Real Madrid – das waren Zeiten…

Freitag, 26. April 2013

In Sport-Wort RETRO zeigen Kolumnen aus früheren Jahren, was damals bedenkenswert erschien – und was sich inzwischen geändert hat. Heute: Die Ausgabe vom 12. April 2002 zwei Tage nach dem Champions-League-Spiel Real Madrid – Bayern München (2:0). Das Hinspiel hatte Bayern 2:1 gewonnen. Dortmund sei gewarnt…

Ach, was sind wir Teutonen doch bloß für täppische Treter, die gegen die flinken Filigrantechniker dieser Fußballwelt nur in feigen Fouls Zuflucht finden! Da war es doch wirklich herzerfrischend, beim königlich spanischen Nobelclub Real einmal bewundern zu dürfen, wie wahrer Fußball-Adel Rückstände nicht etwa plump mit Kampf und Körpereinsatz umbiegt, und schon gar nicht um den Preis primitiver Regelverstöße, sondern allein durch allereleganteste Artisten-Magie!

Beispiel Roberto Carlos: Harsch hatte der Zauberer vom Zuckerhut vor dem Bayern-Rückspiel die Effenbergs und Kahns als Totengräber jeder Spielkultur gerügt – im Stadion Bernabeu zeigte der brasilianische Ball-Ballerino, was er und seinesgleichen unter fußballerischem Feinsinn verstehen. Federleicht wie das Flügelchen eines Kolibri flatterte das zarte braune Ärmchen durch den Äther, und nur einem bosnischen Bauernburschen wie Salihamidzic konnte es einfallen, sich daran gleich die Nase zu brechen! Gut, dass der italienische Referee die kulturelle Klasse von Carlos kannte, manche blinde Provinz-Pfeife hätte hier womöglich eine gelbe Karte gezückt!

Beispiel Raúl: Ach, warum haben wir in Deutschland keinen derartigen Ausbund an Fairness, einen solchen Engel der Elfmeterzone, der nicht mal dann foulen würde, wenn er wüsste, wie’s geht! Unglaublich, dass gerade ihm dann so ein Tölpel wie Linke mit seinem Rüssel gegen die Handkante läuft, wo doch Reals gewaltfreier Fußball-Gandhi nur aus Gleichgewichtsgründen gerade mal kurz Halt in höheren Sphären suchte! Dass der bajuwarische Brachialkicker dann auch noch zu Boden ging und damit den Weg zum Tor frei machte – ja was kann denn der Raúl dafür? Der ist doch so ein netter Kerl! Hoffentlich hat sich Linke schon bei ihn entschuldigt, der Nasen-Stoß hätte ja zu einer ernsten Handverletzung führen können.

Beispiel Hiero: Der sieht nicht nur so aus, er spielt auch wie ein Friedensnobelpreisträger. Unvergessen, wie er in München diesen aggressiven Hitzkopf Effenberg noch im Liegen besänftigend zu streicheln versuchte, und sogar, weil er gerade keine Hand frei hatte, mit den Stollen seiner Sohle! In Madrid tat sich Hiero besonders in jener Szene als Pazifist hervor, als Elber durch balancetechnische Unfähigkeit zu Fall kam, worauf der kastilische Caritas-Kicker dem Gestrauchelten fair die Freundeshand entgegenstreckte. Dass dieselbe in diesem Moment gerade zur Faust geballt war, führte in der revanchistischen deutschen Presse leider zu fiesen Fehlinterpretationen. Die Wahrheit ist, dass Hieros Gattin vergaß, dem Gemahl vor dem Spiel die Fingernägel zu schneiden, und der Madrilene deshalb fürchtete, den Münchner bei normalen Shakehands zu verletzen.

Beispiel Publikum: Eviva Espana! Wie immer in Madrid lagen den Fans chauvinistische Ausschreitungen völlig fern, stattdessen gab es Obst, vorzugsweise Bananen, für Kahn und Souvenirs, vorzugsweise Feuerzeuge, für Effenberg. Leider wusste besonders der Bayern-Chef die generöse Geste nicht zu würdigen. Mehr noch, dieser schwerfällige, grobknochige Kaltblüter aus der norddeutschen Tiefebene ließ die Sachen in seinem Unverstand einfach liegen, so dass ihm eines der Präsente schließlich an den blonden Kopf geworfen werden musste, auf dass er endlich merke, wie gern ihm das faire Publikum ein Andenken zukommen lassen wollte!

So viel deutsche Unkenntnis in Sachen Knigge hätte dem Spiel fast einen unangenehmen Beigeschmack gegeben, doch zum Glück war wenigstens der Schiedsrichter den ästhetischen Ansprüchen der spanischen Schöngeister gewachsen: Als Salihamidzic, infolge des niveaulosen Schnaufens durch seine gebrochene Nase ohnehin ein spielkultureller Störfaktor, auch noch – kaum wagt man es zu schreiben - den Hintern herausstreckte, worauf sich ein davon touchierter madrilenischer Leichtbau-Magier mit den empörten Lautäußerungen eines von der Opernkritik geschmähten Maestros auf dem Rasen wälzte, zückte der Mann in Schwarz zu recht sofort Rot. Man mag einem Gegenspieler Nasen brechen, nicht aber einem Künstler das Herz! Hoffentlich haben unsere Nationalspieler daraus gelernt und tänzeln heute Abend im Tütü auf den Fußball-Turf, denn dann geht es gegen Argentinien, und die Gauchos sind erst recht für körperlose Kick-Kultur bekannt. Darauf ein dreifaches Olé!

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt