Kapitel 79: Vor der großen Schlacht

Donnerstag, 25. April 2013
„Dort wartete er hinter ein paar Fässern“: Fleet hinter der Brauerstraße mit Blick zum Klingberg, 1886 © Museum für Hamburgische Geschichte

Der Samstag kam mit noch schwereren Regenfällen, der böse Nordwest stürmte immer stärker, und die Älteren machten immer bedenklichere Gesichter. Ich schlief bis weit in den Nachmittag. Niemand kümmerte sich um mich. Nell wollte mich immer noch nicht sehen. Also hüllte mich in meinen neuen Macintosh und trabte wieder durch die Stadt.

  Schon der Südwest hatte die Kastanienkerzen und Fliederblüten mächtig gerupft, der Nordwest aber fegte die Bäume völlig kahl. An mancher Straßenecke musste ich mich schräg in den Luftstrom legen wie ein Klipper vor der Hoorn. Es war ein Gefühl, als stünde ich in einem nordischen Purgatorium, wo nicht Feuerszungen das Böse zu Schlacke brennen, sondern Windstoß und Wasserschwall die Seele sauberschmirgeln. Je wilder die Luftgeister gegen mich heulten, und je härter mir der Regen mit seinen Tropfen das Gesicht raspelte, desto wohler fühlte ich mich. Ich brauchte nicht zu weinen, und ich brauchte nicht zu klagen, sondern mein Herz schrie sich frei, und wo ich unbeobachtet war, schrie auch mein Mund, mit den Wimmermöwen um die Wette.

  Heute glaube ich, dass ich auf diesen Weise Abschied von Danny nahm. Und ich weiß auch, dass ich in Danny eigentlich nur mich selbst geliebt habe.

  Wuttkes Bericht von der Hinrichtung las ich erst einige Jahre später. Die Überschrift lautete „Hamburger Seemann am Galgen!“  Der alte Zeilenschieter - „Penny-a-liner“ sagt der vornehme Liliencron – schilderte das Spektakel in allen Einzelheiten, kargte auch nicht mit Sticheleien gegen die „bereits schon fast ganz Deutschland beglückende preußische Militärmacht“ und schloss: „Die mittelalterlich anmutende Zeremonie, die bedenkliche Erinnerungen an längst überwunden geglaubte Zeiten feudalistischer Justizbarbarei wachrüttelte, weckte im weitaus größten Teil des zahlreichen Publikums erheblichen und spürbaren Unwillen wegen der damit verbundenen Grausamkeit des Anblicks und der dabei verlesenen Erläuterungen, um nicht zu sagen, der Beschimpfungen des Verurteilten, an dem sich naturgemäß der sich bei den herrschenden Klassen stets anbiedernde Straßenpöbel ergötzte, während die Hamburger Arbeiterschaft dem ungeheuerlichen Vorgang beschämt, aber in unbeugsamer Würde beiwohnte. Sie wird dem Verblichenen, der sich stets als Freund der ausgebeuteten Arbeiterklasse erwiesen hatte, trotz der ihm zur Last gelegten, aber durch nichts bewiesenen Verfehlungen ein ehrendes Gedächtnis bewahren, auch wenn das einigen in dieser Stadt nicht passt, worum sich aber die geschichtliche Entwicklung keinesfalls kümmern wird, denn diese schreitet unaufhaltsam über die Bourgeoisie hinweg und einer lichtvollen Zukunft entgegen, in der solche Urteile durch die Arbeiterfaust verunmöglicht werden.“

  Am Abend standen Männer in Ölzeug an der Kanone auf dem Stintfang. An der Wetterrah der Deutschen Seewarte hoch über dem Hafen glühte das rote Sturmwarnungslicht wie ein Teufelsauge. Auf der Nordsee ging es immer übler zu. Der riesige Schwall aus dem Atlantik, den der Südweststurm durch den Englischen Kanal geblasen hatte, war in Richtung Skagerrak gerollt, wo Janssens Waterkerl haust. Dass der Wind umgeschlagen war, bedeutete Schlimmes für die deutsche Nordseeküste, und für Hamburg auch.

  Die Flut ist Hamburgs beste Haushaltshilfe: täglich dienstbereit, immer pünktlich und ewig treu. Als fleißiges Mädchen für alles räumt sie auf, macht sauber, buckelt schwere Lasten und hält den Hafen in Schwung. Manchmal aber, wenn Sturm und See sich in elementarer Wut verbünden, wird die brave Magd zur Mörderin. Dann klettert sie mit wirrem Haar und schaumbedeckten Schultern über die Deiche und holt Menschen in ein nasses Grab. Am gefährlichsten sind die Stürme im Winter, aber es gab auch schon mal eine verheerende Sturmflut im Sommer, vor zwei- oder dreihundert Jahren.

