Eschen und Pappeln geholt. Der Hollunder bildete Blütenballen so dick wie Wolken, und um die Lindenbäume summten Bienen wie ein Sturm. Manchmal wanderten wir durch das Inselgewirr im Delta bis zum Opferberg, auf dem die großen Osterfeuer brannten. So schön denkt sich schon die Jugend die Kindheit zurück, und vergisst, dass uns die meiste Zeit doch Sott und Rauch die Lungen füllten, dass schwarzer Staub in alle Töpfe fiel, und von unten die Feuchtigkeit in die Betten kroch, dass es in den Treppenhäusern dunkler als im Bergwerk war und der Schnee so voller Ruß, dass die Tannenbäume erstickten. 

  Wer sich recht tief in seine Kindheit und Jugend versenkt, erlebt oft etwas Reinigendes, fast als kehre die Unschuld von damals noch einmal zurück. Ich habe aber nicht mehr viele Spuren meiner Kindheit gefunden, nicht, weil sie verschwunden gewesen wären, o nein, sie waren alle noch da – aber ich hatte die Augen nicht mehr, die aus tristen Hinterhöfen schimmernde Paläste, aus kahlen Sträuchern bunte Zauberwälder und aus schmutzigen Pfützen blaue Lagunen machen.

  Um ein Uhr fiel auf dem roten Turm wieder der Zeitball, und die Dampfstimmen der Eisenkästen heulten im Chor. In der Stadt herrschte überall große Aufregung, denn am Nachmittag kam der Kronprinz auf dem  Dammtorbahnhof an, und ich ließ ich mich von der Menge mitziehen. Der Kronprinz war ein wunderschöner Mann, groß, stattlich, mit einem prächtigen blonden Bart. Ich hätte ihn gern einmal aus der Nähe gesehen. Seine Gemahlin, die Royal Princess Victoria, genannt Vicky, war unpässlich in Berlin geblieben, wollte jedoch am nächsten Tag nachkommen, denn sie war ganz furchtbar gespannt auf die versprochene Fahrt durch die Hamburger Unterwelt.

  Der Empfang ging natürlich komplett baden, aber ebenso natürlich wurden alle Programmpunkte trotzdem der Reihe nach abgehakt. Der Bahnhof war von Fahnen, Palmen, Rosazeen und Tannengrün überwuchert, auf dem Alten Wall blühten Flieder, Rotdorn, Pfingstrosen und Weigelien wie eine einzige riesige Laube, in allen Schaufenstern standen Büsten der Hoheiten, in der Auslage von Hartwig & Vogel sogar eine aus Schokolade. Auf Alster und Elbe hatten alle Schiffe über die Toppen geflaggt, sogar die Dückdalben waren mit Kränzen garniert. An den Rändern der Dammtorstraße zur Innenstadt wimmelten die Schaulustigen als lebendige Doppelgirlande, und die Gardekürassiere standen wie Hydranten. Unter dem Bahnhofsdach, unter das ich leider nicht vordringen konnte, nahmen Bürgermeister Twistring, mit seiner schweren goldenen Amtskette behängt,  vor dem kompletten Senat sowie Admiral von Ronneburg mit dem vollzähligen Offizierskorps den hohen Besuch in Empfang. Zwölf Ehrenjungfrauen in marineblauer Kledage mit Boas aus weißem Schwan, Hüten mit Schwanenbesatz und weißen Tüllschleiern führten „tout Hambourg“ an. Ein Senator mit Knebelbart erlitt einen fürchterlichen Anfall von Dichteritis und donnerte patriotische Knüttelverse in den Regen. Die Hamburger Bürgerinnen und Bürgerstöchter stellten in einem engelhaften Reigen der Toilettenwunder ihre republikanischen Reize zur Schau, überwiegend Blondinen in Weiß und Rosa. Überall präsentierten sich Höchstleistungen der Nadelkunst. Heftig griechelnd, mit Rosenkränzen im Haar und bandumflochtene Thyrsosstäbe in den Händen, rauschten Hammonias stolze Töchter ganz monarchistisch zu den zierlichsten Knicksen nieder. Unter den Kopftüchern blitzten Brillanten. Uniformen aller Waffengattungen und Farben, Ulankas, rote Attilas, blaue Dragoner, mächtige Schwertgehänge an goldenen Koppeln, perfektionierten das „Tableau de Prusse“, dazu kam noch ein Schwung britischer Seeoffiziere von einem Manofwar, der eben eingelaufen war. Im protestantischen Kontrast glänzten die schwarzen Röcke der Bodentruppen Seiner Himmlischen Majestät, die weißen Mühlsteinkrägen um die Hälse gefältelt. Der bourgois gentilhomme trug Frack und Ordensdekorationen, es prangte, was in Hamburg Rang und Namen hatte, alle die Abendroths, Amsincks, Berenbergs, Chapeaurouge, Jenisch oder Sieveking, die Gents aus den Villenvierteln, aber auch die Herren Großmann und Neureich unter ihren frisch gebügelten Zylindern; der berühmte Maler Christiansen paradierte mit einem abenteuerlichen Rinaldinihut.

