Wo liegt das Grab Dschingis Khans?

Mittwoch, 24. April 2013

Rätsel der Geschichte (2): Wie sich Mongolen und Chinesen um den Weltherrscher streiten.

Dschingis Khans letzte Reise führt im heißen Spätsommer des Jahres 1227 vom Gelben Fluss durch die Wüste Gobi zweitausend Kilometer nach Norden. Im Kaiserpalast von Karakorum beladen Sklaven Kamele mit den Schätzen des toten Weltherrschers. Dann zieht die schwerbewachte Karawane weiter durch die Steppe zur „Göttlichen Weide“, dem heiligen Berg Burchan Chaldun.

Als das Grab geschaufelt ist, werden die Arbeiter niedergemacht. Krieger treiben tagelang tausende Pferde über den Platz. Nach ihrer Rückkehr lassen auch die Soldaten ihr Leben für das „Ikn Khoring“, das „Große Tabu“: Niemand soll je erfahren, wo der „ozeangleiche Herrscher“ begraben liegt. 

Denn in der endlosen Steppe ist allein der Wind von Dauer. Riesige Reiche welken so schnell, wie sie erblühen. Die Schändung fremder Fürstengräber ist Kriegstaktik, auch Grabräuber sind stets auf der Jagd.

Jahrhunderte später machen sich Archäologen auf die Suche. Als einer der ersten gräbt der Tibetologe und Mongolist Johannes Schubert (1896–1976), Professor am Ostasiatischen Institut der Universität Leipzig, am Südhang des heiligen Berges 300 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Ulan Bator. Bis heute folgen mehr als 120 nationale und internationale Expeditionen. Doch erst mit modernster Laser- und Satellitentechnik kommen Forscher vor allem aus Japan und den USA dem Geheimnis näher.     

Die Wissenschaftler hoffen auf eine Weltsensation. Dschingis Khan herrschte über das gewaltigste Imperium der Geschichte, mit 19 Millionen Quadratkilometer ist es doppelt so groß wie China. Seine Mongolen brennen mehr aus tausend reiche Städte nieder. In seiner aus dem Steppenboden gestampften Residenz Karakorum („Schwarzer Sand“) bergen Schatzhäuser die Beute: Gold, Edelsteine, kostbare Waffen, unschätzbare Kunstwerke ohne Zahl.

Am Gelben Fluss, dem Hoangho, werden die Tanguten aus dem Norden Tibets die letzten Opfer. Nach der üblichen Schlächterei feiert der Eroberer den Triumph auf die gewohnte Weise: „Eines Mannes größte Freude“, prahlt er vor einem seiner Geschichtsschreiber, „ist es, seine Feinde zu besiegen, ihnen ihren Besitz zu rauben, ihre Pferde zu reiten und auf den weißen Bäuchen ihrer Weiber und Töchter zu schlafen.“ 

In seinem Bett liegt eine gefangene Tangutenprinzessin. Wenig später hören Leibwächter Schreie. Sie stürzen ins Zelt und finden den Khan in seinem Blut. Die Prinzessin, erzählt man sich später, habe in ihrem Mund eine Klinge verborgen und den Vergewaltiger damit entmannt.

Die kaiserliche Historiographie lügt das peinliche Ende in einen Reitunfall um: Nichts soll dem Ruhm des Herrscher mindern. Da niemand das Grab kennen darf, wird eine Opfer- und Gedenkstätte aus acht weißen Zelten nahe der heutigen Siedlung Delunnboldog zum Zentrum religiöser Verehrung. Im größten, dem „Palast des Dschingis“, hüten Schamanen jahrhundertelang Reliquien des Vergöttlichten.

Bei einem Aufstand chinesischer Mohammedaner 1862-77 gehen die heiligen Überreste in Flammen auf: Dschingis Khan ist den Moslems als Zerstörer großer islamischer Reiche und Städte verhasst.

Für Kommunisten ist Dschingis Khan ein feudalistischer Ausbeuter. Erst nach 1990 dürfen die Mongolen ihren Nationalhelden wieder öffentlich ehren. Sie errichten Denkmäler, nennen den größten Flughafen, das schönste Hotel und das beste Bier nach ihm, feiern ihn als aufgeklärten Gesetzgeber. „Er modernisierte die Gesellschaft und ist Vorbild für gelungene Globalisierung“, sagt Premierminister Tsakhiagiin Elbegdorj, „wir können von ihn lernen.“  

Doch wo ruht der Nationalheld? Ausländische Archäologen eilen zu Hilfe. Jüngste Forschungsergebnisse:

- John Woods, Professor für Zentralasiatische Geschichte an der Universität von Chikago, entdeckt eine Grabstätte am Burchan Chaldun nahe der Stadt Batshireet. Der Fund liegt elf Meter tief unter einem vier Meter hohen Mauerring, den Einheimische „Dschingis-Burg“ nennen. Die toten Krieger vermutet der Amerikaner 50 Kilometer weiter in einem Massengrab, doch Beweise stehen noch aus.

- Shinpei Kato, Archäologieprofessor der Kokugakuin-Universität in Tokyo, sucht das Grab mit Satellitenfotos in Karakorum 360 Kilometer westlich von Ulan Bator, wo der Japaner den Palast des Khans entdeckt haben will. Ist die Story vom „Großen Tabu“ und den toten Zeugen ein Ablenkungsmanöver, teilten die Erben die Schätze des Toten in Wirklichkeit unter sich auf?

- Chinesische Archäologen verorten das Dschingis-Grab kühn auf eigenem Boden bei Ordos in der autonomen Provinz Innere Mongolei. Dort stellt der Staat ein Mausoleum mit sechs Hallen und einer fünf Meter hohe Statue in die Steppe – zur Empörung der Mongolen, die ihre Nationalhelden nicht von den Nachfahren der einst Besiegten touristisch vermarkten lassen wollen.

- Forscher aus Bonn und Karlsruhe suchen mit Luftbildern, Geomagnetik und neuesten Vermessungsmethoden. Wahrscheinlich liegen Palast und Grab unter dem Kloster Erdene Zuu („Kostbares Heiligtum“), dass aus Karakorums Steinen entstand: Die einstige Hauptstadt existierte nur 40 Jahre.

Können die Deutschen das Rätsel lösen? In der Mongolei ist die Suche durchaus umstritten: „Eigentlich wollen wir das Grab gar nicht finden“, sagen einheimische Historiker, „es entspricht nicht unserer Tradition, die Totenruhe zu stören.“

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