Wo ist die Bundeslade?

Donnerstag, 25. April 2013

Rätsel der Geschichte (3): Um kaum ein anderes religiöses Symbol ranken sich so wundersame Erzählungen. Jetzt entdecken Forscher immer wieder neue Spuren.

Jerusalem, 586 v.Chr.: Die Katapulte des Königs Nebukadnezar haben die Mauern sturmreif geschossen, brüllend brechen langbärtige Babylonier durch die Breschen. Die Verteidiger werden niedergemetzelt, Palast und Tempel geplündert, Frauen und Kinder aus rauchenden Trümmern ins Land an Euphrat und Tigris verschleppt.

Zweieinhalb Jahrtausende später mehren sich Anzeichen, dass das heiligste aller damals verschwundenen Heiligtümer wohl doch nicht für immer verloren ist: Die Bundeslade mit ihren kostbaren Erinnerungen an göttliches Heilswirken im Alten Testament. Forscher suchen sie in Israel, Jordanien, Irak, Ägypten, Arabien und Äthiopien, aber auch in Frankreich, Italien, England und Schottland; die jüngste Spur führt tief in den Süden Afrikas.

Von kaum einem anderen Glaubensschatz kennt die Welt so viele Details: Akazienholz, 131,25 Zentimeter lang, 78,75 Zentimeter breit und hoch. Mit reinem Gold überzogen. Zwei 10,5 Meter lange Tragstangen. Auf dem Deckel zwei geflügelte Cherubim. Innen die Steintafeln der Zehn Gebote, der Stab des Moses-Bruders Aaron und ein goldener Krug mit der Himmelsspeise Manna aus der Wüste Sinai.

Um kaum ein anderes religiöses Symbol ranken sich so wundersame Erzählungen: Vor der Bundeslade teilen sich die Wasser des Jordan, stürzen die Mauern Jerichos, zittern die übermächtigen Philister, denn mit ihr zieht Jahwe selbst in die Schlacht.

Der Mythos lebt: In „Jäger des verlorenen Schatzes“ soll der jüdischen Gottesschrein sogar die Nazis unbesiegbar machen. Esoteriker vermuten in dem Akazienkasten den Stein der Weisen, die allwissende Smaragdtafel der Alchimisten oder eine wundersame „Weltformel“ mit Antworten auf alle ungelösten Fragen der theoretischen Physik. Ufo-Gläubige halten die Tragtruhe für ein Funkgerät, mit dem Außerirdische den Propheten Moses steuerten.

Jüdische Gelehrte glauben, der weise König Salomo habe schon beim Bau des Tempels 957 v.Chr. vorsorglich ein Versteck für die Bundeslade in den Fels hauen lassen. „Es gibt Leute, die genau wissen, wo sich diese Kammer befindet“, teilen Rabbiner des orthodoxen „Tempel-Instituts“ auf ihrer Internet-Seite mit. Der Versuch, sich zur Bundeslade durchzugraben, sei vor einigen Jahren nur wegen gefährlicher Unruhen in der moslemischen Bevölkerung abgebrochen worden.

Moderne Wissenschaftler glauben, dass schon die Kreuzritter die Bundeslade in der Felsenkammer fanden und mit dem Schatz nach Südfrankreich segelten. Nach der Vernichtung ihres Ordens retten sie die Truhe auf die britischen Inseln, in den Vatikan oder in die kleine Pyrenäenkirche Rennes-le-Château, die auch als Versteck des heiligen Grals gilt.

Der US-Archäologe Vendyl Jones, Urbild des Hollywood-Schatzjägers „Indiana Jones“, vermutet die verschollene Reliquie dagegen in einer der durch Schriftrollen der Jesuszeit berühmten Höhlen von Qumram am Toten Meer. Sein Landsmann Tom Crotser wiederum will den Jahwe-Schrein im jordanischen Moses-Berg Nebo gesehen haben, doch auf seinen Fotos ist nichts Beweiskräftiges zu erkennen.

Auch in Bagdad, der Erbin Babylons, soll die Lade liegen. Ebenso in Südarabien, einst Reich der Königin von Saba, deren Sohn Menelik das Heiligtum seinem Vater Salomo entwendet habe. Die bisher schlüssigste These zeigt die Reise der Reliquie in drei Stationen:

Zuerst, so der Engländer Graham Hancock, schmuggelten Flüchtlinge sie zu ägyptischen Glaubensgenossen und bauten ihr einen Tempel auf der Nil-Insel Elephantine. Als die Pharaonen das neue Glaubenszentrum 200 Jahre später zerstören, entkommt das heilige Holz stromaufwärts auf eine Insel im äthiopischen Tana-See. 800 Jahre später holt es der zum Christentum bekehrte Kaiser Ezana nach Aksum.

Dort, in der Kirche „Heilige Maria von Zion“, wird die Bundeslade bis heute verehrt. Jedes Jahr geleitet eine feierliche Prozession das Glaubenssymbol durch die 60.000-Seelen-Stadt in der Nordprovinz Tigray. „Ja, die Lade ist bei uns“, sagt Abuna Pauolkos, Oberhaupt der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche.  

Das Innere bleibt menschlichen Blicken verborgen. „Bis heute umgibt den Schatz ein strenges Tabu“, erklärt Prinz Asfa-Wossen Asserate, Großneffe des letzten äthiopischen Herrschers. „Kein Mensch darf ihn je sehen. Nicht einmal die Kaiser durften das. Die Tafeln sind für uns wie Gottes Gesicht, das nur Moses anschauen durfte.“

Angeblich aber war die Reise der Bundeslade, so der englische Judaist Tudor Parfett, in Äthiopien nicht zu Ende: Zumindest einen Teil will der Professor der Universität London mehr als 8000 Kilometer von Jerusalem entfernt geortet haben: im Keller des Museum of Human Science von Harare, der Hauptstadt Zimbabwes.

Tatsächlich leben dem südafrikanischen Land Urenkel Aarons: Der Volksstamm der Lemba kann seine Abstammung von dem biblischen Propheten durch Gen-Tests beweisen. Die Nachfahren jüdischer Hohepriester kamen wohl auf antiken Handelsrouten an der Ostküste Afrikas in die legendäre Goldstadt Zimbabwe, die dem Land den Namen gab. Seit ein Radiocarbontest die Holzreste auf 1350 n.Chr. datiert, hält Parfett seinen Fund nur noch für einen Nachbau, der lediglich Bruchstücke der ursprünglichen Lade enthalte.

So endet die Suche wohl doch erst am Jüngsten Tag, dann aber mit weit eindrucksvolleren Effekten, als die Archäologie je zu bieten haben dürfte: „Der Tempel Gottes im Himmel wurde geöffnet“, schildert der Autor der biblischen Apokalypse, „und in seinem Tempel wurde die Lade seines Bundes sichtbar. Da begann es zu blitzen, zu dröhnen und zu donnern, es gab ein Beben und schweren Hagel.“

Morgen: Das letzte Geheimnis der Himmelsscheibe

 

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