Kapitel 15: Neue Feinde, alte Freunde

Dienstag, 11. September 2012
„Über den Strom nach Finkenwerder“: Am Reiherstieg 1884. © Museum für Hamburgische Geschichte

Erschrocken fuhren wir herum, da stand Onkel Johnny aber schon nicht mehr auf dem Weg, er hatte sich blitzschnell fallen lassen und rollte wie ein Igel durch das Kraut die steile Böschung hinunter, und die drei Brüder des Roten sprangen mit ihren Messern hinterher, und auch der Pelikan, bis alle fünf auf einem kleinen Vorsprung vielleicht fünfzehn oder zwanzig Meter unter uns landeten.

  Wir konnten sehen, wie mein Onkel einen Sheffieldnagel aus dem Stiefel fingerte, gerade noch rechtzeitig, um den Angreifern damit entgegenzufahren wie die Kobra mit dem Giftzahn. Sie versuchten ihn zu umzingeln, es ging Stoß um Stoß, unter wütendem Schreien und Knurren wie in einem Hundezwinger. Nell und ich schrien laut um Hilfe, aber die Männer auf dem Weg schalteten nicht, sondern glotzten nur, und so hätten die Ratten den Fuchs vielleicht tatsächlich untergekriegt, aber da kam ein Dachs, ich kann es nicht anders sagen, ein Soldat, der fackelte nicht lange, zog noch im Rollen und Fallen den Säbel und ging mit einem „verfluchte Peronje!“ auf die Hafenratten los. Die Kerle waren nicht leicht einzuschüchtern, aber vor Uniformen und Säbeln hatten sie einen Heidenrespekt, glaubten wohl in der ersten Überraschung, sie hätten es mit einem Constabler zu tun, jedenfalls ließen sie von Onkel Johnny ab, sprangen und stolperten den steilen Elbhang fast auf allen Vieren hinunter und verschwanden in dem verwilderten Uferwald aus Akazien, Erlen und Weiden, als letzter mit wildem Flattern der hinkende Pelikan.

  Der brave Kerl in der blauen Uniform schob den Säbel wieder in die Scheide und half Johnny auf die Beine. „Brauchst du Doktor?“ Er sprach mit starkem polnischem Akzent.

  Onkel Johnny zog die Jacke aus und befühlte die linke Schulter. Blut drang durch sein Hemd.

  Nell kletterte in ihrem engen Kleid zu ihm hinunter. „Du blutest!“ rief sie überflüssigerweise.

  „Nur’n Kratzer“, sagte er und suchte Nells Samariterdienste abzuwehren.

  Dann kam auch ich durchs Heidekraut gerutscht. “Das waren Relfs Brüder und der Pelikan”, rief ich aufgeregt.

  Onkel Johnny brummte nur was. Nell zog ihn zu Boden, und ungeduldig setzte er sich, während sie eine Schere aus der Tasche fingerte und ihm das Hemd aufschnitt. Es war wirklich nur ein Kratzer. Nell verband ihn mit einem Streifen aus seinem Hemd.

  Der Soldat gab es auf, den Flüchtenden drohend nachzustarren, und machte sich daran, wieder auf den Weg zu steigen.

  „Warte mal“, sagte mein Onkel zu ihm. „Wenn ich mich mal revanchieren kann...“

  „Ist nicht nötig“, sagte sein Retter. „Hab's gern getan. Vermaletrackte Halunken!“

  „Trotzdem“, sagte Onkel Johnny. Er war nicht der Mann, der gern Hilfe annahm, und schon gar nicht einer, der dann die Dankesschuld auf sich sitzen ließ, deshalb vergaß er jetzt wohl auch die nötige Vorsicht. „Wenn ich auch mal was für dich tun kann - ich heiße Johnny Mott.“

  „Wie heißt du?“

  „Mott!“ wiederholte mein Onkel.

  Der Soldat starrte ihn an. Dann sagte er: „Du kannst mir eine Dirne finden.“

  Das gefiel meinem Onkel aber gar nicht, er runzelte die Stirn. Nell und ich wechselten Blicke, dabei sah der Soldat gar nicht so aus, als stünde ihm der Sinn nach Zärtlichkeit, in seinen Augen stand eher was von Totschlagen zu lesen.

  „Ja, wenn das der Dank sein soll“, sagte mein Onkel. „Schwer wird das nicht sein.“

  Der Soldat schüttelte den Kopf. „Ich suche ganz bestimmte Dirne. Meine Schwester.“

  Ein paar Minuten später hatte er uns die ganze schlimme Geschichte erzählt: Josef Kowalski, Unteroffizier bei den Blauen Husaren in Wandsbek, auf der Suche nach der armen kleinen Agnes, die ungefähr so alt war wie ich.

  „Ich wollte bei diese Bebel um Hilfe bitten“, sagte der Soldat, „aber sie sagten, für so was ist Polizei zuständig. Pfft! Als ob deutsche Polizei was für Polen tut!“

  „Auch nicht für einen preußischen Soldaten?“ fragte Onkel Johnny.

  „Hamburger lieben nicht Soldaten.“

  „Sie ist erst fünfzehn“, sagte Nell betroffen.

