Kapitel 80: Der Zweikampf im „Siebten Himmel“

Mittwoch, 1. Mai 2013
„In der ‚Weißen Möwe‘ war noch in den Morgenstunden Betrieb“: Fleet an der Ecke Kajen und Deichstraße 1884 © Museum für Hamburgische Geschichte

Am Abend zuckten Lichter durch die tiefen Wolken, und es krachte gewaltig, aber es war kein Gewitter, sondern das große Feuerwerk zu Ehren Ihrer Kaiserlichen Hoheiten des Kronprinzen und der Kronprinzessin. Unsere lieben Pfeffersäcke ließen sich nicht lumpen. Zwei Wochen lang hatten Zimmerleute tausend Pfähle in die Binnenalster gerammt und eine Strandinsel in die Wellen gezaubert, mit Pavillons, Zelten und als Clou einem dreiundzwanzig Meter hohen Leuchtturm mit der Hamburger Flagge, „tout Hambourg“ ergötzte sich trotz Sturm und Regen an dem Bild, die Herren wieder in Kriegs- und Friedenstextilien, die Damen in ihren köstlichsten Nadelwundern. Lakaien hielten mit Mühe die Schirme fest. Wieder jede Menge Hurra und Eviva, als der Kronprinz in einer kurzen Ansprache kundtat, der Geist, der ihm aus der verdienstvollen Seerepublik entgegenwehe, sei kein berechnender oder gar gezwungener, sondern der freie Geist der Meere, der nur dort wehe, wo er wolle.

  Das andere, weniger vornehme Hamburg der Venus- und Bacchusdiener drängte sich auf dem Hamburger Berg ein paar hundert Meter weiter um in womöglich noch dichteren Scharen, denn Heuer und Löhne waren ausbezahlt und mussten möglichst ohne Verzug in den ewigen Kreislauf des Nimm und Gebe eingeschleust werden, Schietwetter oder nicht. Betrunkene grölten die Gassenhauer aus den neumodischen Musikautomaten. Bürgersfrauen beobachteten im Panoptikum erschauernd den bocksbeinigen Pan bei der lüsternen Verfolgung badender Nymphen. Unternehmungslustige Handwerksmeister hatten sich in den „Hamburger Leiden“ über Lotte Mende als Missingsch redende, hochtrabende Schlachtersgattin amüsiert und strebten nach einer Kneipe für den „Absacker“, der gut ins Morgengrauen führen konnte. Betuchte Herren zog es nach dem Souper erst ins Varietè und dann ins Separée, wo ihnen die textilarmen Damen der Firma Greif & Krall die Amouren so leicht machten wie das Portemonnaie. In allen Gassen Kreti und Pleti in Reinkultur. Anreißer, Bärenführer, Abzocker, Taschendiebe, Spitzbuben, Nassauer, Kuppler, Gassenräuber, falsche Blinde, Blumen- und Freudenmädchen machten gute Geschäfte, und ein schneidiger, schnurrbärtiger Unteroffizier der 76er, der mit einem hübschen Mädel am Arm durch die Tanzbuden bummelte, fand sich zu peinlicher Kontrolle auf der Davidswache wieder, weil er in Wirklichkeit eine Dame war.

  Der „Siebte Himmel“ nannte sich noch immer vornehm „Palais de Danse“ wie zu Napoleons Zeiten, war aber heruntergekommen wie der verlorene Sohn aus der Bibel bei den Schweineschoten, das Erbe weg, der Ruf dahin. An der Tür des Tingeltangels stand „Stylvoll – Schneidig – Pyramidal“ für sonstige Veranstaltungen und „Geschlossene Gesellschaft“ für die heutige. Im Saal war es schon eine Stunde vor Mitternacht proppevoll. Die Kunde vom Duell zwischen dem großen Boss auf dem Brook und seinem Todfeind trieb die Anführer der Verbrecherbanden, die Lords, Granden und sonstigen Aristokraten der Unterwelt in Scharen herbei, und das betagte Varieté platzte fast aus den Nähten.

