Der Floh auf der Lippe des Löwen

Dienstag, 7. Mai 2013

Wieder einmal Shakespeares „Henry V“ in der brillanten Verfilmung Kenneth Branaghs von 1989. Den Triumph des Sieges verdunkelt das Leid des Krieges, manche Soldaten sind nur noch Beutelschneider und der Mord an den wehrlosen Knappen weckt Grauen. Aus August Wilhelm Schlegels Übersetzung: "Übler Wille führt keine gute Nachrede." - "Freundschaft ist eine Schmeichlerin." - "Eines Narren Bolzen sind bald verschossen." - "Ihr könntet ebenso gut sagen, es sei ein tapferer Floh, der sein Frühstück auf der Lippe eines Löwen verzehrt." - Heinrichs Sieg in Agincourt am 25.Oktober 1415 läßt sich, wenn nicht in der strategischen Leistung des Feldherrn, so doch in den erstaunlichen Zahlen mit den Erfolgen Alexanders des Großen vergleichen: 10 000 Engländer standen gegen fünf- bis sechsfache Übermacht, doch fast 10 000 Franzosen, weitaus die meisten an Adel, fielen, während die Engländer nur ein paar Dutzend Mann verloren. Allerdings hatte Henry zuvor bei der Belagerung Harfleurs bereits zwei Drittel seines Heeres eingebüßt. Über die Aussichten, die sich nach dem Sieg eröffneten, schreibt Leopold von Ranke: "Die beiden großen Reiche, von denen jedes allein sich früher oder später vermessen hat, die Welt zu beherrschen, sollten, ohne ineinander aufzugehen, doch unter ihm und seinen Nachfolgern für immer vereinigt bleiben … Eine andere vielversprechende Beziehung eröffnete ihm die Vermählung des jüngeren seiner Brüder mit Jaqueline von Holland und Hennegau, die noch weiter ausgedehnte Erbansprüche besaß. Den älteren empfahl Heinrich der Königin Johanna von Neapel, um ihn als ihren Sohn und Erben zu adoptieren. Von den Schwestern seines Vaters stammte der König von Kastilien und der Thronerbe von Portugal. Die Genealogien des südlichen und des westlichen Europa mündeten gleichsam in das Haus Lancaster und ließen das Haupt derselben als ihr gemeinschaftliches Haupt erscheinen." Doch eine Krankheit fällte den jungen Monarchen schon kurze Zeit später, und kurz darauf trat den Engländern die hl. Johanna von Orleans entgegen. Geschichte auf der Bühne – heute bei uns kein Thema mehr.

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Die Kraft der amerikanischen Kultur gründet sich vor allem auf ihre Naivität: Eroberer pfeifen auf Bildung, Weisheit, Erfahrung.

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Richard Strauß, "Also sprach Zarathustra", op.30 zeigt in majestätischer Pracht Höhe und Härte des Seins. Mit ungeheurer Wucht dringt die Musik auf das Bewusstsein ein, lehrt den Menschengeist die Würde der Schöpfung erkennen und stellt ihn von allen Zweifeln frei. Dieses Werk ist eines der großen Geschenke eines Genies an Mit- und Nachwelt: ein Jubel von Tönen, der sich des Irdischen enthebt und zu den Kerubim steigt. Auch Zarathustra war ein Prophet des einzigen Gottes, selbst diese Erkenntnis ihm selbst verwehrt blieb. - 1914, mit 50 Jahren, war Richard Strauß der berühmteste deutsche Komponist seiner Zeit. 1936 komponierte er die Hymne für die Olympischen Spiele in Berlin. Über den Anfang seiner "Zarathustra"-Partitur setzte er die ersten Zeilen des "Hymnus an die Sonne" aus Nietzsches Dichtung: "Die Sonne geht auf. Das Individuum tritt in die Welt oder die Welt in das Individuum." Das aufsteigende Trompetenmotiv über dem dumpfen Tremolo der Kontrabässe, Orgel, Kontrafagott und großer Trommel stimmte vor 45 Jahren auch das Publikum in Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" ein. Viele hörten es damals zum ersten Mal, wohl kaum einer wird es vergessen haben.

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Der Philosophiehistoriker Diogenes Laertius über den Lakedaimonier Chilon: "Gefragt, wodurch sich die Gebildeten von den Ungebildeten unterscheiden, antwortete er: 'Durch gute Hoffnungen.' Was ist schwer? 'Geheimnisse zu verschweigen, über seine freie Zeit richtig zu verfügen und imstande sein, widerfahrenes Unrecht zu ertragen.' Auch folgende Vorschriften stammen von ihm: die Zunge zu beherrschen, vor allem beim Gastmahl, seinem Nächsten nichts Übles nachzusagen, wofern man sich nicht der Gefahr der Wiederbeleidigung aussetzen will … Sich schneller aufmachen zu Freunden, wenn es ihnen schlecht, als wenn es ihnen gut geht. Den Toten soll man nichts Böses nachsagen, das Alter soll man ehren, über sich selbst soll man wachen, dem eigenen Schaden den Vorzug geben vor schimpflichem Gewinn, denn der erstere ist bald verschmerzt, der letztere bleibt immer auf uns sitzen. Beim Reden bewege deine Hand nicht; denn das ist ein Zeichen stürmischer Erregung. Sein Kernspruch war: 'Bürgschaft bringet dir Leid'.

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Aus den "Lehren für König Merikarê", verfaßt von seinem Vater Achthoes III. (2115-2070), einem Pharao der 10.Dynastie: "Es nützt einem Mann nichts, wenn er wieder aufbauen will, was er zerstört hat, und vernichten will, was er aufgebaut hat, und verbessern will, was er gut gemacht hat … Jeder Schlag wird mit seinesgleichen vergolten. Das ist die Aufeinanderfolge aller Taten." - "Wohl geordnet sind die Menschen, das Vieh Gottes. Er hat Himmel und Erde um ihretwillen erschaffen. Er hat für sie das dunkle Chaos beseitigt. Er hat die Luft erschaffen, damit ihre Nasen leben können. Seine Ebenbilder sind sie, aus seinem Leib hervorgegangen. Er hat die Pflanzen für die erschaffen und die Tiere, Vögel und Fische, um sie zu ernähren. Gott kennt jeden Namen." Geschrieben zwölf Jahrhunderte vor der "Genesis".

 

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