Heinz steht für Ketchup, Billy für Kondome…

Freitag, 3. Mai 2013

In DIE WOCHE RETRO zeigen Ausgaben der Kolumne „Von Tag zu Tag“, welche Nachrichten vor 15 Jahren berichtens- und bedenkenswert waren. Heute: Die Ausgabe von Sonntag, 3.Mai 1998.

SONNTAG

Für eine Studie der TU Dresden zeichneten ost- und westdeutsche Studenten auf einer Umrißkarte 30 deutsche Großstädte ein. Im Schnitt liegen sie dabei jeweils rund 80 Kilometer daneben. Charles de Secondat: „Man muß viel studiert haben, um wenig zu wissen."

MONTAG

Während SPD-Chef Lafontaine die Bonner Finanzpolitik blockiert, fordert seine Finanzministerin Christiane Krajewski ein Gesetz, das weitere Hilfen des Bundes für das Saarland regelt: Das Sanierungsziel sei aufgrund wegbrechender Steuereinnahmen nicht erreicht worden. Sebastian Brant, "Das Narrenschiff": "Das ehrt ein Land so nah wie fern, / Wenn ein Gerechter wird zum Herrn. / Aber sobald ein Narr regiert,/So werden viel' mit ihm verführt."

DIENSTAG

Eine Mutter aus Mölln klagt durch drei Instanzen, weil sie ihre Tochter "Prestige" nennen will. Das Oberlandesgericht in Schleswig urteilt: "Heinz steht für Ketchup, Billy für Kondome - also geht auch Prestige, obwohl es ein Markenname ist."

Goethe: "Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen/gewöhnlich aus dem Namen lesen."

MITTWOCH

Die Evangelische Kirche im Rheinland fordert neben Arbeitszeitverkürzung und einer "ökologisch erneuerten Marktwirtschaft" die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft. Martin Luther: "In der ganzen Kirchenlehre muß man sorgfältig darauf achten, welcher Teil recht eigentlich zum geistlichen Leben gehöre, welcher zum bürgerlichen und welcher zum politischen. Diese beiden Stücke müssen weit vom Evangelium getrennt werden."

DONNERSTAG

In Hamburg wird ein junger Mann von einer Jugendbande monatelang erpreßt, geschlagen und ausgeraubt. Als die Polizei die Täter festnimmt, läßt der Staatsanwalt sie laufen: Er habe sie ermahnt und glaube, daß sie ihr Opfer künftig in Ruhe lassen würden. La Rochefoucauld: "Unschuld findet weit weniger Schutz als Verbrechen."                          

FREITAG

Der DGB fordert einen Politikwechsel in Deutschland. Als Kanzleramtsminister Friedrich Bohl die Einseitigkeit des Aufrufs kritisiert, sagt IG-Metall-Chef Klaus Zwickel, seine Gewerkschaft mische sich immer dann in die Politik ein, wenn sie das für notwendig halte, egal ob Wahlkampf sei oder nicht. Wilhelm Busch: "Wie es scheint, ist die Moral / Nicht so bald beleidigt, / Während Schlauheit allemal / Wütend sich verteidigt."

SAMSTAG

Ein Pornofilmer, der mit Minderjährigen drehte und deshalb zu zweieinhalb Jahren verurteilt wurde, will Hafturlaub, um sein Romanmanuskript "Porno" beim 8.Schweriner Film-Kunst-Fest vorzustellen. Die Lesung wird abgesagt, weil das Buch pornographisch sei. Nun droht der Autor der Kultusministerin mit einer Klage wegen Rufschädigung, Verleumdung und Behauptung unwahrer Tatsachen. Deutsches Sprichwort: "Man kann die Gemeinheit überschmieren, aber nicht kurieren."

Anmerkungen

Die SPD-Politikerin Christiane Krajewski war 1990-1999 Ministerin im Saarland und 2001-2002 Senatorin in Berlin als Vorgängerin ihres Parteikollegen Thilo Sarrazin. Seit 2003 ist sie Partnerin der Investmentbank Leonardo & Co in Frankfurt am Main.

Der CDU-Politiker Friedrich Bohl war 1991-1998 als Bundesminister für besondere Aufgaben Chef des Bundeskanzleramts. Seit 2011 ist er Präsident der von Behring-Röntgen-Stiftung zur Förderung der hochschulmedizinischen Forschung und Lehre an den Universitäten Gießen und Marburg.

Klaus Zwickel wurde 1993 Vorsitzender der IG Metall. Wikipedia: „Zwickel war seit 1991 als Arbeitnehmervertreter Mitglied des Aufsichtsrats der Mannesmann AG. Bei der Übernahme Mannesmanns durch Vodafone genehmigte der Aufsichtsrat dem ausscheidenden Management hohe Abfindungen. Zwickel bezeichnete diese Abfindungen öffentlich als „unanständig hoch und für keinen Arbeitnehmer mehr nachvollziehbar“. Er hatte sich bei dem Beschluss über die Abfindungen der Stimme enthalten, wissend, dass ohne seine Teilnahme an der Abstimmung der Beschluss nicht zustande gekommen wäre. In Zusammenhang mit diesen Abfindungszahlungen ermittelte die Staatsanwaltschaft wegen Beihilfe zur Untreue ab 2001 gegen ihn. Im sogenannten Mannesmann-Prozess wurde er im Juli 2004 freigesprochen; der Bundesgerichtshof hob das Urteil jedoch im Dezember 2005 wieder auf. Am 29. November 2006 wurde das Verfahren gegen Zwickel gegen Zahlung von 60.000 Euro eingestellt. Er gilt damit als nicht vorbestraft.“

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