Was wollte Matthias Sammer bei Real Madrid?

Montag, 29. April 2013

In Sport-Wort RETRO zeigen Kolumnen aus früheren Jahren mit einem Augenzwinkern, was damals bedenkenswert erschien – und was sich inzwischen geändert hat. Heute: Die Ausgabe vom 8.März 2002. Zwei Tage zuvor hatte Real Madrid seinen 100sten Geburtstag gefeiert, und Borussia Dortmund war auch damals schon mit von der Partie…

Zugegeben, bei der 100-Jahre-Party von Real Madrid hatte ich Hausverbot, denn auch Iberiens Königskicker fürchten den unbestechlichen Scharfblick faktenfanatischer Fußballreporter. Also baute ich mich mit Perücke und falschem Bart als andalusischer Aushilfskellner hinter dem Hummer-Stapel auf. Erstaunlich, was man da so alles hört und sieht – vor allem von den Ehrengästen aus Alemania!

HSV-Chef Werner Hackmann wurde blass, als er beim Blättern in der Real-Vereinszeitschrift einige seiner einstigen Stars wiederfand, z.B. Tony Yeboah auf der Fitnessseite, Titel „Ich bin 40, spiele aber noch, als wäre ich 39!“ Ex-Trainer Frank Pagelsdorf füllt im Wirtschaftsteil die Rubrik „Spielerhandel mit Humor: Billig verkauft - teuer zurückgeholt“. Und auf der Satire-Seite „Tops of the Flops“ lacht der Fliegende Rheinländer Marcel Ketelaer, HSV sei die Abkürzung von „Hasta So-lala Vista“.

Dortmunds Matthias Sammer buchte bei Madrids Trainer del Bosque einen Sprachkurs zum Thema „Meister werden wollen und schon vorher darüber reden“. Der Sachse blickte irritiert auf, als eine Lautsprecherdurchsage meldete: „Der kleine Sebastian Kehl hat sich verlaufen und möchte von seinem Papi abgeholt werden.“ Eishockey-Erfolgstrainer Hans Zach sang mit Spaniens Top-Duo „Baccara“ den Evergreen „Yes Sir, I Can Pucki.“ Anschließend intonierte der deutsche Daviscup-Chor mit Leadsänger Michael Stich den Stierkampf-Klassiker „Auf in den Kampf, die Niederlage naht“.

Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld brach der kalte Schweiß aus, als ihn ein Rudel Flamenco-Tänzerinnen einkeilte und dabei den alten Wolfgang-Fierek-Hit verbalhornte: „Rosi, du machst sogar’n Traktor schlapp!“ Dabei deckten die Damen so hauteng, dass Franz Beckenbauer begeistert fragte: „Ja ist denn heut schon Weihnachten?“

Zu vorgerückter Stunde trat Leverkusens Soccer-Sumo Rainer Calmund an der Bar wuchtig auf Geistwasserdoper Johann Mühleggs Langlaufzehen und nuschelte: „Sag, dass du krank bist, und ich verzeih dir!“ Uli Hoeneß und Kalle Rummenigge diskutierten mit Spaniens König Juan Carlos über Monarchie im Management, Kaiser in Aufsichtsräten und Demokratie für Doofe, blieben aber ihren gefestigten republikanischen Gesinnungen treu und beauftragten für alle Fälle den Vollfranzosen Willy Sagnol mit der Bereitstellung einer funktionsfähigen Guillotine. Cottbus-Coach Ede Geyer erkundigte sich angeregt nach den Trainingsmethoden der spanischen Inquisition. Und das Präsidium des FC St.Pauli stellte in stolzer Freude fest, dass der Jahresetat der Hamburger Kiez-Kicker nur noch ganz knapp unter den Portokosten der Putzfrauen im Real-Jugendheim liegt.

Verspätet erschien eine Abordnung der deutschen Schiedsrichter: Die Betreuer des gastgebenden Vereins hatten sie nach südländischem Brauch vom Flughafen direkt zu charmanten Cheerleaderinnen chauffiert; das Versehen klärte sich erst auf, als es nach neunzig Minuten immer noch 0:0 stand.

Gegen Mitternacht lud DFB-Präsident Gerhard Meyer-Vorfelder die Jugend der Welt zu den Olympischen Spielen 2012, 2016 und 2020, alle in Stuttgart, ein. In den frühen Morgenstunden leistete sich Mario Basler bei Mittelfeldstar Karembeus blonder Gazelle Adriana ein Foul im Strafraum und wurde von Zinedine Zidane mit einer Kopfnuss aus dem Rennen genommen. Und um fünf Uhr machte Kölns neuer Trainer Friedhelm Funkel als Letzter das Licht aus. Gute Nacht, aber auch das ist eben real.

Lang, lang ist’s her? Aber so ist es gewesen…


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