  Nationalhymne. Ein paar sozialistische Frechlinge singen nicht „Gott erhalte unsern Kaiser“, sondern „Gott behalte unsern Kaiser“. Ein „Kriegsballett“ verherrlichte die Siege von 1870 in militärischen Trikots. Tschingderassabum. Die Gelegenheitsindustrie verkaufte Porträts des Prinzen, das Begrüßungsgedicht und das Festprogramm, außerdem Münzen, Medaillen, Broschen, Busennadeln und ähnlichen Kram, und zwar gleichermaßen an Nobili wie an Ignobili. Die Sodawasserbuden wurden ihren Himbeersaft nicht los, viel besser gingen der Kaiser-Kümmel Marke Gilka, der „Kurze aus Berlin“, und die „Kaiserzigarren“ zu „Twee Stück fofftein“. Zwischen den Rundstück- und Wurstverkäufern rösteten Italiener Maronen und Apfelsinen. Für mich war solches Gedränge früher eine fette Weide, aber das lag nun hinter mir. Die Stimmung war ungleich kaiserlicher als das Wetter. Ein Straßenjunge, der sich eine republikanische Bemerkung erlaubte, empfing von einem streng monarchistisch gesinnten Metzgermeister eine schallende Ohrfeige. Riesige schwarze Galakutsche, Gold, Kristall, Purpurkissen, sechsspännig. Führer und Diener trugen Dreispitze auf den gepuderten Perücken. Dahinter Gardedukorps in roten Suprawesten und blankem Panzer, alles große, gut gewachsene hübsche Burschen mit gewichsten Schnurrbärten. Sechs Equipagen, Drommetengeschmetter, alles im strömenden Regen, aber Hamburger sind wasserfest. Der Kronprinz in seiner weißen Gardeducorps-Uniform, mit blinkendem Helm und silbernem fliegenden Adler, hatte Körbe voller Blumensträuße in seiner Kutsche und warf die Buketts an seiner via triumphalis mit Geschick durch den Schilderwall der Schirme immer den hübschesten Mädchen in die Arme. Lauter Volltreffer in die hanseatische Amazonengarde. Immer wieder „Hurra“ und „Eviva“, der Homo Hamburgensis primogensis wogte wellenartig stadteinwärts. Unter die Grazien hatten sich auch ein paar niedliche Priesterinnen unserer Lieben Frau von Milo gemischt.

  Am frühen Abend flaute der Südwest plötzlich ab, und für eine Stunde trat fast völlig Windstille ein. Die Stadtleute atmeten auf und glaubten, nun werde der Mai doch noch für ein paar schöne Tage zurückkehren, die Seeleute aber sahen einander betreten an und begaben sich zu ihren Schiffen, um Trossen zu verstärken und Luken noch fester zu verrammeln.