  Als mich die Unruhe in diese Nepper-Schlepper-Stampe trieb, waren natürlich längst alle Plätze besetzt, und ich kam gar nicht hinein. Tut mir Leid, Helena, sagt einer der Rotlichtlotsen, genannt Korinthen-Kalle, weil er ständig Rosinen kaute, du siehst ja, da passt keine Maus mehr rin, und Klauen is’ heute ooch nicht.

  „Lass mich doch wenigstens hinter die Bar.“

  Ich peil’ mal die Lage, sagte Korinthen-Kalle unter seiner Kapuze und verschwand.

  Hinter mir drängte sich der hünenhafte Bootsmann Hinnerk Teel von den Blue Jackets mit seinem Medusenhaupt und Heinrich Roß alias „Prophet Samuel“, Anführer der räuberischen „Bruderschaft vom heiligen Michel“, mit seinem Rauschebart durch die Menge. Ihre Leutnants hatten Stühle freigehalten.

  „Hier stehnse so dicht, da kannste mit jedem Stich drei Kerls die Suppe auslassen“, sprach das Medusenhaupt.

  „Sowas sieht man ja auch nich’ alle Tage“, sagte der Rauschebart. „Zwei Kerls wie Jack und Johnny, und es geht ja um einiges.“

  „Um die Stadt“, sagte der Seeräuber.

  „Und um die Frau“, sagte der Straßenräuber.

  Ehe Korinthen-Kalle zurückkam, sah mich der Bäcker, schob sich durch das Gewühl und zog mich hinter sich her, und schon saßen wir mit Harry, Walter, dem Gecko und dem Henker in der ersten Reihe. Rechts von uns hatten sich Wandrahm-Willy, Wacko Brett, Ben der Bremser, der junge Hein Cölln und Charlie der Kran niedergelassen. Hinter ihnen saßen wie tags zuvor in der Kirche die An- und Unterführer der deutschen Banden: Der Bootsmann mit seinem Leutnant Kaper-Klaas, der Prophet Samuel mit den Michelsbanditen, darunter auch der Teerwolf, dem seit seiner Begegnung mit einem jungen Herrn aus China die Vorderzähne fehlten. In die nächsten Reihen lümmelten sich der pechschwarze Kalfater-Karl mit den Likedeelern, Pocken-Piet mit den drei Brüdern Relfs des Roten und anderen Hafenratten, der Herzog von Boizenburg mit den „schwarzen Oxen“, der „Berliner Bulle“ mit den Räubern und Schlägern des Ostens, die „Söhne Noahs“ von den Werften, ein paar Fleetraker und auch wieder ein paar ehrenwerte Vertreter des Unterweltgerichts, der Feme-Ankläger Türkenvogel, der Schandschränker und der Opferstockmarder.

  Die Rausschmeißer hatten Mühe, den Mittelgang freizuhalten. Die Damen des Gewerbes waren diesmal nicht dabei, es gab zuviel zu tun.

  Hinter uns saßen Augustus und Professor Minkus. Der Veermaster, der ebenfalls von dem Duell wusste, wartete mit meiner Mutter und Lisa, die keine Ahnung davon hatten, im „Hamburger Hof“. Neben dem Professor sah ich zu meiner Überraschung die Prinzessin des Todes, unwirklich schön mit ihrem Porzellangesicht, einen Fächer in den schlanken Fingern, von Mister Tai-Tai und einer Leibwache aus muskelbepackten Chinesen eingehüllt wie eine Seidenraupe von ihrem Kokon. Der Teerwolf hatte gewiss keine Ahnung, dass es diese zarten Füßchen waren, die ihm so viele Zähne auf einmal gezogen hatten. Hinter den Kämpfern der „Goldenen Pagode“ fläzten sich Willem der Dutch mit den Mijnheers, dann der Governor mit seinem Leutnant Franks und ein paar Orphans, der Rabbi mit den Galiziern und endlich der Radscha mit den Pharaos in den verschossenen Plüsch.

  In den Kulissen boten sonst Balletteusen, die keine waren, lüsterne Tänze aus Ethnologie und Mythologie, mal als babylonische Hierodulen, mal als ägyptische Haremsdamen, zyprische Schaumgeborene, indische Tempeljungfrauen, das berühmte Amazonenkorps des Königs von Dahomey, Geishas oder Bacchantinnen. Die Pappwände zeigten denn auch ein phantastisches Sammelsurium aus Säulen, Sphinxen, Pagoden, Pyramiden und einen vom Urwald überwucherten Tempel. Ein pseudokünstlerischer Ideensturm hatte die Trümmer der alten Welt durcheinandergewirbelt, es sah beeindruckend aus.

