Adel vertrottelt, Bürgertum verfettet

Freitag, 26. April 2013

Hesse, „Der Weltverbesserer“: „Wie es Art und schönes Recht der Jugend ist, unterschied er nicht zwischen seiner Freunde Idealen und ihren Taten.“ – „Er ... hatte den Bart mit nervösen Händen gedreht und sich alsbald, wie es seine unheimliche Geste war, in ein flimmerndes Gehäuse eingesponnen, das aus lauter Beredsamkeit bestand und dem Regendache jenes Meisterfechters im Volksmärchen glich, unter welchem jener trocken stand, obwohl es aus nichts bestand als dem rasenden Kreisschwung seines Degens.“ – Agnes: „Mein Gott, was sind das für Männer, die in den besten Jugendjahren sich daran verlieren, ein Grün und ein Grau gegeneinander abzustimmen! Jede Frau von einigem Geschmack leistet ja mehr, wenn sie sich ihre Kleiderstoffe aussucht!“ – „Aber der Mensch ist zu nichts schwerer zu bringen als zu seinem Glück.“ - „War nicht ringsum alles faul und verdorben, wohin der Blick auch fallen mochte? Unsere Häuser, Möbel und Kleider geschmacklos, auf Schein berechnet und unecht, unsere Geselligkeit hohl und eitel, unsere Wissenschaft verknöchert, unser Adel vertrottelt und unser Bürgertum verfettet? Beruhte nicht unsere Industrie auf einem Raubsystem, und war es nicht ebendeshalb, dass sie das hässliche Widerspiel ihres Ideals darstellte? Warf sie etwa, wie sie könnte und sollte, Schönheit und Heiterkeit in die Massen, erleichterte sie das Leben, förderte sie Freude und Edelmut?“ – „Der gelehrige Gelehrte sah sich rings von Falschheit und Schwindel umgeben, er sah die Städte vom Kohlenrauch beschmutzt und vom Geldhunger korrumpiert, das Land entvölkert, das Bauerntum aussterbend, jede echte Lebensregung an der Wurzel bedroht.“

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Auf dem Gipfel ist die Welt im Tal schnell vergessen. Wir blicken lieber auf Wolken und Nebelbänke.  

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Beethoven, 1.Violinsonate D-Dur: Im ersten Satz fliegt die Melodie wie eine Lerche zum Himmel, beglückt ein fruchtbares Ackerland mit ihrem schmetternden Gotteslob. Die Freude des Lebens verschönt alle Natur. Heiterkeit ist der Lohn eines gelungenen Tages. Im zweiten Satz zieht ein Schwan majestätisch über den großen Strom. Sein heiligmäßiges Dahingleiten versinnbildlicht, welcher Segen auf der Ruhe eines Lebens liegt, das noch ganz im Bann der Schöpfung atmet. Harmonie ist die Normalität des Guten und Schönen in der erschaffenen Welt. Der dritte Satz gehört dem Tanz der bunten Schmetterlinge. Torkelnd flattern sie über die Gräser, als hätten sie an ihrer prallen Lebensfreude so schwer zu tragen wie ein Freund des Weines am zuviel genossenen Glas. Doch auch ihr scheinbar ungelenkes Auf und Ab, ihr ziellos wirkendes Umherirren folgt exaktem Plan, folgt dem Takt jener bis in den einzelnen Ton unvergleichlich reich durchkomponierten Melodie, die das Leben seinem Schöpfer spielt.

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In Glasbrenners "Herr Buffey auf der Berlin-Leipziger Eisenbahn" sagt Zeisig: "Berlin ist zu schnell groß geworden und vermag seine Größe nicht auszufüllen. Es kommt mir vor wie ein aufgeschossener Mensch, der sich nicht zu halten versteht. Es paris't und London't alle Tage und doch guckt ihm der deutsche Philister aus allen Knopflöchern heraus. Es hat alle Keime des Vortrefflichsten in sich, die höchsten Fähigkeiten, aber es kann sich nicht selbst beherrschen, nicht zu einem Ganzen runden. Alles ist einzeln an ihm. Nichtsdestoweniger hat Berlin die schönste Zukunft, denn es hat einen Kern im Volke, aus dem es emporblühen wird; denn nur was aus dem Volke emporwächst, ist edel und bleibend."

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Gellert, "Der Greis", faßt ein Leben so zusammen:

  "O Ruhm, dring in der Nachwelt Ohren,

  Du Ruhm, den sich mein Greis erwarb!

  Hört, Zeiten, hörts! Er ward geboren,

  Er lebte, nahm ein Weib, und starb."

 

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