  Eine Stunde später kam der Sturm zurück, nun aber blies er nicht mehr aus Südwest, sondern aus Nordwest. Auch das nahm ich nicht zur Kenntnis. Andere taten das sehr wohl. Albrecht Janssen schildert in seinem „Deichgraf“ einen plumpen Riesen, den Waterkerl, der aus dem Reidergatt zum Ütterdiek schwimmt, die grünen Quellerbüsche in den grausilbernen Schlick drückt und auf die Wasser der Westersee wartet, die sich zwischen Norwegens glitzernden Gletschern und Schottlands grauen, nebelumsponnenen Heiden türmen: „Da brach brüllend wie ein Stier der Nordwest aus einem Fjord; Gischt sprühte aus seinen Nüstern; er senkte den gewaltigen Kopf und jagte wütend und suchend übers Wasser nach Süden“, heißt es dann, „Grundseen steilten auf“, und „im Tosen und Toben“ stand dieser jüngere Vetter des Grendel „auf der Südspitze von Ranzal und hielt Heerschau über die vorbeiflutenden Wellenlegionen“, die bald in die Elbtrompete branden würden.

  Ich spazierte in mein altes Jagdrevier auf dem Hamburger Berg und ließ mich mit den Menschenwogen durch den Archipel der Laster treiben. „Die Nacht ist weiblich, wie der Tag männlich ist“, las ich später in den sehr interessanten Aufzeichnungen des Geheimen Sanitätsrats Albert Moll vom Preußischen Innenministerium, „und wie alles Weibliche birgt sie Ruhe und Schrecken zugleich.“ Ruhe für die, die dazugehören, Schrecken für die anderen. Leicht auseinanderzuhalten: Unsereins bummelte an den Kneipentüren entlang, Bürgersfrauen halten sich immer schön in der Straßenmitte. Sie fürchten die Mythen der Nacht, in denen es um Mord und Totschlag, Krankheit, Irrsinn, Wüstlinge, Sumpfhöhlen, Sodom und Gomorrha geht. Im „Siebten Himmel“ trank ich meine scheune Taß Tee, und hier war es, wo ich unsere liebenswürdigen Landfeinladys, Nachtschwalben, Rotlichtengel und Tippelschwestern zum ersten Mal das Lied vom „Kehrwieder-Johnny“ singen hörte, nach der Melodie von „Loch Lomond“, die damals bei uns sehr populär war. Die erste Strophe ging so:

  Ein Kerl wie ein Schuss, 

  und ein Messer blitzt im Fluss:

  Aus der Ferne kommt Johnny Kehrwieder

  als Rächer zurück.

  So viel Mut, so wenig Glück!

  Hamburgs Nacht singt dir stolz ihre Lieder.

  Um Mitternacht wurde ich doch endlich müde, und da mich nichts ins „Tritonia“ zog, schlumpte ich zu Lida in den „Hamburger Hof“. Sie nahm mich gleich ganz fest in die Arme. Dann zog sie mir die nassen Plünnen ab, rubbelte mich trocken, half mir in mein schönes trockenes Dienstmädchenkostüm und ließ erst mal auftischen, wonach mir am meisten zumute war, Steckrüben, Rindfleisch und Kartoffeln, das berühmte „Hamburger National“, und dazu eine Flasche Bier. Dabei erkundigte sie sich vorsichtig nach meinem Seelenzustand und schlug mir schließlich vor, zur Ablenkung ein neues Abenteuer mitzuerleben, keinen Viaschmahandel mehr, aber eine kleine Komödie, meinem Onkel zu helfen.

  Als ich hörte, worum es ging, war es natürlich keine Frage, dass ich mittun wollte. Ich brauchte auch nicht mehr zu machen, als mir wieder mein Zofenhäubchen aufzusetzen.