  Der Ährliche Hans, den viel zu kleinen Zylinder wie immer schief auf dem schlohweißen Haar, stakste mit kurzen Greisenschritten auf die Bühne, stellte sich vor eine ziemlich zotige Version Ledas mit dem Schwan und rief: „Ladys und Gentlemen! Hochverehrte Freunde der edlen Kunst des Wurfsports! Ich habe die große, ja die grandiose Ehre, Ihnen nunmehr eine Veranstaltung anzukündigen, wie ihn selbst diese stolze Stadt noch nie gesehen hat. Jawohl!“

  Der Impresario, Fememeister und Bestattungsunternehmer hatte den Laden für diesen Abend samt Personal in Jacks Auftrag von Lando gemietet.

  Die Zuschauer waren verstummt.

  Onkel Johnny hatte am Vormittag noch einmal versucht, mit Nell zu sprechen, aber sie hatte ihn nicht eingelassen, sondern ihm durch die verschlossene Tür gesagt, sie hasse ihn und wolle ihn niemals wiedersehen. Am Nachmittag hatte er wieder im Keller des Henkers geübt. Zehn Minuten nach Mitternacht kam er mit Kowalski in den Saal. Er trug die Sachen, mit denen er zwei Wochen zuvor in der Elbe zum Kehrwieder geschwommen war, die schwere dunkelblaue Jacke, das blaue Hemd, die dunkelblauen Hosen und die Seestiefel. In seinem Gürtel steckten die vereinbarten neun Messer. Kowalski hatte seine blaue Husarenuniform angelegt, die blaue Attila, die blaue Pelzmütze mit Busch, weiße Hosen, schwarze Stiefel mit klirrenden Sporen, und sogar den Säbel umgeschnallt, als solle er bei einem Duell unter Offizieren sekundieren.

  Als sie durch den Mittelgang marschierten, standen alle Zuschauer auf. Sie standen noch, als Jack auf der Bühne erschien. Er trug seinen eleganten schwarzen Einreiher. In seinem hochmütigen Mund qualmte eine Virginia.

  Wandrahm-Willy zog seinen grauen Stutzer glatt und stieg auf die Bühne.

  Onkel Johnny stellte sich links vor die Cheopspyramide, Jack rechts vor einem Hindutempel.

  Zwei junge schwarze Mädchen kamen im Pagenkostüm aus der Kulisse. Sie trugen kleine Schüsseln mit Sand vom Brook. Johnny und Jack nahmen je eine Handvoll und warfen sie sich über die Schulter.

  Wandrahm-Willy ging zu Onkel Johnny und legte ihm die Augenbinde an und die Gummibänder mit den Glöckchen an. Kowalski tat das gleiche bei Jack.

  Die Musikkapelle intonierte einen Trommelwirbel. Der Ehrliche Hans ruderte mit den Fledermausarmen, bis Ruhe einkehrte, und rief: „Verehrtes Publikum  ich begrüße Sie nunmehr zu unserer heutigen hochklassigen Sportveranstaltung. Im Sinne des Fairplay möge der Bessere gewinnen. Neun Würfe oder Tod!“

  „Neun Würfe oder Tod!“ echote der Saal.

  Die Sekundanten führten die Duellanten auf die Plätze und setzten sich dann auf ihre Stühle in der ersten Reihe. Der Ehrliche Hans rief: „Die ersten drei Messer!“

  Schon nach wenigen Sekunden klingelten die Glöckchen, und die Zuschauer seufzten vor Erregung auf.

  Zur gleichen Zeit raste eine Kutsche zum Hamburger Berg, dass Fontänen aus den Pfützen spritzten. In ihr saßen Nell und die rote Martha aus dem „Ninive“. Die beiden Frauen bebten vor Angst und Erregung, jede Sekunde war eine Höllenqual.