  „Das waren bestimmt Landos Leute“, sagte ich.

  „Wer?“ fragte Kowalski scharf, sichtlich bereit, sofort mit seinem Säbel loszuziehen.

  „Vorsicht“, warnte Onkel Johnny. „Bei denen kannst du nicht einfach so reinmarschieren, das sind ziemliche Kaliber, die machen dich im Handumdrehen kalt, Soldat oder nicht.“ 

  „Wir wollen sehen“, sagte der Pole. „Wer ist dieser Lando?“

  Nell und Onkel Johnny wechselten besorgte Blicke, und ich erkannte meinen Fehler: Wenn der brave Mann ganz allein auf Lando und seine Leute losging, würde er in Stücke geschnitten werden.

  „Was denn los?“ fragte der Husar und sah uns der Reihe nach an. „Habt ihr die Sprache verloren?“

  Mein Onkel seufzte. „Also gut“, sagte er dann. „Ich bring dich hin.“

  „Gut! Gehen wir!“

  Onkel Johnny schüttelte den Kopf. „Heute Abend.“

  Kowalski packte ihn am Arm. „Jetzt gleich!“

  „Es kommen mindestens fünf solche Häuser in Frage, jetzt sind sie noch zu, du kommst gar nicht rein.“

  „Ich werde sie aufmachen!“

  Nell mischte sich ein und schlug vor, sie sollten sich um zehn Uhr vor den „Vier Löwen“ treffen, dem größten Tanzpalast der Stadt.

  Der Husar sah ein, dass er nicht mehr erreichen konnte, grüßte, und weg war er.

  Wir gingen zum Ufer, stiegen in den Ewer, segelten über den Strom nach Finkenwerder und gingen auf dem Deich zu einer alten Weide. Mein Onkel langte in den hohlen Stamm und zog die Hand mit einem Fluch wieder heraus.

  Ich zog den Kopf ein, aber er sagte nur: „Das kommt davon, wenn man nicht tut, was einem gesagt wird.“

  Wütend stapfte er vor uns her zu der Kate der Schnapsbrennerin und schrie schon am Gartentürchen: „Freddy!“

  Die Tür öffnete sich, und meine Mutter trat heraus. „Er ist nicht da, Johnny.“

  „Und wo ist er?“ fragte mein Onkel mit einem Gesicht wie ein Gewitterhimmel.

  „Er wollte an den Deich“, sagte meine Mutter. „Ist was passiert?“

  Onkel Johnny erstarrte wie Lots Frau, nur nicht so lange, dann schlug er sich an die Stirn und eilte mit langen Sätzen zur Elbe. Es war aber zu spät, der Ewer schwamm schon auf dem Strom, mit meinem Vater an der Pinne. Mein Onkel schrie und brüllte aus Leibeskräften, aber mein Vater drehte sich nicht einmal um.

  Mein Onkel kam zurück. Er sah sehr müde aus.

  „Es tut mir leid“, sagte ich zerknirscht.

  „Lass nur“, sagte mein Onkel, „diesmal ist es meine Schuld. Ich hab' Freddy unterschätzt.“

  Als meine Mutter alles erfahren hatte, brach sie in Tränen aus. “Bitte tu ihm nichts, er kann doch nichts dafür!“

  „Ich ihm was tun?“ antwortete Onkel Johnny. „Ich bin froh, wenn ihm kein anderer was tut!“

  „Ach Johnny, schluchzte sie, „was wird er jetzt machen?“

  „Was man mit Opium so macht“, sagte mein Onkel. „Ich fürchte aber, er wird auch versuchen, etwas von dem Zeug zu verkaufen. Ich hoffe nur, dass ich ihn vorher erwische. Sonst schneiden sie ihm die Kehle durch, und ich bin auch noch schuld daran.“

  Er schob sie auf die Bank am Haus neben Oma Ridderkerk, die gleich beruhigend auf meine arme Mutter einredete. Inzwischen sagte ich zu meinem Onkel: „Brauchst dich nicht beeilen, wie ich Vaddern kenne, sucht der sich erst mal ein ruhiges Fleckchen und gönnt sich paar schöne Träume, vor übermorgen geht er bestimmt nirgends hin.“

  „Aha“, sagte Onkel Johnny und zog mich unauffällig am Ärmel ein Stückchen mit. „Und weißt du auch, wo er das macht?“

  „Irgendwo an der Elbe, schätze ich, vielleicht segelt er zum Buxtehuder Loch, oder weiter bis zur Stör, es gibt's ja genug Inselchen und kleine Buchten, wo man sich verstecken kann. Wenn du willst, komm' ich mit, bin'n guter Bestmann.“

   „Wenn Freddy sich dort versteckt, find' ich ihn in zwanzig Jahren nicht“, seufzte er. „Und du bleibst besser hier und kümmerst dich um dein' Mudder!“ - wenn Onkel Johnny verlegen wurde, fiel er gern ins Platt seiner Kindheit.