  Für den ersten Abend hatte der Kronprinz sich einen Besuch der Oper gewünscht. Auf dem Spielplan stand eine „Rigoletto“-Premiere, wir sagten immer „Riegel-Otto“. Die Aufführung enttäuschte den hohen Gast, weil es der neuen „Gilda“, wie er fand, „an Ausstrahlung und Stimme gebrach“. Nur seine allerhöchste Anwesenheit hielt das Publikum von Missfallenskundgebungen zurück. Seine Kaiserliche Hoheit tröstete sich in der Begleitung einiger Vettern aus niederdeutschem Adel über die Enttäuschung und das Hamburger Wetter mit den Natives-Austern, dem englischen Käse und dem schottischen Whisky des „Old Commercial Room“ unter dem Michel, wo auf einem alten Stein geschrieben steht: „Die Zeit geht als ein schneller Strom.“ Wie wahr!

  Als die königliche Kutsche kurz nach Mitternacht vor dem „Hamburger Hof“ hielt, flitzte der Gecko in die Präsidentensuite. Sein Erscheinen brachte Bewegung in die Bewohner. Lida wärmte ihre Stimme mit einigen Koloraturen. Kowalski und die anderen steckten ebenfalls bereits in der Livree, und der Gecko schlich auf der Marmortreppe herum, bis sich die Tür der Fürstensuite hinter dem Kronprinzen und seiner Entourage schloss.

  „He‘s binnen!“ meldete er, und Lida begann zu singen: „Teurer Name, dessen Klang tief mir in die Seele drang, rufe meiner Liebe Glück ewig mir ins Herz zurück...“

  Nie werde ich Lied und Stimme vergessen.

 Dreißig Sekunden später pochte eine Faust an die Tür. Kowalski öffnete und verneigte sich tief.

  „Wo ist sie?“ fragte der Kronprinz.

  So sah ich ihn also doch noch aus der Nähe. Er war wirklich wunderschön. Ich machte meinen tiefsten Knicks, und auch die anderen klappten zusammen wie die Taschenmesser.

  Lida trat wie eine Königin aus dem Salon, die atemberaubende Figur in eine glitzernde Schlangenhaut aus sechsergroßen Kupferschuppen gehüllt. Eine zarte Federaigrette krönte ihr Haar. Eine wahrhaft infernalische Kostümierung, sie sah aus wie frisch vom Paradiesbaum geringelt. „Süßer Name, du allein sollst mein letzter Seufzer sein...“ Der letzte Ton verklang als zärtlicher Hauch.

  Der Kronprinz sah sie verzückt an. „Lida! Ich wusste es! So singt nur eine!“

  Auch die beiden Gardekürassiere hinter ihm kriegten Stielaugen.

  Lida reichte dem Kronprinzen die Rechte. Er nahm sie in beide Hände, küsste sie und wollte sie gar nicht mehr loslassen. „Ich dachte, Sie seien bereits in New York, zur Trauer aller Freunde Ihrer Kunst, besonders da Ihre Nachfolgerin... aber schweigen wir von ihr, denn wer könnte Ihnen gleichen? Uns Deutschen hat es schon immer an leichtem Melodienfluss und heiterer Ausgelassenheit gefehlt, aber das Ohr dazu, das wurde uns Gottlob nicht verweigert.“

  Die falschen Diener verharrten in der unbequemen Krümmung ihrer Leiber wie Würmer am Haken.

  Der Kronprinz hatte elf Jahre zuvor bei Weißenburg und bei Wörth Marschall MacMahon besiegt, danach die Spicherner Höhen gestürmt und den entscheidenden Vorstoß auf Sedan geführt, doch vor der Macht der Minne und der Musen schmolz sein Heldenherz. Die beiden baumlangen Leibgardisten, voll aufgereitelt in Paradeuniform, Helm mit Gardeadler, weißer Koller, Stulpenhandschuhe, messingbelegter Küraß, Bandolier, Stulpenstiefel, Pallasch, Mantel über den Schultern, erwiesen sich als weniger umgänglich, sie warfen drohende Blicke auf uns und behielten immer schön die Hände auf den Griffen ihrer nagelneuen Reichspistolen.