  Kurz zuvor war Martha auf dem Weg zur Wäschekammer an Landos Büro vorbeigekommen und hatte gehört, wie das fette Scheusal mit einer heiseren Stimme sagte: „Nach dem sechsten Wurf legst du den Hund um.“

  „Nach sechste Wurf“ wiederholte jemand mit russischem Akzent.

  Martha verehrte meinen Onkel Johnny wie einen Heiligen, sie war ja praktisch die Erfinderin des Johnny-Kehrwieder-Kults in den Freudenhäusern und Kaschemmen am Hamburger Berg, für sie hatte er ja mit Kowalski erst die drei brutalen Freier und dann sogar die zwei Louis verprügelt, worüber sich alle Freudenmädchen auf dem Kiez von Herzen freuten. Darum gab es für das Mädchen mit den Rokokobeinen trotz ihrer tödlichen Angst vor Lando kein Zögern, sie rannte sofort über den Spielbudenplatz zum „Siebten Himmel“, aber die Rausschmeißer ließen sie nicht hinein, und ihnen zu sagen, warum sie kam, war viel zu gefährlich. Also schnappte sie sich die nächste Kutsche, fuhr ins „Tritonia“ und rief ganz außer Atem: „O Nell, sie wollen Johnny umbringen!“

  Als sie erzählt hatte, was sie wusste, riss Nell einen Mantel vom Stuhl und stürmte hinaus, Martha hinterher. Die blasse Wiebke und der krumme Nachtportier schauten ihnen verdutzt nach.

  Der Kutscher, dem Nell ein kleines Vermögen versprach, peitschte seine Füchse, dass sie ins Gebiss schäumten. Als sie mit nassen Hälsen und bebenden Flanken die Droschke vor den „Siebten Himmel“ schleuderten, waren schon fünf Würfe geflogen. Onkel Johnny hatte nicht lange gefackelt und das erste Messer schon nach zwei oder drei Sekunden auf die Reise geschickt. Da Jack sofort antworten würde, sobald er die Glöckchen bimmeln hörte, duckte mein Onkel sich aber nicht, sondern sprang noch im Wurf zur Seite, und das war genau richtig, denn Jack zielte tief, und sein Messer sauste dicht neben Onkel Johnny ins Bein einer halbnackte Bajadere.

  Nach den ersten drei Messern nahmen Jack und Onkel Johnny die Augenbinden ab und überprüften ihre Würfe. Onkel Johnnys Messer steckten alle auf einer Linie, Jacks Messer bildeten ein Dreieck.

  Die nächsten drei Würfe dauerten viel länger. Diesmal warf Jack als erster, und mit dem fünften Messer hätte er Onkel Johnny um ein Haar getroffen, ich glaubte schon, ich müsse ohnmächtig werden, wir vergaßen fast das Atmen, da kam plötzlich Nell. Die Rausschmeißer machten ihr respektvoll Platz. Ganz aufgelöst rannte sie durch den Mittelgang. „Aufhören!“ schrie sie. „Johnny!“

  Sie stürzte auf die Bühne und stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor meinen Onkel. „Aufhören!“ rief sie noch einmal. Jack und Onkel Johnny ließen die Messer sinken und lösen die Augenbinden. Nell stolperte uns machte einen Schritt nach links. Ich sah etwas blinken, es flog durch die Luft, und plötzlich steckte ein Messer in Nells Rücken. Sie stöhnte laut und brach in die Knie.

 Alle schrien und sprangen auf.

 Das Messer steckte in Nells Rücken, nicht in ihrer Brust. Sie versuchte, sich zu Onkel Johnny umzudrehen, aber der Tod war schneller. Meine schöne Nell sank auf den Boden und rührte sich nicht mehr.

  Hinter ihr überwucherte der Dschungel den uralten Götzentempel.

 Aus den Kulissen hinter Onkel Johnny sprang eine Gestalt hervor und raste über die Bühne zum Hinterausgang. Ich sah nur einen Zopf an einem rasierten Schädel. Es war Igor. Wandrahm-Willy war wie der Teufel hinter ihm her.

  Onkel Johnny kniete neben Nell nieder, Jack blieb vor ihr stehen. Erschüttert starrten sie in das Antlitz der Toten.

