Im Tempel des heiligen Zahns

Samstag, 27. April 2013

Ernst Jünger, „Tagebücher V“, Notizen aus Sri Lanka: "Zunächst durch die übervölkerte Stadt. Die Folklore entfärbt sich, verschwindet zwischen den verstaubten Personen- und Lastwagen. Da sind noch Mönche, Saris, Kastenabzeichen und das Altbekannte - doch versinkt es im Getümmel, wie auch die Individuen." - "Die Umgebung ist fast völlig mit Teesträuchern bestellt, selbst an den Steilhängen. Nur auf den wenigen Kuppen erinnern Bestände alter Bäume an die Urwälder." - Zu verarmten Plantagenarbeitern und zahllosen Kinder: "Vor solchen Bildern läßt sich die Aussicht auf Hunger, Revolutionen, selbst auf das 'Floß der Medusa' nicht abweisen, auf den Kipp-Effekt der Zivilisation überhaupt: die Maßlosigkeit der Bewaffnung, die Verschmutzung von Land, Luft und Meeren, die Vergiftung der Nahrung, die wachsende Macht der Ideologen und Sektierer und vieles andere." - "Kandy. Im Tempel des Heiligen Zahnes wurde der neue Abt inthronisiert. Auf der Straße warteten Elefanten, während ihr Schmuck und Behang aus dem Arsenal geholt wurden, in das wir eintraten. Berge stark duftender Blumen, besonders Frangipani, wurden auf die Altäre gehäuft. Säle und Höfe waren von Gläubigen und Touristen überfüllt." Über einen Traum: "Ein Haus oder auch ein Schiff mit vielen zeitlichen Stockwerken. Nachts werden die Treppen heruntergelassen, die von einem zum anderen führen, und die Uhren werden gleichgestellt. Wir sind synchronisiert und damit treten wir in unseren überzeitlichen Charakter ein. Das ist ein Schritt aus der Welt der Uhren in die des Horoskops." Träumen vollzieht sich ohne Bewußtsein, das den Zeitsinn enthält, deshalb entziehen sich ihre Abläufe der Chronologie, die erst der wiedererwachte verstand in das Geschehen hineinbringen will. Der Zeitsinn ist Gabe und Fluch der Schöpfung, er ordnet das Leben und weiß um den Tod, den wir sonst wie das Tier nur instinktiv, nicht bewußt fürchten müßten. Außerdem quält der Zeitsinn die Seele; für die Ewigkeit geschaffen, wartet sie im sterblichen Leib wie in einem Tresor mit Zeitschloß darauf, daß die Tür endlich aufspringt. – Weiter: "Gegen acht Uhr fuhren wir nach Bentota ab. Wieder bedrückte mich das Gewimmel in Kandy und Colombo. Wir rasteten bei einem Felde, auf dem Reisbauern mit ihren Wasserbüffeln arbeiteten. Menschen und Tiere versanken fast bis zum Bauch im Schlamm. Die amphibischen Wesen ruhten mit großem Behagen darin aus. Sie waren kaum von seiner Masse zu unterscheiden, als hätte der Töpfer sie noch nicht herausgeholt." Wunderbare Tiefe der Beschreibung!

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Eine Kultur stirbt ab, sobald der Schatz der von ihren Poeten, Philosophen und Predigern in Jahrhunderten zutage geförderten Wahrheiten und Weisheiten vom Publikum nicht mehr beherzigt, beachtet oder überhaupt zur Kenntnis genommen wird, wenn diese unablässige Arbeit des Denkens und Dichtens niedergeht und schließlich gar keine Fortsetzung mehr findet. Im christlichen Abendland steht diese Phase in Kürze bevor. Der Anzeichen sind das Absinken des geistigen Niveaus bei gleichzeitiger ungeheurer Wucherung von Materialismus und Hedonismus.

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Strawinskys "Petrouchka" in der Aufzeichnung einer Aufführung von 1990 an der Pariser Oper. Bunte Kostüme und farbenprächtige Kulissen geleiten die malerische Musik. In ihr wird eine Kinderwelt wieder lebendig, deren Gestalten in uns schlummern wie die Schloßbewohner im Märchen vom Dornröschen. Strawinskys Musik weckt die Verzauberten und läßt sie die Seele mit ihren Abenteuern erfüllen, in denen die fernen Träume der Kindheit eine Widerspiegelung erfahren. Es ist, als würde das versteinerte Erwachsenenherz plötzlich wieder zucken, beben und schlagen. Aus Strawinskys Erinnerungen: "In meiner allerersten Vorstellung sah ich einen langhaarigen Mann im Abendanzug: das romantische Bild des Musikers oder Dichters. Dieser setzte sich ans Klavier und wütete Zusammenhangloses auf den Tasten, während das Orchester mit leidenschaftlichen Protestausbrüchen und akustischen Fausthieben antwortete."

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Eichendorff, "Erlebtes": "Bei der Jugend ist eine kecke Wanderlust, sie ahnt hinter dem Morgenduft die wunderbare Schönheit der Welt; sie sich selbsttätig zu erobern ist ihre Freude … Die Jugend ist die Poesie des Lebens, und die äußerlich ungebundene und sorgenlose Freiheit der Studenten auf der Universität die bedeutendste Schule dieser Poesie, und man möchte ihr beständig zurufen: sei nur vor allen Dingen jung! Denn ohne Blüte keine Frucht!"

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Storm, "Immensee": "In Deinem Alter, mein liebes Kind, hat noch fast jedes Jahr sein eigenes Gesicht; denn die Jugend läßt sich nicht ärmer machen."

  "Meine Mutter hat's gewollt,

  Den andern ich nehmen sollt;

  Was ich zuvor besessen,

  Mein Herz sollt es vergessen;

  Das hat es nicht gewollt.

  Meine Mutter klag ich an,

  Sie hat nicht wohlgetan;

  Was sonst in Ehren stünde,

  Nun ist es worden Sünde.

  Was fang ich an!

  Für all mein Stolz und Freund

  Gewonnen hab ich Leid.

  Ach, wär das nicht geschehen,

  Ach, könnt ich betteln gehen

  Über die braune Heid!"

"Sie legte die Hand auf seinen Arm, sie bewegte die Lippen, aber er hörte keine Worte. 'Du kommst nicht wieder', sagte sie endlich. 'Ich weiß es, lüge nicht; du kommst nie wieder.'

'Nie', sagte er. Sie ließ die Hand sinken und sagte nichts mehr...."

"Allmählich verzog sich vor seinen Augen die schwarze Dämmerung um ihn her zu einem breiten, dunklen See; ein schwarzes Gewässer legte sich hinter das andere, immer tiefer und ferner, und auf dem letzten, so fern, daß die Augen des Alten sie kaum erreichten, schwamm einsam zwischen breiten Blättern eine weiße Wasserlilie."

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