  „Sie schmeicheln, Hoheit“, sagte Lida, „aber kommen Sie doch herein! Mein Personal ist absolut vertrauenswürdig und diskret.“

  „Das sehe ich“, sagte der Kronprinz bereitwillig und ließ leutselig die hohen Augen über Deserteur, Schmuggler, Falschspieler, Taschendiebin, Tresorknacker und Fassadenkletterer schweifen. Die beiden Gardekürassiere wechselten sprechende Blicke.

  Lida geleitete den Kronprinzen in den Salon und schloss die Tür. Die Leibgardisten stellten sich mit grimmigen Gesichtern davor.

  „Keine Sorge“, sagte der Bäcker mit seiner tiefen Stimme. „Wir sind wirklich ganz harmlos.“

  „So seht ihr aus“, sagte der ältere der beiden. „An euch stimmt nichts, aber auch gar nichts.“

  „O Missgunst der Muse!“ klagte Walter. „Wüsstet ihr denn nur, wie viele und tätige Ans-trengung wir darauf verwendeten, in diesen s-tilvollen Gewändern Glaubwürdigkeit zu vers-trömen, ihr würdet wohl herzlich applaudieren, s-tatt gar so grimmig zu tadeln.“

  „Ihr drittklassigen Opernlakaien!“ sagte der jüngere Gardekürassier verächtlich. „Euch fehlt es an der christlichen Strammheit, das sieht doch ’n Blinder mit’m Krückstock.“

  „Dabei geben wir uns große Mühe“, sagte der falsche Haushofmeister, der keinen Streit wollte, verbindlich. „Möchten die Herrschaften vielleicht etwas trinken?“

  „Wir sind im Dienst“, sagte der Ältere. „Sofern ihr Schmierenkomödianten überhaupt wisst, was Dienen bedeutet.“

 Im Salon goss Lida inzwischen Whisky in zwei Gläser und füllte das eine mit Wasser aus einer Karaffe auf.

 „Das weißt du also noch“, lächelte der Kronprinz, der sich die britischen Trinksitten auf seiner berühmten Reise zum Suezkanal angewöhnt hatte. „Ich kann es immer noch nicht glauben, dass wir uns hier wiedersehen, Lida. Wie lange ist das nun schon her, fünf Jahre, oder schon sechs?“

  „Vier“, lächelte die Sängerin. „Zuletzt sahen wir uns vor deiner Verlobung, du erinnerst dich wohl, in Berlin. Ich war die Aida.“

  „Und ich wäre so gern als Radames in deinen Armen gestorben.“

  „Lebendig bist du mir lieber. Ich will dir auch gleich gestehen, dass unser Widersehen unverhofft, aber kein Zufall ist. Es wird aber in bisschen dauern, dir alles zu beichten.“

  „Ich habe kein Protokoll mehr“, lachte der Kronprinz. „Die ganze Nacht nicht. Gott, was bin ich froh.“ Er erzählte von dem Empfang durch die Honoratioren der Stadt auf dem Dammtorbahnhof. Es sei ziemlich schrecklich gewesen, ihm hätten vor lauter Hymnen fast die Ohren geblutet wie Hamlets vergiftetem Vater.