  „Nell!“ rief die rote Martha und warf sich schluchzend auf die Tote. „Nell! Nell! O Gott!“

  „Wer hat das getan?“ fragte Jack.

  Wandrahm-Willy kam zurück, das blutige Springmesser in der Hand. „Es war der Bruder von dem Mongolen.“

  „Es war Lando“, flüsterte Martha.

  „Was?“ fragten Jack und Onkel Johnny gleichzeitig.

  Ich stand wie erstarrt vor der Bühne. Obwohl ich noch nichts begriff, entging mir kein Wort.

  „Woher weißt du das?“ fragte Jack.

  „Ich hab’s doch selber gehört“, heulte Martha. „Ich hab’s doch selber gehört, wie er sagte, nach dem sechsten Messer legst du den Hund um. Nell! O Nell!“

  „Moment mal“, sagte Wandrahm-Willy. „Hat Lando einen Namen genannt?“

  „Nein“, weinte Martha.

  Onkel Johnny stand auf, bleich wie der Tod. Er sah Jack an und sagte: „Sie wollte mich retten.“

  „Ja“, sagte Jack. „Aber für mich ist sie gestorben.“

  Hinter mir sagte der Bäcker: „Sie hat sich entschieden.“

  Onkel Johnny und Jack hoben Nell hoch, legten sie auf einen Tisch und deckten ein weißes Tuch über sie. Das war ihr Kleid aus Onkel Johnnys Traum. Die Zuschauer drehten sich schweigend um und gingen hinaus in die Regennacht mit den grellen Lichtern.

  „Wir sehen uns morgen auf dem Brook“, sagte Jack düster. „Wer übrig bleibt, rechnet mit Lando ab.“

  Onkel Johnny nickte. Er stand noch immer unter Schock. „Morgen auf dem Brook.“

  Kowalski und Wandrahm-Willy wachten bei Nell, bis der Ährliche Hans mit seinen Friedhofskrähen und dem besten Sarg aus seinem Fundus kam. Ich da, bis sie Nell forttrugen. Michel und die anderen blieben bei mir. Die Tränen waren mir ausgegangen, und mein Herz war wie tot. 

  So endete das kurze, tragische Leben von Nele Cordt, meiner schönen Nell, die den Mann, den sie liebte, verlor, wiederfand und nun doch nicht mehr mit ihm glücklich werden durfte; die ihren geliebten Sohn verloren hatte, und jetzt das ganze Leben.

  Ihr Mörder wurde am Morgen im Gaswerk verbrannt.

  Das Schicksal ist das Meer, und wir Menschen sind die Millionen und Milliarden Sandkörner an seinen Stränden. Jede Welle wirbelt uns durcheinander, wirft uns zusammen und trennt uns wieder, manche Sandkörner werden in den ewigen Ozean hinausgerissen, neue aus dem Urstoff Stein getrieben, und so geht es Jahr um Jahr, Jahrtausend und Jahrtausend. Manchmal bleiben zwei Sandkörper eine ganze Weile zusammen, aber niemals für immer, irgendwann werden sie voneinander losgerissen, kleben sie auch noch so fest zusammen. Wir wissen nicht, wann die nächste Welle kommt, aber sie kommt, heute, morgen oder nächstes Jahr. Und dann ist alles zu Ende, wenn uns nicht der Schöpfer aus dem Strudel fischt.

  Als Nell sich verliebte, zum ersten und einzigen Mal in ihrem Leben, war sie so alt wie ich. Wie sie damals Onkel Johnny, hatte ich Danny verloren. Ihr Verhängnis war, dass ihr Geliebter zurückkehrte. Das, nur das, hat sie umgebracht. Danny kehrte niemals zurück, und meine Herzwunde brach nie wieder auf.

  Wenn Schicksal Prüfung ist, hat Nell sie bestanden? Zumindest hat sie alles versucht, mit der ganzen Kraft ihres tapferen Herzens und edlen Charakters. Das Schicksal war stärker als sie, und gegen etwas Stärkeres zu verlieren ist keine Schande, wenn man denn nur gekämpft hat.

