„Diese Sonderstellung Deutschlands geht uns auf den Wecker“

Donnerstag, 25. April 2013

In TELE-RETRO zeigen „Teletäglich“-Kolumnen aus 1993, welche Themen das Fernsehen vor 20 Jahren wichtig fand und was es daraus machte. Heute: Ausgabe von Sonntag, 25.April 1993.

Am Sonntag zeigte die neue ARD-Sendung „Zak“ zwei Sketche mit Politiker-Puppen. Kostprobe:

Blüm: „Helmut, stell dir vor, die Ossis streiken!" - Kohl: „Merkwürdig! Seit wann können Arbeitslose streiken? Was wollen die?" - Blüm: „Das, was man ihnen versprochen hat." - Kohl: „Na, haben sie doch: Blühende Landschaften! Oder ist bei denen etwa nicht Frühling?"

Engholm: „Ich habe mir hier in der Toscana überlegt, nun ist Schluß mit der Opposition." - Lafontaine: „Warum denn?“ -Engholm (hebt eine Rotweinflasche): „Weil hier das einzige Land ist, wo man einen guten Roten noch zu schätzen weiß."

Darauf einen Doppelten.

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In der SAT.l-Show „Talk im Turm" am Sonntag sagten

Italiens Ex-Botschafter Ferraris: „Die Deutschen sind ein Volk wie die anderen, nicht besser und nicht schlechter.“

Moderator Boehme: „Stört es Sie nicht, daß Deutschland vor 50 Jahren Europa überfallen hat?“

Ferraris: „Und? Frankreich hat Europa vor 200 Jahren überfallen. Und? Rom vor 2000 Jahren. Und? Wir können nicht immer in die Vergangenheit…"

SPD-Präsidin Wieczorek-Zeul: “Deutsche Soldaten haben dort nichts zu suchen, wo sie im Zweiten Weltkrieg Menschen zu Tode gebracht haben."

Ferraris: „In Somalia gibt es keine deutsche Vergangenheit, aber eine italienische, und wir sind da.“

Wieczorek-Zeul: „Soll dieses Land eine zivile Wirtschafts-und Handelsmacht bleiben oder eine militärische Großmacht werden?“

Ferraris: „Diese Sonderstellung Deutschlands geht uns auf den Wecker. Wir wollen nicht so einen Musterknaben. Die schmutzigen Sachen soll General Morillon machen, und Sie machen mit der Bundesbank Verdienst!"

Wieczorek-Zeul: „Vielleicht hat es ja auch seinen Hintergrund, daß Länder, die nicht auf Militär setzen, eine ganz andere wirtschaftliche Entwicklung nehmen."

Am deutschen Wesen…

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Aus der ARD-Sendung „Nachschlag" am Mittwoch mit den Dresdner Kabarettisten Böhnke und Lange:

„Wir haben 40 Jahre Improvisation hinter uns. Bei uns können sogar Metallarbeiter mauern."

„Kennst du den Unterschied zwischen einem Politiker und einem Roboter? Der Roboter macht bloß, was er kann."

Die innere Einheit kommt voran.

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In der ZDF-Talkshow „Live" am Donnerstag sagte Kabarettist Beltz:

„Die Welt will gerettet werden, aber ich geh' immer dran vorbei und sag', laßt mich in Ruh."

„Jede Revolution ist konservativ, denn sie will ja etwas erreichen, das es früher einmal gegeben hat, nämlich das Paradies."

„Die Pflicht des Revolutionärs ist es, die Revolution zu verhindern, denn sonst wird's ja noch schlimmer."

Lachend sagt der Narr die Wahrheit (deutsches Sprichwort).

Anmerkungen

Friedrich Küppersbusch moderierte 1993-96 die ARD-Sendung „ZAK“ und 1996-1997 die Nachfolgesendung „Privatfernsehen“. Heute schreibt Küppersbusch wöchentliche Kolumnen im Nordwestradio und in der „taz“.

Luigi Vittorio Graf Ferraris war 1980-1987 Italiens Botschafter in Bonn.

Heidemarie Wieczorek-Zeul („Rote Heidi“) war 1974-1977 Juso-Bundesvorsitzende, seit 1984 Mitglied im SPD-Bundesvorstand, 1993-2005 stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende und 1998-2009 Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Erich Böhme wurde 1973 Chefredakteur des „Spiegel“. Am 30. Oktober 1989, kurz vor der Maueröffnung, schrieb er dort: „Ich möchte nicht wiedervereinigt werden.“ Fünf Jahre später bereite er den Satz: „Welcher Teufel mag mich geritten haben?“ 1990-1998 moderierte er den SAT.1-„Talk im Turm“.

Gunter Böhnke und Bernd-Lutz Lange gründeten 1966 mit anderen das Leipziger Studentenkabarett „academixer“. 1988 machten sie sich selbstständig, bis 2004 traten sie zusammen auf diversen Kabarettbühnen auf.

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