  Ich sah ihn kerzengerade an und sagte: „Nee, ik komm' mit, dat is min Vadder, und ik kenn' mi do veel beter aus as du.“

  „Du bist wohl! Ich kenn' hier jeden Baum, was meinst du, wie oft wir hier als Jungs rumgeschippert sind!“

  „Ja, aber heute sieht's dort ganz anders aus, die Elbe steht ja nicht stille.“ Die moderne Zeit hat dem Strom mit allerhand Stacks und Ufersteinen ein Korsett verpasst, aber damals arbeitete er mit den Gezeiten rastlos an seinem Bett, wusch hier eine neue Bucht aus, ließ anderswo eine versanden, schluckte hier ein Inselchen, spuckte es dort wieder aus, als sei dort der zweite Schöpfungstag nie ganz zum Ende gekommen, und hinter Schulau lockte ein Labyrinth von Prielen in eine Wasserwildnis wie am Amazonas.

  Mein Onkel sah mich scharf an, aber dann hob er ergeben die Hände. „Vielleicht hast du recht“, sagte er. „Hier brauchen wir ihn gar nicht erst suchen, wir hatten als Jungens zwar mal so ein Versteck, auf dem Schweinesand, flut- und polizeisicher, aber so blöd wird Freddy nicht sein, er weiß ja, dass ich die Stelle kenne. Du kannst mir aber in der Stadt was helfen, plietsch bist du ja, und kennst dich aus, sagt Nell.“

  „Auch in St. Liederlich“, sagte ich schnell, weil ich ja wusste, wohin er wollte.

  „Nee, da nicht“, wehrte er aber gleich ab, „dieser Pole ist nicht geheuer, wer weiß, was der da anzettelt, und du mittenmang, nee! Du gehst mal schön zu Nell und hältst die Augen offen. Kannst dich aber auch mal in der Neustadt umhören, ich muss da so'n paar Leute auftreiben, allein komm' ich hier vielleicht doch nicht längs. Kannte früher ein paar Kerls, weiß nicht, wo die abgeblieben sind. Einer heißt Kuddl, Kuddl Block, aus Finkenwerder, fuhr früher zu See, jetzt steigt er wohl in Hotels ein.“

  „Der Gecko?“ fragte ich.

  „Ah, man kennt sich“, sagte mein Onkel. „Kollege, wie?“

  „Ich kann ja mal Eddie fragen, das ist sein Kumpel.“

  „Was für’n Eddie?“

  „Eddie den Schränker.“

  „Feine Freunde hast du, das muss ich schon sagen. Ja, wenn er dir vertraut?“

   Mir schien mein Onkel von meinen Verbindungen immer noch nicht recht überzeugt, deshalb tat ich so gelassen wie möglich: „Mir wird’s Eddie schon sagen, am Freitag hab' ich ihm’n Bruch ausbaldowert.“

  „Ach!“ Mein Onkel schielte zu meiner Mutter hinüber, als ob sie das gar nicht hören dürfte, dabei war sie doch voll im Bilde, wir lebten ja von meinen kriminellen Künsten.

  „Du bist ja gut dabei“, sagte Onkel Johnny. „Dann wäre da noch Harry Schliephake, genannt Harpunen-Harry, Walfänger, jetzt Schmuggler, in Altona, den kennst du wohl auch?“

  „Nee, nie gehört.“

  „Nee? Man kann ja schließlich nicht alle Ganoven kennen, was? Nicht in einer so großen Stadt, wie? Und ein gewisser Walter Glasbrenner, genannt Volten-Walter, Berufsspieler. Was sind denn jetzt so die schönsten Spielhöllen hier?“

  „Kann Walter ja mal fragen.“

  „Ach, den kennst du nun wieder? Ja, dann frag‘ ihn mal. Und wie steht’s mit dem berühmten Michel Butenschön, dem berühmten Eisenbahnräuber? Ist angeblich ehrlich geworden, mit irgend so einer Bäckermamsell in St. Georg. Holst du da eure Brötchen?“

  „Ne, den kenn ich nicht.“

  „Na ja, umhören kannst du dich ja mal. Aber nicht, dass du nebenbei klaust, sonst schnappen sie dich, und ich steh' ohne Hilfstruppen da.“

  Mutter wollte mich gar nicht loslassen, sie tat, als sei ich ein Küken, obwohl sie doch ganz genau wusste, wie ich die Familie die ganze Zeit über Wasser hielt. Onkel Johnny musste ihr in die Hand versprechen, gut auf mich aufzupassen.

  Jetzt blieb uns erst mal nichts anderes übrig, als zum Dorf zu marschieren und im Hafen ein Boot aufzutun, das uns zum Brook brachte. Das war gar nicht so leicht, die Fischer waren ja alle unterwegs. Eine Fähre gab's damals noch nicht, die fuhr erst viel später nach Finkenwerder. Schließlich mietete Onkel Johnny so einen alten Jammerkasten, und wriggte uns eigenhändig zum Brook, ich musste die ganze Zeit schöpfen. Lustig war's nicht, aber Johnny sagte: „Besser schlecht gefahren als gut gelaufen“, zu Fuß hätten wir einen riesigen Umweg über die Elbbrücken machen müssen.

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