Cold Case in der Steinzeit

Dienstag, 23. April 2013

Rätsel der Geschichte (1): Was Profiler des BKA aus 4500 Jahre alten Knochen lesen.

Die Opfer sind chancenlos: In wenigen Minuten töten Schüsse und Schläge zwei Männer, drei Frauen und acht Kinder, darunter ein wenige Tage altes Baby. Eine ganze Familie ist ausgelöscht.

Das Massaker in dem kleinen Dorf Eulau beim Naumburg in Sachsen-Anhalt übersteigt die kriminalistischen Möglichkeiten der örtlichen Behörden bei weitem. Deshalb schickt das Bundeskriminalamt einen Spezialisten zum Tatort: Dr. Michael Baurmann leitet beim BKA den Fachbereich Operative Fallanalyse und kriminologische Forschung.

Cold Case: Die Ermittlungen des Top-Profilers dienen der Aufklärung des spektakulären Mordfalls, nicht aber der Strafverfolgung. Denn die Täter kann kein Polizist der Welt verhaften: Sie sind wie ihre Opfer schon seit viereinhalb Jahrtausenden tot.

Die dreizehn Skelette von Eulau stammen aus der Steinzeit. Die Bluttat führt in graue Vorgeschichte zurück, und es ist dieser Mord, der zum ersten Mal etwas Licht in jene dunklen Jahre bringt.

Auch damals ist Deutschland geteilt. Östlich der Elbe leben Bauern und Viehzüchter. Niemand weiß, wie ihr Volk hieß. Die Forschung nennt sie nach einem speziellen Rillenmuster ihrer Tongefäße „Schnurkeramiker“. Sie bauen Blockhäuser, graben Brunnen, pflügen mit Rindern, züchten Schafe, kennen das Rad und schenken ihren Kindern Puppen.

Im Westen grenzt das Gebiet eingewanderter Reiterkrieger an den Strom. Auch ihr Name ist verschollen. Ihr Erkennungszeichen sind glockenförmige Becher. Die Neuankömmlinge haben in Spanien die ersten Großsteinkreise errichtet und aus dem Orient die Kunst der Kupferverarbeitung importiert. Sind sie auch Räuber und Mörder?

Den Tatort hat Sachsen-Anhalts Landesarchäologe Prof. Dr. Harald Meller vom Flugzeug aus entdeckt: Das Luftbild zeigt in dem uralten Ackerboden Kreise, wie sie für Erdbestattungen typisch sind. Sofort rückt ein Grabungsteam aus.

Auf die Experten wartet eine Sensation: Die Gebeine sind so gut erhalten, dass sogar ihre Kern-DNA analysiert werden kann. Ergebnis: Die vier Toten in einem der Gräber sind Vater, Mutter und zwei Söhne – „die älteste nachgewiesene
Kernfamilie der Menschheit“, sagt der Anthropologe Prof. Dr. Kurt W. Alt von der Universität Mainz.

In jener Zeit werden Frauen stets mit Blick nach Osten, Männer nach Westen bestattet. In Eulau aber liegen die Toten Gesicht an Gesicht. Die Eheleute schauen einander an, die Kinder blicken auf ihre Eltern, und alle halten sich an den Händen. Entdecker Meller: „Ein ergreifendes Bild.“

Knochenbrüche zeigen, dass die beiden Männer die ersten Hiebe mit den Armen abwehrten. Einer der Toten, wohl der Jäger des Dorfes, mit 1.80 Meter ein wahrer Riese dieser Zeit, kämpft mit Bärenkräften. Eine der Frauen trifft ein Pfeil aus nächster Nähe. Die Spitze zerfetzt die Bauchschlagader und bleibt in der Wirbelsäule stecken.

Als die anderen Dorfbewohner von der Feldarbeit heimkehren, können sie nur noch die Toten bestatten. Sie tun es mit einer Liebe und Feierlichkeit, die ihre tiefe Trauer noch nach Jahrtausenden erkennen lässt.

Sind die Täter wirklich Glockenbecherleute? Neue Forschungen erschüttern die These von den mörderischen Fremden: Joshua Pollard von der Universität Bristol, Grabungsleiter im berühmten Steinzeit-Heiligtum Stonehenge, sieht die Reiter aus Spanien eher als Missionare einer Ur-Religion des Friedens. Bei Pömmelte auf den Elbwiesen südlich von Magdeburg errichten sie sogar ein deutsches Gegenstück zu dem englischen Megalithmonument. Nur wenige Kilometer entfernt entsteht später die berühmte Himmelsscheibe von Nebra.

Erst BKA-Profiler Baurmann hilft den Archäologen auf die Sprünge: „Bei Mord und Totschlag kommen die Täter gewöhnlich aus dem sozialen Nahraum“, erklärt er. „Auch heute sehen wir in den Zeitungen Schlagzeilen wie ‚Massenmord aus Eifersucht‘ oder ‚Brautpaar und Hochzeitsgesellschaft ermordet‘.“

Wissenschaftler der Universität Bristol überprüfen die Vermutung des Kriminologen mit der Strontiumisotopenanalyse. Strontium kommt überall in der Natur in unterschiedlicher Konzentration vor. Kinder nehmen dieses chemische Element mit jedem Schluck Wasser auf und lagern es im Zahnschmelz ab. Deshalb lässt sich noch nach Jahrtausenden feststellen, wo sie aufgewachsen sind.

Tatsächlich entlarven Zähne aus den Gräbern die Mörder, und sie verraten auch das Motiv: Die beiden Männer und ihre Kinder stammen aus Eulau, die drei Frauen aber verbrachten Kindheit und Jugend 60 Kilometer entfernt im Harz.

In dem wilden Waldgebirge hausen zu dieser Zeit die letzten Überlebenden der älteren und primitiveren Schönfelder Kultur: einfache Bauern in kleinen Hütten, die ihre Toten verbrennen. Zu ihren Hinterlassenschaften zählen vor allem Steinbeile.

Steinzeit-Männer holen ihre Frauen oft von weither: Sie wissen, dass gesündere Kinder zur Welt kommen, wenn das Blut immer wieder aufgefrischt wird.

Die Bräute werden geworben, gekauft und manchmal geraubt. Die Mädchen aus dem Harz sind dem Jäger und seinem Gefährten offenbar heimlich und ohne Einwilligung ihrer Familien gefolgt. Jahre vergingen, bis sie in ihrer neuen Heimat aufgespürt wurden. Dann übten Väter und Brüder in einer günstigen Stunde grausame Rache. Letzter Beweis im Krimi-Puzzle von Eulau ist ein typisches Schönfelder Steinbeil: Es passt genau in die Trümmerbrüche der Totenschädel.

Morgen: Wo liegt das Grab Dschingis Khans?  

 

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