  Unser Leben kennt Knospe, Blüte, Reife und Verwelken, aber auch das Leben selbst ist nur eine Phase unserer Existenz, der eine Ewigkeit vorausgeht und eine Ewigkeit folgt.

  Eine Stunde nach Nells Tod stand die Prinzessin mit nassem, zerzausten Haar, gekleidet in ein ebenso nasses, billiges Fähnchen, in Landos Büro und flehte ihn händeringend an, er solle sie für ihn arbeiten lassen, sie sei ihrem bösen Ehemann bei den Kulis im Kohlenschiffhafen davongelaufen, weil er sie immer prügele, und ihr auch seit Tagen nichts mehr zu essen gegeben habe, und werde lieber sterben als zu ihm zurückkehren. Die dänische Dinne stand auf dem Gang und hat alles gehört. Die Prinzessin bittelte und bettelte und sagte, sie wolle schnell Geld wie möglich verdienen, um nach Hause in ihr Dorf in China zu fahren. Sie werde alles tun, was Lando von ihr verlange, und am liebsten sogar jetzt gleich beginnen, um ihm zu zeigen, dass sie ein williges und fleißiges Mädchen für die Liebe sei. Obwohl Lando im Moment andere Sorgen haben musste, denn er wusste bereits, dass sein Versuch, Jack aus dem Weg zu räumen, fehlgeschlagen war, konnte er den Mandelaugen nicht widerstehen. Er packte die Prinzessin am Arm, zog sie in sein teuerstes Zimmer und schloss die Tür ab.

  Später hörten Damen und ihre Freier, die auf dem Flur entlanggingen, den Chef ziemlich oft und sehr laut stöhnen. Erst am frühen Morgen kehrte Ruhe ein.

  Die Putzfrau, die zur Frühstückszeit durch die nun unverschlossene Tür in das Zimmer trat, schrie das ganze Haus zusammen. Die Kriminalbeamten, die kurz darauf den kunstvoll gefesselten und geknebelten Leichnam erblickten, mussten sich übergeben. Der Polizeiarzt schrieb in sein Protokoll, einen derart übel zugerichteten menschlichen Körper habe er nicht einmal nach den Artilleriegefechten von Gravelotte erblickt.

  In der „Weißen Möwe“ war noch in den Morgenstunden Betrieb. Englische Sailors grölten ihre Shanties, deutsche Matrosen hielten mit ihrem „Hamborger Veermaster“ gegen, und die Mädchen sangen die neuesten Verse der Ballade vom Kehrwieder-Johnny, an der inzwischen fast das gesamte weibliche Personal der Halbwelt herumdichtete. Bier und Schnaps flossen in Strömen, Tränen nur im Suff und zuweilen auch ein paar Tropfen Blut, wenn eine zornige Faust auf eine höhnische Lippe prallte, bevor sich Witz und Wut wieder versöhnten.

  Kurz vor dem ersten bleichen Blick der Morgendämmerung kam Eddie der Schränker in das Lokal. Hinter der Theke ließ Marie klirrend die Gläser fallen und warf sich dem Geliebten fröhlich an die Brust. Der Akkordeonspieler schulterte sogleich sein Instrument und ließ die Finger durch die Tasten tingeln. Ein Paar besonders eifrige Sangesbrüder aus Norwegen, die nichts mehr mitkriegten, wurden mit einem Schwall aus Bierkrügen an die Bedeutung der Stunde gemahnt. Ihr erboster Protest verstummte sogleich, als sie die Melodie vernahmen. 

  Eddie verbeugte sich, führte Marie auf die kleine Tanzfläche und drehte sich mit ihr elegant in den Takten ihres Lieblingsliedes. Und es dauerte gar nicht lange, da sang die ganze Kneipe mit:

  Tomorrow we’ll dance,

  Tomorrow we’ll dance,

  Tomorrow we’ll dance, my love,

  Tomorrow we’ll dance…

  Marie lag selig in Eddies Armen, und manchem rauen Seebären wurde ganz anders zumute. Eben noch nach dem Motto „Und die Liebe, sie tut schwanken wie die Schifflein auf der See“ ohne Rücksicht auf heimatliche Herzensbindungen durch die lange Hamburger Nacht unterwegs, dachten sie nun plötzlich an eigene Tänze mit eigenen Mädchen im eigenen Hafen und quetschten sich ein paar Gramm Reue aus dem harten Gemüt. Aber die Girls neben ihnen erkannten gleich die Gefahr und drückten ihnen mit kundiger Hand die Schwäche aus den Knochen. Tomorrow we’ll dance, aber heut ist heut, die Nacht ist kurz, und der Morgen nicht weit...

