Der Gift in Hostien mischet

Dienstag, 30. April 2013

Stanislaw Lems "Solaris" in der Verfilmung Andrej Tarkowskis aus dem Jahr 1972. Am besten gefallen:

Berton: "Ich finde, Erkenntnis ist nur dann wahrhaftig, wenn sie sich stützen kann auch auf Sittlichkeit."

Kelvin: "Ob sittlich oder unsittlich - die Wissenschaft macht der Mensch."

Harey: "Hast du an mich gedacht?"

Kelvin: "Nur wenn es mir schlecht ging."

Sartorius: "Ich kenne meinen Platz. Ich arbeite."

Kelvin: "Wir richten uns zugrunde, indem wir Mitleid bekunden." - "Liebe ist ein Gefühl, das man erleben kann, aber man kann es nicht erklären." - Scham, das ist das Gefühl, das die Menschlichkeit rettet." - "Erlösung kann nur aus Liebe kommen, denn die Liebe gibt sich selbst auf."

Snaut: "Wenn der Mensch glücklich ist, interessieren ihn selten die Fragen nach dem Sinn des Lebens und die übrigen ewigen Themen. Damit befaßt man sich am Ende des Lebens. Die glücklichsten Menschen sind jene, die sich nie für diese verfluchten Fragen interessiert haben." - "Es gibt Dinge, die man mit 20 sehen muß, um sie zu verstehen, und es Dinge, die man mit 50 sehen muß."

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Leben ist Risiko. Wer Angst vor dem Risiko hat, hat Angst vor dem Leben.

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"Boris Godunow" in der Moskauer Verfilmung von 1954. Besonders gefallen

im ersten Aufzug Pimen in seiner Klosterzelle:

  "Dem Alter leiht der Geist verjüngte Kraft.

  Vergangnes zieht vor meinem Geist vorüber

  Und steigt vor mir wie Meereswogen auf."

Den ungestümen Novizen Grigorij tröstet er:

  "O murre nicht, das weltlich Wähnen dir verschlossen.

  Glaube mir, die Welt scheint herrlich nur von weitem.

  Und Liebe bringt dem Herzen Gram und Leid."

Im zweiten Aufzug sind die fröhlichen Lieder der Zarenkinder und ihrer Amme leider gestrichen:

  "Küster Lukas aß 'nen ganzen Ochsen auf,

  Hundert Ferkel drauf,

  Blieben nur die Schwänzchen noch."

Schön Xenias Antwort auf die Fragen des Vaters:

  "O Vater Zar! Nicht sollen dich betrüben meine Tränen!

  Wie ist mein Mädchenleid, wie ist es klein doch,

  Vergleich ich's deinen Sorgen!"

Beeindruckend die Schimpfkanonade, mit der Godunow Fürst Schujskii empfängt:

  "Du Rädelsführer hirnverbrannter Menge!

  Du Oberhaupt rebellischer Bojaren!

  Du, des Zarenthrones ärgster Feind!

  Feiger Schuft! Dreifach meineidiger Schurke!

  Schlauer Heuchler du! Speichellecker, Verräter.

  Der Gift in Hostien mischet, Betrüger, Schuft!"

Im 3.Aufzug fehlt die Figur des päpstlichen Legaten Rangoni, der aus dem polnischen Angriff einen katholischen Feldzug machen möchte und tadelt, daß die stolze, schlaue Marina Mnischek allein an den Zarenthron denkt:

  "Höllengeister das Herz dir umstricken,

  Mit teuflischem Stolz deinen Geist dir verwirren.

  In finst'rer Hoheit, auf Flügeln der Hölle

  Schwebet der Satan selbst über dir!"

Das Duett im Garten führt zwei einander gewachsene Ehrgeizlinge zusammen. Der falsche Dimitrij:

  "Wie grausam doch mein Herz zerfleischest du, Marina!

  Von deinen Worten weht es kalt in meiner Seele."

Kurz darauf wandelt sich seine Unterwürfigkeit in Wut und er droht:

  "Und winden wirst vor den Stufen meines Throns,

  Dann befehl' ich, daß jeder verlache dieses dumme Polenweib!"

Mussorgskis Oper setzte sich erst durch, als er diesen "Polen-Akt" eingefügt hatte.

Im vierten Aufzug das Klagelied des Gottesnarren:

  "Fließet, fließet, heiße, bitt're Tränen,

  Weine, weine, gläub'ge Christenseele!“

Der entlaufene Mönch Dimitrij siegt und wird am 11.Juni 1605 in Moskau zum Zaren gekrönt. Ausgerechnet Fürst Schuiskij beeidet die kaiserliche Herkunft des Schwindlers - der Mann, der vermutlich den echten Zarensohn umbrachte. Der fürstliche Verräter, eine der übelsten Gestalten der Weltgeschichte, dient fünf Herrschern, bevor er selbst als Zar Iwan Schuiskij den Thron bestieg. Die Geschichte erinnert an griechische Tragödien: Der falsche Demetrius, kaum Zar, schändete Godunows Tochter Xenia, heiratete seine schöne Polin, wurd aber schon 1606 von Bojaren in seinem Palast ermordet - und sein Nachfolger ist Schuiskij! Der lässt die Asche des Toten aus einer Kanone in die Luft schießen, damit keine Spur von ihm bleibe. Anschließend wehrte sich der neue Zar gegen ständig neue Usurpatoren, darunter einen weiteren falschen Dimitrij, zu dem die Polin Marina tatsächlich übergelaufen ist. Der Konkurrent wird auf der Jagd ermordet, doch der Zar überlebt ihn nicht lange; Schuiskij stirbt in polnischer Gefangenschaft. Nach seinem Tod und der Niederlage der Polen kommt mit Michail als Retter Russlands der erste Romanow auf den Thron.

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Ernst Jünger zitiert einen Vers aus einem nachgelassenen Gedicht der jüdischen Poetin Mascha Kaléko (1912-1975):

  "Der Sehnsucht nach dem Anderswo

  Kannst du wohl nie entrinnen:

  Nach drinnen, wenn du draußen bist,

  Nach draußen, bist du drinnen."

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Hesse, „Gespräch mit dem Ofen“: „Für das Tier ist die Eiche eine Eiche, der Berg ein Berg, der Wind ein Wind und kein himmlisches Kind. Für den Menschen aber ist alles göttlich, alles sinnvoll, alles Symbol. Alles bedeutet noch etwas ganz anderes, als was es ist. Das Sein und das Scheinen stehen im Streit. Die Sache ist eine alte Erfindung, sie geht, glaube ich, auf Plato zurück. Ein Totschlag ist eine Heldentat, eine Seuche ist Gottes Finger, ein Krieg ist Verherrlichung Gottes, ein Magenkrebs ist Evolution.“

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