  Auch an diesem Tag geschah wieder einiges, was ich erst später erfuhr.

  Konsul Averdar hatte in wachsender Verzweiflung alle Bankiers abgeklappert, die er kannte, aber keiner sah sich in der Lage, seinem Wunsch nach einem größeren Darlehen zu entsprechen. Keiner auch allerdings zeigte einen solchen Mangel an Delikatesse, den Konsul nun etwa höhnisch an die kühnen Worte in der Börse zu erinnern. In Hamburg straft man mit Schweigen.

  Ein Gespräch mit Senator Hartestraat am Freitag hatte sogar als Katastrophe geendet.

  „Haben Seine Exzellenz der Reichskanzler etwas über den Freihafen gesagt? Neue Industrieansiedlungen? Einen Kai für die Kriegsmarine?“

  „Tut mir leid, Herr Konsul, aber das sind alles vertrauliche Angelegenheiten.“

  „Das mir gegenüber hervorzuheben haben Sie früher niemals für nötig befunden“, sagte Averdar pikiert.

  „Ich fürchte, ich habe Sie verwöhnt“, erwiderte der Senator kühl. „Damals flossen Ihre Spenden nicht so dünn wie jetzt.“

  Der gewöhnlich so joviale Konsul war in der Klemme höchst reizbar. „Das ist schändlich!“ schimpfte er. „Ich habe aufgrund Ihrer Informationen jeden Hosenknopf investiert! Mein Kreditrahmen ist ausgeschöpft, in der Kasse sind keine tausend Mark für die laufenden Kosten, Ihre Polizei sieht zu, wie man mich beraubt, und jetzt wollen Sie mir nicht einmal sagen, wann ich mit ersten Erträgen meines unternehmerischen Mutes rechnen darf!“

  „Mut? Es handelte sich wohl eher um Gier!“ sagte der Senator verächtlich.

  Die blauen Schweinsäuglein blitzten. „Das mir? Treiben Sie mich nicht zum Äußersten, Senator, sonst lege ich meine Spenden offen, und Sie können Ihren Hut nehmen!“

  Doch da war er an den Falschen geraten. „Sie drohen mir, Konsul? Ich muss mich wundern. Sie wären alt genug, nur halb so dumm zu sein. Ein Wort von mir zum Ersten Polizeiherrn, und Sie sitzen im Zuchthaus!“

  „Ich?“ Der Konsul war fassungslos. „Was erlauben Sie sich, Herr! Sind Sie verrückt geworden?“

  „Ich sage nur ein Wort“, antwortete der Senator. „Rauschgift!“

   Averdar stürmte hinaus und geradewegs zu Jack. „Warum haben Sie dem Senator von unserem Opiumgeschäft erzählt?“ fragte er zitternd vor Wut.

  Jack zündete sich höchst gelassen eine neue Virginia an. „Damit er uns rechtzeitig warnen kann, falls die Polizei was dagegen hat.“ Er verriet dem Konsul natürlich nicht, dass ihm das Zeug inzwischen geklaut worden war.

  „Dazu hätte mein Name durchaus nicht erwähnt werden müssen!“

  „Sondern nur der meine?“ fragte Jack höhnisch. „Sie für die sauberen Geschäfte, ich für die dreckigen?“

  „So war es nicht gemeint!“

  Wandrahm-Willy lümmelte in seinem Sessel, grinste und spielte mit seinem Messer. Der riesige Molosserhund lag auf dem Teppich und blinzelte deprimiert.

  Averdar wurde immer wütender. „Das also ist Ihre Dankbarkeit! Ohne mich wären Sie immer noch ein kleiner Straßenräuber! Ich habe Ihnen gezeigt, wie man Geschäfte macht. Sie werden Millionen verdienen, und zum Dank...

