Die mysteriöse Flöte von Rungholt

Sonntag, 28. April 2013

Rätsel der Geschichte (6): Ging die reiche Handelsstadt wirklich durch eigene Schuld unter?

33 Jahre lang wohnt Gräfin Diana von Reventlow-Criminil ganz allein in einer einsamen Villa auf der winzigen Nordseeinsel Südfall. In einer Bombennacht des Jahres 1943 hört sie plötzlich ferne Flötenklänge. Sofort eilt die 80-jährige ins Watt und schafft den Spieler eben noch vor der heranbrausenden Flut auf festes Land. Es ist ein englischer Pilot. Nach Abschuss und Fallschirmlandung hat er das kleine Instrument im Schlick ertastet...

Die rettende Flöte stammt aus Rungholt und beweist: Die versunkene Stadt uralter Legenden hat tatsächlich existiert – mehr noch: Sie war ein Atlantis des Nordens.

Nach der Sage sind ihre Kaufleute märchenhaft reich und extrem lasterhaft: Jeder Tag ein Fest, Sitten wie im alten Rom. Spaßvögel holen den Stadtpfarrer zu einer letzten Ölung, doch statt eines Todkranken grunzt ihm aus dem Bett ein Schwein entgegen. Der Verspottete ruft Gottes Zorn auf die Lästerer herab. In der gleichen Nacht zerstört eine Sturmflut das friesische Sündenbabel für immer.

Die Wirklichkeit ist womöglich eher noch schlimmer: Seit Jahrhunderten finden Bauern und Fischer bei Ebbe immer wieder Spuren im Watt, jetzt liefern Wissenschaftler immer mehr Beweise für eine noch viel größere Katastrophe.

Dr. Hans-Joachim Kühne vom Archäologischen Landesamt Schleswig fotografiert mit einer hochauflösenden Digitalkamera aus einem Vermessungsflugzeug vor Südfall Reste von Wegen, Gräben und Zisternen. Scherben schildern einen blühenden Handel in die halbe Welt.

Der Niebüller Historiker Albert Panten entdeckt im Hamburger Staatsarchiv die erste Urkunde mit dem Ortsnamen Rungholt („Niederholz“). Nach dänischen Steuerbüchern aus dem Stadtarchiv Kopenhagen zahlt die Handelsmetropole doppelt so viel Tribut wie andere Städte.

Der Küstenarchäologe Prof. Dirk Meier, Frühgeschichtler der Uni Gießen, errechnet, dass Nordfriesland seit dem Mittelalter 20 Prozent seiner Fläche durch Sturmfluten für immer verlor.

Der Innsbrucker Geologe Prof. Christoph Spöttel entdeckt in der zehn Kilometer tiefen Spannagelhöhle der Zillertaler Alpen einen Tropfstein, der Infos über die Niederschläge in Mitteleuropa aus 500 Jahren speichert. An einer Bohrprobe weist der Geochemiker Prof. Augusto Mancini von der Heidelberger Forschungsstelle für Umweltphysik extreme Klimaschwankungen mit Temperaturstürzen, Sintfluten und Tornados nach. Die katastrophalen Folgen: Hungersnöte und am Ende auch noch die Pest kosten jeden zweiten Nordfriesen das Leben.

Der Meteorologe Wolfgang Seifert vom Hamburger Seewetteramt errechnet aus Mondwechsel, Meeresspiegel, Tidenhüben und anderen Daten, dass Rungholt in einem nordischen Mega-Monsun von bisher ungekannter Stärke untergeht: Der gigantische Südweststurm verheert am 14.Januar 1362 die englische Ostküste, rast in der Nacht nach Jütland, dreht sich und peitscht am 15. Januar um 17 Uhr das Wasser gegen die nur zwei Meter hohen Deiche von Rungholt. Zwei Stunden später rollt eine 3.20 Meter hohe Flutwelle über die höchsten Häuser und Hügel. Erst am 17. Januar lässt der Orkan nach, Chronisten zählen 100.000 Tote.

Die 2000 Rungholter sind selber schuld: 150 Jahre lang verkaufen sie das Land unter ihren Füßen. Dort liegt Torf, aus dem sie Salz gewinnen, das weiße Gold des Mittelalters: 100 Gramm konservieren ein Kilo Fleisch. „Aus Profitgier“, so Archäologe Kühn, „haben die Rungholter ihr Land ständig tiefer gelegt“ – besonders fatal, weil unter dem teuren Torf unsichtbar eine Eiszeit-Senke klafft: Die Stadt ist buchstäblich auf Sand gebaut, die Sturmflut reißt den dünnen Boden in Stücke.

Die lange verschollene Flöte des Piloten, den die Gräfin wochenlang versteckte, entdeckt Kühn auf dem Dachboden des Nordsee-Museums in Husum, zusammen mit Dankeszeilen des Geretteten. Wo das Instrument einst seine Reise ins „Atlantis des Nordens“ begann, ist noch rätselhaft, doch stammt es, so der Archäologe, „ganz bestimmt aus weiter Ferne.“

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