  Die Tür flog auf, und aus dem Regen trat Constabler Möller. Schifferklavier und Sänger verstummten. Ein paar junge Kerle wollten aufstehen, aber die älteren hielten sie fest, denn hinter Möller kamen drei weitere Constabler in die Kneipe, und wie er trugen sie die Gewehre schussbereit in den Händen.

  Zorniges Gemurmel wurde laut. „Was wollt ihr hier?“ – „Warum zielt ihr auf uns?“ – „Ohne Schießprügel traut ihr euch wohl gar nicht mehr unter die Leute, ihr feigen Hunde!“

  Die Constabler überhörten die Beleidigungen. Möller richtete seine Waffe auf den Schränker und sagte laut: „Eduard Egenbüttel, Sie sind verhaftet!“

  Ein Aufschrei der Empörung tönte durch die kleine Kaschemme. Die anderen Constabler hielten die Gewehre drohend auf die Gäste. „Maul halten, sonst nehmen wir euch auch mit!“

  „Das wollen wir mal sehen!“ riefen die Seeleute wütend. „So leicht läuft das nicht, ihr Lumpenkerle!“ – „Schlagt ihnen die Schnauze ein!“

  Eddie gab sich einen Ruck. „Lasst das, Leute, sonst schießen sie!“ sagte er zu den Männern, und zu Möller: „Die Waffen runter! Ich komme mit.“

  „Nein!“ rief Marie und klammerte sich an ihn. „Sie bringen dich um!“

  „Unsinn!“ sagte Möller. „Ich bürge dafür, dass wir den Mann nach Vorschrift behandeln!“

  Eddie löste Maries Hände von seinem Nacken. „Es hilft ja nichts“, sagte er tröstend. „Komm mich bald mal besuchen.“ Er drückte sie an sich und flüsterte ihr ins Ohr: „Sag Johnny Bescheid!“

  „Los jetzt!“ befahl Möller.

  Eddie ging in den Regen hinaus. Möller folgte ihm. Die anderen Constabler blieben in der Tür. „Und ihr bleibt schön hier!“

  Die Seeleute gehorchten murrend. Einige Mädchen kümmerten sich um Marie, die totenbleich auf der Tanzfläche stand. 

  Ein Schuss fiel. Marie schrie auf, riss sich los und stürmte hinaus. Die anderen Gäste sprangen von den Stühlen. Die Polizisten drehten sich um und liefen in die Dunkelheit hinaus.

  Marie rannte zum Kai. Von Möller war nichts zu sehen. Im Fleet trieb eine dunkle Gestalt. Ehe jemand Marie zurückhalten konnte, sprang sie in die schwarze, modrige Flut, aber ein paar beherzte Seeleute jumpten hinterher und zogen sie gleich wieder heraus.

  Am Samstagvormittag wachte und weinte Marie ganz allein im Hinterzimmer der „Weißen Möwe“ an Eddies Sarg, einer grob zusammengenagelten Tannenholzkiste. Zu Häupten des Toten brannte eine Kerze. Am Nachmittag saß Marie zusammengesunken auf einem Küchenstuhl. Sie schreckte hoch, als Godfroy eintrat.

  Der Constabler nahm den Helm ab und legte ihn mit dem Gewehr auf den Tisch. „Mein Beileid, Marie. Ich hab’ erst jetzt erfahren, wie nahe ihr euch gestanden habt.“

  Ihre Hand blieb widerwillig schlaff.

  Der Constabler holte sich einen Stuhl und setzte sich neben Marie. „Eddie war ein braver Bursche“, sagte er verlegen.