  „Millionen? Vielleicht. Aber nur, wenn die Grundstücke nicht enteignet werden.“

  „Enteignet? Unsinn! Das wäre ja Kommunismus! Das wird der Senat niemals tun.“

  Jack sah den Konsul angeekelt an. „Und warum haben Sie dann in Hammerbrook saure Wiesen gekauft?“

  Einen Augenblick war Stille, doch als geübter Lügner hatte der Konsul sich rasch wieder gefangen. „Das ist für eine viel spätere Stufe der Stadtentwicklung, Jack. Das lohnt sich erst, wenn das Nordufer dicht ist, vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren. Auch als Alternative zum sonst fälligen Sprung über den Strom, auf das Südufer der Elbe. Ich hätte es Ihnen früh genug gesagt. Ihr Misstrauen ist wirklich kränkend!“

  Aber Jack hatte ihn nur ausgelacht. Wie ein geprügelter Hund war der Konsul aus dem Büro gewankt. Jetzt fühlte er wohl endlich den kalten Stahl der Gerechtigkeit in seinem Nacken. Ein Zufall versprach ein bisschen Luft zu schaffen. Am Samstagmorgen fuhr Averdar in den „Hamburger Hof“, um Lida um einen Aufschub zu bitten. Lida weigerte sich natürlich, den Schuft zu empfangen, aber während der Konsul in der Lobby auf ihren Bescheid wartete, vernahm er am Nebentisch verblüffende Dinge: Zwei ihm völlig unbekannte Männer sprachen über Geld, das ihm gehörte!

  “Ich sagte ja gleich, es ist alles nur eine Frage der Medikamentierung“, bemerkte der eine. „Es ist wirklich schade, dass dieser wild gewordene Polizist den armen Kerl gleich abknallen musste. Sie haben es ja gestern bei der Obduktion gesehen. Alles ganz normal.“

  „Sie hatten in allen Punkten recht, Herr Kollege“, sagte der andere.

  „Mehr noch“, fuhr der  berühmte Wiener Psychiater fort. „Kasimir Konski verfügt bereits wieder über fast die vollen geistigen Kräfte, einschließlich des Erinnerungsvermögens. Denken Sie nur daran, dass er noch gestern Vormittag bei der Visite, kurz bevor ihn diese Verbrecher verschleppten, von den viertausend Goldmark erzählte, die er im Siel fand und an anderer Stelle versteckte. Haben Sie das bereits der Polizei gemeldet?“

  „Damit habe ich vorerst keine Eile“, antwortete der Direktor der Irrenanstalt. „Sie wissen doch, wie schnell eine solche Information, auch unter strengste Diskretion an vertrauenswürdige Beamte gegeben, trotz allem den Weg in diese Schmierblätter findet. Und was dann im Siel los ist, möchte ich lieber nicht erleben. Die Geschichte mit dem angeblichen Urzeittempel hat mir gereicht. Wir wollen warten, bis sich die Situation ein wenig beruhigt.“

  „Vergessen Sie nur nicht die genaue Ortsbeschreibung, sie schien mir ein wenig kompliziert.“

  „Finden Sie? Mir schien sie ziemlich einprägsam. Gleich bei diesem Tempel, zweiter Seitenkanal in nördlicher Richtung – mehr kann man gar nicht verlangen. Außerdem hat Konski noch einen Backstein auf den Bogen gelegt.“

  Ein Page erschien und überbrachte Lidas Ablehnung. Konsul Averdar konnte mit keinem günstigeren Bescheid gerechnet haben, empfand den Weg in das Hotel nun aber wohl als doch nicht vergeblich. Wie sich später herausstellte, suchte er den korrupten Gustav Schulte in der Baudeputation auf und ließ sich die Pläne des Sielsystems geben. Er studierte sie die halbe Nacht. Am Samstagmorgen ließ er sich in sein Kontorhaus an der Alster kutschieren. Dann beschaffte er sich die Kluft eines Hamburger Arbeitsmannes, kleidete sich um, zog sich einen Ölmantel und einen Südwester drüber und ging zum Herrengraben. Dort wartete er hinter ein paar Fässern, bis von den Ewerführern, Winsch- und Geimännern auf den Schuten und in den Frachtluken der Kontore niemand auf ihn achtete, und kletterte in den Auslass des Langen Siels. Ein Fährjunge beobachtete ihn dabei, dachte sich aber nichts und meldete sich erst am Montag bei seinem Meister, als er hörte, wie die Männer über die Sache sprachen.

  In dem Tunnel zog der Konsul eine Taschenlampe hervor und stapfte mit dem Plan in der Hand durch die Abwässer. Der Gestank dürfte ihm ziemlich zu schaffen gemacht haben, denn er band sich ein Halstuch um, das er immer wieder aus eine großen Flasche „L’Orient“ betupfte. Es muss ungefähr eine Stunde gedauert haben, bis er an dem Durchbruch zu der inzwischen zugeschütteten Höhle stand. Von hier aus waren es nur ein paar Schritte bis zu der Stelle, wo er sein Geld suchte und seinen Tod fand.