  „Höre mir jetzt trotzdem gut zu, denn am Schluss werde ich eine große Bitte haben“, sagte Lida dann. „Ich kenne dein großes Herz, und ich vertraue dir.“

  Eine gute Stunde später sagte der Kronprinz: „Das ist ja eine tolldreiste Geschichte. Eine richtige Gangsteroper. Von der Ablösung des alten Waltershausen weiß ich natürlich schon. Aber das! Liebe, Tod, Hass, Rache, Schuld, Sühne, Schönheit, Laster, Räuber, Mörder, Mythen, Mittelalter, ein Ungeheuer, ein Tempel, die Feme – habe ich was vergessen? Ein Henker mit Herz, ein Schuft von einem Konsul, der eigentlich ohne Umstände aufgebaumelt gehört, ein König der Halbwelt, ein desertierter Husar als Haushofmeister, ein Glückspilz mit eigenem Dampfer, eine schöne Helena, Bismarck, Bebel, leider auch ein bekloppter General – mir schwirrt der Kopf!“

  „Mir auch, das kann ich dir sagen.“

  „Und wie du den Konsul angeschmiert hast! Du bist nicht nur eine begnadete Sängerin, du bist auch eine grandiose Schauspielerin.“

  „Danke.“

  „Und deine Leute – ich muss sagen, Respekt. Sie sind auf ihre Weise klug und tapfer, wie man’s  nur wünschen kann. Ein paar solche Kerls könnte ich in meinem Stab ganz gut gebrauchen.“

  „Ich fürchte, das würde nicht lange gut gehen“, lachte Lida. „Die klauen alle wie die Raben.“

  Später erzählte mir Helena, sie hätten auch über mich gesprochen; sie habe erzählt, dass sie mich unter ihre Fittiche nehmen und vielleicht nach New York mitnehmen wolle. Der Kronprinz habe daraufhin gesagt, dass ich ihn an Offenbachs Operette erinnere, und ich würde bestimmt noch mein Glück machen. Er treffe überall, in allen Ländern, und immer wieder einmal eine solche Schönheit aus dem Volke an, und immer tue es wohl. Man habe sie gern, ohne sie zu begehren, so wenig wie man ein Reh oder eine Zeder mit nach Hause nehmen möchte, und doch tue es weh, wenn man daran denke, dass solche Schönheit einmal altern und vergehen müsse. Das fand ich sehr artig und weise.

  „Wie meine Schönheit auch“, hatte Lida darauf gesagt.

  „Nein“, sagte der Kronprinz. „Die deine ist unvergänglich, und du hast die Kunst noch dazu.“

  „Bitte hilf!“ rief Lida in diesem günstigen Augenblick.

  „Also gut“, versprach der Kronprinz lächelnd. „Ich werde mir etwas ausdenken. Sei unbesorgt! Jetzt brauche ich ein bisschen Schlaf. Morgen hörst du von mir.“

  Er küsste ihr die Hand, und sie geleitete ihn zur Tür. Die Gardekürassiere waren sichtlich erleichtert, dass der Besuch in dieser zweifelhaften Thespishöhle überstanden war.

  Als Lida uns erzählte, dass der Kronprinz auf unserer Seite war, machte Kowalski Champagner auf. Auch ich trank ein Glas mit. Vorher ging ich in mein Zimmer und schickte dem Himmel ein Dankgebet.

  „Du willst doch mit nach Amerika?“ fragte Lida, als ich wieder zurückkam.

  „Ja, komm mit“, sagte Kowalski. „Wir werden für dich sorgen.“

  „Das wollen Mama und Ridder auch“, sagte ich.

  „Das kann ich mir denken“, lachte Lida. „Dann lass uns bald die Koffer packen, die Midas fährt am Sonntag aus.“

  Ich schüttelte den Kopf. „Ohne Onkel Johnny fahre ich nicht.“

  „Natürlich nicht“, sagte Lida. „Dein Onkel soll ja auch mitkommen. Wir kaufen uns ein großes Haus und leben glücklich und fidel, bis wir gestorben sind.“

  Darauf tranken wir, ich aber wusste: So wenig wie ich ohne Onkel Johnny nach Amerika fahren würde, so wenig würde Onkel Johnny ohne Nell fahren. Vor Nell aber stand Jack.   

 

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