  „Er war ein Schränker, und das sind die besten“, sagte Marie stolz. „Ihr Blauen werdet das nie verstehen.“

  „Doch, doch“, sagte Godfroy. „Wir machen schon Unterschiede. Nicht jeder, der mit dem Gesetz in Konflikt kommt, ist gleich ein schlechter Kerl. Wenn jemand aus Not auf die schiefe Bahn gerät...“

  „Sie verstehen gar nichts“, sagte Marie verächtlich. „Es war sein Beruf! Er liebte es, Schlösser zu knacken! Er wollte nie etwas anderes tun! Oh, und er bekam jeden Tresor auf. Leute, die was von der Sache verstehen, sagen, er war sogar besser als der Bäcker!“

  „Ja, hm, mag sein“, murmelte der Constabler, der noch gar nicht wusste, wer der Bäcker war. „Hör mal, Marie, was ich sagen wollte: Wenn du irgendwas brauchst, ich meine – ich bin immer für dich da.“

  „Ich komme schon zurecht.“

  „Nein, wirklich, Marie, ich möchte gern mehr für dich tun. Viel mehr. Es ist jetzt nicht die Stunde, lange darüber zu reden, aber du sollst wissen, dass du dich jederzeit auf mich verlassen kannst.“

  „Ja“, sagte sie gleichgültig. „Lassen Sie mich bitte allein.“

  Godfroy zögerte noch einen Moment, dann stand er auf, nahm Helm und Gewehr, nickte Marie noch einmal zu und ging wieder hinaus.

  Eine Minute später sah Marie in den Augenwinkeln wieder blaues Tuch. „Ich habe doch gesagt, Sie sollen gehen!“

  „Die Frechheiten werde ich dir schon austreiben, du Schlampe!“ antwortete eine höhnische Stimme. Es war Constabler Möller. Er warf einen spöttischen Blick auf den Toten und zog einen Zettel aus der Tasche. „Maria-Johanna Vieluf. So heißt du doch? Du bist verhaftet. Hehlerei.“

  Marie saß wie erstarrt. Der Constabler packte sie am Arm. „Mitkommen!“ Er zerrte sie hinter sich her.

  Erst vor dem Haus erwachte Marie aus ihrer Betäubung. Sie wand sich in Möllers brutalen Griff und begann in Todesangst zu schreien.

  Ein paar Schauerleute, die in ihrem Ölzeug einen Ewer mit Heringstonnen beluden, wurden aufmerksam.

  „Polizeiliche Maßnahmen!“ bellte Möller.

  Die Aufgeschreckten sahen die blaue Uniform und zuckten die Achseln.

  „Möller!“ rief eine entschlossene Stimme, und eine große Gestalt trat auf die Straße. „Lassen Sie das Mädchen los!“ Es war Godfroy.

  „Ich habe einen Haftbefehl!“ rief Möller.

  Godfroy ging langsam auf ihn zu, das Gewehr im Abschlag. „Sie haben hier keine Zuständigkeit, Constabler Möller. Das ist mein Bezirk!“

  Möller hielt Marie mit der einen Hand fest, mit der anderen richtete er das Gewehr auf Godfroy. „Hau ab, sonst schieß ich dir’n Loch in die Jacke!“

  „Loslassen, sage ich!“ rief Godfroy.

  „Hau ab!“ schrie Möller.

  Marie biss ihn mit aller Kraft in die Hand. Möller ließ los, und sie rannte über den Platz auf Godfroy zu. Fluchend hob Möller das Gewehr und drückte ab, gerade als Marie in einer Pfütze ausrutschte und auf das Pflaster stürzte. Auch Godfroy feuerte. Das Echo der beiden Schüsse brach sich an den Häusern.

  Aufgeregte Rufe erklangen: „Polizei!“ – „Ruft die Polizei!“ – „Wieso, das ist doch die Polizei!“

  Godfroy ging zu Marie und half ihr auf die Beine. Zitternd drehte sie sich nach Möller um. Er lag tot auf dem Pflaster.

  „Komm, Marie“, sagte Godfroy. „Ich bringe dich nach Hause.“

  Sie ging zu dem toten Constabler Möller und spuckte auf ihn. Der Sturm packte die Flocken und trieb sie über den Fleet.

  „Danke“, sagte Marie zu Godfroy. „Ich gehe lieber allein.“

 

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