  Wer den Mord beging, konnte nie aufgeklärt werden, aber die meisten und auch ich glauben, dass es der Anarchist Persikoff war, der um diese Zeit dort unten die günstigste Stelle für das Attentat auf den Kronprinzen suchte. Der Tod trat durch einen Hieb mit einer Stahlrute ein, der die Schädeldecke zerschmetterte. Kurz darauf bog ein Kontrolltrupp der Stadtreinigung in den Siel, und der Mörder floh ungesehen und ungehört.

  Die Arbeiter glaubten zunächst an einen Unfall, hoben den toten Konsul aus einem Einstiegsschacht in der Steinstraße und schleppten ihn zur Raboisenwache. Constabler Godfroy erkannte sofort, dass der Konsul nicht gestürzt, sondern erschlagen war, und eilte zu Bulldog.

  „Jetzt hat sich der Teufel sein Frühstück geholt“, sagte der Polizeiherr, griff zum Hörrohr und alarmierte den Kommandeur der Leibgarde.

   Eine Viertelstunde später trat der Kronprinz in Lidas Suite und teilte ihr mit, was geschehen war. Betroffen sagte Lida, das habe sie nicht gewollt. Sie schickte einen Boten zu Augustus. Als er kam, brachte sie ihm schonend bei, was geschehen war, und zerriss den Wechsel. Augustus lief zur Raboisenwache, identifizierte seinen Onkel und kümmerte sich um alles Nötige.

  Der Kommandeur der Leibwache versuchte, dem Kronprinzen die Sielfahrt auszureden, fand aber kein Gehör, denn die soeben eingetroffene Kronprinzessin sah ebenso wenig wie ihr Sohn, der nachmalige Kaiser Wilhelm II., ein, warum zweihundert Gardekürassiere nicht ausreichen sollten, ein paar Meter Tunnel zu sichern.

  Als Bulldog von der Entscheidung erfuhr, rief er Oberinspektor Franck zu sich, der ihm betreten erklärte, es gebe von Persikoff noch immer keine Spur.

  „Er ist im Siel“, sagte Bulldog blank.

  Franck sagte, dann müsse der Kronprinz die Reise durch die Unterwelt absagen, doch die Belohnung für diesen wohlgemeinten Rat war lediglich eine längere Vorlesung über die Hilflosigkeit galanter Männer gegenüber den Launen des Weibes, gefolgt von der dringenden Aufforderung, alle verfügbaren Kräfte einzusetzen, um den Anarchisten doch noch zu fassen.

  „Wie denn, im Siel!“ sagte Franck. „Eine ganze Armee könnte ihn dort nicht aufstöbern!“

  Als die Sprache auf den Brook kam, sagte Bulldog, am liebsten würde er die Brücken sprengen und warten, bis sich das Gesindel dort gegenseitig totgeschlagen habe, aber er habe in seiner Dienstanweisung vergeblich nach einem entsprechenden Passus  gesucht, und das habe auch seinen guten Grund, denn Eiterbeulen müssten nun mal aufgestochen werden, bevor sie platzten.

  Zum Schluss berichtete der Oberinspektor von Gerüchten, die Hinrichtung des Kehrwieder-Johnny sei nur vorgetäuscht worden und der Delinquent gesund und munter. Der Polizeiherr wollte das nicht glauben, erwiderte aber, wenn es sich tatsächlich als wahr herausstelle, sei es die erste gute Nachricht seit Wochen.

  Beim Lunch erzählte Bulldog Professor Minkus  von den Ereignissen. Der Engländer sagte, es treibe auf das gleiche Ende zu wie in Troja: erst einige hässliche, scheinbar überflüssige Morde, die aber alle ihre schicksalhafte Bedeutung hätten, und dann  die große Schlacht, die niemand mehr aufhalten könne, nicht einmal die Götter.

  Bulldog wandte ein, der traue es sich zu, mit seinen Constablern und Hauptmann Bendixens Kompanie den Nornen in den Arm zu fallen, oder ihnen die Schere stumpf zu machen, oder den Moiren, wenn es denn unbedingt altgriechisch zugehen solle. Der Professor schüttelte aber den Kopf und sagte. „Nein, lieber Freund – den Mythos, wenn er geboren werden will, hält menschliche Macht so wenig auf wie diese meine Hand die Drehung des Planeten.“

  Der Polizeichef erwiderte, er werde es trotzdem versuchen.

  In der Krypta des Michel fanden sich um diese Zeit seltene Kirchgänger ein. Unter den steinernen Pfosten dieser heiligen Unterwelt sammelten sich Grüppchen von Arbeitern, die alle im besten Mannesalter standen: Große, kräftige Kerls mit harten Gesichtern und Fäusten, bereit, notfalls auch einem Constabler die Plempe zu verbiegen, wenn er frech werden wollte. Auf einem Stein am Grab Carl Philipp Emanuel Bachs saß Bebel mit einem Mann, den außer ihm nur noch der Eisenbieger Hein Holler kannte.

  „Der rechte Ort für eine Auferstehung“, bemerkte Bebel nach einer kurzen Begrüßung.

  „Ich möchte mich dafür bedanken, dass Sie mir geholfen haben“, sagte Onkel Johnny, den nassen Südwester in der Hand.

  „Was werden Sie jetzt tun? In Hamburg können Sie ja wohl kaum bleiben.“

  „Morgen bin ich jedenfalls noch hier“, sagte Onkel Johnny. „Und was ich übermorgen mache, überlege ich mir, wenn’s sich lohnt.“

  „Sie wollen wirklich bei diesem Bandenkrieg mitmachen? Warum?“

  „Weil ich will, dass diesmal die Guten gewinnen. Weil ich will, dass Hamburg keine Verbrecherstadt wird. Dass es nicht den Schurken in die Hände fällt. Nicht denen mit den Messern, nicht denen mit den falschen Parolen und nicht denen mit dem vielen Geld. Weil ich will, dass Hamburg wirklich eine freie Stadt ist. Die ihre Freiheit nicht nur im Titel führt, sondern sie auch ihren Menschen garantieren kann. Die Freiheit, über das eigene Schicksal selbst zu entscheiden. Die Freiheit, Glück zu suchen. Die Freiheit, eigene Weg zu gehen. Die Freiheit, ohne Angst, Benachteiligung und Verachtung leben zu können, wenn man eine andere Sprache spricht oder eine andere Hautfarbe hat. Die Freiheit von Hunger, Wucher, Unrecht und Gewalt.“ Die Worte strömten wie von selbst aus seinem Mund. Mein Traum ist Freiheit, Glück, Wohlstand und Gerechtigkeit für jeden Mann und jede Frau in dieser Stadt. Mein Traum ist, dass in dieser Stadt jeder Mensch das Recht hat, für seine Ideale zu kämpfen. Mein Traum ist, dass diese große Stadt eines Tages allen solchen Menschen eine freie, ehrliche, respekt- und liebevolle Heimat ist.“

  „Aber Sie tragen Messer am Gürtel, und sagen selbst, dass Sie Menschen umgebracht haben, und am Sonntag wieder welche umbringen werden“, sagte Bebel. „Wie soll denn so dieser Teufelskreis enden? Wie soll denn Frieden werden, und ein neues, besseres Gemeinwesen blühen?“

  „Das ist dann Ihre Sache“, sagte Onkel Johnny. „Ich räume Jack aus dem Weg. Alles Weitere müssen die Leute hier dann schon selbst in die Hand nehmen. Helfen Sie ihnen dabei! Es wird lange dauern, aber wenn alle zusammen halten, wird Hamburg eines Tages eine Stadt ohne Hass, ohne Blut und ohne Armut sein. So, und jetzt muss ich gehen. Leben Sie wohl.“

  „Kann ich denn gar nichts für Sie tun?“

  „Sagen Sie Ihren Arbeitern, sie sollen sich morgen raushalten. Es ist zu gefährlich. Auf dem Brook gehen morgen die schlimmsten Mörder und Schläger aufeinander los. Viele Männer werden sterben. Vielleicht wird es hinterher den Brook so nicht mehr geben. Dann können Ihre Leute dort aufräumen. Und ein neues, besseres Stück Hamburg bauen. Eins, in dem es sich zu leben lohnt.“

  Bebel stand auf und streckte die Hand aus. „Viel Glück.“

  Johnny zog die Krempe tief ins Gesicht und trat in den Regensturm hinaus.

  Der große Vorsitzende setzte sich wieder. Holler trat zu ihm. „Und?“ fragte er. „Sind wir auf seiner Seite?“

  Bebel schüttelte den Kopf.

  „Schade“, sagte Holler.

  „Er hat recht“, sagte Bebel. „Diesen Kampf muss er allein ausfechten. Dann bleibt es ein Bandenkrieg. Wenn wir uns einmischen, wird es ein Bürgerkrieg.“

  „Schade ist es trotzdem.“

  „Ja, schade ist es. Wäre er unter anderen sozialen Bedingungen aufgewachsen, hätte er viel für die Menschen tun können. Er wäre der geborene Arbeiterführer – aber weiß er etwas davon? Wir können nur hoffen, dass er gewinnt. Dann wird vielleicht doch noch alles gut. Für die Stadt. Nicht für ihn. Er hat schon verloren.“

 

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